Vital Remains - Tony Lazaro

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Manchmal glaube ich, ich bin mit diesen verdammten Arschlöchern verheiratet - bei VITAL REMAINS regiert neben Satan auch die große interne Liebe.

Eine schöne Sommerüberraschung gab es unlängst mit dem Gig der US-Death-Metal-Institution VITAL REMAINS im Wiener Escape Metalcorner. Auch wenn der Zuschauerzuspruch durchaus höher hätte sein können, war der Gig ein musikalischer Triumphzug. Spätnachtens haben wir uns auch noch mit Gitarrist und Bandgründer Tony Lazaro zusammengesetzt, um über Kneipenschlägereien, moderne Kreuzzüge und abartige Priester zu reden.

Veröffentlicht am 15.07.2015

Samstagabend, 19 Uhr, Sommerhitze, Interview mit VITAL REMAINS. Oder doch nicht. Das tschechische Extreme-Metal-Festival Obscene Extreme hat in seinen vielen Jahren schon so manchen gestandenen Musiker in die Knie gezwungen, auch das satanische Death-Metal-Kommando aus Rhode Island gibt aufgrund langer Party und darauffolgendem Stau Richtung Escape Metalcorner in Wien w.o. und bittet freundlich darum, das Interview nach die Show zu verlegen. Kein Problem für das Stormbringersche Außendienst-Gespann Baumgartner/Fröwein, schließlich lässt es sich nach diabolischer Live-Huldigung und ein paar Happy-Hour-Wieselburger-Bieren wesentlich leichter quatschen. Gegen 1 Uhr morgens ist es schließlich soweit und der Rhythmusgitarrist und letztes übrig gebliebenes Gründungsmitglied, Tony Lazaro, quetscht seinen stattlichen Körper (lt. Konzertpromoter Ronny Frohner hat er beim Abendessen nicht gegeizt) auf die Couch im Backstage und nimmt das interviewende Buben-Duo mit seiner unbeugsamen Leidenschaft, den jugendlichen Elan und der sympathischen Ausstrahlung sofort gefangen. Mehr Fan als Musiker, mehr Passion als Pflichtbewusstsein. Das sind die Träume, aus denen der (Death)Metal-Underground gemacht ist und Mr. Lazaro beweist einmal mehr eindrucksvoll, dass es zur persönlichen Glückseligkeit kein Geld, sondern nur Leidenschaft braucht. Doch lest selbst:

Stefan Baumgartner: Tony, lass uns doch zu Beginn kurz die Anfänge von VITAL REMAINS aufrollen. Stimmt es, dass die Band nach einer Schlägerei zwischen verschiedenen Musikern entstand?

Ja, da liegst du nicht so falsch. 1988 war das und es war üblich, dass alle Kids, die wir damals waren, aus allen Stadtteilen kamen, um sich die Metalshows anzusehen. Der Club nannte sich The Living Room in Providence, dort spielten schon SLAYER „Hell Awaits“ und „Reign In Blood“ und auch VENOM und MERCYFUL FATE waren Anfang der 80er schon dort. Wir sind dort abgehangen und haben gesoffen, um uns die Bands anzusehen. Unser ex-Gitarrist, Paul Flynn und ich hatten verschiedene Freundeskreise und unter denen kam es irgendwie zum Streit. Paul konnte Karate und es ging dort ordentlich zur Sache. Wir kannten uns nicht wirklich gut und standen kurz davor, uns gegenseitig aufs Maul zu hauen, haben dann aber uns gegenüberstehend doch gelacht und gewusst, dass das eigentlich dämlich wäre (lacht). Wir sind dann Freunde geworden und nach einer gewissen Zeit haben wir uns über seine alte Band unterhalten. Wir haben dann beschlossen, dass wir das Ganze etwas ernsthafter angehen möchten, ein Demo aufnehmen und all das. So begann die ganze Geschichte. Statt Gewalt entstand Freundschaft und eine Band. Die Sache hätte auch im Spital oder im Knast enden können, aber hey – stattdessen entstanden VITAL REMAINS (lacht).

SB: Kannst du dich noch erinnern, welches Konzert an besagtem Abend stattfand?

Oh mein Gott, ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Fuck, ich wünschte, ich würde es wissen, aber das ist zu lang her (lacht).

