BRUJERIA - Juan Brujo

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Ich kriege es gut hin, andere Menschen reich und berühmt zu machen - nur mich selbst nicht - BRUJERIA-Frontmann Juan Brujo blickt der bitteren Realität wagemutig ins Auge.

15 Jahre seit dem letzten Studioalbum, nur eine Handvoll verlesene Touren durch Europa und dazu trotz Internet und Entanonymisierung umweht die Band immer noch ein kräftiger Hauch des Bösen, Unberechenbaren und Mystischen. Das All-Star-Kollektiv BRUJERIA ist zurecht Kult - und das weltweit. Nach dem grandiosen Wien-Gig im saunawarmen Viper Room nahm sich Frontmann und Bandboss Juan Brujo im Stiegenhaus Zeit für die Stormbringer-Torpedo-Twins Stefan Baumgartner und Robert Fröwein.

Veröffentlicht am 11.08.2015

Das Tourleben der kleinen Metalbands ist alles andere als einfach. BRUJERIA, das US/Mexikanische Death-Metal-Kommando, ist aufgrund der immens prekären Personalsituation ohnehin alles andere als eine "wir kommen eh 3x pro Jahr"-Band, sondern lässt sich an einem heißschwülen August-Donnerstag das erste Mal seit sechs langen Jahren in Wien nieder. Dass es schlussendlich dazu gekommen ist, dazu gehörte eine gehörige Portion Glück. In Deutschland gab nämlich der klapprige Van am Vortag endgültig seinen Geist auf und Juan Brujo, Jeff Walker, Nicholas Barker und Co. setzten sich mit dem Nötigsten an Equipment kurzerhand in den Railjet, düsten gen Hauptbahnhof und ließen sich dann mit mehreren Taxis in die finstere Viper-Room-Gruppe kutschieren. Dass die Zeit für das vereinbarte Interview mit unseren nimmersatten Gesprächspoeten-Duo Baumgartner/Fröwein dadurch eng wurde, kann man sich denken. So wurde der Plan (einmal mehr) umgeworfen, zu 17 wuchtigen Songs gebangt und dann mit Frontmann Juan Brujo im hallenden Stiegenhaus beim Backstagebereich geschwafelt. Dass keiner von den drei Beteiligten mehr zu 100 Prozent nüchtern war, lockerte die ohnehin schon gemütliche Stimmung noch zusätzlich. Aber gut - mehr als 26 Jahre Bandgeschichte, Pferdeberuhigungsmittel, rassistische Politiker, zynische Kollegen und Animositäten gegenüber diversen ex-Kollegen benötigen eben etwas Zeit...

Stefan Baumgartner: Juan, was war denn im Jahr 1989 das ursprüngliche Konzept von BRUJERIA, als du die Band gegründet hast?

Satanismus und die Drogengeschäfte an der Grenze von den USA und Mexiko. Das geht zurück auf die Grenzstadt Matamoros, wo die Drogenbarone Menschen opferten, um die Drogengeschäfte am Laufen zu halten. Das waren im Prinzip die Grundthematiken, um die sich die Band gedreht hat. Von dort konnten die Hörer dann ja weiter forschen und sich noch genauer informieren. Die Polizisten haben damals beim Spring Break im Laufe der Drogengeschäfte sogar amerikanische Studenten ermordet – dort konnte Ende der 80er-Jahre wirklich jeder tun, was er wollte. Das hat uns damals natürlich brennend interessiert.

SB: Wie stehst du eigentlich persönlich zu Rauschgift?

Es ist ein Geschäft. Die Leute verwenden es, machen sich damit high, dealen damit. Was soll ich noch Genaueres dazu sagen? Die killen mich ja sonst (lacht).

SB: Was war die niederträchtigste Droge, die du je konsumiert hast?

Gute Frage, wohl LSD. Nein, PCP.

SB: Was ist das?

PCP? Pferdeberuhigungsmittel (lacht). Eine kleine Pille braucht man etwa für ca. 1.000 Pfund Pferdegewicht, und wenn du aber zwei davon in einer Zigarette aufgelöst durchziehst, fuck! Das ist der absolute Shit.

