GRAVE PLEASURES - Mat McNerney & Linnéa Olsson

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Ich umarme die Dunkelheit und erfahre dadurch Freude und Vergnügen.

Mit BEASTMILK in kometenhafte Sphären vorgedrungen, kam für Mat McNerney und Co. ein überschnelles Ende. Die GRAVE PLEASURES sind jetzt der bemühte Versuch, einen Hype in die Normalität zu verkehren. Mit toller Besetzung und einem grandiosen Debütalbum. Let the battle begin...

Veröffentlicht am 16.10.2015

Der Tourmanager hat seinen Laptop am Vorabend im ungarischen Budapest liegengelassen, dementsprechend hektisch geht es bei den GRAVE PLEASURES vor ihrem Gig im Wiener Viper Room zu. Der britische Sänger Mat "Kvohst" McNerney ist aber völlig tiefenentspannt, lässt sich ohne Umschweife zum Small Talk überreden und entschuldigt sich typisch britisch-höflich für die anstehende Verspätung des anstehenden Interviews. Linnéa Olsson, die schwedische Gitarristin, die auch an Gesprächsbord ist, verhält sich beim Soundcheck nämlich nahezu überperfektionistisch. Dafür zeigt sich die blonde Dame gut gelaunt und zuvorkommend - ganz im Gegensatz zu diversen Gerüchten, die in der Rock-/Medienwelt so im Umlauf sind. Bei einem kalten Bier und einem Teller Kebab wird vor dem Gig dann auch gemütlich eine Stunde lang gesprochen. Themen gibt es ja ohnehin genug - das Ende der kurzlebigen Kultband BEASTMILK, die Funktion der GRAVE PLEASURES als Quasi-Nachfolger, die Implosion innovativer Bands im Extreme Metal, woher McNerney aus Dunkelheit und Tod Freude bezieht, wie manche Bands verbotene Symbole wieder für sich zurückgewinnen möchten und vieles mehr. Doch lest selbst...

Mat, Linnéa – wenn etwas stirbt, dann erwächst Neues. Nach dem Ende der kultisch verehrten BEASTMILK Anfang 2015 gibt es jetzt das erste Album der Quasi-Nachfolger-Band GRAVE PLEASURES. Wann habt ihr das erste Mal darüber nachgedacht, dieses Projekt ins Leben zu rufen?

Linnéa Olsson: Es gab kein klares Ende und auch keinen klaren Beginn.
Mat McNerney: Wir alle haben unabhängig voneinander an neuen Songs geschrieben. Im Kopf hatten wir ursprünglich ein zweites BEASTMILK-Album, aber der Wagen fuhr bekanntlich an die Wand. Allerdings hatte ich keine Lust, meinen Kreativitätsfluss zu stoppen. Wir wollten einfach weitermachen. Ex-Gitarrist Johan „Goatspeed“ Snell wollte hingegen gar nicht mehr, er wollte alles stoppen – es gab einfach ganz verschiedene Richtungen. Hätte Johan weitergemacht, wäre es aber auch danebengegangen, der Wechsel war also sicher die beste Lösung.
OIsson: Es gab überhaupt keine Pläne, es war nur klar, dass es mit der Musik weitergehen muss. Das Schwert BEASTMILK war am Ende für die Band zweischneidig. Einerseits lag aufgrund des Erfolgs großer Druck auf uns und es war gut, etwas unterzutauchen, andererseits hätte man diesen Erfolg natürlich auskosten können.
McNerney: Die GRAVE PLEASURES zu Gründen war so, wie das letzte fehlende Puzzleteil einzubauen.

Als ihr dann am neuen Album „Dreamcrash“ gearbeitet habt, wolltet ihr bestimmte Dinge oder Schritte vermeiden, die unter dem Banner BEASTMILK ursprünglich geplant waren?

