Agnostic Front - Roger Miret

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Es ist wie eine schlechte Ehe, aber aus Liebe zu den Kindern sind wir noch zusammen - AGNOSTIC FRONT-Sänger Roger Miret liebt Gitarrist Vinnie Stigma eben.

Im Zuge der schwitzig-heißen Show zu Julibeginn im Wiener Viper Room nutzten wir die Chance, ein Gespäch mit AGNOSTIC FRONT-Frontmann und Hardcore-Legende Roger Miret zu führen. Dabei gab es allerhand Interessantes über das amerikanische Waffenrecht, seinen Umzug nach Arizone und die Hassliebe zu Bandkumpel und "Bruder" Vinnie Stigma zu erzählen.

Veröffentlicht am 08.07.2015

Stigma hätte beim gemütlichen Stormbringer-Gespräch ursprünglich auch dabei sein sollen, zog es aber doch vor, spontan ein verdientes Nickerchen vor dem Auftritt im gut gefüllten Viper Room zu halten. Auch Sänger Roger Miret war anfangs nicht begeistert, da die Band kurz vor dem vereinbarten Gespräch aus weltpolitischen Gründen einen Griechenland-Gig canceln musste und das natürlich unerwartete Stehzeiten und Zusatzkosten mit sich bringt. Zudem scheint selbst einem abgebrühten Hund wie Miret manchmal das Heimweh zu plagen, immerhin feierte der Vater von zwei kleinen Kids seinen 51. Geburtstag einen Tag vor der Wien-Show 9.869 Kilometer von seiner Heimat Arizona entfernt im slowakischen Banska Bystrica. Nach der von ihm eingangs gestellten Frage: "Das dauert ja hoffentlich nicht lange?" war die Hoffnung auf ein gemütliches Gespräch schon dahin, doch offensichtlich haben wir doch einen Nerv erwischt, woraufhin die sympathische und introvertierte Szene-Legende zum lockeren Seelenstriptease ansetzte. Klar, dass das kleine Bier nach dem langen Gespräch und einer Abschiedsumarmung als Geburtstagsgeschenk spendiert wurde...

Roger, heuer feiern wir unglaubliche 35 Jahre AGNOSTIC FRONT, 32 davon bist du an Bord. Als du der Band 1983 beigetreten bist, hättest du ihr eine so lange Lebensdauer zugestanden?

Auf keinen Fall, ich dachte ja nicht einmal daran, dass uns mal irgendwer außerhalb von New York City kennen würde. Ich war damals 16 oder so, ich kannte die Welt außerhalb nicht und war überrascht, dass man uns als Band registrierte. (lacht) Hättest du mir aber damals erzählt, dass wir das sein werden, was wir jetzt eben sind, hätte ich dich mit Sicherheit ausgelacht.

Gemeinsam mit den CRO-MAGS wart ihr die Gründer des berühmten New-York-Hardcore. Euch hat es eigentlich ja schon gegeben, bevor der Begriff Hardcore salonfähig wurde.

Ich habe selber immer gesagt, dass unser Debüt „Victim In Pain“ (1984) ein Punk-Album ist, ich denke niemand hat damals als „Hardcore-Band“ begonnen. Bands wie wir, die CRO-MAGS oder MINOR THREAT haben einfach Punk-Alben gemacht. Die Plattenfirmen haben damit begonnen, Unterschiede zu finden. Wir waren neben KRAUT aber die erste Band aus New York City, die damals mehr als eine 7‘‘-Inch veröffentlichte. KRAUT gehörten zu meinen Lieblingspunkbands und sie haben ein Album veröffentlicht – dann waren wir dran und haben New York gemeinsam in die Köpfe der Menschen gebracht.

Deine Kollegen in der Band bezeichnen dich immer als „Band-Manager“. Was meinen sie damit genau?

