NOCTUM - Fredrik Jansson

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Ich bin wohl der Diego Maradona des Schlagzeugs. Aber der gegenwärtige, alte und fette...

Im Zuge der "Fly By Night"-Tour haben wir NOCTUM- Schlagwerker und Metallegende Fredrik Jansson in den ehrwürdigen Backstage-Hallen des Wiener Escape Metalcorner zum entspannten Talk gebeten.

Veröffentlicht am 17.09.2015

Donnerstagabend, milde Spätsommertemperaturen und ein leider ziemlich leeres Escape mitten im siebenten Gemeindebezirk, dem Herzen Wiens. Die Konzert-Herbstsaison kommt erst langsam ins Laufen und das Konzertpublikum lässt sich an diesem Abend wieder sehr stark bitten. Dabei ist das Paket ein feines. Das Schweden-Duo STEELWING und NOCTUM schickt sich an, irgendwo zwischen Power- und Doom-Metal für Begeisterung zu sorgen. Klar, dass auch wir uns nicht lumpen ließen, um sich über die aktuellen Befindlichkeiten beider Bands schlau zu machen. Begonnen wird der Reigen mit dem Uppsala-Quartett NOCTUM, wo Bandcapo Tobias Rosén ausnahmsweise seinem Schlagwerker Fredrik Jansson den Vortritt zum Quatschen lässt. Der sympathische Drummer entschuldigt sich sogleich für seine Interview-Unerfahrenheit und das "mäßige Englisch", was natürlich lächerlich ist, da kein Schwede nur mäßig Englisch redet. Als ex-Member von Legenden wie WITCHCRAFT oder COUNT RAVEN hat Jansson die schwedische Düsterszene entscheidend mitgeprägt, bei NOCTUM ist er jetzt in einem personellen Jungbrunnen gelandet. Im entspannten Gespräch gibt er bereitwillig Auskunft über das kommende NOCTUM-Album, warum ihm die Band anfangs gar nicht zusagte und weshalb er sich als der "fette Diego Maradona des Schlagzeugs" sieht. Mehr dazu wie folgt:

Fredrik, wir sitzen hier zusammen, drei Tage bevor die „Fly By Night“-Tour zwischen euch und euren Landsmännern STEELWING endet. Eine, vor allem stilistisch, durchaus interessante Kombination. Wie passt ihr denn zusammen?

Ich finde, wir passen sehr gut zusammen. Auch wenn STEELWING mehr dem traditionellen Metal folgen und wir eher in die Doom-Richtung auspendeln, ist der kleinste gemeinsame Nenner gute Musik. Wir mögen auch dieselben Bands. Im Prinzip machen wir fast dasselbe, nur mit unterschiedlichen Zugängen.

Bemerkst du bei den Konzerten zwei verschiedene Fan-Fraktionen im Publikum?

Nicht so wirklich. STEELWING waren schon wesentlich öfter unterwegs als wir, das merkt man an den treuen Fans, die überall auftauchen, die alten Band-Shirts tragen und Texte mitsingen können. Im Direktvergleich sind wir eher dabei, uns ein eigenes Publikum aufzubauen. Es gibt aber Fans, die sich an uns erinnern und uns darauf ansprechen. Die Tour läuft auf allen Linien sehr respektvoll ab.

Bandgründer und Bassist Tobias Rosén hat 2011 in einem Interview gesagt, er wusste von Anfang an, wie NOCTUM klingen sollten. Doch das Debüt „The Seance“ 2011 war eher rockig, „Final Sacrifice“ dann 2013 eher metallisch angehaucht. Das mit dem Statement kann also nicht ganz funktionieren…

Gute Frage, ganz am Anfang war ich ja noch nicht dabei. Ich weiß also nicht, wie viel davon wirklich eine Vision war. Wenn wir von der Tour nach Hause kommen, beginnen wir an neuen Songs zu schreiben und ich habe keine Ahnung, wie die klingen werden, aber sie werden jedenfalls wieder anders sein. Die Jungs waren damals jünger. (lacht) Ich bin überzeugt davon, dass wir uns auf natürlichem Wege stark weiterentwickeln werden. Meine Kollegen haben schon ein paar Songs geschrieben – lasst euch überraschen.

Mit „Until Then… Until The End“ habt ihr gerade eine Single mit zwei brandneuen Songs veröffentlicht. Hat so eine Veröffentlichung im physischen Bereich heutzutage überhaupt noch Sinn?

Für uns schon, denn wir brauchten unbedingt neues Material für die Tour. Wir konnten kaum durch Europa tingeln mit einem Album, das zwei Jahre alt ist, das wäre irgendwie nicht richtig gewesen.

