ANNIHILATOR - Jeff Waters

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Ich singe oft - zum Beispiel wenn ich zuhause was erledige oder in der Dusche bin. Dann aber Sachen von OZZY, Layne Staley oder MEGADETH.

Pünktlich zur Veröffentlichung des neuen ANNIHILATOR-Albums "Suicide Society" gab uns Jeff Waters Einblicke in das Wie und Warum des Neuen Werkes, und wie es ihm dabei ergangen ist, wieder selbst am Mikro zu stehen.

Text: Lady Cat
Veröffentlicht am 16.09.2015

Hallo Jeff, es freut mich, dass du dir Zeit genommen hast, um mit Stormbringer ein Gespräch zu führen. Wie geht's?

Gut, vielen Dank. Es freut mich auch.

Du rufst mich aus Deutschland an, habe ich gesehen. Wo bist du?

Im Moment in Hannover, in der Heimat der SCORPIONS.

Aber du bist nicht in Hannover, um die SCORPIONS zu treffen, oder?

Nein, jetzt nicht. Aber Rudolf Schenker hat hier gewohnt, ich hab ihn mal vor ein paar Jahren in der Innenstadt getroffen. (lacht) Er war shoppen.

Warum bist du in Deutschland, Jeff?

Das war vor drei Wochen, da hat uns das Label angerufen, dass der Distributer Warner zwei Videos für Songs vom neuen Album „Suicidal Society“ machen will. Also haben wir ganz schnell die Band zusammengetrommelt und sind nach Hannover geflogen. Wir fuhren zuerst ganz in den Osten von Deutschland und haben in drei Tagen die Videos gedreht. Das war cool. Normal dreht man nur eines, aber sie wollten zwei. Und als wir fertig waren, haben wir davon gesprochen, noch ein drittes zu machen, aber in Kanada. Das ist cool. Das Label ist sehr begeistert vom neuen Album und wir sagten, okay, machen wir. Ich genieße jede Minute davon.

Das klingt wirklich fantastisch. Ich dachte, du kommst erst im Sommer nach Deutschland, für den Auftritt in Wacken. Es hat mich überrascht, dass ihr jetzt hier seid.

Ja, wir werden im Sommer für ein paar Festivals zurückkommen und Wacken ist das größte davon.

Werdet ihr in Wacken schon Songs vom neuen Album spielen?

Ich wollte drei Songs bringen, aber das Set in Wacken ist sehr kurz. Die meisten Bands spielen zwischen 45 und 60 Minuten. Daher werden es nur zwei Songs werden. Das Video wird wahrscheinlich vor Wacken veröffentlicht. Mal sehen, ob wir dann nur das eine spielen werden, oder ob es uns erlaubt wird, zwei zu bringen.

Ich hatte schon die Gelegenheit das neue Album anzuhören, ich bekam es als Stream vom Label. Ich muss sagen, für mich klingt es ein wenig anders als die Vorgänger-Alben. Ich kenne ANNIHILATOR jetzt seit 25 Jahren und hab damals angefangen mit „Alice In Hell“.

Ja, da gibt es Unterschiede. Die Nummer eins: die Produktion, die ist auf jeden Fall anders. Und weil ich wieder singe. Ich hab verschiedene Einflüsse. Ich bin kein so großartiger Sänger. Meine liebsten Sänger sind Rob Halford, Bruce Dickinson und Dio oder Sebastian Bach in seiner Anfangszeit. Ich könnte nie so was singen, wie die. Ich habe keine Gesangsausbildung. Wenn ich singe, dann meist zuhause, wenn ich irgendwas erledige, oder in der Dusche bin. Dann sing ich alles, Sachen von Ozzy, Layne Staley oder MEGADETH.

Ich dachte, wenn ich wieder singe, dann muss ich ein paar Stunden nehmen. Ich muss die nicht passenden Sachen aus meiner Stimme wegbekommen, die Sachen, die mir nicht gefallen. Und ich habe das gemacht. Ich habe trainiert, um das besser zu machen. Auf der anderen Seite war es aber auch wichtig, zu relaxen und am Singen Spaß zu haben.

Deine Stimme ist wirklich gut. Die Songs sind melodischer und da gibt es bluesige Parts. Zum Beispiel der Song „Snap“ - für mich ist das eine ganz neue Stilrichtung bei ANNIHILATOR.

