RAVEN - John Gallagher, Mark Gallagher, Joe Hasselvander

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Wir alle leben, atmen und essen Metal, das ist unser ganzes Leben!

41 Jahre NWoBHM - und das, ohne jemals den großen Durchbruch geschafft zu haben. RAVEN haben im Gespräch mit Stormbringer aber trotzdem nichts zu murren, denn das fidele Trio lebt immer noch seinen Traum. Metal to the bone eben - Vorhang auf für eine versteckte Legende.

Veröffentlicht am 20.10.2015

Man muss mit den Superlativen schon schwer haushalten, wenn man über RAVEN spricht. Die Briten aus dem industriell-kalten Newcastle im Norden Englands haben sich 1974 formiert, in einem Jahr, in dem IRON MAIDEN-Vater Steve Harris noch weit weg von Musik war, und sich ohne Unterbrechung bis heute im NWoBHM-Underground gehalten. Auch wenn Sänger John Gallagher den Vergleich nur ungerne hört - die Parallelen zu den Kanadiern von ANVIL sind augenscheinlich, auch wenn Letztere von ihrem späten Doku-Hype profitiert haben, während die Wahl-New-Yorker von RAVEN noch immer unermüdlich durch stinkinge Keller und enge Clubs touren. Mit "ExtermiNation" gelant den Brüdern John und Mark Gallagher, sowie Schlagzeuger Joe Hasselvander diesen Frühling aber eine der besten Scheiben die Bandkarriere, die selbst unverbesserliche Puristen wertschätzen müssen. Während sich Alters- und Genrekollegen wie eben MAIDEN oder JUDAS PRIEST backstage wohl Kaviar und Sekt in ihre prunkvollen Umkleideräume liefern lassen, haben wir uns mit RAVEN auf der zerrissenen Ledercouch im Wiener Escape Metalcorner zusammengefunden, um bei lauwarmen Gambrinus-Dosenbier und guter Laune über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der wegweisenden Genre-Vorreiter zu plaudern. Und wahrlich - nach 41 Jahren Karriere gibt es mehr als genug zu rekapitulieren. Wie sich dann der Gig selbst gestaltete, dass hat Kollege Rosenberger für euch HIER niedergeschrieben - have fun!

Leute, wenn ich richtig recherchiert habe, war euer Auftritt hier im Escape Metalcorner euer erster Wien-Gig seit 1992.

Joe Hasselvander: Das ist richtig.

Du weißt das wirklich noch? Das überrascht mich jetzt total.

Hasselvander: Klar, wir spielten damals im Rockhaus. Für mich ist es so, als ob es zwei Tage her wäre – ohne Scheiß. Wenn du immer Musik machst und ständig auf Tour bist, fühlen sich zehn Jahre wie eine Minute an.

RAVEN gehören zu den ältesten Metalbands überhaupt, Stand 2015 habt ihr unfassbare 41 Jahre als Band auf dem Buckel. Was sind so die ersten Gedanken, die euch in den Kopf schießen, wenn ihr an diese enorme Zeitspanne denkt?

John Gallagher: Eigentlich ja noch ein bisschen länger, aber bevor wir 1974 wirklich RAVEN hießen, haben wir mit den Namen noch etwas herumexperimentiert. (lacht) Die ganze Reise ist ein Wahnsinn, noch unglaublicher ist, dass wir hier sitzen, mit dir reden und noch immer auf der Piste sind. Zudem sind wir besser als je zuvor, die Shows sind noch energischer, wir spielen besser, haben einen besseren Kontakt zum Publikum und sind einfach härter unterwegs. Das ist ziemlich unüblich, denn die meisten Bands werden im Alter immer lahmer und vergessen die Noten, die sie spielen sollten. Bei uns ist das nicht der Fall, das ist gut. (lacht)

Ihr seid mit Legenden wie IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, TANK, DIAMOND HEAD und Co. herangewachsen. Was war denn der Grund, dass manche von denen Weltstars wurden und ihr – zwar mit Feuereifer aber doch – die kleinen Clubs abgrast?

