Crowbar - Kirk Windstein

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Der durchschnittliche Musikhörer gibt sich heutzutage viel zu schnell mit Mittelmäßigkeit zufrieden.

CROWBAR-Mastermind Kirk Windstein sieht zwar ein bisschen aus wie Gimli, der Troll, ist aber ein unglaublich eloquenter Gesprächspartner, der den Terminus "Dialog" nur allzugerne mit "Monolog" verwechselt. Das macht aber nichts, denn während er munter und beschwingt über 26 Jahre CROWBAR, seine große Familie, Jamey Jasta, Wino Weinrich und sein Hard-Rock-Projekt referiert, überdreht Ehefrau und Lebensmensch Robin im Backstage-Bereich des Wiener Viper Room ob seiner im Stakkato-Takt hinausgeworfenen Sätze gerne mal ironisch die Augen. Man merkt - hier haben sich zwei gefunden.

Veröffentlicht am 02.04.2015

Kirk, 2015 feierst du bereits 26 Jahre CROWBAR. Eine unheimlich lange Zeitspanne, die nicht immer problem- und reibungslos verlief, dich und deine Band aber durchaus zum Szenekult aufsteigen ließ. Was kommt dir in den Sinn, wenn du in die Vergangenheit blickst?

Es kommt einem einerseits sehr lange vor, aber was sind die paar Jahre schon? Auch nach dieser Zeitspanne finden wir immer Neues – unlängst haben wir etwa in Serbien gespielt. Da waren wir noch nie zuvor. Es wird also niemals langweilig. Das Reisen wird mit dem Alter fader, aber die Gigs an sich bereiten mir immer noch so viel Freude wie an den ersten Tagen. Ich lebe für diesen Scheiß und am liebsten hätte ich auf Tour gar keine freien Tage. Natürlich – wenn ich in Russland spiele und am nächsten Tag ist Berlin dran, dann kann das schon mal mühsam werden, aber ich würde trotzdem mit niemandem tauschen wollen. Mitte April werde ich 50, aber ich kann mich nicht beschweren. Ich fühle mich fit und gerade weil ich nie den großen Erfolg hatte, treibt mich die Musik wohl immer noch an. Ich kämpfe immer noch und es ist wohl gut, dass CROWBAR niemals eine Riesenband wurden. Egal, ob wir vor 75 oder 750 Leuten spielen, ob die Leute uns das erste oder das zehnte Mal sehen – für uns ist jede Show das größte Konzert überhaupt. Manche warten zwei, drei Monate, um uns endlich zu sehen – da können wir keine halben Sachen abliefern. Wir geben immer 110 Prozent, denn die Fans verdienen das.

Vor etwa 20 Jahren hast du mit CROWBAR und DOWN unglaubliche starke Scheiben rausgebracht. Du hattest also grandiose Ideen für gleich zwei Projekte. Wie geht so etwas und wie hast du diese Ideen aufgeteilt?

Anfangs war das ganz leicht, weil Phil Anselmo ohnehin so viel mit PANTERA zu tun hatte. DOWN war nur ein Nebenprojekt und wir waren damals noch Kids und natürlich hatte sein Hauptprojekt Vorrang. Ich hole jetzt mal weit aus, um das Ende zu beleuchten. Meine Tochter wird heuer zwölf Jahre alt und sie weiß genau, dass ihr Papa Gitarre spielt und singt und viel unterwegs ist. Es ist aber schwierig, mit fortlaufendem Alter alles unter einen Hut zu bringen. Meine Frau und ich kennen uns schon seit mehr als 30 Jahren, ich habe auch einen 16-jährigen Stiefsohn, der bei uns lebt. In meiner Straße leben auch meine Stieftochter, deren Großeltern, meine Geschwister und noch einige andere Verwandte. Wir sind uns alle sehr nahe und unternehmen viel und der Punkt, auf den ich kommen will, ist, dass es mit zwei Bands immer schwieriger wurde. CROWBAR ist meine Vision und dort bin ich in allen Bereichen der Chef und das letzte Gründungsmitglied. Als ich 2013 aus DOWN ausstieg ging es nicht darum, dass ich keinen Spaß mehr daran hatte, sondern dass mein Leben zu kompliziert und aufwändig wurde.