SB: „Forever Underground“ ist nicht nur ein Albumtitel von euch, sondern im Prinzip auch eine Erklärung eurer Bandgeschichte. Warum habt ihr niemals den Sprung in die Death-Metal-Oberliga geschafft, so wie etwa CANNIBAL CORPSE, MORBID ANGEL oder DEICIDE?

Wir hatten niemals ein großes Label, das uns gepusht hat. Uns gibt es schon 27 Jahre lang und wir spielen uns seit unserem Beginn so gut es geht die Ärsche ab, aber es gab leider niemanden, der uns half, die nächste Stufe auf der Leiter zu erklimmen. Wir hatten auch kein großes Management, sondern immer alles selbst gemacht. Aber das ist fein, denn ich bin stolz darauf, im Underground verhaftet geblieben zu sein. Ich liebe es, in kleinen Venues wie hier im Wiener Escape zu spielen. Ich will mich nicht als Freak bezeichnen, aber wenn sich jeden Abend 100 bis 200 Leute in einem verschwitzten Club die Scheiße rausmoshen und einfach Spaß haben, ist das genau richtig für mich. Ich mag es auch, auf Festivals wie gestern am Obscene Extreme zu spielen, aber du kannst niemals die Intimität der Clubs erreichen. Wir kommen aus dem Underground und ich bin den Fans wirklich dankbar für alles. Selbst wenn wir größer werden, würde ich niemals vergessen, woher ich komme.

Möchte ich bekannter sein und mehr Fans haben? Natürlich, wer auch nicht? Aber will ich so groß sein, dass ich 20 Meter Entfernung zwischen mir und den Fans vor der Bühne habe und die Leute nur zwischen 16 Uhr und 16.15 Uhr treffen kann, ohne dass sie mich berühren dürfen? Niemals, für keinen Preis der Welt. Ich habe nie daran gedacht, Death Metal zu spielen und damit groß zu werden. Was ist eigentlich groß, wie definiert sich das? Selbst wenn du MORBID ANGEL oder CANNIBAL CORPSE bist, verkaufst du keine 5.000er-Arenen aus, sondern hast deine 600 bis 700 Leute vor Ort. Sei einfach bescheiden, genieße deine Musik und deine Fans und lass nicht zu, dass dir dein Ego über den Kopf wächst. Ich mag unseren Status, uns umweht auch ein gewisser Kult. Selbst bei Festivals sind wir die ersten, die nach unserem Gig rausgehen und mit den Leuten abhängen und nicht backstage bleiben. Unsere ganze Attitüde ist Underground, und darauf sind wir verdammt stolz.

Robert Fröwein: Was euch von allen anderen in der Szene hervorhebt, ist die meist unglaubliche Länge eurer einzelnen Songs – kommt euch das einfach so in den Sinn oder plant ihr das bewusst?

Das entsteht ganz natürlich. Ich schreibe immer nach meinem Herzen und meinen Gefühlen und schaue nicht auf die Uhr und sage: „Hey, wir schreiben jetzt einen Drei-Minuten-Track für das Radio.“ Ich kann mich noch erinnern, als ein DJ zu uns kam, nachdem wir unser Debütalbum „Let Us Pray“ veröffentlichten und er sagte, er müsse die Hälfte des Songs diese Woche, und die andere nächste Woche spielen (lacht). Das war so irre, dass ich ihm versprochen habe, einen 15-Minuten-Song zu schreiben, damit er ihn am Ende sogar dreiteilen kann. Wenn ich das Gefühl habe, dass der Song fertig ist, stoppe ich. Da gibt es kein Zeitlimit. Für die Songs am kommenden Album habe ich mir selbst vorgenommen, ein paar kürzere Songs zu schreiben, aber am Ende war mein üblicher Stil stärker und plötzlich waren es wieder längere Nummern, auf einmal war ein Song wieder sieben Minuten lang. Das ist einfach so, ich kann gar nicht anders. Du schreibst in erster Linie für dich und nicht für andere und dann entsteht eben auch mal so etwas. Du kannst dann nur hoffen, dass die Fans dich verstehen und dir und deinen Songs folgen können.