Ja, da gibt es zwei Songs. Der eine ist „Snap“, der andere ist „Suicide Society“. Ich glaube, ich habe inzwischen mehr als 160 Songs für ANNIHILATOR geschrieben und diese zwei klingen anders als alle ANNIHILATOR-Songs. Sie haben einen anderen Einfluss, von Bands, die ich auch höre. „Suicide Society“ hat ein wenig was von LED ZEPPELIN. Da gibt es funky Drums und ein paar Parts wie bei MEGADETH in den 90ern. Das Singen ist auch anders, ich kann es nicht beschreiben, aber es ist in eine Richtung, die mir gefällt.

„Snap“ ist eindeutig anders. Während ich es schrieb, wurde mir klar, dass dies ein „Vocal-Song“ ist. Hier drehte sich alles ums Singen. Also – sogar bevor ich die Lyrics geschrieben habe – wusste ich das und hielt die Musik sehr einfach und im Hintergrund, weil der Hauptbestandteil das Singen sein würde. Wenn es ein guter Song ist und ankommt, dann werden wir ihn auch auf der Tour spielen, aber wir müssen alle singen. Andererseits ist es spieltechnisch der einfachste Song, den wir je hatten, an den Gitarren und bei den Riffs.

Er klingt für mich sehr gut und ist mein Lieblingssong des neuen Albums.

Da wird es dich sicher freuen zu hören, dass wir zu diesem Song ein Video gemacht haben.

Das habe ich mir fast gedacht. Weil ich glaube, dass viele Leute das so sehen werden wie ich und ihnen dieser Song gefallen wird.

Weißt du, eigentlich sollte ich noch gar nicht da sein in Hannover und Interviews geben. Es ist noch zu früh, weil das Album erst in ein paar Monaten veröffentlicht wird. Aber dann waren die Videos, alle waren begeistert, also haben wir gesagt, wir machen alles, weil die Begeisterung muss man ausnutzen... ups, jetzt habe ich den Faden verloren, was hast du mich gerade gefragt?

(lacht) Wir sprachen über den Song „Snap“ und dass ihr dafür ein Video gemacht habt.

(lacht) Oje, ich werde alt.

Da bist du nicht alleine, wir werden alle älter. Machen wir weiter beim Promotext, den ich vom Label bekommen habe. Da wird folgender Satz von Joe Perry zitiert: „Let the music do the talking.” Das gilt auf jeden Fall für das neue Album. Weil eure Musik zumindest zu mir auf verschiedene Art und Weisen spricht.

Da gibt es viele Gründe, warum die Musik das Reden übernehmen soll. Das ist mein 15. Album und ich bin schon lange aktiv unterwegs. Auf manchen Alben singe ich, aber es gab unterschiedliche Sänger und Line-Ups etc. Meistens war das absichtlich. Ich ging ins Studio, heuerte jemanden an Schlagzeug zu spielen und spielte alle Gitarren- und Bassspuren selbst und hab die Songs geschrieben. Und dann habe ich mir einen Sänger geholt, das zu singen und sind auf Tour. Da brauchte ich dann noch einen zweiten Gitarristen und einen Bassisten. Es war also mehr ein Studio- bzw. Solo-Projekt. Und das Touring ist mehr wie eine Band. Also habe ich beides. Auf jeden Fall ist das eine sehr einzigartige Kombination.

Bedeutet das nicht eine Menge Arbeit für dich? Wenn du alles alleine spielst und machst außer dem Schlagzeug? Du hast ja auch gemischt, gemastert und Produzent gespielt. Das klingt nach sehr, sehr Arbeit.

Ja, aber es bringt’s - In den letzten Jahren kamen ANNIHILATOR nach einer Flaute zurück. Wir haben immer wieder CDs rausgebracht Ende der 90er-Jahre und Anfang des neuen Jahrtausends. Wir gingen auf Tour und spielten bei Festivals, aber die Verkäufe waren unten. Einige Leute sagten, dass war wegen Internet und den Downloads. Es war aber auch eine Zeit, wo halt die Musik nicht ganz so gut war. Jeder hat seine guten Alben, seine ganz tollen Alben und auch welche, die nicht ganz so gut sind. Aber 2007 sind die Verkäufe dann wieder gestiegen. Daraufhin haben wir das nächste Album gebracht, das war 2010 („Annihilator“), und die Verkäufe sind weiter gestiegen. Als wir 2013 „Feast“ brachten, explodierte das förmlich. Für die Musikindustrie war das interessant, weil bei fast allen anderen die Sales zurückgingen. Und bei dieser alten Band aus Kanada gingen die Zahlen rauf.

Das wird nun unser viertes Album in einer Reihe, wo es so aussieht, als würde es das letzte toppen. Alle sagen das, die mit dem Album zu tun haben: das Label, die Promoter, die Verkäufer. Aufgrund des Interesses von verschiedenen Seiten sieht es auf jeden Fall so aus.