SB: Wie wirkt sich das dann auf dich aus?

Wenn du das Zeug rauchst, glaubst du, dass du dich in Superman oder so etwas verwandelst. Das haut dich komplett aus der Reihe und du beginnst heftig zu halluzinieren (lacht).

SB: In einem älteren Interview erzähltest du von einer glücklichen Fügung, als in Mexiko Polizisten euch einmal konfisziertes Marihuana angeboten haben …

Wir waren da gerade bei einem Lebensmittelgeschäft und plötzlich bekamen wir das Weed angeboten. Wir konnten es selbst kaum glauben, bedankten uns aber natürlich artig dafür.

SB: Findest du, dass BRUJERIA heute noch immer eine Band ist, die schockieren kann?

Ich denke schon. Ich bin davon überzeugt, dass uns das noch gelingt, aber natürlich auf andere Art und Weise.

Robert Fröwein: Wo ist der Unterschied zwischen einst und heute?

Die Leute in Mexiko zu schockieren war anfangs wirklich einfach, weil es einfach keine andere Band gab, die auch nur ähnlich wie wir agierte. Unsere Prämisse war stets: „Fuck Everybody!“ Heute ist das natürlich nicht mehr so einfach, aber von uns wird es ja bald ein neues Studioalbum geben und das wird verdammt heavy sein. Ich kann dir nicht verraten, in welcher Art und Weise, das müsst ihr dann schon selbst herausfinden.

RF: Du und all deine vielen Mitstreiter in der Band haben verschiedene Pseudonyme. Warum habt ihr damit angefangen und was bedeuten sie?

Ich habe die Namen immer so verteilt, wie sie zu den Leuten gepasst haben oder wie sie sie gemocht haben. El Cynico für unseren Bassisten Jeff Walker war einfach, denn ich kenne keinen zynischeren Typen. Hongo, unser Gitarrist Shane Embury, bedeutet Pilz – den Rest kannst du dir ja selbst zusammenreimen (lacht). Du siehst also, die Namen werden zu den jeweiligen Typen verteilt.

RF: Früher wart ihr anonym und ein Rätsel für die Metal-Community. Mit dem Internet brach diese Fassade aber und man wusste nach einigen Jahren, dass BRUJERIA eine regelrechte All-Star-Band ist. Wie hat euch das in Hinblick auf die Fans verändert?

Wir haben unsere Identitäten schon vor dem Internet nicht mehr verschleiert gehabt, nur hat das natürlich nicht gleich die ganze Welt gewusst. Wir waren ja auch nie eine Radio-Band oder so, das lief alles über Mundpropaganda und diverse Gerüchte. Als das Internet sich dann durchgesetzt hat, haben sich die Leute noch regelrecht vor uns gefürchtet und gedacht, wir würden andere umbringen oder sowas in der Art (lacht).

RF: War es damals nicht ein gutes Gefühl, zu den anonymen, absoluten „Bad Boys“ der Szene zu zählen?

Wir waren immer die Bad Guys im Metal, es gibt in vielen Bereichen nichts Schlimmeres als uns (lacht). Viele Leute, die in BRUJERIA spielten, wurden dann mit ihren anderen Bands später sehr berühmt. So war das schon immer mit dieser Band.

RF: Jeff Walker, Shane Embury, Nick Barker oder Daniel Erlandsson – das sind alles ganz große Namen im Metal, die natürlich vor allem woanders ihren Ruhm bekamen.

Aber ich denke da an die ganz alten Gründungsmitglieder. Billy Gould hat damals FAITH NO MORE für BRUJERIA verlassen, weil er keine Hoffnung mehr in diese Band setzte. Er war BRUJERIA-Full-Time-Mitglied, das musst du dir mal vorstellen (lacht). Er war dann für den Grammy nominiert, weltberühmt und wirklich groß und dann hat ihm halt alles bei uns nicht mehr gepasst, aber scheiß drauf. Das ist ja auch der Grund, warum wir kaum live zu sehen sind. Es touren ja alle immer über das Jahr verteilt mit ihren Hauptprojekten, insofern blieben uns nur die paar Alben.