Das Kuriose ist nur, dass ich zwar seit September 2013 nur mehr bei CROWBAR bin, seitdem aber fast die ganze Zeit nur auf Tour bin und mir erst nicht viel mehr Zeit für Privates blieb. Meine Frau macht das ganze Tourmanagement und das Merchandise, auch alle Steuersachen, die daheim anfallen. Wir haben wirklich ein Family-Business und nur so funktioniert es bei uns. Ich war 22 Jahre bei DOWN und die Leute verstehen nicht, warum ich ausgestiegen bin, aber es war einfach nicht mehr möglich. Ich bin zum Beispiel sicher, dass ich mit Jamey Jasta ein neues KINGDOM OF SORROW-Album machen werde, aber das ist was ganz anderes. Dort reden wir uns dann zusammen, wenn wir gerade beide Zeit haben und spielen ein Album ein. So schnell geht das. Ich hatte Zeiten, da habe ich hintereinander mit allen drei Bands getourt und war zuhause fast gar nicht mehr anwesend. Das war eh mein Fehler, aber ich musst etwas ändern.

Obwohl deine Frau sich um alles kümmert und mit dir on the road ist, fällt es dir bestimmt schwer, die restliche Familie immer wieder zu verlassen, wenn es ans Touren geht?

Ohne meine Frau würde ich das wohl kaum aushalten. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen leiblichen als auch zu meinen Stiefkindern. Wir sind eine verrückte Familie, aber es funktioniert und das Touren ist einfach mein Job. Ich liebe es auch und könnte nicht ohne. CROWBAR ist unser Familiengeschäft, aber ohne meine Frau auf Tour könnte ich das sicher nicht machen.

Schauen deine Kinder zu dir auf? Lieben sie deine Musik und sehen sie dich als eine Art Idol?

Meine Tochter mag die Musik nicht, findet aber cool, dass ich ein Rockstar bin. (lacht) Sie denkt, ich bin ein ganz Großer. Mein Stiefsohn sieht das etwas anders. Er ist gerade in den Endstufen seiner Pubertät und findet Daddy wohl weniger cool. Sein leiblicher Vater ist ein ziemlich guter Musiker mit einem Heimstudio und vielen Instrumenten. Wir haben also beide versucht, dem Jungen die Musik schmackhaft zu machen, aber es hat nicht funktioniert. Es interessiert ihn einfach nicht. Er findet es cool, dass wir viel reisen, also habe ich ihm angeboten, in den Schulferien als Roadie oder Techniker mitzufahren. So ganz interessiert ihn das aber nicht. Er steht auf Hip Hop, aber das wäre ja egal.

Dein Freund Jamey Jasta ist ja auch sehr stark dem Hip Hop verbunden.

Ja, klar. Auch ich mag einige Sachen und habe ein paar Hip-Hop-Alben daheim. Die Tochter meiner Frau steht mehr auf Pop und Country, aber sie schnappt sich wenigstens ihren Freund und kommt zu meinen Konzerten. (lacht) Aber auch sie schert sich weniger um die Musik selbst.

Weil du es vorher angesprochen hast – wie sieht das genau aus, mit dem kommenden KINGDOM OF SORROW-Album?

Das kommt immer darauf an, wann wir beide mal gerade nichts zu tun haben. Das letzte Mal hatten wir zum Beispiel im Jänner 2010 gerade 15 Tage zusammen frei. Also haben wir uns zusammengesetzt und das Album geschrieben. 14 Songs in 14 Tagen – zack und fertig. Das geht ganz einfach und ist besser als untätig zu sein. Wir warten also einfach wieder darauf, bis sich unsere Pausen wieder überschneiden.