John Gallagher: Das hatte nichts mit der Musik, sondern nur mit der wirtschaftlichen Seite zu tun. Die erste Band, die im NWoBHM-Bereich für Aufregung sorgte, waren IRON MAIDEN. Sie hatten das großartige Glück, auch einen wirklich guten Manager erwischt zu haben – Punkt. Wenn du dein Produkt wirklich gut verpacken kannst, kannst du auch nach Scheiße klingen und du wirst dich trotzdem gut verkaufen. Wenn du Kaviar produzierst und keiner kriegt das mit, gehst du genauso damit unter. Ist McDonald’s das beste Essen, das du kriegst? Nein, das ist ein morbider Fraß, der aber geschickt verpackt ist und dadurch funktioniert.
Mark Gallagher: Es gibt viele falsche Figuren in der Musikbusiness-Charade und wir haben genauso viele falsche Entscheidungen getroffen wie andere über uns, da gibt es nichts zu beschönigen. Wir haben auch keinen Grund, uns für etwas zu entschuldigen oder sowas einzufordern. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
John Gallagher: Wir hatten eigentlich Riesenglück, denn wir stammen aus Newcastle, ganz im Norden Englands, und wenn du nicht nach London gezogen warst, hattest du früher keine Chance auf irgendwas – bei uns ging es aber dennoch. Das kleine Label Neat Records startete von dort aus durch und wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Das war pures Glück und von dort weg haben wir unser Möglichstes getan.
Mark Gallagher: TYGERS OF PAN TANG oder FIST waren Bands, die stark auf Singles bauten. Damals hattest du noch die Jukeboxes in den Bars, wo du dir die Musik rausgezogen hast und dort sind wir mit „Rock Until You Drop“ durchgestartet.
John Gallagher: Das war 1981 eines der allerersten Heavy-Metal-Independent-Alben.
Mark Gallagher: Vor diesem Album haben viele Bands versucht, sich im NWoBHM-Bereich zu festigen, aber damals war der Punk noch allgegenwärtig und all diese Bands hatten Probleme, sich am Markt zu positionieren. Unsere Einflüsse waren die alten Rock-Haudegen. DEEP PURPLE, STATUS QUO, LED ZEPPELIN – damals hassten wir Punk, was sich natürlich später änderte. Das waren schon verrückte Zeiten. Heute herrscht großer Frieden zwischen den verschiedenen Szenen. Wir wollten auch niemals zu einer NWoBHM-Welle gehören, aber das wurde unser Label. Das ergab sich einfach so.
John Gallagher: Es gab einfach viele Typen, die in ganz England verstreut Bands gründeten und energische, aggressive Musik spielen wollten. So entstand dann eine ganze Welle. Die Bands der allerersten Genre-Welle klangen allesamt unterschiedlich, wenig später wurde nur mehr besser oder schlechter kopiert.

Ihr habt eure Musik gerne als „Athletic Rock“ bezeichnet. Gilt das heute, wo ihr alle kurz vor eurem 60er steht, noch immer? Seid ihr immer noch in derart guter Verfassung, die diese Bezeichnung rechtfertigt?

John Gallagher: Dann schau dir mal eine Show von uns an und du wirst diese Frage nicht mehr stellen. (lacht) Die Bezeichnung kam damals von Neat Records und hat auch gepasst. Wir sind auf den Knien die Bühne hin- und hergerutscht, dauernd herumgelaufen und Mark hat sich mehrmals die Knie aufgeschürft. Wir wollten anders sein und wurden anders gelabelt – warum auch nicht?

Newcastle in den 70er-/80er-Jahren war eine sehr industrielle, raue und unwirtliche Umgebung. War das mitausschlaggebend dafür, dass ihr so aggressiv und schnell gespielt habt?

John Gallagher: Natürlich, niemand bekam einen Job, die Regierung hat einfach alles ruiniert und du konntest dort auch nichts machen. Für uns war die Musik ein Ventil, die Aggressionen, die sich bei uns aufstauten, abzubauen. Das ist immer noch der Fall – wann immer uns etwas anpisst, schreiben wir fetzige Songs. (lacht)

Die Politik kann man bei RAVEN also direkt mit der Musik verbinden?