Das heißt nichts anders als das ich der Babysitter bin, der für alles verantwortlich ist. (lacht) AGNOSTIC FRONT waren immer schon meine Band, ich habe das ganze Projekt sehr persönlich genommen und immer darauf geachtet, dass alles für uns passt. Wir haben keine Manager und booken sogar meist selbst die Konzerte – die Band ist einfach mein Baby.

Gitarrist Vinnie Stigma, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, und du waren immer die treibenden Kräfte der Band, obwohl ihr ja eine Art Liebeshassbeziehung pflegt.

(lacht) Sagen wir so – es ist wie eine schlechte Ehe, aber aus Liebe zu den Kindern sind wir noch zusammen. Vinnie ist aber mein Bruder und wenn wir unterwegs sind, klappt es. Wir sind fokussiert, weil wir das Beste für die Band wollen. Heute ist alles einfacher, denn während er in New York geblieben ist, bin ich nach Arizona gezogen. So wie jeder andere auch, haben wir unsere Familien, Kinder und benötigen unsere Pausen.

Zwischen euch hat es aber schon auch öfter grob gekracht. Das war wohl auch der Mitgrund für den fünfjährigen Break zwischen 1992 und 1997.

Ich sehe das eigentlich anders. Möglicherweise kommt das von uns so rüber und die Menschen sehen das so, ich selber aber nicht. Auch Vinnie würde das verneinen.

Über euch beide wird gerade eine Dokumentation mit dem Titel „The Godfathers Of Hardcore“ gedreht.

Ian McFarland von BLOOD FOR BLOOD ist der Regisseur dieser Doku und sie wird wirklich sehr persönlich sein. Wir haben ihm auch exklusiv den Zugang zu uns gewährt, zu unserem Alltag mit all den Stärken und Schwächen darin. Auch wie wir beide miteinander umgehen. Ich wollte bei der Produktion nichts damit zu tun haben und habe Ian machen lassen, aber das Ergebnis wird wunderbar sein. Ich vertraue ihm da völlig und bin schon gespannt, wie das am Ende rausschauen wird.

Wie persönlich wird das?

Wirklich sehr persönlich, er hat sogar fünf Tage mit mir und meiner Familie in meinem Haus in Arizona gelebt und bei meiner Mutter gedreht.

Als Urgestein und Sprachrohr der New Yorker Hardcore-Szene war dein Umzug nach Arizona für viele sicher sehr überraschend. Wie kam es dazu?

Das war eigentlich eher ein Unfall, um ehrlich zu sein. (lacht) Meine Frau hat ihr Studium nie abgeschlossen und mit mir lange in New York gelebt. Irgendwann wollte sie das aber beenden, um ihr persönliches Kapitel abschließen zu können und wollte dafür nach Arizona zurückziehen. Ich habe sie dabei natürlich unterstützt, wollte anfangs ein Jahr mitgehen, aber dann kamen plötzlich die Kinder und wir haben über die ganze Situation nachgedacht. Es ist dort billiger, es ist ruhiger und einfacher. New York ist für einen Single perfekt, aber mit einer Familie auch nicht die ideale Stadt. Und auch von Arizona aus kann ich die ganze Welt bereisen – die Entscheidung stand dann irgendwann.

Auf eurem neuen Album „The American Dream Died“ gibt es ja auch einen expliziten Song, wo du preisgibst, das alte New York zu vermissen.

Es ist einfach nicht mehr meine Stadt. Das soll jetzt keine Negativwerbung sein, die Stadt lebt wohl wie nie zuvor, aber ich kann mich nicht mehr damit identifizieren.

Aber dass sich Städte verändern, das gibt es ja überall auf der Welt.

Klar, du kannst das auch auf Berlin, Amsterdam, Boston oder Wien umlegen. Alles wird immer zentraler und dichter und für Familien ist das meistens furchtbar.

New York ist immer noch ein gutes Pflaster für Hardcore, aber haben sich Attitüde und Verhalten der jüngeren NY-Hardcore-Bands deiner Meinung nach verändert?