Ist diese Arbeitsbeziehung einfach, denn er ist auch dein Manager bei CROWBAR?

Es ist eine lustige Beziehung. Ich bin 13 oder 14 Jahre älter als er, aber er ist der Boss. (lacht) Ich bin der alte Mann, aber er ist der Geschäftsmann bei uns. Er macht das aber wirklich großartig und so funktioniert unsere Beziehung. CROWBAR ist eine seiner Lieblingsbands und er respektiert mich als Musiker, aber von der Geschäftsseite her denkt er ganz logisch und gut für die Band. Meine Frau Robin und ich machen zwar das meiste Zeug, aber Jamey kann mir zumindest viele E-Mails und Anrufe abnehmen.

Als du mit CROWBAR durchgestartet bist, war der „Headbanger’s Ball“ von MTV das A&O im Musikgeschäft. Heute kräht kein Hahn mehr nach dem Sender, sondern alles hat sich ins Internet verlagert. Hat das auch Vorteile für CROWBAR gebracht?

Du kennst ja die METALLICA-Napster-Geschichte. Jeder kennt das Problem, dass die Downloadplattformen den physischen Tonträgerverkauf von Musik zerstört. Wir machen keine Kohle mehr mit Alben, außer vielleicht KATY PERRY oder TAYLOR SWIFT. Aber Metalfans sind zum Glück treu und kaufen zumindest noch viel Vinyl. Die Zeiten sind einfach ganz anders. 1980 war ich 15 und ein Kid. Ich hatte die Platte in der Hand, setzte die Kopfhörer auf und war fasziniert vom Gesamtpaket. Ich konnte jede Textzeile meiner Lieblingsalben auswendig und für mich waren Albumcover ein unheimlich wichtiger Teil der gesamten Erfahrung. Es war ein Teil von allem. Auf CDs sehe ich die Scheiße nicht einmal mehr mit Brillen. Echte Fans wollen einfach das Gesamtpaket, weil es auch das Geld wert. Plattenpressen ist teuer, aber ich mache das gerne, weil es den Leuten wirklich gefällt. Echte Musikfans sind einfach nicht glücklich mit einem fingergroßen Teil, auf dem man 8.000 Songs abspeichern kann. Mir selbst ist es wichtig, den Fans das Bestmögliche zu bieten. Echte Fans schauen sich auch keine Musik-DVDs an, sondern gehen zur Liveshow. YouTube ist keine Bühne – das hat keine Seele. Natürlich ist YouTube großartig, ich hänge ja selber oft davor. Aber du kannst via YouTube kein echtes THIN LIZZY-Konzert mit Phil Lynott besuchen. Du kannst dir ein Stück dieses Feelings ins Wohnzimmer holen, aber es ist nicht dasselbe.

In der langen CROWBAR-Historie gab es auch unzählige Wechsel im Line-Up. Gab es auch einen Moment, wo du mal alles hinschmeißen wolltest?

Schlussmachen wollte ich nicht, aber es gab ein paar Jahre, wo ich ganz alleine übrigblieb. Irgendwann Ende 2001 bis 2004 war das. Das „Lifesblood For The Downtrodden“-Album (2005) entstand quasi ohne Band. Ich habe Rex Brown überredet, den Bass zu spielen und wir haben Drummer Craig Nunenmacher für die Studioarbeit bezahlt. Nach den Arbeiten waren alle wieder weg und so war das damals. Mein Dad hat mir immer den Rat gegeben, niemals aufzugeben, sondern die Leidenschaft stets durchzuziehen – auch in schwierigen Zeiten. Wir hatten ja ein Luxusproblem. CROWBAR klangen immer schon wie niemand anders. Mit wem sollten wir anfangs also touren? Wir tourten mit Black- und Death-Metal-Bands. Sogar abgefuckten Grind- und Thrash-Bands. Hardcore, Doom, wirklich alles – wir haben halt nirgendwo wirklich reingepasst.

