Turbonegro - Happy Tom & Tony Sylvester

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TURBONEGRO machen Record-Collection-Rock. (Sänger Tony Sylvester gibt sich nicht mit gängigen Schubladen zufrieden)

Was machen eigentlich die norwegischen Deathpunk-Rabauken von TURBONEGRO die ganze Zeit? Gute Frage und Grund genug für uns, der Sache beim bayrischen "Rockavaria"-Festival nachzugehen, wo wir Bandgründer Happy Tom und Sänger Tony Sylvester zum gemütlichen Talk baten und über Emotional Correctness, Social-Media-Kanäle und natürlich Fenriz zu quatschen.

Veröffentlicht am 05.06.2015

Leute, wie fühlt es sich an als anarchistische Punk-Band so große Festivalbühnen wie beim "Rockavaria" oder dem "Rock in Vienna" zu spielen?

Tony Sylvester: Es macht sehr viel Spaß. In den letzten vier, fünf Tagen waren wir auf verschiedenen Kontinenten und haben die unterschiedlichsten Gigs gespielt. Wir waren in Las Vegas, wo sie eine Art Parkplatz zu einer Outdoor-Bühne verwandelt haben. Wir dann eine Clubshow in Orange County gespielt und noch eine ganz kleine in Italien und jetzt sind wir hier in München. Uns ist das eigentlich egal, wir können noch mehr. (lacht)
Happy Tom: Wir haben aber eine spezielle Technik. Spielen wir in einem kleinen Club, stellen wir uns vor, es wäre eine Arena. Auf einer Arenabühne stellen wir uns vor, in einem kleinen Club zu spielen.
Sylvester: Bevor ich zu Band stieß, rockten die Jungs schon vor 200 Leuten in Deutschland und hatten dabei Pyrotechnik einer Stadionband am Start. In einer Toilette. Wir sind seit Jahren für solche Fälle vorbereitet. (lacht)

Ihr habt euch einmal als entweder kleineste Mainstream-Band oder größte Underground-Band bezeichnet. Ist das noch aktuell?

Happy Tom: Wir sind lieber Zweiteres. Die kleinste Mainstream-Band der Welt zu sein ist doch scheiße, das ist lahm.
Sylvester: Das ist doch irgendwie witzig. Wie ein unentdeckter LENNY KRAVITZ. (lacht)
Happy Tom: Als ob LENNY KRAVITZ in kleinen Bars spielen würde. Jeder einzelne Nacht. Das sind wir.

Welcher Mainstream-Künstler oder welche Mainstream-Band sollte mit euch auf der Bühne stehen – gemeinsam?

Happy Tom: Vielleicht BECK an den Turntables? Oder doch lieber die STONES? TOBY KEITH. Wäre auch fein.
Sylvester: Ich bin mit dem fürchterlichen Soundtrack-Album „Judgment Night“ aufgewachsen. Da wurde Metal mit Rap vermischt, eine Abscheulichkeit, fürchterlich. Aber sie haben mit diesem Album ein gänzlich neues Genre entwickelt. Könnte ich in der Zeit zurückreisen und den Produzenten dieses Albums mit einem Anschlag hinrichten, dann wäre die Welt ein viel besserer Ort. (lacht) Nein ehrlich: Das Teil ist einfach nicht gut.

Seid ihr definitiv die Erfinder des Deathpunk?

Happy Tom: Auf jeden Fall. Eigentlich war das nur ein lustiges Wort und klang irgendwie nach so einem beschissenen Goth-Genre. Wir wollten eine Pop-Band sein und mochten aber auch immer SLAYER und so alten, klassisch negativen Hardcore. Außerdem Death Metal und Punk. Das ist alles nicht durchdacht gewesen. Eigentlich ziemlich dämlich.
Sylvester: Das Gute daran ist aber, dass diese Bezeichnung nur uns zusteht und wir damit machen können, was immer zur Hölle wir wollen. Das ist Death! Wir sitzen immer im Studio und sagen: „Wow, das ist Deathpunk“.