Ich denke schon. Die Bands haben auch andere Sorgen und Probleme als wir damals. Die 80er-Jahre waren für den gesamten Hardcore brutal. Wenn du dieses Jahrzehnt überlebt hast, dann hast du es geschafft. Ab den 90ern wurde alles viel einfacher, weil Punks, Hardcore-Kids und Metaller plötzlich miteinander konnten – in den 80ern war das undenkbar. Ein Skinhead konnte da niemals mit einem Metalhead ein Bier trinken. Aber durch MTV und Co. vermischte sich alles immer mehr und alle wurden toleranter. Ich hatte immer schon ein Herz für Nachwuchsbands aus dem Hardcore-Bereich, habe viele auf Tour mitgenommen und bin immer nach der Qualität gegangen. Nicht jeder wird cool und tough geboren, aber das heißt nicht, dass die Musik nicht großartig ist.

Hardcore war immer extrem politisch…

…Mann, du hast ja keine Ahnung wie das früher war. Das Leben war hart. 1980 hattest du in jedem verdammten Land Zollkontrollen, Leute in deinem Alter können sich ja kaum vorstellen, was das Zeit und Kraft gekostet hat. Du konntest in Europa nicht einfach von Land zu Land fahren, das war jedes Mal ein Abenteuer. In manchen Ländern waren unsere Songs verboten. In Russland habe ich einmal einen Fan getroffen, der mir erzählte, er musste in den Knast, weil er uns gehört hat. Wie irre ist das eigentlich? Die Welt war damals eine ganz andere.

Findest du, dass die Hardcore-Bands von heute überhaupt dieselbe Wut, denselben Ansporn haben können wie ihr damals?

Ich denke schon, die Wut ist nur anders kanalisiert und es geht um Themen, die mich selber nicht betreffen. Sie können auch von ihren Vätern geschlagen werden, ein beschissenes Familienleben haben, oder keine Jobaussichten. Mit dem Scheiß muss sich jeder auseinander setzen – generationsunabhängig. Wenn du meine Lyrics in eine Flasche steckst und ins Meer schmeißt, sie werden auch 200 Jahre später noch gültig sein, wenn jemand die Flasche findet und öffnet. Die Wut auf „Victim In Pain“ ist zeitlos. Das ist Hardcore – unabhängig von mir und AGNOSTIC FRONT als solches, das Vermächtnis dieses Albums bleibt für immer.

Wie hat sich denn dein Leben, deine Arbeit verändert, seit du Kinder hast?

Bands wie wir, die eher kleiner sind, werden durch die neuen Systeme in der Industrie ohnehin verletzt, aber wir sind Roadwarriors und die ganze Zeit unterwegs. Aber es ist natürlich hart, die Familie zu verlassen. Es ist unmöglich sie mitzunehmen, weil es finanziell absolut nicht schaffbar ist. Ich lebe in einem Tourbus und ich kann keine Kids im Alter von sechs und acht mitnehmen. Ich kann mich nur immer bei meiner Frau bedanken, dass sie weiß, wie wichtig mir das ist und sie mich immer unterstützt hat. Ich habe drei Lebensphasen. Ich arbeite zu Hause an der Musik, auf Tour bin ich der Sänger und ansonsten der Familienmensch. Das Internet hat den Kontakt zum Glück erleichtert, durch Skype kann ich sie auch sehen.

Glaubst du aus deiner noch recht frischen Vaterperspektive heraus, dass es Kinder heute schwerer haben als früher – zum Beispiel als du noch sehr jung warst?

Nicht wirklich, ganz im Gegenteil. Durch das Internet ist doch alles viel leichter geworden. Ich habe auch eine 28-jährige Tochter und die konnte ich damals nur alle heiligen Zeiten mal anrufen, wenn ich auf Tour war. Das war einfach furchtbar. Wenn ich das auf die Musik herunterbreche – der Vorteil ist, dass du jedem Zugang zu deiner Musik geben kannst, der Nachteil, dass dich alle sofort anonym und tief beleidigen können.