SB: Wie arbeiten bei euch eigentlich die Musik, die Texte, die Botschaften und das ganze Image zusammen?

Wir waren immer eine Black/Death-Metal-Band und die Leute haben uns Zusatzbezeichnungen wie „Old School“ oder „Satanic“ gegeben. Was auch immer, wir vermischen einfach alle meine Einflüsse. Das geht von VENOM über MERCYFUL FATE, SLAYER, DESTRUCTION bis hin zu POSSESSED, KREATOR oder die Klassiker wie BLACK SABBATH, JUDAS PRIEST oder IRON MAIDEN. Es ist im Prinzip wie eine Suppe zu kochen – du haust einfach alles rein, was du magst. Ich habe immer schon sehr viel Musik gehört, hatte unzählige Einflüsse und als Ergebnis kriegst du VITAL REMAINS.

RF: Wie wichtig ist dir Satanismus oder die Religion als solches abseits der Band persönlich?

Unser Sänger Brian Werner war in einer satanischen Organisation tätig. Viele Bands nutzen ihr satanisches Image nur dafür, um Sachen zu verkaufen oder um cool zu sein. Es braucht eine Menge Eier, um zu sich und seinem Glauben zu stehen und Brian hat das gemacht. Er war auf Fox News und anderen Sendern zu sehen, wo er seinen Standpunkt der Dinge wieder und wieder erläutert hat. Wenn du dir das Christentum und die Zehn Gebote ansiehst, kannst du den Satanismus nicht ausschließen. Es ist genauso eine Form der Religion, nur am anderen Ende angesetzt. Warum dürfen in einem Regierungsgebäude Kreuze hängen und Bibeln herumliegen? Wenn, dann muss das für absolut alle Religionen gelten. Die Bibel erzählt nur von dem guten Typen und dem Bösewicht, aber die Aktionen des Bösewichts machen oftmals mehr Sinn als die des guten Typen. Der gute Typ hat doch genauso eine dunkle Seite und ist sehr egoistisch. Die Toleranz der Religionen sollte auch endlich auf die satanische Seite der Philosophie umschlagen. Brian wurde für seine Ansichten bedroht, aber er steht dazu.

Auch ich war vor einigen Jahren noch viel tiefer in diesem Glauben, aber je älter ich wurde, umso wichtiger wurde mir die Musik im Gegensatz zum Satanismus. Ich bin nach wie vor fest der Meinung, dass jeder sein Leben so verbringen sollte, wie er will – ganz nach den Prinzipien von Aleister Crowley oder Szandor LaVey: Mach, was dich glücklich macht und scheiß auf alle anderen. Ich denke, ich kann meine Botschaften über die Musik viel besser ausdrücken als in einer Gruppe von Menschen, die sich einmal im Monat trifft und noch nicht einmal ein richtiges Ziel verfolgt. Auch Brian, der doch um einiges jünger ist als ich, macht gerade diesen Erfahrungsprozess durch. Ich bin als katholisches Kind in New England aufgewachsen, meine Eltern waren sehr religiöse Katholiken und haben mich auch in eine katholische Schule gesteckt. Ich habe in der Kirche einfach viele scheinheilige Dinge entdeckt. Ich war als Kind gedanklich schon sehr reif und habe mich früh mit diesen Dingen auseinandergesetzt. Schon als Sechsjähriger habe ich einem Priester misstraut, er wollte, dass ich bei ihm abhänge und Videospiele zocke. Ich bin aber meinen Instinkten gefolgt und habe das stets verweigert. Der Priester hat sich dann an einem meiner besten Freunde vergriffen. Ich habe das meinem Vater erzählt und er hat mir nur eine angezielt und mich nicht ernst genommen. Ich habe damals schon beschlossen, in keine Kirche mehr zu gehen und meine Eltern flippten natürlich völlig aus. Als ich meinem Vater schließlich erzählte, dass der Priester den Schwanz meines Freundes betatscht hätte, flippte er auch aus und hat nie mehr von mir gefordert, die Kirche zu besuchen. Einerseits machen sie auf heilig und unten, in ihren Kellern, besaufen sie sich, betreiben Glücksspiel und widerlegen jede These, die sie selbst predigen. Alles Scheinheilige.