Das heißt für uns, vier Alben rauf, rauf, rauf. Für mich ist es sehr aufregend, das zu beobachten. Natürlich muss das nicht bedeuten, dass etwas Großartiges passieren wird. Aber es bedeutet auf jeden Fall, dass ich weiter neue Alben machen kann, weil ich einen Vertrag vom Label bekomme.

Da läuft es ja wirklich gut für dich. Gratuliere.
Jeff, alles in deinem Leben scheint sich rund um die Musik abzuspielen. Gibt es auch etwas anderes, das du gerne machst oder womit du dich beschäftigst? Was machst du, wenn du mal nicht im Studio bist oder auf der Bühne stehst, oder an neuen Songs schreibst?

Boah, ich mache da nicht viel. Einerseits schaue ich viele Filme an. Meine deutsche Verlobte, mit der ich seit drei Jahren zusammen bin und viel zusammen mache, ist ein wahrer Movie-Freak. Außerdem haben wir drei kleine Hunde – so was hatte ich noch nie zuvor – das ist, als hättest du zehn Babys. Und dann esse ich gerne. Meine Verlobte ist auch eine sehr gute Köchin, da geht’s mir echt gut. Also hauptsächlich kochen und essen wir und schauen Filme an. Das ist lustig, das sind Dinge, die ich noch nie zuvor gemacht habe.

Weil du das gerade erwähnst, muss ich eine Frage vorziehen, die ich am Ende stellen wollte. Ich mache mit Kollegen ein Kochbuch über Musiker, Sänger, Bands. Wenn du auch kochst, würde es dich interessieren, ein Rezept für unser Kochbuch abzuliefern?

Puh, tja, ja, schon, wenn ich Zeit dafür hätte. Aber im Moment geht das nicht. Ich kann da frühestens gegen Ende des Jahres, weil wir bis Ende November verplant sind mit Touren etc. Ich bin erst wieder im Dezember zuhause beim Kochen. (lacht)

Vielleicht passt es ja dann. Es würde mich sehr freuen.

Über das Gitarrespielen werde ich dich jetzt nicht fragen, weil ein Kollege von mir im Herbst noch ein Interview mit dir machen wird. Das hängt mit eurem Gig in Wien zusammen. Da wird es dann die Spezialfragen Richtung Musik und Riffs geben. Ich habe noch ein paar andere Fragen vorbereitet. Wie gesagt, „Suicide Society“ ist das 15. Album und du bist aktiv seit ca. 30 Jahren. Also eine sehr lange Zeit, die du im Musik-Biz bist. Ich möchte dich daher fragen, wie du die Veränderungen in der Branche siehst. Da hat sich ja einiges in den letzten Jahren geändert.

Ja, da ist einiges geschehen, im Musik-Biz selbst, bei den Bands, den Plattenfirmen, da gab es überall verschiedene Einflüsse. Eine der Hauptursachen, die ich sehe, waren die Kids in den 90ern. Die Kids sind anders geworden, die hören unsere Musik nicht mehr. In Nordamerika und in vielen Ländern auf der ganzen Welt ist Metal beinahe verschwunden. Ganz viel verschwand um und nach 1993, als PEARL JAM, Grunge und diese Bands kamen. Da kam zwar wieder eine ganze Generation Kids, die in der High School waren, Gitarre gespielt haben und in einer Band spielten. Aber die hatten nur PEARL JAM und ähnliche Bands, um davon zu lernen. So entstand eine Generation, die sehr, sehr einfache Musik spielte und sich nicht darum kümmerte, ob das sauber gespielt war.

Als ich aufwuchs und in der Highschool war, da musste man das studieren und fünf Stunden am Tag üben. Und das über mehrere Jahre. Die Kids damals wollten spielen wie Randy Rhoads und dafür muss man einige Stunden am Tag üben, fünf Jahre lang, damit das auch nur einigermaßen so gut klingt wie bei ihm. In den 90ern kamen dann die einfachen Riffs und das Auf- und Abspringen war wichtiger. Man richtete sich die Haare so, dass sie vergammelt aussahen. Insgesamt war es also viel einfacher, in den 90ern ein Instrument zu lernen und zu spielen.

Dann gab es aber Bands, die das wieder umdrehten. Und die 14-Jährigen fragten: „Wer sind IRON MAIDEN? Wer sind MOTÖRHEAD?“ Und das Internet war da, und die Kids konnten nachsehen, was das für Bands waren. Und dann ging das plötzlich wieder los.