Viele Menschen schieben euch schon seit Anbeginn eurer Karriere ins politisch rechte Eck.

Mann, diese Links/Rechts-Diskussionen verfolgen uns wirklich unser ganzes Leben. Das ist endlos und jedes Statement von uns war dafür umsonst. Meine Texte sagen ohnehin alles, wenn alle Leute sie lesen würden, hätten wir niemals diese Unterhaltung. Als ich mit 16 in die Band kam, habe ich natürlich Mist gebaut, jeder 16-Jährige baut hie und da einfach mal Scheiße. Aber als wir älter wurden, haben wir das Leben auch besser verstanden. Uns aber immer mit diversen Dummheiten zu konfrontieren, die wir vor 35 Jahren gemacht haben, ist grauenhaft. Es ist so, als ob du einen 13-Jährigen lebenslang hinter Gitter steckst. Menschen machen Fehler und jeder sollte die Chance bekommen, sich zu verändern und die Fehler auszubessern. Andere sollen froh sein, dass sich Menschen verändern und versuchen besser zu werden – seid dankbar dafür. Man kann nicht alle immer verfolgen, ich kann nicht immer den Finger auf jemanden zeigen, der völlig anders ist als früher. Ich war im Knast, weiß du was ich meine? Ich habe gesehen, wie sich Menschen dort verändern

Du musst selber sehr glücklich gewesen sein, dass du von vielen Freunden damals Rückhalt bekommen hast. Dort kristallisiert sich wohl schnell heraus, welche Freunde echt sind und welche nicht.

Es ist die härteste Zeit deines Lebens, wenn du das herausfindest. Manchmal machst du Sachen, weil deine Freunde das auch machen. So war es etwa mit der Band – ich kam dort hin, weil meine Kumpels auch dort spielten. Aber wenn du dadurch ein paar Mal schwere Fehler gemacht hast, dann realisierst du, dass das gar nicht du bist. Es dauert, ein Verständnis dafür aufzubauen. Die Welt heute ist politisch leider überkorrekt und Menschen mit Ecken und Kanten sind die Verlierer. Ich werde niemals der sein, der den Finger auf junge Menschen richtet, die dumme Fehler machen.

Welche Ratschläge hättest du denn für deine Kids parat, wenn du dein buntes Leben resümierst?

Meine Kinder sollen ihr Leben leben – ich pfusche da nicht rein. Sie müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen. Ich versuche sie schon, in die richtige Richtung zu drehen, aber ihr kann nicht ihr Leben führen. Ich denke, wir sind großartige Eltern und ich will nur nicht, dass meine Kinder dieselben Probleme haben, die ich hatte. Wenn du ehrlich zu deinen Kids bist, wird das Ergebnis ein besseres sein. So denke ich auch über meine Freunde und Fans. Ich bin immer ehrlich und rede mit allen – keiner will ein Teil einer Fake-Story sein.

Und wenn eines deiner Kinder einmal Polizist werden will? Das würde gar nicht zu dir und deiner ganzen Attitüde passen.

Das wäre total okay. Ich glaube an gute Cops, mein Cousin ist auch einer und er ist sehr fair. Es gibt überall gute und schlechte Menschen, egal in welchem Berufsfeld. Meine Songs drehen sich darum, die Unterdrückung zu verhindern und die bösen Leute niederzuhalten. Menschen macht oft die falschen Dinge, weil sie sich fügen und zu stark nach Sicherheit streben. Ich habe auf dem neuen Album nicht umsonst einen Song namens „Police Violence“ – ich habe Polizeigewalt persönlich erlebt. Das ist alles echt, keine erfundene Scheiße. Sie missbrauchen oft ihre Kräfte, ihre Autorität und ihre Waffen – sie stehen nicht über dem Gesetz, das muss verhindert werden. Zum Glück gibt es wirklich viele gute Cops.

Das Waffenrecht ist immer ein interessantes Gesprächsthema zwischen einem Europäer und einem Amerikaner. Wie siehst du die Sache?

