Isole - Crister Olsson & Daniel Bryntse

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Mir kommen die Ideen immer, wenn ich koche. Dann spiele ich, singe ich und nebenbei brennt mir das Essen an.

Im Wiener Escape hatten die schwedischen Doomster ISOLE Europatourauftakt - Grund genug für uns, zum Gespräch zu bitten. Dass gute Laune im Norden anders definiert wird als bei uns, bewiesen die beiden wortkargen Bandchefs Crister Olsson und Daniel Bryntse eindrucksvoll. Während Zweiterer zumindest mit Situationskomik überraschte, ist Olsson eindeutiges Sprachrohr der Underground-Helden. Ein netter, aber doch holpriger Talk über ermüdente Doppelbelastungen, fehlendes Zusammenspiel und Kochunfälle.

Veröffentlicht am 14.05.2015

Crister, Daniel – ihr seid nicht nur sehr aktiv in euer Doom-Band ISOLE, sondern auch bei der Viking-Band EREB ALTOR. Dazu habt ihr Familien und normale Jobs. Wie soll sich das alles ausgehen?

Daniel Bryntse: Das tut es eh nicht. (lacht) Wir haben eigentlich wirklich überhaupt keine Zeit, hie und da finden wir ein paar Minuten zum Durchatmen, aber mehr ist wirklich nicht drin. Zum Touren gehen unsere Urlaube drauf.

Ihr habt sogar schon mal eine Tour gespielt, wo ihr an einem Abend mit beiden Bands aufgetreten seid. War das nicht ein bisschen zu viel?

Crister Olsson: Du kannst das schon ein, zwei Abende so machen, aber eine ganze Tour so zu bestreiten ist der helle Wahnsinn. Wir werden das auch nie wieder machen. Wir hatten 38 Gigs in 21 Tagen – ein paar Gigs gab es, wo wir nur mit einer Band spielten, deshalb diese Rechnung.

EREB ALTOR ist die jüngere, aber auch erfolgreichere Band. Warum eigentlich?

Olsson: Weil wir dort keinen Doom Metal spielen. Doom ist immer sehr stark im Underground verhaftet und mit EREB ALTOR ist es viel einfacher gebucht zu werden und mehr zu verkaufen.

Ist euch eine Band eigentlich wichtiger als die andere?

Bryntse: Mit ISOLE bin ich alles zusammengerechnet schon seit gut 20 Jahren im Einsatz, das bedeutet mir natürlich schon sehr viel. Würden wir uns irgendwann einmal für eine Band entscheiden müssen, würde ich wohl trotzdem EREB ALTOR wählen, aber hoffentlich wird sich diese Frage niemals stellen. Die beiden Bands transportieren völlig verschiedene Gefühle und für mich ist es einfach wichtig, verschiedene Sachen zu spielen und das ist bei diesen Projekten der Fall. Das ist essenziell für mich. Ich kann daher kaum sagen, dass ich einer Band den Vorzug geben würde.
Olsson: Ich bin zu 100 Prozent mit Herz und Seele bei beiden Bands. Ich fokussiere mich immer auf die Band, mit der ich gerade unterwegs bin. In dem Fall eben ISOLE. Es ist auch kein Problem beim Songschreiben die Ideen auszusortieren und aufzuteilen. Wir sitzen auch nicht herum und schreiben an einem Song. Die Melodien kommen uns und dann passiert uns quasi ein Song. Wir jammen nicht auf den Gitarren herum, das geht bei uns nicht.

Nimmst du diese Melodien gleich auf, wenn sie dir einfallen? Sonst vergisst du ja alles.

Olsson: Nein, mache ich nicht.
Bryntse: Wir vergessen so viel, das ist ein Wahnsinn. (lacht) Die Basic-Riffs merkst du dir bei einer guten Melodie im Kopf glücklicherweise länger, aber es sind uns schon unzählige schöne Ideen flöten gegangen. Manchmal klappt es, manchmal müssen wir Songideen auch nach vielen Jahren wieder ausgraben, weil sie vorher nirgends dazu gepasst haben.

Ihr beide seid ja verantwortlich für die Songs in beiden Bands – dürfen die anderen Musiker dann auch mitschreiben oder mitentscheiden?