McNerney: Es war gar nichts geplant, niemand hat sich von uns zusammengesetzt, um eine bestimmte Richtung einzuschlagen, alles verlief sehr frei. Das war auch für mich sehr neu und interessant. Es war aber leichter, zusammenzuarbeiten, da ein Teil von uns mit „Climax“ unter dem BEASTMILK-Banner schon ein starkes Album erschaffen hatte.
Olsson: Es ging nicht darum, dass wir etwas vermeiden wollten, sondern positiv nach vorne schauten. Was können wir alles machen? „Dreamcrash“ ist nicht so Riff-basiert, sondern zielt mehr auf Melodien ab, das gefällt auch mir besser.
McNerney: Der Vorteil nach dem Ende von BEASTMILK und dem Beginn der GRAVE PLEASURES war, dass wir von Null starten konnten. Wir mussten zurückschauen und einer Kontinuität folgen. Hätten wir BEASTMILK weitergemacht, hätte das zweite Album auch komplett anders geklungen. Die Menschen werden BEASTMILK auf ewig mit „Climax“ in Verbindung setzen, für mich war die Band schon immer mehr als nur dieses Erzeugnis. Der neue Start erleichtert uns natürlich alles, ich liebe auch Bands, die sich ständig neu erfinden und nicht immer denselben Scheiß auf Platte bannen.

Findet ihr nicht, dass es verdammt schwierig ist, sich in den Köpfen der Menschen als völlig neue Band zu emanzipieren und so auch wahrgenommen zu werden?

Olsson: Darüber denken wir gar nicht nach, das ist uns völlig egal. Anfangs haben wir schon überlegt, wie wir die Transformation möglichst gut hinkriegen, aber irgendwann war es egal und wir wussten, es wird einfach etwas ganz Neues. Es könnte mich heute nicht weniger kümmern, was BEASTMILK einmal war. Wenn die Leute die Band mögen, mögen sie sie. Egal, was vorher war oder wie sie heißt. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Fans haben eine total andere Perspektive auf Bands als Musiker selbst.

Olsson: Wir sind selbst Fans und ich weiß, was du meinst. Aber nur weil ich die Blaze-Bayley-Ära von IRON MAIDEN nicht mag, heißt das nicht, dass die Band nicht genial ist. Mir gehört diese Band nicht, ich habe kein Recht auf eine totale Ansicht. Ich habe meine Perspektive, aber MAIDEN dürfen natürlich tun, was sie wollen. Das ist vielleicht ein sonderbarer Vergleich. (lacht)
McNerney: Es ist wichtig, klar zu unterscheiden zwischen Menschen, die nur der Vergangenheit nachhängen und solchen, die sich auf etwas Neues einlassen. Beide Bands standen immer für Progression, was soll ich sonst sagen? Wenn Menschen nur alte Songs mögen – dann bitte.
Olsson: BEASTMILK waren in einer besonderen Position, denn gerade heute gibt es kaum bis gar nie Bands, die so schnell so erfolgreich sind. Wir haben den Namen aber auch geändert, um die alte Band zu ehren und sie in Frieden ruhen zu lassen. Wir wollten den Leuten das Heilige von früher lassen.
McNerney: Ich fand die Perspektive mancher Fans, dass sich eine Band nicht ändern darf, immer schon seltsam. Ich bin selbst Fan und ich liebe es, wenn Bands aus ihrer Komfortzone schlüpfen und sich verändern und erweitern. Das ist wesentlich spannender und zu solchen Leuten spreche ich auch. Das ist eben die Avantgarde-Szene und dort bewegen wir uns nun einmal. Wir gehen jetzt in diese Richtung, entweder du gehst mit, oder eben nicht. Das ist eine Punk-Attitüde, aber daraus bestehen die GRAVE PLEASURES. Jeder, der uns live sah, sagte, die Chemie unter uns wäre gut, also probiert uns einfach mal aus.
Olsson: Würde ich mich hinsetzen und versuchen, BEASTMILK-Riffs zu schreiben, wäre das nicht ich. Das wäre unehrlich mir und allen anderen gegenüber. Ich kann nur ich selbst sein, anders geht es ja auch gar nicht. Ich vertrete meinen Standpunkt und schaue voran – der Rest interessiert mich nicht.
McNerney: Johan hatte auch einen ganz eigenen Stil bei BEASTMILK, allein ein Versuch von Linnéa, diesen Stil nachzumachen, wäre absurd.

GRAVE PLEASURES soll eine Mixtur aus dem Tod und dem Vergnügen darstellen. Wie passt denn das zusammen?