Stammen diese beiden Songs auch aus dem aktuellen Songwriting-Fundus? Kann man dort schon eine Linie zum kommenden Studioalbum ableiten?

Nein, die Songs haben wir ziemlich schnell geschrieben. Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist, aber innerhalb eines Tages waren die da. (lacht) Ich mag die Songs wirklich sehr. Ich weiß nicht, wie Tobias und Gitarrist Christoffer das gemacht haben. Sie leben ja zusammen, allerdings nicht als Paar, sondern als gute Freunde. (lacht) Die beiden schreiben viel zusammen und ich habe da gar nicht so viel Einblick. Ich kriege dann die Demos.

Hast du keine Möglichkeit, deine Ideen miteinzubringen?

Doch, aber zuerst kommen einmal die Demos und dann dürfen wir erst eingreifen oder ein Veto einlegen. Da geht es dann um die Veränderungen. In dem Fall passierte aber alles so schnell, dass keine Zeit zum Überblicken war, was aber auch okay ist. Ich hoffe nur, das Schreiben am nächsten Album geht ähnlich schnell und problemlos vonstatten.

Bevorzugst du persönlich eigentlich eher die älteren, rocklastigeren Nummern von NOCTUM, oder die doch härteren neuen Songs?

Ich mag die neuen Sachen lieber. Ich war ja früher Drummer bei WITCHCRAFT und wir spielten einst mit NOCTUM, als es sie gerade mal einen Monat gab. Ich fand sie schon damals cool, aber man konnte jedes Riff im Prinzip mit etwas gleichsetzen. Oh, hier kommt das WITCHFINDER GENERAL-Riff, dort haben wir WITCHCRAFT und jetzt noch das BLACK SABBATH-Outro. Es klang cool, aber eben noch nicht eigenständig, sondern nur charmant. Das neuere Material ist aber weitaus ausgereifter und besser.

NOCTUM in okkult anmutender Pose

Ihr alle innerhalb der Band habt die Liebe zu PENTAGRAM gemein. Hast du dir schon das brandneue Album „Curious Volume“ angehört?

Leider noch nicht, ich habe nur davon gehört. Es soll nach Classic Rock klingen und das ist doch großartig. Ich habe mir aber „Last Rites“ (2011) und „Show 'Em How“ (2004), die Vorgänger, ins Regal gestellt. Als ich „Last Rites“ kaufte, war ich in einem Plattenladen in Dublin, wollte das Teil dann im Bus einlegen als wir unterwegs waren und kam drauf, dass mir der Penner nur die Hülle mit Cover verkauft hat – ohne CD. Wahnsinn, war ich da gepisst. Natürlich musste ich dann noch einmal zum Kauf ausrücken.

Was glaubst du, wie lange würdest du bei einem ähnlichen Lebensstil wie Bobby Liebling durchhalten?

Gute Frage. Für mich ist er auf einer Stufe mit Lemmy und Keith Richards. Derzeit geht es ihm besser als je zuvor, er muss also etwas richtig machen, auch wenn ich das nicht verstehen kann. Wenn du dir die Doku „Last Days Here“ ansiehst, schreckst du dich des Öfteren. Heute sind die Liveshows wieder stark und auch die Songs sind großartig. Seine Stimme ist immer noch famos, obwohl er wahrscheinlich nach wie vor mehr Drogen nimmt, als alle anderen Musiker auf dieser Welt. (lacht) Mit seinem Lebensstil würde ich wohl keine drei Jahre überleben können. Aber ich bin auch nicht er.

Wie wichtig ist euch das Image in NOCTUM im Vergleich zur Musik?

Ich denke, wir haben nicht einmal ein wirkliches Image. Ich denke da weniger an eine okkulte Note, sondern eher daran, wie wir uns kleiden. Wenn du in einer Glam-Rock-Band spielst, brauchst du Haarspray – das ist eine Art von Image. Allein schon unsere Lyrics sind zu vielfältig, um ein wirkliches Image aufbauen zu können. Wir tragen immer schwarze Kleidung, das ist wohl das einzige, das bei uns auffällt. (lacht) Natürlich kann man auch dunkle Musik in weißen Shirts spielen. GHOST sind ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht ausschließlich mit Dunkelheit arbeiten muss. Wir versuchen einfach nur ein gemeinschaftliches Paket darzustellen, das mit der Musik zusammenpasst.

Sind deine persönliche Ausrichtung, deine Überzeugungen mit euren Texten verbunden?