John Gallagher: In gewisser Weise schon, ja. Diese Themen waren ja nicht nur die Ursache für die Punk-, sondern auch für die NWoBHM-Bewegung.

Anfang der 80er habt ihr dann große Konzerte in Europa und auch den USA gespielt, METALLICA und ANTHRAX spielten ihre ersten Touren als Vorband von euch. Mit Lars Ulrich seid ihr ja noch immer gut in Kontakt, was ich so gehört habe?

John Gallagher: 1984 hatten wir den Kontakt verloren, aber als sie „…And Justice For All“ gemixt haben, hat Mark sie wieder getroffen. Da waren sie ja schon Weltstars. Vor etwa zwei Jahren bekamen wir einen großen Platz auf ihrer DVD und letztes Jahr haben wir wieder Kontakt aufgenommen, als wir mit ihnen vor 70.000 Menschen in Brasilien gespielt haben. Das war wirklich cool.

Ulrich ist bekanntermaßen einer der größten RAVEN-Fans, die es überhaupt gibt.

John Gallagher: Das ist das Coole an METALLICA, die sind immer Fans geblieben. Ehrliche, echte Jungs, das finde ich großartig. Im Metal-Business gibt es glücklicherweise immer noch viele echte Musiker, die selbst Fans geblieben sind. Metaller tun was sie tun für die Musik, nicht für den Gehaltszettel, das ist in anderen Genres oft nicht der Fall. Wir alle leben, atmen und essen Metal, das ist unser ganzes Leben. (lacht)

1984 seid ihr von Newcastle nach New York gezogen. Ein großer Schritt, der wirtschaftlich sehr sinnvoll für euch war.

John Gallagher: Wir haben schon mal dort getourt, kamen dann mit der METALLICA-Tour zurück und uns wurde dort ein Album- und Agenten-Deal angeboten. Diese Chance konnten wir nicht auslassen, wir haben plötzlich realisiert, dass wir ab jetzt in den USA leben würden. (lacht) Wir haben in England wie die Tiere geschuftet, aber mit dem Label ging es steil bergab. Der Deal mit Atlantic war perfekt und wir wollen lieber in den USA arbeiten, als in England deprimiert und ziellos vor dem Fernseher zu versauern. (lacht) Plötzlich waren wir in einer Welt, die wir nur aus dem Fernsehen kannten. Da gab es tatsächlich gelbe Taxis und die Geschäfte hatten 24 Stunden am Tag offen, vom guten Wetter gar nicht zu sprechen. Aber das Wichtigste war, dass wir für die Leute dort spielten und sie uns wirklich sehen wollten. Jeder geht in die Sonne, wenn er die Möglichkeit dazu hat – du bleibst nicht im Regen stehen. Die Welt ist ein großer Spielplatz und du musst in deinem Leben das Beste daraus machen.

Eine große Familie - die dreiköpfige RAVEN-Hydra - (c) Facebook-Page Raven

1987 stieg Joe dann als Drummer bei euch ein – das kultige RAVEN-Line-Up war damit perfekt. Was waren deine ersten Eindrücke, als du in eine Band mit zwei Brüdern gestolpert bist?