Aber das ist doch ohnehin großartig.

Auf lange Sicht schon, aber anfangs war das verdammt schwierig. Wenn man dich leicht in ein Genre pressen kann, hast du anfangs große Vorteile, weil dich die Menschen kategorisieren können. Dafür ist der Erfolg wahrscheinlich kurzweiliger, weil alles trendbasiert ist. Übrig bleiben nur die Begründer der Genres – alle anderen fallen irgendwann weg. Die Leute sagen, wir spielen Sludge oder sonst etwas. Für mich ist es CROWBAR und das steht für verdammt harte Musik. Wir sind kein Teil der Stoner- oder Doom-Szene. Es gibt dort viele tolle Bands, aber ich zähle CROWBAR einfach nicht dazu. Gerade der Stoner-Markt ist derzeit extrem übersättigt. Nicht nur in den USA, sondern vor allem auch in Europa. Es ist recht einfach, die Musik zu spielen und alle kopieren nur die Großen. Irgendwann einmal interessiert das wieder keinen und die Bands verschwinden in der Versenkung. Es ist halt alles nicht original, sondern nur gut nachgemacht. CROWBAR ist ziemlich eigenständig. Ich hatte mal mit Pepper Keenan eine Diskussion, als bei DOWN und CORROSION OF CONFORMITY war.

Er sagte 2005: „Wir sollten zusammen touren“. Auch COC klingen eigenständig, aber das machte schon auch Sinn. Wir haben als mit CROWBAR COC auf Tour begleitet. Heute gibt es nicht nur Bands, die nach CROWBAR oder DOWN klingen. Schau einfach mal, wie viele EYEHATEGOD-Rip-Offs es gibt – unglaublich. Es ist heftiger Blues mit rohem Rock’n’Roll. Das ist der echte Stoner. Es ist nicht schwer, das zu spielen und zu singen, aber es ist eigenständig und darum geht’s. Es ist gut, den Großen zu huldigen, aber viel zu oft klingen alle Bands viel zu gleich. Bei uns kannst du sicher Elemente von CARNIVORE, TYPE O NEGATIVE, BLACK SABBATH, MOTÖRHEAD oder TROUBLE hören, aber wenn du CROWBAR hörst, weißt du, dass es CROWBAR ist und das ist für mich das größte Kompliment. Bei JUDAS PRIEST, MICHAEL SCHENKER oder ACCEPT weißt du nach jedem Riff, dass es genau diese Band ist. Das schaffen nur die ganz Großen und deshalb berufen sich auch alle auf die ganz Großen. Eigentlich ganz logisch. Es ist nicht schwer, Originalität zu beweisen, aber es ist leichter zu kopieren.

Wie siehst du eigentlich die Situation rund um die Doom-Legende ST. VITUS, deren Sänger Wino Weinrich aufgrund der Drogen nicht mehr in Europa auftreten darf?

Eine irre Geschichte, die Jungs sind gute Freunde von uns und vor nicht allzu langer Zeit haben wir uns noch einen Bus geteilt. Ich finde das wirklich schade, was mit Wino da passiert ist. Ich bin ein Riesen-Fan der Band, aber hauptsächlich mit Wino am Gesang. Auch wenn Dave Chandler als Mastermind der Band alles super macht, er ist halt nicht Wino. Ich bin zur Band mit dem „Born Too Late“-Album (1986) gestoßen und deshalb mit Wino an den Vocals großgeworden. Ich war traurig als ich von all diesen Problemen hörte. Ich hoffe, er fängt sich wieder.

Es gibt viele Gerüchte, dass du bald ein Hard-Rock-Projekt auf Schiene bringen wirst. Was ist da dran?