McNerney: Für mich ist das alles dasselbe, ich war immer schon ein morbider Motherfucker, der seine Freude aus den dunklen Seiten des Lebens zog. Dunkle Kleidung und Totenschädel-Motive sind mein Zuhause, dort fühle ich mich wohl und dorthin kehre ich immer zurück. Ich umarme die Dunkelheit und erfahre dadurch Freude und Vergnügen. Das klingt für Leute, die nicht in der dunklen Musik verhaftet sind wahrscheinlich etwas eigenartig, aber das ist auch der Grund, warum mich diese Szene gefangen hält. Als Kind war SLAYER meine Lieblingsband, sie waren extrem und aggressiv und niemand in der Schule hörte auch nur annähernd etwas so Extremes wie ich. Ich war dann gegen jeden und umgekehrt, aber das machte mich glücklich. Das ist die perfekte Umschreibung des Bandnamens, finde ich.

Mit Bezeichnungen wie „Apocalyptic Post Punk“ oder „Apocalyptic Death Rock“ lässt sich natürlich gut Stimmung machen. Sind solche erweiterten Genre-Etiketten wirklich notwendig?

McNerney: Unsere Themenbereiche sind apokalyptisch angehaucht und diverse Reviews haben das verstärkt. Die Bezeichnungen sind also eher der Außenwirkung auf uns geschuldet. Geplant war das nicht so, aber die Beschreibung ist auch nicht so falsch.
Olsson: Wir sind eine Rockband. So wie LED ZEPPELIN, die STOOGES oder auch die EDITORS. (lacht) Die Leute sollen uns bezeichnen, wie sie sollen. Death Rock ist für mich eine perfekte Umschreibung.
McNerney: Da geh ich mit Linnéa konform. So etwas wie CHRISTIAN DEATH. Egal, welches Genre für uns bestimmt ist, wichtig ist, dass die Band einen Namen kriegt.
Olsson: Wir sind eigentlich eine Crossover-Band sind. Crossover-Rock wäre doch cool. (lacht)
McNerney: BEASTMILK war jedenfalls besser im Metal- oder Black-Metal-Bereich verhaftet, weil der Sound und die Einflüsse einfach mehr aus der Richtung kamen. Jetzt sind wir breiter aufgestellt, wir haben mehr Sensibilität für Pop und daher ist es auch schwer, uns zu labeln. Ich weiß nicht, ob das eine Generationsfrage ist, dass wir das machen, was wir gerade tun, aber ich warte eigentlich schon länger auf Bands, die sich auf unsere Einflüsse berufen. Wir haben einen schwereren Stand als Doom-Bands. Wenn die x-te Band nach BLACK SABBATH klingt, jubeln alle auf. Klingen wir aber nach SOUIXSIE AND THE BANSHEES, dann rümpfen viele die Nase und hören lieber das Original. Mir fehlt hier die Verhältnismäßigkeit. Die Menschen stempeln dich ab und wenn du etwas polarisierst, so wie wir, dann wird es nicht einfacher.

Das Feedback auf euer Album war von Anfang an gewaltig. Hast du mit dieser Intensität gerechnet?

McNerney: Es gab viele Meinungen darauf, das ist gut, aber erwartet haben wir nichts. Schon gar keine Coverstorys wie etwa für das „Visions“-Magazin.
Olsson: Wir haben bei Sony einen Majordeal bekommen, was die Sache natürlich etwas vereinfachte, aber die Menge an Feedback in der kurzen Zeit, hat uns durchaus überrascht. Ich finde aber, dass wir immer noch Underdogs sind, die ordentlich um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist Mittelmäßigkeit. Wenn das passiert, hast du komplett verloren. Wenn wir in Reviews mit 9/10 ausstiegen, war das schon eine Erleichterung.

Aus der Asche von BEASTMILK in die Welt geboren - die GRAVE PLEASURES (c) Sony Music

Andererseits gibt es viele Leute, die euch als Hype-Erscheinung für die Hipster-Kultur halten und euch ohnehin keine große Zukunft prophezeiten. Was würdet ihr diesen Leuten entgegnen?