METALLICA haben nie aufgehört, PANTERA haben nie aufgehört. Also konnte man sie wieder entdecken. Die jungen Kids fokussierten sich wieder auf JUDAS PRIEST, IRON MAIDEN, die frühen METALLICA, MOTÖRHEAD und dann, ein paar Jahre später, kamen sie auf TESTAMENT, OVERKILL, SLAYER und all die anderen. Und auch uns. Also all die Bands, die nie aufgehört haben zu spielen, wurden wieder gefunden. Und jetzt kommt das voll zurück. Viele dieser Bands, die ich gerade genannt habe, bringen neue Alben auf den Markt, teilweise sogar die besten ihrer Karriere. TESTAMENT geben wieder ihr Bestes im Studio. Zum Beispiel waren die letzten Alben von EXODUS großartig und SLAYER bringen auch was Neues. Die Single ist echt gut. „Suicide Society“ ist auch ein gutes Album, und OVERKILLs letztes Album war auch großartig. Es ist die beste Zeit für diese Bands. Wir zählten aber nie zu diesen „Big Four“, wir waren keine von den ganz großen. Wir gingen durch viele Line-Up Veränderungen und harte Zeiten, aber wir machten weiter. Und jetzt zahlt sich das aus. Wir bekommen endlich was dafür bezahlt. Die Verkäufe gehen rauf, und das in einer Zeit, wo man erwarten würde, dass die Verkaufszahlen gering sind.

Man muss einfach viele Dinge tun, um zu überleben.

Das stimmt. So wie du jetzt geredet hast, stehen die Chancen gut für Album Nr. 16.

Ja, ich hoffe so. Wenn ich gesund bin und alles gut bleibt, der werde ich weiter machen. Ich habe schon neue Ideen für Songs. Sogar heute habe ich schon über neue Songs nachgedacht. Ich lebe also noch. (lacht)

Wenn du sagst, du hast Ideen für neue Songs. Was kommt bei dir zuerst? Die Melodie oder die Lyrics? Wie schreibst du einen neuen Song? Wie komponierst du?

Meist Drum-Beats und Gitarren-Riffs, das sind die zwei Sachen, die mir in den Kopf kommen. Manchmal denke ich auch an einen Titel. Da sehe ich etwas im Fernsehen und schreibe mir das auf. Ich schaue mir das nie an, erst wenn es Zeit wird, das nächste Album zu machen. Also ungefähr in einem Jahr.

Das verstehe ich – zuerst einmal das aktuelle Album bewerben und Gigs spielen und dann erst an das nächste denken. Eine letzte Frage hab ich noch an dich: Gibt es etwas Spezielles, das du über das Album sagen willst? Oder die Band? Eine Nachricht an die Fans vielleicht?

Vielleicht eine Info an alle, die schon mal ANNIHILATOR gehört haben. Da gab es drei verschiedene Richtungen bzw. Arten, wie man uns sehen kann: der eine mag eher den heavy ANNIHILATOR-Style und der andere den mehr melodischen ANNIHILATOR-Style. Und dann gibt es Fans, denen gefallen beide Richtungen. Das neue Album hat beide Stile.

Da gibt es Songs, die erinnern an die frühen Sachen, also ANNIHILATOR zu Anfang und vom Stil her wie 80er-Sachen á la „Master Of Puppets“ oder MEGADETH-Style. Dann klingen Songs sehr ursprünglich, fast wie vom Demoband.

Es gibt verschiedene Vibes. Einerseits die Energie von den thrashigeren Stücken. Auf der anderen Seite die Dinge, die für uns selbst neu sind, wie dass es melodischer geworden ist und der Schlagzeug-Groove bei „Suicide Society“ oder „Snap“.

Ich bin schon sehr gespannt, wie die Fans darauf reagieren werden. Aber am Ende ist es wichtig, dass ich wieder ein Album machen und davon leben kann und Spaß habe. Ich schreibe eben die Songs für mich selber und hoffe, dass die anderen sie auch mögen.

Ich bin auch schon gespannt, wie die Reaktion der Fans sein wird, wenn das Album im September auf den Markt kommt. Und wie es bei der Tour laufen wird.

(lacht) Ich habe ein gutes Gefühl, aber ich kann es nicht voraussagen.

Ich freue mich schon auf die Tour. Ich werde auf jeden Fall bei eurem Auftritt in Wien vor Ort sein, weil ich den Bericht fürs Magazin schreiben und Fotos machen werde. Du kannst dir denken, dass ich jetzt schon auf die Reaktionen gespannt bin.

Das würde mich auch freuen, wenn wir uns in Wien sehen. Cool. Vielleicht treffen wir uns dann persönlich.

Ja das wär wirklich nett. Vielen Dank für das Interview Jeff. Auf Wiedersehen – hoffentlich in Wien.

Danke auch, bye.


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