Ich habe mal davon geredet, dass ich ein klassisches Hard-Rock-Album im THIN LIZZY-Stil machen möchte. Der perfekte Sänger dafür wäre Kyle Thomas, der jetzt bei TROUBLE ist. Er ist so vielseitig und würde gut dazupassen. Auch DOWN war ganz am Anfang Hard-Rock-basiert und da möchte ich vielleicht wieder mal anknüpfen. Ich habe mit CROWBAR und meiner Familie genug zu tun, es könnte also schon noch dauern. Mit CROWBAR spielen wir seit Dezember 2013 gerade die neunte Tour. Fad wird mir ja nicht. Im Herbst wollen wir auch wieder am nächsten CROWBAR-Album schreiben und wollen dann gleich ins Studio. Anfang nächsten Jahres möchten wir es gerne fertigstellen und vor dem Sommer veröffentlichen, damit wir dann mit neuem Material große Festivals spielen können. KINGDOM OF SORROW könnten sich vielleicht sogar noch dieses Jahr ausgehen. Mal schauen – ich will nicht zu viel versprechen. Jedenfalls wollen wir keine Alben von CROWBAR, HATEBREED oder KINGDOM OF SORROW vermischen. Das wäre ja kontraproduktiv. Kein Projekt soll dem anderen auf die Füße steigen.

Witzig war ja, dass unser Album gleichzeitig letztes Jahr mit der neuen von EYEHATEDGOD herauskam. Die von DOWN war zwei Wochen davor erschienen. Das war echt irre, aber keinesfalls so geplant. Für die Fanbase war das ein finanziell harter Monat, auch wenn es natürlich ein goldener war. (lacht) Alle von uns klingen total anders und trotzdem haben wir so viele Gemeinsamkeiten. Es ist irgendwie verrückt. Liegt wohl am ähnlichen Background und dem ähnlichen Alter von uns allen. Wir sind wohl auch von denselben Bands inspiriert. Der eine mehr vom Metal, der andere mehr vom Punk. Daraus entstand dann die Crossover-Bewegung, die auch uns erfasste. Es gibt aber gemeinsame Nenner wie eben CARNIVORE, BLACK SABBATH oder die MELVINS. Anfangs war ich verängstigt. Meine erste Punk-Show war BLACK FLAG auf ihrer „Slip It In“-Tour. In den USA gab es damals richtige Kämpfe zwischen Punks und Metallern. MOTÖRHEAD war das perfekte Bindeglied – ihnen haben wir auch zu verdanken, dass sich zwei Welten vertragen haben. Mein damals bester Freund war Promoter von vielen Punk-Shows und bei einer seiner Shows kam ich mit meinen langhaarigen Metal-Freunden. Wir mussten wirklich darauf beharren, ihn zu kennen, ansonsten hätten uns die Punks dort vermöbelt.

Vermisst du bei jüngeren Bands heute diese Arschleck-Attitüde? Den Kampfgeist, es allen beweisen zu wollen?

Mitunter schon, ja. Es ist halt alles anders heute und ich bin Old-School. Mein Alter verrät manchmal mein mangelndes Wissen bei bestimmten aktuellen Dingen. Ich versuche so offen wie möglich Neuem gegenüber zu sein, aber es wird heute so viel Bullshit veröffentlicht. Wir spielen aber oft mit mutigen, jungen Bands. Das ist immer schön zu sehen. Als ich jung war, gab es einfach mehr Originalität. Das fehlt mir heute. Auch in anderen Genres überleben die Urväter. Beim Death Metal zum Beispiel OBITUARY, SUFFOCATION oder CANNIBAL CORPSE. Die bringen aber auch alle immer noch gute Alben raus. Sie haben einfach etwas Neues kreiert und das wird belohnt. Die Kopisten braucht niemand.

So leicht ist es aber nicht mehr, etwas revolutionäres Neues zu erschaffen.