McNerney: Sobald jemand überhaupt mal irgendeine Meinung über uns hat, sind wir schon nicht so uninteressant. Hype geht mit Erfolg einher, das heißt also, wir sind in der Außenmeinung auch schon erfolgreich. Ich weiß ja, dass viele Leute nicht über den Underground hinausschauen, aber das ist nu einmal so, das gibt es überall.
Olsson: Heute geht alles so verdammt schnell. Die Leute hypen eine Band im Internet innerhalb von Stunden zum nächsten heißen Scheiß, aber genauso schnell kann es auch in die andere Richtung gehen. (lacht) Keiner hat mehr Geduld oder gibt die Geduld, etwas natürlich wachsen zu lassen. Die GRAVE PLEASURES würde ich nicht als Hype-Band bezeichnen, bei BEASTMILK war das schon eher der Fall. Aber jetzt gehen wir es ja auch viel gemütlicher an.
McNerney: Das Musikgeschäft läuft heute eben ganz sonderbar. Eines dieser Phänomene sind Teile der Fans, die jeden einzelnen Schritt kommentieren müssen. Auch in der Medienwelt gibt es eine ähnliche Haltung – es gibt nur mehr wenige gute Journalisten, die sich Gedanken machen, recherchieren und tiefer fragen. Andererseits sind sie aber arm, weil sie in dem Beruf furchtbar schlecht bezahlt werden. Im Internet führt sich heute jeder Troll wie ein Journalist auf und gibt seinen Senf dazu. Das macht die Unterscheidung schwierig, deshalb lese ich auch keine Reviews und nur wenige Interviews von mir, weil ohnehin viele daraus machen, was sie wollen. Jeder versucht derzeit seinen Weg in der Szene zu finden, nur macht es momentan nicht viel Sinn. Ich mag den Grundgedanken, dass Fans miteinander interagieren können, aber die Leute haben so eine Verletzungs-Mentalität, dass sie einfach nur verbal aufeinander eindreschen, statt konstruktiv zu diskutieren. Auch der Begriff "Hipster" war einmal positiv konnotiert und heute ist jeder einer, der etwas falsches mag. Ich finde das oft auch einfach nur witzig.

Einerseits bezeichnet ihre eure Songs als modern und zeitgemäß, andererseits sind Parallelen zu THE CURE, JOY DIVISION und Co. nicht immer zu leugnen. Ist das nicht irgendwo ein Widerspruch in sich?

McNerney: Diese Bands haben damals auch die Zeit genutzt und mit ihrem Sound aus anderen Einflüssen eine Ära gegründet. Als Kind war das ziemlich erschreckend für mich, sogar das „Wild Boys“-Video von DURAN DURAN war wie ein Horrorfilm für mich. So etwas gab es damals einfach nicht im Fernsehen, alle wollten anecken, Drogen waren Standard, der Hedonismus regierte. Ich kann mich heute noch immer damit identifizieren, die Einflüsse entstanden also niemals aus dem Kalkül.
Olsson: Ich finde es lustig, denn ich habe niemals THE CURE gehört und kenne vielleicht sieben JOY DIVISION-Songs. Ich sehe uns aber als Modern-Rock-Band, so wie auch BEASTMILK es waren. Das war keine Retro-Band, denn sie sang über Themen, die in der Gegenwart passieren. Es ging um gesellschaftliche Ängste und Paranoia im großen Rahmen. Das sind alles sehr präsente Themen. Der Untergang kommt und das fühlen wirklich viele Menschen – vor allem in der westlichen Hemisphäre. Ich liebe Bands aus den 60er- und 70er-Jahren, aber ihre Inhalte reflektieren doch nicht mein Leben. Da ist eine ganz andere Ära. Jede Generation hat ihre Themen und ihre Bands dazu. Und BEASTMILK waren für mich immer sehr modern und mit den GRAVE PLEASURES ist es ähnlich, nur noch persönlicher. Wir sind aber in keiner Weise eine Retro-Band – wir sind sehr stark in der Gegenwart verwurzelt. Ich finde vor allem diese Retro-Rock-Schwemme aus Schweden oft etwas peinlich. Sie ziehen sich an wie aus den 70ern und glauben, sie wären dort. Das ist wie bei Rollenspielern, die sich als Ritter verkleidet im Wald austoben – sowas kann ich nicht ernst nehmen.
McNerney: Das ist für mich reaktionäre Musik – die meisten versuchen ohnehin nur, irgendwo reinzupassen. Lass uns ja keine Wellen machen und angepasst bleiben. Lass uns auf 70s-Rock und uns "BLACK MAGICIAN" oder so nennen. Das ist doch dämlich und feige. So etwas haben wir nie vorgehabt und werden wir niemals machen. Ich bin glücklich, wenn du bei uns Referenzen alter großer Künstler findest, aber wir sind dennoch kein Abklatsch wie viele andere. In England hatten wir einen Fan, der war seit Jahren nicht mehr auf einem Konzert und hat in uns endlich eine Band gefunden, die ihn an seine Jugend erinnerte. Das ist eine Riesenehre für uns, weil sie uns als Goth-Band sehen und das ist mir auch Recht. Wichtig ist es einfach, relevant zu sein.