Olsson: Das meiste schreiben wir schon selbst, das stimmt. Natürlich respektieren wir alle in der Band und sind froh, wenn sie mit guten Ideen kommen. Wir sind schon eine Band.
Bryntse: Wenn ich mit einer Songidee ankomme, hat schon jeder Mitspracherecht und kann mir auch sagen, wenn eine Idee schlecht ist. Von der Grundfassung bis zum fertigen Song auf dem Album durchlaufen diese Ideen auch unzählige Stationen, wo sich dann oft noch ganz viel ändern kann. Das liegt auch daran, dass die gesamte Band an der Ausarbeitung teilnimmt.

Wie viel Zeit verbringt ihr beide eigentlich miteinander?

Olsson: Gar keine. (lacht)
Bryntse: Gar keine außerhalb des Aufnahmestudios oder fernab einer Tour.
Olsson: Wir treffen uns vielleicht zum Fußballschauen. Wir sind beide Fans unseres Heimatteams Gefle IF. Nur in England kommen wir zum Streiten, weil ich Anhänger vom FC Liverpool bin und Daniel Manchester United bevorzugt. Aber wir haben beide Familien und Jobs – es wäre unmöglich, noch mehr Zeit miteinander zu verbringen. Auch beim Ausarbeiten der Musik arbeiten wir nicht als Team, sondern jeder für sich alleine.
Bryntse: Wir schicken uns die Songideen einfach zu und überarbeiten sie dann solange, bis beide damit zufrieden sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir auch nur einmal miteinander gejammt hätten. Das kam nie vor. (lacht)

Nachdem ihr mit beiden Bands sehr schwermütige Musik macht – wäre es für euch auch interessant, einmal ein humorvolles Side-Project zu starten?

Bryntse: So eine Idee kam mir schon des Öfteren, aber wir hätten einfach keine Zeit dafür.
Olsson: Daran denke ich eigentlich gar nicht. Wir hören privat natürlich viel von Punk Rock über Folk bis hin zum Black Metal. Ich habe aber auch keine Songs zuhause auf meinen Computer, die ich für so etwas verwenden könnte, die Zeit dazu hatte ich auch nie.

Braucht ihr eine bestimmte Stimmung, um dieses intensive, atmosphärisch dichte Doom-Zeug zu schreiben? Es muss doch schwierig sein, ISOLE-Songs zu schreiben, wenn euch beispielsweise die Sommersonne ins Gesicht scheint.

Olsson: Die Stimmung kann ja auch dunkel sein, wenn die Sonne runterknallt. Das macht keinen Unterschied.
Bryntse: Für mich macht das alles keinen Unterschied. Die meisten Ideen kommen mir tatsächlich dann, wenn ich ins Bett will, um zu schlafen. Dann kreisen die Gedanken in meinem Kopf, ich muss aufstehen, runter zu meinem PC und diese Ideen aufnehmen. So läuft das bei mir ab.
Olsson: Bei mir kommen die Ideen immer dann, wenn ich koche. (lacht) Dann schnappe ich mir meine Gitarre, spiele und singe und das Essen brennt mir meistens an.

Du könntest ja eine Art schwedischer „Vegan Black Metal Chef“ werden, der auf YouTube ziemlich erfolgreich ist.

Bassist Jimmy Mattson aus dem Hintergrund: Vegan zu sein ist scheiße. (lacht)
Olsson: Mann, bist du wieder streng…

Was ist essenziell für einen ISOLE-Song? Welche Trademarks sind euch am wichtigsten?

Olsson: Die Melodien und eine eigene, fremdartige Atmosphäre. Es ist schwer zu sagen, aber ich denke schon, dass nichts anderes so klingt wie ISOLE.

Wer ist verantwortlich für die Texte?

Olsson: Das bin ich und die Texte sind sehr persönlich. Ich verarbeite darin meine Gedanken und Erfahrungen, die ich so mache.

Sind die Texte der vielen ISOLE-Alben in gewisser Weise miteinander verbunden?

Olsson: Vielleicht. Das sieht vielleicht niemand, aber ich sehe den Zusammenhang schon.

Und warum erklärst du das dann nicht genauer?