Hasselvander: (lacht) Es war einfach, wir haben die komplett gleiche Musik gehört. Als ich John das erste Mal traf, jammten wir mit Akustikgitarren und er spielte BUDGIE-Songs. Das überraschte und begeisterte mich gleichermaßen. (lacht) Wir wurden alle schnell Freunde, mochten auch die gleichen Dinge.
John Gallagher: Joe hat uns auch in Washington D.C. gesehen, sich vorher ein paar Shows angesehen, das hat uns imponiert.
Hasselvander: Ich kannte all ihre Alben. Ein guter Freund von mir reiste damals alle zwei Wochen nach England und brachte mir immer tonnenweise Platten mit. Meine Lieblingsbands waren DEMON, WITCHFINDER GENERAL und RAVEN. Der Rest ist Geschichte. (lacht) Ich habe auch einen Fusion-Jazz-Background und die Gallaghers waren schon immer daran interessiert. Die Chemie hat einfach immer gepasst.
Mark Gallagher: Unser alter Drummer Rob „Wacko“ Hunter hat einfach nicht gepasst. Wir wollten mal „Born To Be Wild“ jammen und er sagte nein. Er hat niemals „Rock And Roll“ von LED ZEPPELIN gehört – was soll das bitte? Joe kam da gerade zur rechten Zeit und es war klar, dass wir die Veränderung durchziehen wollten. Nach ein paar Tagen im Studio war es offensichtlich, dass wir drei zusammen einfach größer waren als jeder einzelne von uns.

Eine Beziehung, die seit mittlerweile 28 Jahren gut funktioniert. Was ist denn der Grund dafür?

John Gallagher: Ein wichtiger Teil ist sicher, dass wir nur drei Leute sind. Je mehr in einer Band sind, umso schneller gibt es Gruppierungen. Das war bei RAVEN nie der Fall und außerdem passt eben einfach die Chemie. Wir verstehen uns wirklich gut.
Hasselvander: Ach, fick dich doch! Hat dir jemand erlaubt jetzt zu sprechen? (lacht)
John Gallagher: Vielleicht lieg es auch daran, dass ich jeden Tag ihre Drinks verwässere, damit sie schön ruhig und unauffällig bleiben. (lacht)
Mark Gallagher: Speziell wenn wir Musik machen, merken wir die Verbindung zwischen uns. Die Musik war uns immer wichtiger als das Business dahinter, auch das ist vielleicht Teil des guten Auskommens unter uns. Wir bemühen uns einfach, gute neue Alben zu machen. Andere Bands haben heute einfach eine fette Produktion und schwache Songs, sie spielen immer nur 20 Jahre alte Nummern live und ruhen sich aus auf den Lorbeeren von gestern.
John Gallagher: Das neue IRON MAIDEN-Album wird derzeit extrem gehypt. Wirklich? Das ist das Beste, was die Jungs auf die Reihe kriegen?
Mark Gallagher: Für mich sind sie eine gute Band, aber sie können es viel besser als jetzt. Vielleicht haben sie auch interne Reibereien oder werden schon müde, das weiß ich nicht, aber ich glaube der Großteil ihrer Fans findet das Album okay, aber auch nicht mehr. Man muss sich auch an die Leute halten, ich glaube auch, dass „Architect Of Fear“ das beste Album ist, das wir je machten, aber die Meinung teilt nicht jeder und das ist zu akzeptieren. Alle Bands sagen ja, ihr neues Album wäre das Beste. So ein Bullshit, das ist das größte Klischee des Musikbusiness. Ich finde unser neues Album „ExtermiNation“ großartig, aber so großspurige Sprüche würde ich trotzdem nicht loslassen.
John Gallagher: Du kannst den Leuten neue Alben auch schwerer schmackhaft machen. Viele Fans verbinden besondere Momente mit besonderen alten Alben, zum Beispiel das Kennenlernen einer Freundin oder eine besonders tolle Party. Da kann dein neues Album noch so gut sein, damit kannst du dich nicht messen, du verlierst dabei immer. Wir haben uns für „ExtermiNation“ sehr viel Zeit genommen und dann gemeinsam live im Studio aufgenommen – so wie immer. Keine Click-Tracks, keine Pro-Tool-Kacke – einfach eine Live-Metalband. Heute schicken sich alle die Songs per E-Mail und sehen sich nicht mal mehr im Studio. Das ist schon cool, dass du die Möglichkeit dazu hast, aber du verlierst die Magie, das Bandgefühl.
Hasselvander: Am Wichtigsten ist der „Last-Minute-Teil“. Diese Erfahrung haben wir schon oft gemacht und das geht nur, wenn du gemeinsam im Studio bist. Du kannst einfach bis ganz am Ende offen diskutieren und umarrangieren. Das geht bei einem modernen E-Mail-System nicht so gut. Du erlebst den Spirit des Moments. Der Song „Tank Treads (The Blood Runs Red)“ war am Ende ein reiner Jam-Part, da war nichts geplant. So etwas macht auch den Unterschied.