RF: Hast du noch Kontakt zu Billy?

Nein, er ist wirklich sauer auf uns. Das begann mit unserem Song „Anti-Castro“ und er ist mit Leib und Seele Kommunist. Er macht sein Ding und wir machen unseres. Nach dem Vorfall mit dem Song war unsere Beziehung einfach nie mehr die gleiche (lacht).

RF: Könntest du dir vorstellen, aus musikalischer Sicht in einer Band wie FAITH NO MORE zu spielen?

Nein, das macht doch keinen Spaß. Das, was die machen, ist doch Arbeit, bei uns geht es nur um Spaß. Wir wollen uns einfach besaufen und spielen. Wir sind nicht so in dieser Art von Weltmusik verankert, sondern wollen Spaß. Wir sind lieber die bösen Buben.

SB: Weil wir gerade beim Spaß sind. Jeff, also El Cynico, hat 2007 in einem Interview gesagt, BRUJERIA wären „billige SLIPKNOT“ und ein reines Spaßprojekt.

Er lügt, er ist einfach ein zynischer Lügner (lacht). In allem, was er in Interviews vom Stapel lässt, meint er das Gegenteil. Einmal kam er daher und sagte: „Ich bin ein ehrlicher Musiker, was soll ich schon bei BRUJERIA“? Jetzt ist der Sack seit zehn Jahren dabei und streitet das immer gerne ab. So ist Jeff, er redet halt gerne den ganzen Tag lang Scheiße (lacht).

SB: Obwohl du Gründer und Kopf der Band bist, hast du einmal zu Protokoll gegeben, dass du für das letzte Album „Brujerizmo“ (2000) die gesamte Kontrolle deinen damaligen Bandkollegen Raymond Herrera und Dino Cazares, einst beide bei FEAR FACTORY, überlassen hast.

Raymond hat das Schlagzeug eingespielt und Dino war an der Gitarre, aber das war’s auch schon. Mit dem Interview kann was nicht stimmen, denn so war das sicher nicht. Danach haben Dino und ich die Band in die Hand genommen, das stimmt, ja.

SB: Was denkst du über Dinos Projekt ASESINO? Ist das für dich ein billiger BRUJERIA-Rip-Off?

Denen ging es doch immer nur um die Kohle, wir wollten hingegen immer Spaß haben und bei uns war stets alles echt. Ich habe ihm damals sogar geholfen, 2002 sein Debütalbum zu schreiben, er hingegen war bei uns nicht mehr wirklich bei der Sache und hat sich quasi als Dank einfach von BRUJERIA verabschiedet und war weg. Für mich ist ASESINO ein Witz. Das ist ein Sell-Out-Ding auf wirklich käsig-einfachem Wege und die Lyrics sind grauenhaft. Keine Bedeutung, nichts. Wenn du das hörst, vergisst du es sofort wieder. Aber eigentlich ist das auch egal, mir geht’s ohnehin nur um BRUJERIA.

SB: Ihr hattet unzählige Line-Up-Wechsel über all die Jahre gerechnet. Glaubst du, dass viele davon BRUJERIA nur als Spaßprojekt oder eine Art Sprungbrett gesehen haben?

Ja klar, das kam natürlich auch vor. Es gab auch viele, die regelrecht darum gebettelt haben, bei BRUJERIA mitspielen zu dürfen. Bei einer Europa-Tour spielte an den Drums El Clavador, Daniel Erlandsson, mit, den alle von ARCH ENEMY kennen. Ich dachte immer, der lässt den Boss raushängen, aber als wir mit dem Van durch die Gegend fuhren, hatten wir so viel Spaß wie nie zuvor. Er wollte unbedingt bleiben und nicht wieder zurück zur Arbeit, was in dem Fall eben ARCH ENEMY war (lacht). Viele Leute sind einfach zum Spaß bei uns. Wir haben keinen Roadmanager und keine großen Regeln. Rein in den Van und los – auch wenn wir das Merch vergessen, so wie es uns hier in Wien passiert ist (lacht). Es gibt nicht viele Leute, die einfach nur so zum Spaß dabei sind. Manchmal werden wir natürlich auch gerne für diesen Spaß bezahlt. Größere Musiker kommen gerne zu uns, weil in den großen Tourbussen alles voller Regeln ist und sie sich hier einfach ausleben können. Da kann auch mal gekifft werden, ohne dass die Buspolizei nervt (lacht). Daniel hat uns selbst erzählt, wenn du backstage bei ARCH ENEMY bist, herrscht Totenstille. Alle starren in ihre Smartphones und da ist kein Spaß.