Sind TURBONEGRO immer noch so hungrig und aggressiv wie vor 25 Jahren?

Sylvester: Im zynischen Sinne, ja. (lacht)
Happy Tom: Natürlich vermissen wir den Spirit von 1989. Ich weiß nicht einmal mehr, ob wir da einen Spirit hatten. (lacht und beginnt plötzlich spontan zu rappen) Remember where you were in '89 - we running through the streets full of hate. We probably stay at home with your mom, just to masturbate – but we were out ceiling our fate. Summer of '89.

Ist es heute überhaupt noch möglich, die Menschen zu provozieren?

Happy Tom: Die Leute kann man heute leichter provozieren als vor 20 Jahren. Früher gab es die Political Correctness, doch heute gibt es einen neuen Imperator, ein neuer Sheriff ist in der Stadt – die Emotional Correctness. Du kannst sofort die Gefühle eines jeden verletzten, das ist die neue Zensur. Heute jammern alle und sagen: „Oh, du bist mir jetzt auf die Zehen getreten, das finde ich nicht okay“.
Sylvester: Durch das Internet und die Social-Media-Kanäle fühlen sich die Leute gleichzeitig durch Alles und Nichts angepisst. Allein Facebook – wenn da etwas gepostet wird kommen gefühlte 20.000 gleiche Antworten zusammen. Jeder muss heute für sich selbst ein Press-Release auf Social-Media-Kanälen herausbringen. Wenn jemand stirbt, muss jeder seine eigenen Gefühle dazu für alle aufbereiten. „Lasst mich euch erzählen, wie ich fühle, dass Pete Townshend gestorben ist“ – die Meldung ist übrigens exklusiv für dich. (lacht)
Happy Tom: Wir nennen Tony den Propheten. Das Orakel von Delphi.
Sylvester: Aber so funktioniert die Welt heute. Jeder muss überall seinen Senf dazugeben, aber eigentlich interessiert das doch kein Schwein. Früher im Pub konntest du diesen Leuten ausweichen, indem du dich ans andere Ende der Bar gesetzt hast, heute sind die aber in deinem Wohnzimmer und nerven dich zu Tode.

Aber mit politischen Ansichten und absichtlichen Provokationen in eine bestimmte Richtung lockt man heute keinen Hund mehr vor den Ofen.

Happy Tom: Wir wollten nicht immer provozieren, aber es ist halt oft passiert. Doch was provoziert heute?

Pädophilie, Zweiter Weltkrieg – es gibt noch Themen.

Happy Tom: Das ist doch alles so Mainstream. (lacht)

Ihr seid in eurer langen Karriere aber schon unzählige Male missinterpretiert worden.

Happy Tom: Das ist mir doch alles egal. Wir sind sogar immer viel zu einfach davongekommen – mit allem.
Sylvester: Das liegt auch daran, dass wir nie eine große Band waren. Leute, die TURBONEGRO-Konzerte besuchen, verstehen ohnehin, um was es uns geht. Das ist alles zudem sehr langsam gewachsen, sodass wir genug Zeit hatten, auf jede Kritik oder Verstörung angemessen zu reagieren. Ich bin immer begeistert von all den übermäßig politisch Korrekten, die TURBONEGRO trotzdem mögen und hören. Für die ist das so etwas wie ein entschuldbares Vergnügen.

Ist die Political Correctness eurer Meinung nach der schleichende Tod des schwarzen, bissigen Humors?

Happy Tom: Ziemlich sicher.
Sylvester: Tom hat ja als Talkshow-Moderator ein Parallelleben mit Comedy und erlebt da sicher sehr viel.
Happy Tom: EC ist aber die neue PC. Die ethische Stimmung niemand Überhand und sie argumentieren dich bei jedem Thema damit zu Tode, dass du ihre Gefühle verletzt. Selbst die verdammten Nazis in Norwegen. Wenn du die einmal verarscht, sagen sie: „Du weißt ja, ich habe Kinder, also lass mich doch“. Ich sollte in den Untergrund gehen und mir das Gesicht operieren, um als anderer wiederzukommen.