Ich habe den Pfad zu meiner Linken genommen und mein Vater hat immer gescherzt, dass ich den Weg des Teufels beschritten hätte. Ich war das Gegenteil meiner ganzen Familie, aber ich war einfach sehr früh klug genug, um selbst zu entscheiden. Ich habe dann viel über Religion gelesen, über diesen blinden Glauben und die ganze Scheinheiligkeit. Für mich war das Christentum immer wie ein Krebs, ich wünschte mir immer schon, dass die Leute mehr an sich selbst glauben, anstatt den Glauben in etwas zu stecken, das sie furchtbar sterben lässt. Es ist traurig, aber so ist es. Das hat sich dann alles in die Musik geschoben und die Musik war für mich die perfekte Ausdrucksform, um meinen Ärger abzubauen. Ansonsten wäre ich womöglich durchgedreht und im Knast gelandet.

SB: Beschäftigst du dich auch mit aktuellen religiösen Themen?

Klar doch, du kommst, wenn es um Religion geht, derzeit auch nicht vorbei, am fundamentalen Extremismus der muslimischen Welt. Auch in den USA gibt es einige Wahnsinnige, die einen einfach nervös machen, auch wenn es bei uns natürlich bei Weitem nicht so extrem ist. Sobald du mit extremen Religionswahn konfrontiert bist und dir diese Menschen ihre Werte vor die Füße werfen, wird es gefährlich. Wir zum Beispiel reden mit den Leuten, sie sollen sich einfach ihre eigenen Gedanken machen zu den Crowley- oder LaVey-Theorien und zwingen keinen dazu, sich uns anzuschließen. Wir respektieren auch andere Meinungen, das machen die radikalen Moslems aber alle nicht. Das ist eine ignorante und gefährliche Sache, die auch die Welt gefährlicher macht als früher. Wir leben in einer Zeit der modernen Kreuzzüge. Die zwei größten Religionen wollen sich im Prinzip gegenseitig umbringen. Die zwei mächtigsten Religionen sind die, die völlig außer Kontrolle geraten sind. Alle anderen stehen in der Mitte und wollen eigentlich nur ihre Ruhe haben, müssen sich aber ständig damit auseinandersetzen.

Ich glaube, dass alles noch viel hässlicher und schlimmer wird, bevor es wieder aufwärts geht. Sie müssen einfach wieder lernen, andere Religionen und Meinungen zu akzeptieren. In den USA passieren gerade wirklich große Veränderungen, wie die Legalisierung der Homo-Ehe. Das ist auch gut so, es soll einfach jeder glücklich sein. Jeder hat das Recht, sein Leben zu führen wie er will und keiner sollte sich deshalb aufregen. Warum durften bis vor kurzem keine schwulen Pärchen heiraten? Was macht das für einen Sinn? Das ist Freiheitsbeschneidung. Wir leben in verrückten, von der Religion verwirrten Zeiten. Du brauchst nur die Nachrichten einschalten und siehst Beiträge über Fundamentalisten, die andere Menschen umbringen. Alles ist außer Kontrolle. Vielleicht braucht es wirklich einen Krieg, um daraus zu lernen. Die Geschichte wiederholt sich, und das ist tragisch. Die Menschen entwickeln sich nicht weiter, sondern gehen zurück oder laufen im Kreis und es kommt mir so vor, als ob wir aus nichts etwas gelernt hätten. Wir wiederholen alle Fehler x-mal. Religionen, Kriege, was auch immer. Genug mit der Politik jetzt (lacht).

RF: Dann kommen wir zurück zur Band. Von einem neuen Album redet ihr schon lange. Wie sieht’s denn jetzt endgültig aus?

Wir werden mit Jason Suecof im November in Florida aufnehmen. Deshalb spielen wir jetzt auf der Europa-Tour auch einen Song des neuen Albums, um die Leute darauf heiß zu machen. Wir sind mit dem Songwriting-Prozess ziemlich durch, es fehlt uns nur noch eine Nummer. Es wird ein Bonus-Song, der auf einer siebensaitigen Gitarre eingespielt wird. Brian schreibt fleißig an den Lyrics und wenn alles gut geht, sollte es Anfang 2016 erscheinen. Wir haben gehofft, dass wir bereits diesen Sommer durchstarten können, aber das wäre zu stressig gewesen und Jason hatte auch zu wenig Zeit. So hatten im Endeffekt auch wir mehr Zeit, die Songs noch zu verfeinern und sie möglichst zu perfektionieren.