Dass ihr mit eurem Stil einen Majordeal abstauben konntet, ist für mich dennoch eine kleine Sensation. Die suchen doch meist mittelmäßige Hit-Bands, die sich schnell verkaufen lassen.

Olsson: Wenn die der Meinung sind, wir würden eine gute Hit-Band abgeben, kann ich gut damit leben. (lacht) Meine größte Ambition ist es, wirklich gute, memorable Songs zu schreiben. Wenn jemand durch meine Riffs ein Hitpotenzial sieht, ist das für mich ein großes Kompliment. Hittauglichkeit schließt gutes Songwriting keinesfalls aus.
McNerney: Jeder von uns bewegt sich seit Jahren im Underground und ich habe meine Schuldigkeit dort getan. Ich habe viele Death- und Black-Metal-Alben aufgenommen und jeder kann mir die Richtung der GRAVE PLEASURES gerne missgönnen, wenn er will. „Dreamcrash“ beinhaltet immer noch sehr dunkle Musik – die Pop-Edge in den Songs ist nicht gleichbedeutend mit Hittauglichkeit. (lacht) Es ist heute ein Kampf, die Leute für deine Band zu gewinnen oder ins Radio zu kommen.

„Dreamcrash“ ist einerseits ein ziemlich dystopisches Album, andererseits habt ihr Songs wie „Worn Threads“ oder „Taste The Void“ darauf, die sehr schnell und fröhlich wirken. Verfolgt ihr das Songwriting also aus der Grundperspektive „das Glas ist halb leer“, aber mit einer guten, lebensbejahenden Botschaft am Ende?

Olsson: Wow, wie tiefgründig...
McNerney: Niemand sollte ein Album hören, das ausschließlich aus Melancholie besteht. Das will auch niemand. Es gibt keine Art von Musik die ich höre, wo nicht eine Spur von Herz oder Hoffnung drinnen steckt. Die dunkelste Musik, die ich mir nur vorstellen kann, führt mich am Ende immer zu einem Platz, auf dem ich mich besser fühle. Der Sinn eines Releases ist es, sich mit jemandem zu verbinden und Erfahrungen zu teilen.
Olsson: „Worn Threads“ war ein Song, in dem wir die Achterbahnfahrt unserer Emotionen wiederspiegelten. In der Mitte gibt es einen wirklich beängstigenden Instrumental-Part, der dann aber zu einem hoffnungsvollen, netten Refrain führt, bevor es noch mal nach unten geht.
McNerney: Das Album war nicht einfach. Wir entstanden aus den Überresten von Bands wie BEASTMILK, IN SOLITUDE und THE OATH und es war durchaus ein Kampf, uns musikalisch und emotional zu finden. Jetzt, auf Tour, sehen wir, was den Leuten die Songs bedeuten, bekommen endlich echtes, direktes Feedback. Ein Song wie „Worn Threads“ ist für mich sehr physisch, weil ich einfach die Realität spüre, die ich beim Schreiben erlebte.
Olsson: Ich mag an dem Album, dass es keine Angst vor den schönen Momenten hat.

Es ist wirklich extrem vielseitig und divers ausgefallen und mit „New Hip Moon“ habt ihr sogar einen Song erschaffen, der die Goth-Dancefloors wohl noch viele Jahre beschallen wird. Einen echten Hit eben. Sucht ihr beim Songschreiben nach Hymnen?