Ich bin nicht dafür, dass jeder Waffen besitzen darf. Ich gehöre zu den Menschen, die Waffen besitzen und registriert sind. Ich habe automatische Waffen und ein Maschinengewehr. Das weiß der Staat, aber das Problem sind die Leute, die Waffen besitzen und nicht registriert sind. Wenn du jetzt jedem in den USA, der registriert ist, die Waffen wegnehmen würdest, würden die Kriminellen das Gefüge auf den Kopf stellen. Es weiß ja niemand, wie viele es davon gibt. Das Verbrechen würde ins Unendliche steigen. Ich glaube daran, dass sich die Leute bewaffnen und selbst verteidigen sollten, wenn sie registriert sind. Nicht nur gegen Kriminelle, ich traue auch der Regierung nicht. Was ist, wenn du dich nicht verteidigen kannst? Die Waffenkontrolle sollte einfach strenger sein. Ich habe zum Beispiel für fünf Jahre die Erlaubnis, Waffen mitzutragen. Ich könnte meine Frau schlagen und vor einem ganzen Jahr Wartezeit würde mit Sicherheit nichts passieren. Solche Dinge könnten auch strenger geregelt sein. Das wahre Problem sind die Geisteskrankheiten. Waffen töten keine Menschen, die Menschen selbst sind es. Meine Waffe würde von ganz alleine keinen töten. Auch dein Auto tötet niemanden, ohne dass du es verursachst. Der Amoklauf in der Kirche in den USA hat gezeigt, dass Rassismus leider noch immer köchelt und das passiert weltweit. Die Medien blasen alles auf und wollen Menschen nur verängstigen. Mehr wollen sie nicht. Sie wollen, dass du dich der Regierung unterstellst, weil sie meist unter einer Decke stecken. Wenn du deiner Regierung vertraust, ist das für mich okay. Ich tue das jedenfalls nicht.

Lass uns doch auch über das Album „The American Dream Died“ sprechen. Wann ist deiner Meinung nach der amerikanische Traum gestorben?

Das ist ein Statement, das nicht zeitgebunden ist. Ich stamme aus Kuba und meine Familie zog als ich klein war in die USA, um den amerikanischen Traum zu leben. Wenn du an die typischen Klischees wie Hot Dogs, Apfelkuchen oder Baseball denkst, existiert er natürlich immer noch, aber der wahre amerikanische Traum ist für mich, wie Menschen in einem Land behandelt werden, wie es um die Chancengleichheit bestellt ist, wie frei ich mich bewegen kann – darauf spreche ich am Album an. Ich singe von der Polizeibrutalität, die dir Bürgerrechte nimmt, von Konstitutionen, die dich in deinem Tun beschränken wollen. Vielleicht haben wir einmal einen Polizeistaat? Wer will das? Natürlich kannst du dir in Amerika ein schönes Auto und ein Haus in der Vorstadt kaufen, wenn du fleißig bist, aber darüber singe ich nicht wirklich. Meine Texte gehen tiefer.

Du bist jetzt 51 Jahre alt – ist es mit steigendem Alter schwieriger, sich immer und immer wieder gegen das Establishment in Szene zu setzen?

Nein, du brauchst nur die Nachrichten anschauen. Das ist das Problem mit Amerika – die Leute sind zu beschäftigt, sich dämliche Reality-Shows oder den Kim-Kardashian-Bullshit anzusehen, statt einmal das reale Leben zu verfolgen. Das Fernsehen ist voller Müll. Ich schaue mir CNN, ABC und Kunstsender an – ich traue den amerikanischen Sendern nicht, egal ob rechts oder links. Die Medien instrumentalisieren schon alles sehr geschickt, sodass es ziemlich einfach ist, wenn du als durchschnittlicher Bürger gleich einmal wegen eines Themas aufgebracht bist. Ich habe die Möglichkeit die Welt zu bereisen und sehe Dinge, die Amerikaner nicht sehen. Der typische Amerikaner verlässt sein Land niemals und kennt nicht mal die Länder, in denen wir als Band vielleicht schon zwölf Mal waren. Die Hälfte der Bevölkerung weiß nicht einmal, wo der Iran oder Irak liegen.