RF: BRUJERIA sind also eine Partyband?

(lacht) Die Party kommt vor allem anderen. Sogar vor der Band und der Musik. Manchmal bezahlen uns die Promoter mehr, als wir eigentlich drauf haben, das verwundert mich dann selbst immer (lacht).

RF: Nachdem du bereits mit so vielen verschiedenen Musikern zusammengearbeitet hast – hättest du noch ein Wunschmitglied für BRUJERIA?

Nicht wirklich.

RF: Dani Filth zum Beispiel?

(lacht) Manchmal finden wir wirklich interessante, aber total unbekannte Musiker, denen wir immer wieder eine Chance geben, mal bei uns mitzumachen. Du wirst es nicht glauben, aber Tom Araya war sogar mal bei einigen unserer Videos beteiligt. Mann, die waren vielleicht schlecht. Wir suchen aber nicht nach Rockstars oder so etwas. Manchmal lassen wir einfach Fans von uns mitzocken oder eben Talente, die noch niemand kennt. Jeff Walker hat, als er 2006 zu uns kam, mehr als zehn Jahre lang keinen Bass mehr in der Hand gehabt. Aber er hatte plötzlich wieder Lust darauf und sagte gleich darauf: „Mann, wie ich das hasse“. Zynisch eben, wie immer (lacht). Und du siehst – er ist immer noch da. CARCASS sind mittlerweile zurück und so groß wie nie zuvor, aber er setzt sich in unseren klapprigen Van und fährt mit uns durch die kleinsten Spelunken. Er ist sehr zynisch, aber glücklich. Und so schlimm kann es dann bei uns ja wohl nicht sein, oder? Manchmal haben solche „Stars“ es wohl auch mal wieder nötig, sich den Arsch auf einer Bühne abzuschwitzen.

RF: Verarscht ihr ihn manchmal auch deswegen?

Nein, er redet immer alles nur so schlecht. „Kein Schwein wird zu unserem scheiß Konzert kommen“, und dann ist die Hütte doch wieder voll. Wie seine Interviews – reiner Schwachsinn (lacht).

RF: Du hast es schon angesprochen – nach 15 langen Jahren scheint es heuer endlich ein neues BRUJERIA-Studioalbum zu geben?

Ich weiß es nicht genau. Wir haben gerade einen Kampf mit der Plattenfirma. Denen sind die Vocals zu tief und mich nervt das, weil das genau so ist, wie wir es wollen. Da werde ich richtiggehend angepisst bei sowas. Mir ist es eigentlich auch egal, es kommt, wenn es eben fertig ist, Punkt. Das meiste Material ist ja seit Jahren fertig, aber dann trifft man hie und da wieder Arschlöcher, die einen aufhalten. Der übliche Kreislauf halt. Es geht immer um die Kohle und dann wird es lästig.

RF: Vor einigen Jahren hast du gegen größere Labels noch ordentlich vom Leder gezogen, jetzt seid ihr bei Nuclear Blast. Wie passt das denn bitte zusammen?

Ich wollte das Album eh selbst rausbringen, aber irgendwie haben sie mir das im Laufe der Zeit eingeredet. Ich hasse Plattenfirmen prinzipiell, aber in gewisser Weise bist du leider auch von ihnen abhängig. Ich war schon nach dem Unterzeichnen nicht glücklich mit der Entscheidung und habe sie infrage gestellt. Mir ist auch scheißegal, worum sie sich kümmern. Es geht um uns, darum, dass wir auf Tour gehen und vor Leuten spielen – das zählt. Die Plattenfirma ist nur eine Art von Mantel für uns. Die Situation ist schwer zu erklären.