Olsson: Gut gemacht, Mat. (lacht) Ich suche jedenfalls nicht nach Hymnen, die Songs müssen einfach gut klingen, aber ich suche nicht nach Eingängigkeit.
McNerney: Mit den apokalyptischen Grundvibes war die Idee des Songs schon, das Publikum in eine Art von Katharsis zu versetzen. Ich suche eigentlich nach Anti-Hymnen. Protestsongs, wenn du so willst. Es ist wirklich witzig und interessant zu beobachten, wenn das Publikum Wörter wie „Genocide“ lautstark und inbrünstig mitsingt.

FLOTSAM & JETSAM haben ja den Song „Der Führer“, wo dauernd „All Hail, Sieg Heil“ intoniert wird und obwohl es ein klarer Anti-Song ist, ist die Reaktion der mitsingenden Leute in einem Land wie Österreich oft einfach erschreckend und surreal.

Olsson: (lacht) Ja, es ist so, als ob sich die Leute ein Symbol wieder zurückholen, das einst mal ihnen gehörte. Man holt es von den Bösen wieder zurück.
McNerney: Es gibt in der Geschichte ja viele Symbole, die sich ins Böse wandelten, obwohl die ursprüngliche Bedeutung eine ganz andere war. Wenn du das Gefühl hast, du kannst dir so etwas zurückholen, das ist ein erhebendes Gefühl.

Bei Symbolen wie dem Hakenkreuz ist es aber – zumindest in unseren Breitengraden – unmöglich, es wieder in etwas Gutes, Schönes zu verkehren.

Olsson: Das stimmt, aber RAMMSTEIN sind zum Beispiel ein gutes Beispiel, wie sie mit Ästhetiken, Narzissmus und dem Verbotenen spielen, um ein Drama zu verarbeiten.
McNerney: RAMMSTEIN haben ihren Symbolismus definitiv nicht als Provokation gesehen, sondern einfach auf bestehende Tatsachen mit Nachdruck hingewiesen. Sie haben wirklich viel Kreativität dafür verwendet, aber natürlich muss auch die Musik dazu passen. Dir helft die beste Bühnenshow nichts, wenn du nur rechtsradikale Idioten vor dir stehen hast und die Musik beschissen klingt. (lacht)

TAAKEs Hoest ist ja so ein gutes Beispiel, der mit aufgemaltem Hakenkreuz auf die Bühne marschierte.

McNerney: Das ist einfach ein Idiot mit einem dämlichen Verhalten.
Olsson: Die SEX PISTOLS sind doch auch mit Hakenkreuz-Armschleifen in Interviews gesessen, aber als Punks war die Ausrichtung und der Wille zur Provokation ganz klar zu sehen. Du kannst natürlich nicht in Deutschland damit herumrennen, in England aber schon. Auch darauf sollte man achten, wenn man schon provozieren und aufrütteln möchte.

Tom Dalgety, den man von ROYAL BLOOD oder KILLING JOKE kennt, sollte ursprünglich euer Album produzieren. Gemacht habt ihr es dann aber selbst.

Olsson: Das stimmt, er war dann aber nur als Techniker am Werk beteiligt.
McNerney: Geplant war es anders, er hat das Album dann aber aufgenommen und wir haben es produziert.

In den sozialen Medien hat ein Metal-Schwergewicht wie BEHEMOTHs Nergal größtes Lob über euch ausgeschüttet. Ist euch so etwas wichtig? Nicht nur für den Lebenslauf, sondern für euch selbst?

McNerney: Es ist auf jeden Fall nett, aber es ist uns jetzt auch nicht übermäßig wichtig. Er hat uns gesehen und es hat uns gefallen, das ist natürlich fein. Ich bin auch kein BEHEMOTH-Fan, aber ich schätze, was sie machen und ihn als Musiker und Künstler. Es gab ein paar Menschen, die uns lobten und schätzen und das ist natürlich nett, denn Musiker haben einen anderen Standpunkt als ein Fan. Wir haben auch andere Freunde im Business, die unsere Alben nicht mögen, deswegen vertragen wir uns aber trotzdem.

Mat, du bist geborener Brite, Linnéa ist aus Schweden, der Rest der Band aus Finnland, wo ihr auch eure Homebase habt. Repräsentiert dieses multikulturelle Gefüge auch die vielen unterschiedlichen Soundschichten von „Dreamcrash“?