Metalfans sind ohnehin Puristen, die sich mit neuem Material viel zu schnell zufriedenstellen lassen. Andererseits ist es aber auch bei mir und sicher bei euch genauso, dass ihr mit gewissen alten Alben einfach Erinnerungen habt, die diese Alben zu etwas ganz Speziellem machen. Davor ist doch niemand gefeit?

Mark Gallagher: Es ist aber cool, dass die Leute bei unseren Shows nach den neuen Songs verlangen. Ein größeres Kompliment kannst du nicht bekommen. Das hatten wir so noch nie zuvor erlebt. Ich habe eine richtig geile Geschichte für dich. Ich habe mal in den USA zwei Typen getroffen, die haben ein Auto gestohlen und sind von New York nach Kalifornien geflüchtet und hatten nur eine einzige Kassette dabei – zufällig war das ein RAVEN-Tape. Natürlich wurden sie dann festgenommen, aber sie werden uns immer mit dieser Tat in Verbindung bringen. Daran kannst du dich nicht messen, kein Album wird das jemals wieder können. (lacht) Ich kann das gut verstehen.
John Gallagher: Wir hören uns aber auch neue Bands an, es ist nur schwierig die richtigen zu finden, weil einfach viel zu viel Musik herauskommt und eine Menge davon ist Mist, das ist ganz klar. Aber es gibt großartige junge wie die RIVAL SONS, ATOMIC BITCHWAX, NIGHT DEMON oder CAULDRON zum Beispiel. Die inspirieren uns genauso wie die alten Hasen, wir verschließen uns nicht davor.
Mark Gallagher: „ExtermiNation“ haben wir ja über eine Kickstarter-Kampagne aufgenommen und für die Fans haben wir die Cover-CD „Party Killers“ gemacht, auf 500 Exemplare limitiert. Wir sind dann selber draufgekommen, dass wir fast vergessen haben, wie heavy etwa QUEEN mal waren – die wurden erst später zu einer Popband. Die CD zu machen hat so unendlich viel Spaß gemacht. Jeder hat eigene Erfahrungen mit seinen Heroen – JUDAS PRIEST habe ich mit „Sin After Sin“ kennengelernt, das war ein Killeralbum. Heute sind sie halt okay für mich, aber das war’s auch schon. Mir fehlt einfach die Magie von früher. Der Schlüssel ist – wir machen es rein aus Spaß, denn reich werden wir damit ohnehin nicht mehr.

Joe Hasselvander und John Gallagher in trauter Zweisamkeit - (c) Facebook-Page Raven

Fühlt ihr beim Songschreiben, dass euch da oder dort vielleicht ein Hit oder ein richtiger Kickass-Song gelingt? Hat man das beim Schreiben schon im Blut?

Hasselvander: Absolut, das spürst du einfach. Wir behalten uns viele Songideen auch für später auf, möglicherweise erscheinen die dann am nächsten Album in veränderter Form. Der erste Gedanke ist immer der beste, und wenn du wo spürst, das ist gut, dann ist es das auch. Den Schwung musst du dann mitnehmen. Das Schöne an Musik ist, dass du alleine in einem Raum sitzt, eine Wahnsinnsidee hast und du es gar nicht erwarten kannst, den anderen Jungs davon zu erzählen, sie vorzuspielen. Das macht diesen Job mitunter so großartig, du siehst auch, wie ein Song wächst.
John Gallagher: Es gibt nichts Großartigeres als vor Publikum einen Song auf der Bühne zu rocken, den du ursprünglich mal als Melodie in dein Smartphone gepfiffen hast, um ihn nicht zu vergessen.