RF: Dann erzähl uns doch mal was vom kommenden Album. Musik, Titel, Lyrics, Cover und so Zeugs halt…

Es wird jedenfalls ein wuchtiges Album, es trifft dich genau zwischen die Augen und du hast keine Chance, dem zu entkommen. Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll, warte einfach bis es dann raus kommt, dann weißt du, was ich meine.

SB: Du bist das einzige BRUJERIA-Mitglied, das niemals in einer anderen Band tätig war…

All die anderen sind reich und berühmt. Sie kommen in die Band und werden groß. Alle – außer ich.

RF: Die kriegen Ruhm und Kohle, du dafür hoffentlich die Mädchen.

(lacht) Leider klappt das nicht so ganz, für diesen Scheiß bin ich einfach zu alt. Anscheinend krieg ich es ganz gut hin, dass ich andere Menschen reich und berühmt mache, nur nicht mich selbst.

SB: Kommen wir zur Politik. Wie siehst du die Zukunft in der Beziehung zwischen Mexiko und den USA?

Sie werden zu einem, das passiert unweigerlich. Die südlichen Amerikaner würden am liebsten alle gerne Mexikaner sein und das ist doch verdammt cool. Wir sind ja fast schon so weit und die ganzen Texaner und Kalifornier sind ja ohnehin schon halbe Mexikaner oder noch mehr.

SB: Was war das bislang größte Vorurteil über Mexikaner, dass du je gehört und erlebt hast?

Schlimm sind einfach die Polizisten in Kalifornien. Die töten die Leute einfach, zuerst schießen, dann denken. Ich kann aber nicht sagen, dass das jetzt mehr Mexikaner als Amerikaner trifft. Es ist aber einfach Tatsache.

SB: Überall, aber speziell in den USA rotten sich die ethnischen Gruppen gerne zusammen und bilden sogenannte Ghettos. Ist das deiner Meinung nach nachteilig für eine gelungene Integration, wenn die Aufteilung verschiedener Rassen und Nationalitäten nicht besser passiert?

Das kommt immer drauf an, woher du kommst und was du sprichst. Manche sind einfach freier und unabhängiger, andere wiederum brauchen auch den Schutz von Menschen, mit denen sie sich gut verständigen können. In Los Angeles herrscht zum Beispiel eine extreme Gruppenbildung was die ethnischen Rassen angeht und die Leute sprechen dann auch kein Englisch mehr, sondern nur Spanisch. Dasselbe in chinesischen Vierteln – dort ist die Gruppenbildung so groß, dass du wirklich glaubst, du wärst in China weil kein verdammter Mensch auch nur ein Wort Englisch spricht. In South Central ist alles voller Schwarzen und am Ende ist alles nur in L.A. Wenn du mit dem Auto durch die Stadt fährst, siehst du im Prinzip die ganze Welt – irgendwie bizarr. Mittlerweile bilden sich schon Grenzen innerhalb der Stadt. Little Armenia hier, Chinatown dort. Eine wirklich interessante Entwicklung, aber die englische Sprache bleibt bei all diesen Ghettobildungen zurück. Und wir sind ja immer noch in den USA.

SB: Ist es für einen Mexikaner, der in die USA kommt, deiner Meinung nach essenziell, Englisch zu lernen?

Auf jeden Fall, denn nur so funktioniert Integration. An der Westküste gibt es mittlerweile schon mexikanische Baseball- und Football-Teams, die wirklich viel Geld und Budget haben und fast schon in der Landessprache alles regeln. Mexikaner werden natürlich auch ihr vermehrtes Vermögen akzeptiert und respektiert, vor vielen Jahren hat noch keinen Amerikaner interessiert, wie es einem Mexikaner in den USA ergeht. Aber gut – so läuft die Welt ohnehin überall.