McNerney: Wir alle haben sehr unterschiedliche musikalische Backgrounds und die verschiedenen Herkünfte beeinflussen sicher die Arbeitsweise in der Band. Es ist oft ein Kampf der Kulturen, was die Sache sehr spannend und aufregend macht. Das macht die Band auch aus.

Ist es denn so viel einfacher, so dunkle Musik in dem Land mit der höchsten Selbstmordrate der Welt zu erschaffen?

Olsson: Wir sprechen oft darüber, warum Schweden und Skandinavien allgemein so gut für Rockmusik ist, die oft sehr tiefgründig daherkommt. Was der Grund dafür ist, wissen wir auch nicht. Das kommt einfach ganz natürlich aus uns raus. Es gibt ja auch in Portugal gute, dunkle Bands.
McNerney: Fröhliche Leute machen dunkle Musik, sie brauchen vielleicht auch diesen Gegensatz. Das passiert ja auch umgekehrt sehr oft so.

Traurigerweise sterben die besten Bands reihenweise aus. IN SOLITUDE, BEASTMILK, THE OATH oder unlängst MORBUS CHRON. Warum gibt es derart viele Implosionen bei den innovativsten Bands? Liegt das auch mitunter an den extremen Charakteren, die solcherlei Musik erschaffen?

Olsson: Ich weiß es nicht, man kann die Schicksale auch nicht vergleichen. IN SOLITUDE waren zum Beispiel sehr lange zusammen und wir mit THE OATH nur ziemlich kurz. In meinem Fall war es so, dass wir bereits eine Woche vor der Veröffentlichung im Internet geleaked wurden, das hat mich persönlich irrsinnig gestresst. Wir wollten einfach nur Spaß haben und als Songwriter wachsen, aber es war einfach so viel Druck da und ich konnte damit nicht mehr umgehen.
McNerney: Das Geschäft hat sich gewaltig verändert, es ist einfach verdammt schwierig, sich aufrechtzuerhalten. In einer Band zu spielen fordert viel Geduld und Aufopferungsbereitschaft.
Olsson: Wenn du deine Arbeit ernst nimmst, dann geht sie dir früher oder später immer sehr nahe – auch auf einer persönlichen Ebene. Das fordert dich natürlich heraus, weil du dein ganzes Selbst hineinsteckst und dafür oberflächlich kritisiert wirst. Du musst nach außen hin cool und sicher sein.
McNerney: Außerdem werfen wir viel Arbeit und Zeit in ein Album, das in einem Single- oder Song-Zeitalter hineingeboren wird. Fans sehen ihre Band heute als Songlieferanten, wir Musiker glauben und konzentrieren uns aber immer noch auf das Gesamtpaket – da gibt es heute auch Wahrnehmungsunterschiede. Die Musikindustrie will aber auch nicht mit den Alben aufhören, sie halten immer noch an CDs und Deluxe-Editionen fest und oft zielt das am Publikum vorbei.

Hattet ihr in euren Leben einmal einen Moment, wo ihr ans Aufhören mit der Musik dachtet? Eben weil ihr überstresst oder missverstanden wart?

McNerney: Ich hatte mein Leben lang neben der Musik Jobs. Selbst als ich bei DØDHEIMSGARD war und wir viel live spielten, wartete zuhause Arbeit auf mich, ich habe mich niemals nur auf die Musik verlassen. Es ist ein ewiger Kampf, aber wenn die Musik in dir ist, kannst du sie nicht abschalten. Es gibt keine Option. Es ist eine Art von Sucht. Ich habe mit Kollegen oft darüber geredet, wie sie die Musik von ihrer Zeit zuhause unterscheiden können und jeder, der von einer Tour kommt, tut sich mit der Realität anfangs wieder sehr schwer. Du brauchst einfach Menschen in deinem Leben, die dich herunterholen, ansonsten ruinierst du dich auf Dauer.

Mit dem Debütalbum "Dreamcrash" suchen die GRAVE PLEASURES nach sich selbst (c) Sony Music

Musiker müssen sowieso rastlos sein, bei dir, Mat, ist das aber noch ärger. Du bist Brite, dann nach Holland, später nach Norwegen und schließlich nach Finnland verzogen. Flüchtest du vor etwas?