Bryntse: Ja, warum denn nicht? (lacht)
Olsson: Weil es eben persönlich ist und ich nicht alles groß ausbreiten möchte. Die beiden „Destroyer“-Tracks auf unserem neuen Album „The Calm Hunter“ sind zum Beispiel miteinander verbunden, aber das fällt ja ohnehin keinem auf.

Was sind die Stärken und Schwächen, wenn ihr ISOLE und EREB ALTOR gegenüberstellt?

Bryntse: Puh, das ist eine schwierige Frage.
Olsson: Die ISOLE-Songs sind einfach experimenteller und verspielter. Der größte Unterschied ist, dass Daniel Leadsänger bei ISOLE ist und ich bei EREB ALTOR. Schwächen gibt es keine. (lacht)

Spielt ihr mit einer Band lieber live als mit einer anderen?

Olsson: EREB ALTOR. Weil ich der Sänger bin. (lacht) Ich mag natürlich beide, aber bei EREB ALTOR ist einfach mehr Energie auf und auch vor der Bühne zu spüren. Für mich ist es auch einfacher, die Songs für EREB ALTOR zu schreiben, weil die Doom-Nummern für ISOLE einfach viel mehr Zeit in Anspruch nehmen.
Bryntse: Für mich ist das verdammt schwierig, derzeit leide ich auch schon seit geraumer Zeit an einer Schreibblockade, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Ich hoffe, dass sich das schnell mal ändert. Mich macht das aber nicht sonderlich nervös, weil Crister derzeit unheimlich produktiv ist. Das ist der Vorteil, wenn man immer eng zu zweit arbeitet.
Olsson: Unser früherer Drummer Jonas Lindström hat auch noch viel Musik für das neue ISOLE-Album geschrieben. Auch einige Texte. Er hat sich wirklich stark hineingeworfen, dann aber leider im letzten Jahr hingeschmissen. Victor und Jimmy bauen sich aber immer stärker ein und das wird man bei zukünftigen Releases auch hören.

ISOLE ist das französische Wort für FORLORN, so hieß eure Band vorher. Ihr habt euch natürlich deshalb umbenannt, weil es viele Bands mit dem Namen FORLORN gab, aber wie wichtig ist das Vermächtnis der alten Band für die neue?

Olsson: Die Basis ist dieselbe. Beide Bands sind absolut und zu 100 Prozent Metal. Wir spielen hier und da auch alte FORLORN-Songs, die wir vom Arrangement her aber mittlerweile den ISOLE-Songs angepasst haben. Unser erstes Album „Forevermore“ (2005) bestand aber komplett aus FORLORN-Material.

In den 90er-Jahren habt ihr unzählige Demos mit FORLORN aufgenommen, die sicherlich gesuchte Sammlerstücke sind. Sind noch welche im Umkreis und habt ihr schon überlegt, diese alten Schätze vielleicht einmal als Compilation neu aufzulegen?

Bryntse: Nicht einmal ich besitze noch die Tapes von früher. (lacht)
Olsson: Viele Songs wurden ja bereits veröffentlicht, es ist gar nicht mehr so viel übrig, dass wir gar nie rausgebracht haben. Wir haben uns auch so stark verändert, dass wir keinen großen Sinn dahinter sehen.

Ist es geografisch festgemacht einfacher Doom Metal in Schweden zu machen als in sonnigen und südlichen Ländern wie Portugal oder Spanien?

Bryntsen: Das ist dort unten doch unmöglich. (lacht) Ich scherze natürlich. Du hörst die Unterschiede in der Musik und auch in der Atmosphäre, ob jetzt eine italienische oder eine schwedische Band die Songs geschrieben hat. Ich denke aber, das stammt vom Erbe der jeweils örtlichen, geschichtlichen Musik. Die Einflüsse von den eigenen Traditionen hat jede Doom-Band in gewisser Weise.

Was ist denn die Magie am Doom Metal?

Olsson: Die Dunkelheit, die Atmosphäre und vor allem die Melancholie. Ich mag diese Sachen einfach.
Bryntse: ISOLE sind heute aber nicht mehr sehr doomig. Meiner Meinung nach haben wir uns in den letzten Jahren ziemlich stark davon entfernt. Ich würde ISOLE mittlerweile eher als Melancholic Metal, denn als Doom Metal bezeichnen. Die durchschnittliche Doom-Metal-Band waren wir eher mit FORLORN, aber nicht mehr mit ISOLE.