Dass „ExtermiNation“ nach 41 Jahren Bandgeschichte so stark geworden ist, beeindruckt mich wirklich. STATUS QUO zum Beispiel haben seit etwa drei Dekaden nichts mehr Vernünftiges auf den Markt gebracht…

Mark Gallagher: Ich verstehe das auch nicht. Wenn wir das schaffen, warum schaffen das nicht andere auch? Es ist mir ein Rätsel. IRON MAIDEN haben drei Gitarristen und können keinen einzigen zündenden Song schreiben? Kommt schon, das gibt’s doch nicht! Ich respektiere die Band, sie waren immer erfolgreich und ich wünsche ihnen nur das Beste, aber ich verstehe nicht, wie sie all das Feuer verlieren konnten.

Ich denke, sie haben auch ein anderes Ziel als ihr. Während ihr ordentlich knallt, wollen IRON MAIDEN wohl progressiver werden, schreiben eher für sich selbst.

John Gallagher: In gewisser Weise musst du auch für dich selbst schreiben, wenn du für die Fans schreibst, wirst du irgendwann unglücklich.
Mark Gallagher: Sorry, aber die neue MAIDEN ist einfach nur mittelmäßig. Da braucht man keine Diskussion starten, denn das ist einfach Fakt. Schau dir doch zum Beispiel MOTÖRHEAD an – die letzten drei, vier Alben sind besser als alles, was sie vorher machten. Warum gelingt das Lemmy, Steve Harris aber nicht?

Gab es in den 41 Jahren RAVEN auch mal Zeiten, wo ihr überlegt habt, die Band auf Eis zu legen?

John Gallagher: Die dunkelste Phase startete natürlich 2001, als Mark von einer Mauer erschlagen wurde, die seine Beine ruinierte. Wir wussten ja lange nicht, ob er überhaupt jemals wieder gehen könnte. Tief im Hinterkopf dachten wir auch an die Zukunft der Band, aber da ging es einfach um die Gesundheit und die Angst, er könne sich nicht mehr bewegen. Die Musik trat natürlich in den Hintergrund. Hätten wir mit Mark im Rollstuhl weitergemacht, wären wir nicht mehr wir selbst gewesen und hätten wohl an vorderster Front in „Disney World“ spielen müssen. (lacht) Es gab immer Ups und Downs, bei uns wohl öfter als bei manch anderer Band. Aber wir wussten immer, dass wir hier richtig sind, auch wenn die Zeiten mal hart waren. Wenn es mal nicht läuft, dann evaluiere das Problem und geh weiter zielgerichtet nach vorne. Was sollen wir sonst machen?
Hasselvander: Das Musikgeschäft ändert sich im Prinzip täglich und du musst dich immer und immer wieder anpassen. Selbst die 90er-Jahre sind schon wie ein ganz anderes Jahrhundert, so schnell wie sich die Welt heute dreht.

Mark, als du diesen schlimmen Unfall hattest, hatte die Musik und die Freundschaft zu deinem Bruder und Joe eine therapeutische Wirkung. Halfen dir diese Dinge wieder, wortwörtlich auf die Beine zu kommen?

Mark Gallagher: Auf jeden Fall. Ich wollte immer in die Band und auf die Bühne zurück, ich hatte keinen anderen Gedanken und das war eine wirklich gute Motivation für mich. Wenn du ein Leben ohne Passion führst, dann können dich solche schwere Momente zerreiben, aber so hast du immer einen Fokus auf etwas. „Walk Through Fire“ war 2010 nach meiner Verletzung das erste Album nach elf Jahren und das war schon arg, weil sich alles so stark gedreht hat in der Zwischenzeit. Auch unsere Musik erweiterte sich und erstmals hatten wir eine lange Pause zwischen Studioalben. Das Album war sehr experimentell, aber das Feedback war gut, was uns sehr motiviert und erleichtert hat. „ExtermiNation“ war dann heuer eben das Arschtritt-Album, das wir schon damals machen wollten – nur jetzt waren wir eben wieder in der Materie und es klappte.