Darüber haben wir in der Band nie wirklich gesprochen. Ich weiß auch nicht, wie die anderen da ticken und selbst wenn, könnte ich nicht für sie sprechen. Ich selbst bin nicht an irgendeine Art von Religion interessiert. Weder an der guten, noch an der bösen. Ich weiß, dass es ein Leben danach gibt und dass es wohl verstorbene Menschen gibt, die uns gerade beim gemütlichen Reden beobachten. Es ist aber nicht so, dass ich religiöse Menschen nicht akzeptieren oder respektieren würde – sie interessieren mich mit ihrer Einstellung nur einfach nicht. Natürlich darf man das auch nicht pauschalisieren. Wenn du von klein auf von deinen Eltern gehirngewaschen wirst, dann ist es natürlich schwer, den eigenen Weg zu finden. Da gilt es Toleranz zu zeigen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich nie in eine Richtung gedrängt haben. Ich hatte wohl Glück.

Ihr seid aus Uppsala, der Stadt, deren berühmteste Söhne die Black-Metal-Stars von WATAIN sind. Hat diese Band einen besonderen Einfluss auf Musik und Treiben von NOCTUM?

Nein. Ich weiß schon, dass sie irgendwas mit dem MLO zu tun haben, wo ja auch DISSECTION drin waren, aber wir haben damit gar nichts am Hut. (lacht) Wir sind eher sanfte, manchmal etwas alberne Typen, die nichts allzu ernst nehmen. Sie haben uns in keiner Weise inspiriert, auch wenn sie eine großartige Band sind, die ich sehr respektiere und bewundere. Selbst wenn man die Musik nicht mag, muss man einfach neidlos anerkennen, mit wie viel Herzblut und Einsatz sie ihr Lebensprojekt nach vorne treiben. Es gibt nur ihren Weg oder keinen Weg und das schon immer. Das ist schon ziemlich cool, sie sind wie eine Punk-Band mit einer kräftigen DIY-Attitüde. Sie machen alles selbst und wenn irgendjemand reinpfuschen will, kann er sogleich wieder gehen. Davon kann man sich schon was abschauen.

Wäre das auch etwas für NOCTUM? Wirklich alle Zügel selbst in die Hand zu nehmen?

Wir machen das in einer gewissen Weise auch so. Tobias hat die Tour gebucht und wir machen auch das Merchandise selbst. Würden wir uns aber so reinknien wie WATAIN, müssten wir unsere Jobs aufgeben und in irgendwelchen Kellern wohnen – das klappt einfach nicht mehr so und das will auch keiner. Wir haben unsere Jobs und unsere Familien und sind glücklich damit.

Als du selbst vor zwei Jahren in die Band gekommen bist, gab es da etwas, dass dich total überrascht hat?

Anfangs eigentlich das Songmaterial. Sie haben mich ja geholt, weil sie einen Drummer für „Final Sacrifice“ benötigten. Ich war  schon etwas skeptisch, weil mir einfach das erste Album nicht wirklich behagte. Es klang wie WITCHCRAFT und von dort kam ich ja erst. (lacht) Das war einfach etwas skurril für mich. Irgendwie klang das nach im-Kreis-laufen. Sie haben mir dann die Demos geschickt und das hat mich überzeugt. Mich hat überrascht, dass sie sich so extrem schnell entwickelt hatten und da war klar, dass ich an Bord war.

Wo liegen für dich die größten Unterschiede, jetzt bei NOCTUM zu spielen, im Gegensatz zu deiner WITCHCRAFT-Vergangenheit?

Hier habe ich mehr Spaß, so viel ist schon mal klar. (lacht) Die NOCTUM-Jungs sind extrem angenehm und haben viel Humor. Außerdem hat jeder dasselbe Ziel, dieselben Visionen. Wir kommen gut miteinander aus und die Zeit untereinander ist einfach fein. Die Touren machen Spaß.

Die Rock- und Metalszene in Schweden ist eigentlich kaum mehr überschaubar, so viele Bands und Projekte es schon überall gibt. Glaubst du nicht, dass der Nation hier einmal eine musikalische Implosion bevorsteht?

Ich denke, die von dir genannte Implosion ist schon vor langer Zeit passiert. (lacht) Natürlich sollte jeder eine Band gründen, wenn er will, aber in Schweden wird dir das wirklich extrem leicht gemacht. Du kriegst sehr schnell finanzielle Unterstützung von der Regierung, hast gleich mal einen Proberaum und selbst in den Schulen liegen schon überall Instrumente herum. Ich glaube nicht, dass es noch ein Land gibt, das Musiker so fördert wie Schweden. Unsere grundsätzliche Kultur ist ja schon auf Unterstützung und Hilfe aufgebaut. Das Problem ist nur, dass vielleicht eine große Menge an Menschen gar keine Musik spielen, sondern etwas ganz anderes machen sollten. Es kann nicht jeder ein Drummer oder ein Profifußballer werden. Jeder hat verschiedene Lebensziele und man kann nicht kollektiv darauf hinstreben, Pilot, Künstler oder Maler zu werden. Das klingt irgendwie dämlich, aber wir haben einfach zu viele Bands. (lacht)

Und du bist dann der Zlatan Ibrahimovic des Schlagzeugs?