RF: Und die Songs werden jetzt wirklich nicht kürzer, wie du es ursprünglich angekündigt hast?

Ein paar werden schon kürzer sein, aber dann wird es auch einige geben, die sind episch ohne Ende (lacht). Sie sind brutal und fügen sich perfekt in den traditionellen Weg der Band ein. Ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt – manche Songs sind sehr schnell, manche melodischer, manche klingen mehr nach Old-School, manche sind einfach nur episch. Verdammt hartes Zeug. Wir shredden sogar ein paar Solos.

SB: Gibt es schon einen Albumtitel?

Ich habe einige Varianten in meinem Kopf, kann zum gegebenen Zeitpunkt aber noch nicht darüber reden. Wir haben uns noch keinen endgültigen ausgesucht, aber je näher wir dem Ende des Albumprozesses kommen, umso schneller werden wir eine Lösung finden, die ich dann auch kundgeben kann.

SB: Rund um die Jahrtausendwende habt ihr für verschiedene Tribute-Sampler Songs von IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, BLACK SABBATH und MERCYFUL FATE gecovert. Wo steckt für dich dabei die Sinnhaftigkeit, weil man solche Kultsongs nicht besser oder kaum einzigartiger machen kann?

Das Ziel hatten wir auch nie. Es ging uns darum, eine Hommage an die großen Bands zu machen, die uns so stark beeinflusst haben. Uns ist immer wichtig, die Musik nahe am Original zu halten und nicht alles mit derber Geschwindigkeit niederzublasten. Es sollte schon nach dem Ursprung klingen und unser Spin war der, dass die Vocals nach Death Metal klingen. Das hat aber mit der Musik an sich nichts zu tun. Letztes Jahr waren wir mit GORGOROTH auf Tour und in Kopenhagen war Michael Denner dabei und wir haben den MERCYFUL FATE-Song „Curse Of The Demon“ gespielt – er hat ihm sehr gut gefallen. Das war der Wahnsinn für mich! Plötzlich hat er dann auch noch unser „Icons Of Evil“-Album hervorgekramt und mich gefragt, ob ich das für seinen Sohn signieren könnte, weil er großer Fan sei. In diesem Moment wäre ich vor Freude fast gestorben (lacht). Der Moment war einfach unglaublich. Selbst KING DIAMOND hat den Song gehört und war zufrieden. Wir zollen einfach nur Respekt, waren damals jung und haben uns natürlich gedacht, dass Leute, die unsere Coverversionen hören und uns noch nicht kannten, vielleicht ein Interesse für uns entdecken würden. Das hat uns wirklich weitergeholfen.

RF: Du bist mittlerweile 47 Jahre alt und seit ungefähr drei Dekaden aktiv in der Metalszene unterwegs. Warum machst du damit immer weiter und weiter, obwohl es rein monetär offensichtlich ein sinnloses Unterfangen ist?

Weil ich ein Fan bin, ein Metalhead. Ich liebe die Musik, ich liebe meine Band und ich liebe es, mit meiner Band diese Art von Musik für meine Fans zu spielen. Ich schüttle dann gerne Hände, trinke einen mit den Leuten und unterhalte mich – das ist es, was mich immer weitermachen lässt. Als ältere Männer haben wir natürlich unsere Tage, wo einmal das Kreuz schmerzt und man nicht so recht will, aber sobald ich auf der Bühne stehe und die Fans sehe, wie sie abgehen, ist das wie weggeblasen. Die Fans geben mir die Energie. An Tagen, wo ich mir überlege, den Hut draufzuhauen, erinnere ich mich an die Kids, die uns bei den Konzerten besuchen und uns immer wieder sagen, dass wir nicht aufhören sollen. Das ist wie ein Turboboost für uns, großartig. Ohne Fans sind wir gar nichts, ich weiß schon, dass das alle sagen, aber das ist einfach die Wahrheit.