Ihr schreibt zudem fleißig weiter an neuem Material.

Mark Gallagher: Immer. Wir treffen uns oft im Studio, um Ideen zu besprechen und zu schauen, wohin uns der Weg führt. Wir haben für das letzte Album sehr viel Zeit für die Prä-Produktion aufgewendet und das war ein kluger Schritt. Die richtige Arbeit im Studio wird danach einfacher und geht schneller vonstatten. Durch die neue Herangehensweise waren wir auch wieder hungrig und hatten einfach Freude am Tun. Das ist ein gutes Zeichen. Richtig geil ist, dass jeder Fan einen anderen Lieblingssong hat, das heißt, du minimierst die Gefahr, Filler zu produzieren. Auch ein großes Kompliment für uns.

Auch nach Schicksalsschlägen hat Mark Gallagher nie seinen Humor verloren - (c) Facebook-Page Raven

Habt ihr noch Träume, die ihr euch gerne erfüllen möchtet?

Hasselvander: Wenn du mich so direkt fragst – hier auf Tour hätte ich gerne etwas mehr Schlaf. (lacht) Das wäre aktuell das Wichtigste für mich.
John Gallagher: Wir haben heuer erstmals in Korea und Kolumbien gespielt, Australien ist kurz vor dem Abschluss und musikalisch erweitern wir uns auch gut. Der Weg ist der richtige. Wir sind extrem zufrieden mit „ExtermiNation“, weil wir wussten, es wird gut und dann lief es auch noch hervorragend. Die Reaktionen von Fans als auch Kritikern war so gut wie noch nie zuvor. Was kann man sich mehr wünschen?

Gibt es andererseits Dinge oder Entscheidungen, die ihr in der Nachbetrachtung stark bereut?

John Gallagher: Schon, aber dahin zurückzudenken wäre dumm, denn man muss das abhaken und hoffentlich immer die richtigen Lehren daraus ziehen. Jeder geht seine Pfade und „ExtermiNation“ würde auch nicht so klingen, wenn wir nicht vorher oft auch falsch entschieden hätten. Wir haben über die Jahre viel gelernt, aber so läuft das Leben. Heute wissen wir auch, dass man schon ein bisschen exakter wissen muss, was man will, bevor man ins Studio geht – nur als Beispiel.

Ich sehe wohl nicht zu Unrecht diverse Parallelen zwischen ANVIL und euch?

John Gallagher: Das finde ich eigentlich sehr oberflächlich. Wir alle sind gleich gerne Musiker und geben alles für unseren Job, aber sie sind schon sehr viel rockiger, während wir härter und schneller sind. Mit der Dokumentation und allem drumherum haben sie sich später aber doch noch einmal perfekt vermarktet. Sie sind seit vielen Jahren gute Freunde von uns, aber ich sehe da eigentlich nicht so viele Ähnlichkeiten.

Wird das nächste Album auch wieder über eine Kickstarter-Kampagne finanziert werden?

John Gallagher: Möglicherweise. Die Erfahrung war großartig und wir konnten damit auch die „Party Killers“-CD machen, was uns unheimlich viel Spaß gemacht hat. Viele Bands sehen das nur als Plattform, um schnell Geld abzustauben, aber wir wollen den Leuten was geben. Wir sind immer noch unendlich dankbar für die Unterstützung zu „ExtermiNation“ und würden wir ihnen jedenfalls wieder was Wertvolles geben. Wir überlegen uns schon coole Ideen und natürlich fliegt auch der Gedanke von „Party Killers 2“ als Bonus in unseren Köpfen herum.

Oder ihr nehmt das von euch eher wenig wertgeschätzte, neue IRON MAIDEN-Album noch mal neu auf.

Mark Gallagher: (lacht) Das wäre durchaus witzig, bring uns auf keine dummen Gedanken.
John Gallagher: Wir können auch Videos machen oder weiß der Teufel was alles. Den Fans hat das wirklich gefallen, die Reaktionen waren durchweg positiv. Lass uns mal schauen, was da passiert.


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