Da mangelt es aber im amerikanischen Schulsystem, denn von z.B. Europa haben wirklich nicht viele eine Ahnung.

Kommt immer darauf an, wo. Außerdem unterrichten sie, was sie glauben, das sinnvoll ist zu unterrichten. Die hässlichen Dinge der Vergangenheit wollen sie sukzessive auslöschen und der Patriotismus steht über allem. Ich will mich aber herausfordern und ich habe nur ein Leben auf dieser Erde. Ich weiß, dass ich die Welt nicht verändert kann, aber ich kann ein Statement setzen. Ich kann mich gegen das herkömmliche Gefüge stellen und darum geht es mir bei AGNOSTIC FRONT.

Mike Ness von SOCIAL DISTORTION hat mir erzählt, dass er das Touren in Europa früher verabscheut hat, weil die ganze Kultur und Lebensweise so anders war als in den USA. Er kam damit lange überhaupt nicht klar.

Ich habe es anfangs auch gehasst, weil ich nur einen kubanischen Pass hatte und das Reisen in Europa die Hölle war. Es war ein Albtraum, aber ansonsten liebe ich diesen Kontinent. Die Passion der Menschen und die ganze Kultur sind einzigartig. Natürlich ist die Kultur anders und das Essen schmeckt auch anders, aber Mann – die Leute hier lernen deine Lyrics auf Englisch. Ich spreche kein Deutsch oder Französisch, die Menschen hier aber sehr wohl meine Sprache. Das darf man nicht immer für selbstverständlich nehmen, ich finde es großartig und bin dankbar dafür. Meine Songs können dadurch über die ganze Welt touren.

Bis zu deiner US-Staatsbürgerschaft hat es ja lange gedauert.

Da ich so lange im Knast saß, wurde es nichts daraus. Ich brauchte einen guten Anwalt, der das im Endeffekt einmal regelte. Ich wurde tatsächlich erst 2007 amerikanischer Staatsbürger. Das musst du dir mal vorstellen. Da war ich 43 und ich wusste nicht einmal, ob ich den Pass wollte. Aber es erleichtert beim Reise natürlich vieles. Irgendwann wird dir das aber ansonsten einfach mal egal.

Obwohl eure neuen Alben allesamt sehr stark ausgefallen sind, sind die Fans meist darauf erpicht, die alten Klassiker zu hören. Ist das manchmal ärgerlich?

Ich sehe das eigentlich ganz anders als du. Gerade in Europa stehen die Leute auf die neuen Sachen, in den USA ist das komplett anders. Deshalb toure ich auch so gerne hier, weil die Leute in Europa einfach verstehen, dass wir immer noch Feuer unterm Hintern haben. Es ist aber wie es ist. Wenn wir ein neues Album haben, supporten wir es aber sowieso. Es ist natürlich umso schöner zu sehen, wenn ein paar neuere Songs sich zu Klassikern entwickeln. Auch das ist nicht selbstverständlich.

Vinnie Stigma wird heuer 60 – du bist eben gerade 51 geworden und eure Shows pulsieren nur so vor Energie, Schweiß und Einsatz. Wie lange geht so etwas noch?

Rein physisch ist das alles kein Problem. Zumindest für uns zwei nicht. Auch geistig sind wir auf der Höhe, nur nach drei Wochen wollen wir auch gerne wieder heim zu unseren Familien. 2007 haben wir einmal eine neunwöchige Tour in Europa gemacht, aber damals hatte ich noch keine Kinder. Heute interessiert mich das nicht mehr. Mehr als drei Wochen am Stück machen wir nicht, dafür halt durchaus etwas öfter aufs Jahr verteilt. Aber ich will auch nach Hause arbeiten und zu meiner Familie. Ich kann es mir nicht leisten, meinen Job zu verlieren. Und meine Familie ist mir wichtiger als alles andere. Für mich ist der Kompromiss aber gut.