Wenn ihr mit einigen eurer alten Songs nicht mehr so ganz konform geht, wie mühsam ist es dann, sie live zu spielen?

Bryntse: Das ist kein Problem, so viel Profi müssen wir schon sein. Natürlich haben wir einige Songs, die uns schon ermüden, aber mehr ist da auch nicht dahinter. Wir alle wissen, dass auch DIO es hasste, „Rainbow In The Dark“ zu spielen, aber er konnte unmöglich ein Konzert ohne den Song bestreiten. (lacht) Du bist halt irgendwann mal überfüttert.
Olsson: Manche Songs sind natürlich langweilig zu spielen, weil wir es schon hunderte Male gemacht haben. Da wir aber keinen so großen Hit haben, können wir solche Songs für eine Zeit auch aus der Setlist schmeißen, um wieder Lust darauf zu bekommen. Aber ich spiele jeden unserer Songs, kein Problem.

Ihr seid beide bekanntermaßen Riesenfans von BATHORY. Wann gibt’s denn mal ein BATHORY-Tribute-Album von euch zu kaufen?

Olsson: Wir werden so oft danach gefragt, aber wir haben keine Pläne dafür. Schauen wir einmal. Hörst du dir gerne BATHORY-Songs an?

Natürlich, wenn nicht, hätte ich wohl kaum Musikgeschmack.

Olsson: (lacht) Okay. Na dann sollten wir das vielleicht irgendwann wirklich einmal in Angriff nehmen.

Wie sieht es mit neuem ISOLE-Material aus? Wird es da heuer oder 2016 etwas zu hören geben?

Olsson: Ich habe einige Ideen, aber die sind noch nicht sehr ausgereift. Zeitlich bin ich derzeit wirklich stark mit EREB ALTOR ausgelastet. Wir bräuchten natürlich einfach für alles viel mehr Zeit. Wir haben mit beiden Bands zusammengerechnet zehn Alben in zehn Jahren veröffentlicht. Das ist jetzt nicht gar nichts und verlangt schon auch viel Hingabe und Kreativität.

Wie viel Zeit geht pro Jahr für das Touren mit beiden Bands drauf?

Olsson: Das ist jedes Jahr anders, da gibt es nichts Fixes. Ich arbeite in meinem Job derzeit nur zu 70 Prozent, weil es sich sonst nicht mit den Bands ausgehen würde. Ich muss auch unbezahlten Urlaub nehmen, um die Zeit für die Shows und die Touren aufzubringen. Wir spielen im Prinzip zwei Touren pro Jahr, die meist zwischen zwei und vier Wochen dauern. Und dann kommen im Sommer noch ein Haufen Festival-Shows dazu.

Was war denn bislang eure beste Tour?

Olsson: Für mich war das die Tour letztes Jahr mit BORKNAGAR, MÅNEGARM und IN VAIN. Das lag hauptsächlich am Nightliner, den wir ja überhaupt nicht gewohnt sind. Du kannst schlafen, während du reist – was für ein Luxus. Auch die Shows waren großartig. Wir waren mit BORKNAGAR und MÅNEGARM – den Größen sozusagen – im Nightliner und die anderen mussten mit dem Bus fahren, so wie wir sonst. Natürlich war das ein cooles Gefühl. (lacht)

Und was war die schlimmste?

Olsson: Die allererste – ganz klassisch. Sie war viel zu lang und wir mussten selber mit einem klapprigen Van fahren. Sie hat einen guten Monat gedauert und bereits nach der Hälfte wollte ich nur noch nach Hause, weil ich so dermaßen müde war. Wir konnten nach Shows nicht mal schlafen, weil wir selber fahren mussten und insgesamt an die 15.000 Kilometer zurücklegten - in einem Monat. Das war die absolute Hölle. Trotz all dem hatten wir doch eine gute Zeit, weil alles so unglaublich aufregend war. Selbst in solchen Phasen findest du etwas Positives, dass dich weiter motiviert.


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