McNerney: In Interviews wird mir dann immer bewusst, dass ich da augenscheinlich eine Art von Problem habe. (lacht) Das ist dasselbe wie bei einer Drogenabhängigkeit, du willst es nicht einsehen, bis du immer wieder damit konfrontiert wirst. Es ist aber gut und ich mag es, wenn Fans mich treffen und mich über mein Leben fragen, oder selber was aus den Songs ziehen können. Du merkst, dass du und deine Songs etwas wert sind – auch für andere. „Dreamcrash“ dreht sich stark um die Träume und Inspirationen von Menschen. Man versteht mit den Jahren, dass man nie komplett wird. Das ist auch mit der Musik so, du weißt, dass du nie einen perfekten Song schreiben wirst, nie ganz mit dir selbst zufrieden sein wirst. Wenn du ein perfektes Album machst – was dann? Bringst du dich dann um? Dann hast du ja nichts mehr zu geben. Selbst SLAYER haben nach „Reign In Blood“ nicht aufgehört. (lacht)

Jeff Hanneman und Kerry King waren auch kritischer als ihre Fans, die in „Reign In Blood“ durchaus eine Perfektion entdecken dürften.

McNerney: Mittlerweile leben wir schon lange genug um zu verstehen, dass dieses Album vielleicht perfekt war. GUNS N‘ ROSES haben mit „Appetite For Destruction“ auch einen unsterblichen Klassiker gefertigt, bis zu der Wahrnehmung vergehen eben ein paar Jahre. Die Zeit lehrt dich viel und du siehst es auch in den Gesichtern der Musiker. Sie wissen, dass sie über einen gewissen Punkt nicht mehr hinauskommen können.

Im Sport gilt es ja als edel, wenn man an der Spitze abtritt. In der Musik passiert das eher selten bis nie.

Olsson: Sport ist aber zielorientiert. In der Musik geht es um die Reise und nicht um das Ziel.
McNerney: In der Musik jagst du immer dem Horizont hinterher, du kannst einfach kein greifbares Ergebnis erzielen, wie es im Sport möglich ist.

Ich will aber noch einmal zurück zu dir, Mat. Warum die vielen Umzüge in die verschiedensten Länder? Ist das auch eine Art von Sucht?

McNerney: Nein, das ist einfach mein Leben. Ich hatte keine einfache Kindheit und Jugend und es war für mich schon immer klar, dass ich ab einem gewissen Alter wegziehen werde. Möglicherweise hat das auch meine Musik beeinflusst, aber ich weiß nicht wie. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Gibt es einen Platz, den du als dein Zuhause bezeichnen würdest?

McNerney: Tampere in Finnland. Aber mein Zuhause ist dort, wo meine Frau und mein Kind sind. Die Familie macht das Zuhause aus.

Was macht denn Musik für euch dunkel? Die Melancholie? Die Texte? Die Stimmung?

Olsson: Du musst einfach das Gefühl haben, an einem Rand zu stehen. Dunkle Musik ist die einzige, die ich mag und genießen kann. Es kann immer was daneben gehen, das ist die Essenz des Dunklen. Dunkel ist nicht gleichbedeutend mit schnell und aggressiv! Aber dunkel ist verletzlich und nachdenklich.
McNerney: Für mich kommt auch noch Nostalgie dazu, auch wenn das für jede Art von Musik gilt. Die Magie passiert, wenn dich die Musik erfasst, wenn sie Erinnerungen heraufbeschwört und dich aus der Realität reißt.
Olsson: Mat und ich sind dunkler Musik gleichermaßen ergeben. Wenn wir etwa einen traurigen Film sehen, rutschen wir sofort in diese Stimmungslage und mit der Musik verhält es sich nicht anders. Es ist schön, wenn etwas schmerzt.
McNerney: Als ich in meiner Jugend das erste Mal bemerkte, dass Musik mich verändert, meine Sichtweise auf die Welt anders polt und mich einfach mitreißt, war das ein Gefühl, das ich nie mehr loswerden wollte. Ich bin sehr privilegiert, dass ich diese Magie noch immer spüren kann und sie nie gestoppt wurde. Wenn jemand zu mir sagt, dass meine Musik ihn berührt und ihn verändert, dann ist das für mich die Perfektion. Dann kann und will ich in meinem Leben nichts mehr anders machen.


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