Bist du auch ruhiger geworden über die Jahre?

Ich war schon immer ein ruhiger, nachdenklicher Typ. Stigma ist der Irre, den jeder mag und mit dem jeder kann. Ich war immer der nachdenkliche Typ und gerade heute ist das stärker so, denn je zuvor. Als ich jung war, war mir das mehr egal, da habe ich gehandelt und erst später gedacht. Mit Kindern kannst du auch nicht mehr einfach so tun und lassen was du willst.

Wir müssen natürlich auch noch ein paar Wörter über deine Biografie wechseln, die du gerne herausbringen möchtest.

(lacht) Ich glaube, das will ich bereits seit 1996. Mir hilft Jon Wiederhorn, der auch mit Al Jourgensen an seiner Biografie gearbeitet hat. Er hat mir vor vier Jahren angeboten, mir zu helfen, aber ich wollte das aus falschem Stolz ganz alleine machen. Aber es war dann doch die einzig sinnvolle Entscheidung, ihn einzubinden. Er hat es eineinhalb Jahre später noch einmal probiert und ich habe das MINISTRY-Buch gelesen und war überzeugt von seinen Fähigkeiten. Ich habe ihm dann alles gegeben, was ich habe und ihm überall Zugang gewährt. Wir haben schon einige Kapitel komplett fertig und momentan geht das gut dahin. Ich habe meinen Stolz zurückgestellt und momentan fließt einfach alles. Ich brauche auch mehr Pausen. Ich will es jetzt endlich fertigstellen, der Zeitpunkt passt einfach.

Warum sollte man sich bei dem Wulst an Musikerbiografien ausgerechnet deine kaufen?

Keiner muss das Buch kaufen. (lacht) Es geht nicht nur um New-York-Hardcore, sondern vor allem um mein ganzes Leben. Es beginnt schon in meiner Kindheit in Kuba und es wird ganz viel Privates beinhalten. Ich erwarte auch nicht, dass das Buch ein Bestseller wird, aber falls jemandem mein Leben interessiert, wird er darin alles finden. Ich selbst bin jemand, der alles über eine Band wissen will, die ihm gefällt. So geht es auch vielen Fans von uns. Es war auch für mich spannend, denn wenn du dein Leben niederschreibst, gehst du weit zurück in die Vergangenheit und recherchierst auch an Stellen, die schmerzhaft sein können.

Und die schmerzhaften Situationen willst du mit jedermann da draußen teilen?

Das ist auch das Schwierigste, denn ich bin eine sehr introvertierte Person und hasse es, Leute von außen in mein persönliches Leben zu lassen. Ich will nicht bewertet werden von Leuten, die keine Ahnung von meiner Vergangenheit und meinem Weg haben, mich interessieren nicht einmal ihre Meinungen. Aber wenn du das Buch kaufst, dann hast du natürlich auch ein Recht mitzureden, was wohl auch frustrierend sein könnte. Ich weiß, dass ich viele Hater habe, sehr viele Kritiker, die nie verstanden haben, worum es mir und AGNOSTIC FRONT geht. Jetzt erlaube ich aber auch diesen Menschen, an meinem Leben teilzuhaben. Mit dem Buch und auch mit der Dokumentation. Wenn ich ehrlich bin, tue ich das in erster Linie für meine Kinder. Ich will, dass sie genau über mich und mein Leben Bescheid wissen – über alles, auch die negativen Seiten. Ich weiß genau, dass das viele wieder kritisieren werden, aber das bin ich den Kids schuldig. Ob euch das gefällt oder nicht.

Das war dir aber schon vorher klar, dass diese Aktion auf Kontroversen stoßen wird?