Ihr könntet ja eure Gesichter tauschen wie Nicolas Cage und John Travolta in „Face/Off“.

Sylvester: Dann rennt ja erst wieder jeder mit der Visage des anderen herum. Ich will auf keinen Fall seiner Fratze durch die Gegend rennen – um Gottes Willen! (lacht)

Was war der Grund dafür, dass TURBONEGRO eine derartige Kultband wurde?

Happy Tom: Nachdem Grunge scheiße und Hardcore langweilig wurde, haben wir einfach alle unsere Einflüsse von BLACK FLAG über die ROLLING STONES bis hin zu JUDAS PRIEST zusammengepackt und verrührt. Wir wollten unsere eigene Lieblingsband gründen.
Sylvester: Irgendwann einmal wollten sich alle Bands mit Innovationen übertreffen, es gab nur mehr Limited Editions und alles wurde zu Post Rock. Und dann gab es diese eine Band, die quasi Prä-Rock spielte. (lacht) Das waren TURBONEGRO. Da war alles drin, was ich immer mochte. CIRCLE JERKS, BLACK FLAG, die kalifornische Punk-Note – alles da. Zudem waren alles großartige Musiker und es klang komplett einzigartig. Als wir uns getroffen haben, merkten wir auch, dass wir dieselben Einflüsse hatten, weil wir als Teens dasselbe Zeug hörten. Du findest sonst nichts, dass BOB EZRIN und die EAGLES verbindet. TURBONEGRO machen Record-Collection-Rock.
Happy Tom: Wir waren im Prinzip auch so etwas wie Pioniere. Als wir 1997 in deutschen Baracken spielten und Euroboy seine Gitarrensoli auspackte, haben die Leute Luftgitarre mitgespielt. Fünf Jahre später waren wir wieder dort und dieselben Typen haben selber Gitarrensoli gespielt, weil sie von uns inspiriert waren. Sie haben dann praktisch ihre eigenen Schwänze gelutscht. (lacht)
Sylvester: Was für eine nette Metapher.
Happy Tom: The Sucker got sucked. (lacht)

Es gibt aber keine einzige Band auf der Welt, die eine ähnliche Fanbase hat wir ihr mit der Turbojugend.

Happy Tom: Wir hatten Jahre, wo wir wirklich viel getourt sind und alle kleinen Clubs abgegrast haben. Wir haben uns dort mit so vielen Leuten angefreundet, dass die Turbojugend im Prinzip aus diesem Netzwerk an Freundschaften entstanden ist. Das sind Leute wie wir, die gerne Rock’n’Roll hören und Bier trinken. Und vielleicht gerne mal eine Nase Kokain ziehen. (lacht) Irgendwann haben wir gemerkt, dass viele Leute so denken wie wir. Bier, Rock’n’Roll und etwas Kokain. Die Leute finden sich der Band verbunden und manche meiner besten Freunde traf ich durch die Turbojugend. Auch Tony kam ja aus der Turbojugend.

Das muss für dich ja ohnehin surreal gewesen sein, dass du dann hier Sänger wurdest?

Sylvester: Für mich hat sich das viel mehr danach angefühlt, dass ich einfach mit Freunden abhänge, die dieselben Einflüsse und Interessen haben wie ich. Es war natürlich trotzdem der Wahnsinn für mich, hier als Sänger einzusteigen. Die Band hat einen wahnsinnigen Faktor, die Turbojugend ist so etwas wie eine Bike-Gang, nur harmloser und freundlicher und lustiger. Als die Bewegung entstand war das Internet noch in den Kinderschuhen und man identifizierte sich mit Shirts. Du wusstest damals an der Optik, dass dir jemand ähnlich ist. Als TURBONEGRO sich 1998 das erste Mal auflösten und du jemanden in deren Shirts gesehen hast, war das ein Zeichen der Gemeinsamkeit. Wir hatten alle auch einen ähnlichen Sinn für Humor und alles war sehr hedonistisch.
Happy Tom: Und es gab dort nie Frauen. (lacht)

War es nicht Bela B. von den ÄRZTEN, der einst in Hamburg die ersten Patches druckte und die Turbojugend-Bewegung damit startete?