RF: Einer deiner Lieblingsfeinde ist der republikanische Politiker Pete „Pito“ Wilson, dem du auf der „Raza Odiada“ mit „Raza Odiada (Pito Wilson)“ sogar einen Song gewidmet hast. Nachdem er in Europa und vor allem in Österreich sicher kaum bekannt ist – was ist denn so besonders furchtbar an diesem Typen?

Er war kalifornischer Gouverneur und dazu habe ich eine lustige Geschichte. Vor etwa 20 Jahren bin ich zu einer Grammy-Party gegangen, weil Billy und FAITH NO MORE nominiert waren. Ich saß neben Wilson und er hielt eine Rede über die Musikindustrie, Kalifornien und all das Zeug, das man dort eben bespricht. Alle waren in Anzügen gekleidet und wir haben uns damals ins Badezimmer verzogen, um uns ein paar Drogen reinzuschmeißen. Ich hatte also das Zeug in der Hand, die Tür öffnete sich und plötzlich standen da zwei Typen vom Secret Service und ich habe natürlich gezittert. Es fiel keinem was auf, aber ich war schon ziemlich verpeilt, ging aus dem Badezimmer und plötzlich kam Pete Wilson um die Ecke. Er sah mich, hat sofort seine Frau beschützt und mich mit Entsetzen betrachtet. Ich kann mich noch genau an sein Gesicht erinnern, wir standen uns direkt gegenüber und er hasste mich wirklich.
Drei Monate später stand er auf der Wahlkampfbühne und machte Stimmung gegen die Mexikaner, wollte alle Männer wieder zurückschicken, Frauen und Kinder aber dalassen. Das war so rassistisch, dass sich sogar die Regierung gegen ihn stellte. Ich wusste schon drei Monate vorher, dass er Mexikaner einfach hasst, dass es immer sein Ziel war, eine große Mauer zu errichten. Das Gericht entschied dann später, dass er illegal handelte. Aber stell dir vor, er wäre Präsident geworden – das Land hätte nur mehr aus Massenhass bestanden. Das wäre wirklich heftig gewesen.

RF: Wenn wir schon von Republikanern reden und im Stiegenhaus des Wiener Viper Room herumlungern – was hältst du von Arnold Schwarzenegger? Auch Republikaner, auch ehemaliger Gouverneur von Kalifornien.

Für mich ist er ein reicher Clown und Pete Wilson war sein Kampagnenmanager. Schwarzenegger hatte ja bekanntlich ein Kind mit einer mexikanischen Haushälterin und Wilson war sein Kampagnenmanager. Verstehst du die unglaubliche Ironie, die in dieser Geschichte mitschwingt?

RF: Klar, aber Schwarzenegger war doch eine wesentlich liberalere Natur als Wilson.

Er war einfach nur der reiche Typ, der sich um die wahren Probleme des kleinen Mannes nie gekümmert hat. Er hat tatsächlich eine nachweislich illegale Mexikanerin, die aus Mexiko kam, in Kalifornien geschwängert und war dann republikanischer Gouverneur (lacht). Wilson hatte ja auch mal was mit einer Mexikanerin. Der war der größte Rassist, den du dir vorstellen kannst, aber das hat ihn nicht davon abgehalten, eine Mexikanerin anzuleiern. Das ist einfach alles irre. Schlimme Sache. Wilson war wirklich ganz speziell. Ich habe nie wieder einen Typen in einer ähnlichen Machtposition gesehen, der so rassistisch war. Fick den Typen, bevor er jemals Präsident wird, musst du ihn einfach töten.

RF: Fürchtest du in der Zukunft verstärkt Unruhen, nachdem nach dem Ende der Ära Obama die Wahrscheinlich sehr groß ist, dass wieder ein Republikaner an die Macht kommt?

Wenn Wilson Präsident werden würde, hätten wir den Dritten Weltkrieg innerhalb der Vereinigten Staaten. Obama war schon okay, er hat nichts Besonderes geleistet, aber auch nichts effektiv verschlimmert. Davor war die Lage schon seit den 70er-Jahren ziemlich schlimm. Ich bin alt Mann, ich weiß, wovon ich rede.


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