Es ist schwierig, die Instrumente sind ja die gleichen wie früher und es wurde schon viel experimentiert und erfunden. Aber es gibt immer etwas, das man finden kann, wenn man danach sucht. Der durchschnittliche Musikfan akzeptiert heute viel zu schnell Mittelmäßigkeit. Er sucht nicht mehr direkt nach etwas Frischem oder Neuem. Und die Plattenfirmen unterstützen das Ganze auch noch. Da picken dann Sticker der Marke „eine Mischung aus BEHEMOTH und VADER“ auf den Alben. Warum aber klingen die nicht einfach nach sich selbst?

Das Internet macht es aber viel einfacher, nach eigenständigen, unbekannten Bands zu suchen.

Es ist schon einfacher, das stimmt schon. Aber heute kann schon jeder jeden Mumpitz hochjagen. Damals mussten wir noch dafür arbeiten gehen und Geld verdienen, um ein Demo aufnehmen zu können. Das musste sitzen und gut klingen, sonst wäre es verschenkte Kohle gewesen. Heute könnten wir zwei uns mit zwei anderen Jungs aus insgesamt vier Kontinenten zusammensetzen, auf billigsten Programmen etwas komponieren, mischen und uploaden. Dann noch Werbung über die Social-Media-Kanäle und fertig. Das ist mir zu einfach, sorry. Ich will nicht wie ein alter Sack klingen, aber damals hatte wirklich nur Talent Erfolg, weil alles andere unterging bzw. bei Nichterfolg nicht mehr leistbar war. Wenn du in den 70er-Jahren einen Plattenvertrag hattest, warst du nicht automatisch berühmt, aber sicher gut. Sonst hättest du den Vertrag nicht gekriegt. Heute ist alles übersättigt und das liegt nicht an den jungen Musikern, sondern an den Möglichkeiten und am Markt. In den 70ern war jedes Konzert eine große Party und ein Event – es gab auch keine sieben Konzerte an einem Tag in einer Stadt. Damals waren auch Opener noch begehrter, weil man vorher nichts wusste und gespannt auf den Sound dieser Bands gewartet hat. VAN HALEN kannte anfangs kein Schwein, aber als die anfangs rauskamen, waren die Menschen nach deren 30-Minuten-Set geplättet, so einzigartig und stark war das. Es ist verdammt schwer, den Kids heute die Bequemlichkeit zu nehmen.

Mein Vater ist 74 und war damals in England und hatte alle Großen gesehen. Die BEATLES, die STONES, THE WHO und die KINKS. Ich bin ja selber 1965 in England geboren und erst im Jahr darauf mit der Familie in die USA gekommen. Er wohnte damals nur 50 Meilen von London entfernt und hatte alles mitgekriegt. Er wurde auch ein großer Fan der NWoBHM – er kennt sich wirklich gut aus. Mein Dad fragte mich eben vor kurzem: „Junge, warum kauft heute niemand mehr Alben, ich verstehe das nicht?“. Ich habe dann meinen Laptop aufgemacht und gesagt: „Nenne mir einfach irgendeine Band.“. Es war ein regnerischer Wochenendabend – keine Plattenfirma hätte noch offen gehabt. Er sagte „JUDAS PRIEST“ mit „British Steel“. Ich zeigte ihm iTunes, sagte, er könne sich für ein paar Dollar das ganze Album in einer Minute runterladen und hätte es damit bei sich – orts- und zeitunabhängig. So ist die Welt heute. „Wir sitzen hier um 11 Uhr nachts bei regnerischem Wetter mit einem Bier in unseren Unterhosen auf der Couch und haben dir gerade die ,British Steel‘ von JUDAS PRIEST gekauft.“ Er hat das überhaupt nicht gepackt. Diese Bequemlichkeit versteht er heute nicht und genau dieses Beispiel zieht sich durch die Kids, wenn es um heutige Musik geht. Nimm dein verdammtes Rad oder setz dich zumindest in den Zug, fahr Samstagvormittag in die Stadt und geh in einen verdammten Plattenladen, um zu stöbern! Lass dich verzaubern vom Angebot und von den Covers. Leider obsiegt heute zu oft die Faulheit.


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