(lacht) Nein, das wohl dann doch nicht. Ich bin eher der gegenwärtige Diego Maradona. (lacht) Ein alter, fetter Typ, der am liebsten hedonistisch lebt – das trifft’s wohl am besten.

Findest du es nicht schade, dass gerade eine extrem innovative Band wie MORBUS CHRON vor wenigen Wochen dicht gemacht hat?

Für mich waren sie sogar eine außergewöhnlich gute Band. Das letzte Album „Sweven“ habe ich geliebt, das war unglaublich. Ich habe keine Ahnung, warum das passiert ist. Ihr Drummer Adam Lindmark spielt auch bei DEAD LORD, mit denen wir letztes Jahr unterwegs waren, aber ich habe ihn seitdem nicht mehr getroffen. Ich finde es sehr traurig, denn sie waren eine großartige Band, die etwas Frisches, Neues produzierte. Hätten sie diesen Weg weiterverfolgt, wäre es für sie wohl möglich gewesen, enorme Erfolge einzufahren. Es gibt heute wenige Bands, wo bereits das zweite Album ein Meilenstein ist. Es war keine einfache Kost und nicht jeder hat verstanden, was sie da gemacht haben, aber dieses Werk besteht mit Sicherheit den „Test Of Time“. Daran werden sich die Menschen einmal zurückerinnern und es als Meisterwerk preisen. Beim ersten Mal wusste ich selber nicht, wie mir geschieht. Aber sie haben wirklich die Form eines Albums optimal genutzt und einfach ein starkes Gesamtpaket erschaffen. Vielleicht haben sie auch gedacht, sie könnten nicht mehr besser werden? Wer weiß das schon.

Ein brillantes Album erwarten wir 2016 natürlich auch von NOCTUM. Wann können wir eigentlich damit rechnen und mit was ist zu rechnen?

Wir werden den Rest des Jahres für den Songwriting-Prozess heranziehen und in einer perfekten Welt, wären wir im Jänner/Februar im Studio. Wir alle wissen aber natürlich nur zu gut, dass es so etwas wie eine perfekte Welt nicht gibt. (lacht) Es wäre wirklich fein, wenn wir in etwa einem Jahr mit dem fertigen Produkt um die Ecke kommen könnten, aber davon hängen noch viele offene Punkte ab. Wir werden sehen, was passiert.

Kannst du nicht auch schon etwas über die Ausrichtung, Konzeptionierung, Musik sagen?

Nein, dafür ist es noch zu früh. Bislang haben wir uns an zwei oder drei Songs probiert, um die Proberaumatmosphäre einmal anzufeuern. Derzeit hören sich diese Nummern gut an, aber warten wir mal ab. Möglicherweise langweilen wir uns in ein paar Wochen auch mit den Ideen. Es ist derzeit noch alles möglich. Definitiv fix ist, dass das kommende Album nicht so klingen wird wie „Final Sacrifice“. Bands, die immer gleich klingen, mag ich nicht.

Gegen AC/DC wirst du jetzt aber auch nicht allzu viel einzuwenden haben...

Ja, klar. AC/DC, MOTÖRHEAD und die RAMONES dürfen das machen, sie haben das Exklusivrecht darauf. Wir können das aber nicht. Meine Lieblingsband BLACK SABBATH hat bei den ersten acht Alben nichts gemacht, was dem vorherigen ähnelte. Da war immerzu eine Progression zu hören und dennoch hängen alle Alben zusammen. Ich weiß noch nicht, ob wir softer, härter oder noch doomiger werden. Wir werden sehen, bitte um Geduld. Ich bin ja selbst gespannt. (lacht)

Wie sollte die Öffentlichkeit NOCTUM wahrnehmen, wenn du es dir wünschen könntest?

Boah, das ist eine harte Frage. Sie sollte uns als eine ehrliche Band sehen, die mit Freude ihre Musik spielt. Ich mache das auch aus Liebe zur Musik. Das ist der Grund, warum ich als 40-Jähriger für drei Wochen mein Zuhause und meine Verlobte zurücklasse. Und genau denselben Beweggrund haben wir alle in der Band. Wenn wir als ehrlich angesehen werden, dann sind wir mit Sicherheit überglücklich.


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