Die zweite Sache ist meine Sucht nach Metal. Ich bin ein lebenslänglicher Death-Metaller. Ich sehe in den Venues immer wieder die alten Sticker aus vergangenen Jahren, erinnere mich oft, dass ich schon mehrmals da war und weiß dann einfach, dass das mein Ding ist – seit mehr als 25 Jahren. Ich glaube wirklich, dass ich Musik spiele, bis es physisch nicht mehr möglich ist oder ich tot von der Bühne falle. Ich rede mir das auch selbst ein. Leute wollen mir immer wieder die Motivation absprechen, wenn es im Line-Up wieder einmal rumpelt, aber es geht um das große Ganze. Es geht um die Band, nicht um die Individuen. Die Band muss leben, sie muss eben vital bleiben. Es ist wichtig, dass wir das weiterführen.

RF: Wie oft hattest du den Gedanken, dass du VITAL REMAINS beenden wolltest? Ich kann mir vorstellen, dass der Abgang deines wichtigsten Sidekicks und Leadgitarristen Dave Suzuki schon ein einschneidendes Erlebnis war.

Extrem oft (lacht). Ich habe alle Originalmitglieder verloren und das hatte ganz alltägliche Gründe. Sie wurden älter, hatten plötzlich Familien und keine Zeit mehr für die Musik – der natürliche Lauf der Dinge. Diese Art von Musik zu spielen erfordert viele Opfer, und ich denke, die Fans verstehen das sehr gut, deshalb supporten sie uns, besuchen die Konzerte und kaufen unser Merchandise. Wir müssen immer wieder unsere Familien zurücklassen, um weit zu reisen und unsere Musik zu spielen. Das ist nicht immer lustig, aber wir haben uns das so ausgesucht. Ich hänge auf Tour mit meinen Bandkollegen ab und muss mir ihr Gejammer auch anhören. Manchmal glaube ich, ich bin mit diesen verdammten Arschlöchern verheiratet (lacht). Aber du denkst natürlich auch an die guten Tage, wenn du lachst, dir gegenseitig Scherze spielst und einfach gemütlich zusammensitzt. Eine Tour ist auch eine Party, das darf man nicht vergessen. Wenn junge Leute zu mir kommen, erzählen sie mir immer wie cool das doch sein muss, auf keinem Label zu sein, viel zu touren und Geld zu machen und da muss ich dann einlenken: Wenn es um Geld geht, sind sie hier falsch. Wenn ihr Geld machen wollt, dann macht die Schule fertig – mein Leben ist das Resultat eines Schulabbrechers, ich spiele nur meinen Metal (lacht). Wenn du die Musik aber richtig liebst, dann lass dir von niemandem einreden, dass du das stoppen sollst. Zieh das durch, es ist eine Leidenschaft, die unbezahlbar ist.

Dass wir Dave Suzuki verloren haben lag daran, dass ihm seine Freundin ein Ultimatum stellte: Entweder sie oder VITAL REMAINS, weil er so oft auf Tour war und sie ein Problem hatte, ihm dabei blind zu vertrauen. Was soll ich denn darauf sagen? Was soll ich sagen, wenn er die Frau über die Band stellt? Gar nichts. Wir waren ein gutes Team und es war schlimm, aber das kann eben durchaus mal passieren. Wir haben beide bewusste Entscheidungen getroffen und haben das Beste daraus gemacht. Aber alles geht weiter, so ist das Leben.

SB: Ganz am Anfang habt ihr noch Corpsepaint und Spikes und derartiges Zeug verwendet. Warum habt ihr damit aufgehört?

Wir haben niemals wirklich Fotos mit Corpsepaint gemacht, es aber nur auf der Bühne verwendet. Wir waren einfach so große Fans von MERCYFUL FATE und der erste Sänger, Jeff Gruslin, und ich waren auch riesige Fans von KISS. Wir wollten das Image aber nicht auf die Alben mitnehmen. Es sollte also eine Teilung geben zwischen einer VITAL-REMAINS-Show und dem üblichen Dasein der Band. Ich vermisse diese Tage, wir hatten wirklich viel Spaß. Aber als die Originalmitglieder die Band verlassen haben, habe ich die Idee auch begraben, denn das war etwas Exklusives, das mich auf ewig mit dem ganz alten Bandgefüge verbindet. Es war ein bestimmtes und besonderes Kapitel unserer Karriere.


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