Happy Tom: Nein, nicht ganz. Wir haben das Logo gemacht und waren dann in Hamburg, kamen mit St. Pauli in Verbindung und nebenbei entstand auch schon etwas in unserer Heimatstadt Oslo. Auch die Leute von MAYHEM wuchsen da rein und fanden das Ganze ziemlich cool.

Als ihr 1989 begonnen habt, war in Norwegen und auch in Oslo Black Metal das große Ding. Ist es nicht schwierig, dort als anarchistische Deathpunk-Band zu überleben?

Happy Tom: Die Szene ist jetzt nicht mehr so groß. Ich bin mit den Jungs von MAYHEM, DARKTHRONE und SATYRICON aufgewachsen. Die kommen fast alle aus dem Punk, vor allem die Jungs von MAYHEM. Wir alle haben uns VENOM angehört und Anfang der 80er-Jahre war das die roheste, brutalste Musik überhaupt. Mit 13 oder 14 waren Black Metal und Hardcore der ärgste Shit für uns. MAYHEM spielen ja auch TURBONEGRO-Songs.
Sylvester: Die Leute, die noch immer im Black Metal unterwegs sind, haben sich in zwei Richtungen aufgeteilt. Manche haben sich über die Jahre zu einem Metal-Sound Richtung JUDAS PRIEST gewandelt, andere wiederum experimentierten über die Jahre mit den verschiedensten Sounds aus allen Richtungen. Die meisten entertainen nur mehr als Black-Metal-Band, aber der ganze Hintergrund ist ihnen nicht mehr so wichtig.

Ihr hängt also durchaus mit Fenriz in der Osloer Kniven-Bar ab und quatscht einfach über Musik?

Happy Tom: (lacht) So ähnlich, ja. Fenriz, ich und noch zwei andere Jungs haben so einen Mail-Zyklus und wir quatschen oft. Fenriz schickt mir oft SMS, wenn wir live spielen und schreibt dann: „Mann, du tust mir echt leid“. Ich frage dann immer warum und er antwortet: „Du befindest dich in der Live-Hölle“. Ein Livekonzert bezeichnet er immer als Hölle. Für ihn ist das das Schlimmste überhaupt – und das sagt ein Typ, der in einem Postbüro arbeitet. (lacht)
Sylvester: Ich traf ihn mal bei so einer Techno-Nacht und er fand das total cool. Ich war total verwundert und er sagte mir dann, er hört sich sechs Stunden Techno pro Tag an. Da starb irgendwie jedes Klischee und ich fand das genial.
Happy Tom: Jetzt hört er nur mehr Demos. Er hört sich jedes Scheiß Demo an, dass ihm irgendwer zuschickt. Ich würde ihn echt gerne einmal verarschen und habe mir schon oft überlegt, eine beschissene Black-Metal-Band zu gründen und ihm ein Demo davon zu schicken. (lacht) Das heißt dann „Live Hell“.

Kommen wir noch mal zurück zum Thema – euer letztes Album „Sexual Harassment“ ist mittlerweile auch schon wieder drei Jahre alt. Was folgt als nächstes?

Happy Tom: Neue Singles. Vielleicht veröffentlichen wir ein paar Singles, die wir dann zu einem Album zusammenschieben, so wie damals bei „Ass Cobra“.
Sylvester: „Ass Cobra 2“.
Happy Tom: Wie bei „Use Your Illusion“. Das wird unser persönliches „Chinese Democracy 8“.
Sylvester: Wir wollten einfach etwas Gutes aufnehmen und wir sind mit den Songs ganz zufrieden, arbeiten auch dran, haben unlängst in Las Vegas ein Video gemacht. Es passiert derzeit viel und ihr könnt einiges erwarten.

Und wenn Fenriz seinen Sanktus dazu gibt, werdet ihr das Material auch veröffentlichen?

Happy Tom: Nur, wenn er es Scheiße findet. (lacht)


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