Natürlich, ich stehe auch auf Kontroversen, das ist kein Geheimnis. Die SEX PISTOLS haben schon erkannt, dass gegen den Strom schwimmen auch was Gutes sein kann. Warum müssen heute immer alle die gleiche Meinung haben, gleich denken, gleich agieren? Das ist doch verdammt langweilig. Willst du immer der sein, der sich von anderen diktieren lässt, was er zu mögen oder zu tun hat? Das hätte auch mir alles passieren könnte, aber man muss es zulassen. Nur Leute die zulassen, dass man sie herumschubst, werden herumgeschubst. Es obliegt jedem selbst, das gar nicht so weit kommen zu lassen. Du hast nur ein Leben und egal welche Entscheidung du triffst, es ist deine und nicht die eines anderen – das ist das Wichtigste.

Würdest du sagen, dass Johnny Rotten und Sid Vicious damals der Gipfel der Anarchie waren?

Es gab auch im Punk große Unterschiede. Die SEX PISTOLS waren eine Rock’n’Roll-Band, nicht so wie die RAMONES, die wirklich schnell spielten. Aber sie hatten eine Attitüde und etwas Interessantes zu sagen. Johnny Rotten lebt noch immer und ist noch immer unangepasst – das ist genau das Leben, das man zu führen hat. Viele Bands haben gedacht, durch denselben Kleidungsstil wie ihre Idole wären sie genau solche Bad Boys. Absoluter Bullshit, dieses „Passion For Fashion“-Ding. Jede Szene, die groß wird, hat ein paar Idealisten, die etwas weiterbringen und die muss man fördern. Mitläufer gibt es ohnehin zuhauf. Vertrau mir, ich habe in den 35 Jahren so viel gesehen, mich kann nichts mehr überraschen. Viele Leute haben eine Leidenschaft für die Musik und den Lebensstil und mit genau solchen Typen gebe ich mich auch ab. Es ist aber auch okay, wenn jemand mal für zwei, drei Jahre eine Szene probiert und wieder geht. Mir steht es nicht zu, darüber zu richten, aber diese Leute sind auch nicht die, mit denen ich meine Zeit verbringe.

Hattest du in deiner Karriere Phasen, wo du keinen Hardcore mehr machen wolltest?

Manchmal habe ich solche Phasen, gestern beispielsweise, als ich in der Slowakei vor unserer Show meinen 51. Geburtstag hatte, war ich mal für drei Stunden alleine und habe mir gedacht, warum ich an so einem Tag nicht bei meiner Familie sein kann. Welchen Sinn haben wir noch für die Welt? Was wird passieren, wenn wir vielleicht in zwei, drei Jahren aufhören würden? Werden sich die Menschen bedanken, dass es uns gab oder wird es jedem scheißegal sein? Ich überlege mir oft solche Sachen. Ich habe auch selber viele Sachen nicht gemacht, über die ich mir den Kopf zerbreche. Ich habe nicht einmal die verdammte Highschool abgeschlossen und frage mich oft, warum das überhaupt so war. Ich habe da auch keine Sicherheit im Gegensatz zu anderen. Ich sehe meinen Platz auf der Erde als den, dass ich den Menschen Botschaften übermitteln kann. Vielleicht sollte ich so etwas wie ein Sprecher sein, der ich durch die Musik auch bin. Aber was würde ich sonst tun? Es ist nicht so, dass mich diese Fragen nicht plagen würden.

Hoffentlich machst du AGNOSTIC FRONT noch länger. Biografie und Lebensrückblenden klingen eigentlich ziemlich stark nach Pension.

Ja, wer weiß das auch schon? AGNOSTIC FRONT ist ein unheimlich wichtiger Teil meines Lebens, aber längst nicht alles. Ich kann immer noch als Mechaniker oder Elektriker arbeiten, wenn einmal alle Stricke reißen sollten. AGNOSTIC FRONT ist meine Passion, aber ich würde nicht völlig durchdrehen, wenn es mal nicht mehr passen und klappen sollte. Ich habe auch andere Standbeine und Interessen.


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