FORGOTTEN TOMB - Ferdinando Marchisio

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Die meisten Black-Metal-Bands posen heute mit Kerzen, Seilen, Schweineblut oder Holzkreuzen und vergessen dabei, gute Songs zu schreiben.

FORGOTTEN TOMB zählen zu den populärsten Depressive-Metal-Bands der Erde. Wir haben mit Sänger Ferdinando Marchisio Ursache und Wirkung seiner Band besprochen, die Metalwelt analysiert und auch unangenehme Themen angeschnitten. In diesem Sinn: "Hurt Yourself And The Ones You Love"!

Veröffentlicht am 06.11.2015

Gegründet als One-Man-Band unter dem bekannten Pseudonym Herr Morbid, hat sich der Italiener Ferdinando Marchisio mit seinem Suicidal-Black/Doom-Metal-Projekt FORGOTTEN TOMB relativ schnell einen Kultfaktor im Exteme-Metal-Underground aufgebaut. Über die Jahre hinweg entwickelte sich die Band musikalisch, stockte personell auf und kam aufgrund provokativer und teilweise wirklich saudämlicher Aussagen und Taten öfters ins Fadenkreuz von Antifa und linksgerichteten Organisationen. Nach mittlerweile 16 Jahren im Musikgeschäft ist der Frontmann nicht nur gereift, sondern sieht auch ein, dass gewisse Provokationsversuche von früher schlichtweg idiotisch waren. In unserem ausführlichen Gespräch im Backstagebereich des Wiener Escape Metalcorner nahm Marchisio Stellung zu diversen Vorwürfen, erzählte uns, warum er Menschen und ihre Meinungen hasst, weshalb er Gewalt befürwortet, Italien eigentlich dunkel und hässlich ist und er Power- und Bombast-Metal-Fans als naiv ansieht. Ein nicht immer sympathisches, aber interessantes Gespräch mit einer echten "Type" im großen Metalzirkus.

Ferdinando, im April hast du mit „Hurt Yourself And The Ones You Love“ ein neues FORGOTTEN TOMB-Studioalbum veröffentlicht, das zudem den zerstörerischsten Titel der Bandgeschichte trägt. Warum so negativ?

Eigentlich ist das eine Textzeile aus dem Song „You Can’t Kill Who’s Already Dead“ vom Album „Under Saturn Retrograde“. Die Originalzeile hieß „Harm yourself and your loved ones tonight“ – diese habe ich abgeändert und von dort angesetzt. Der Titel klingt sehr brutal und direkt, er fasst die Inhalte des Albums gut zusammen. Es ist kein zusammenhängendes Konzept, aber es geht einfach um eine ziemlich abgefuckte und destruktive Denkweise.

Was zieht dich an Depression und Destruktivität so stark an?

Die Lyrics haben sich vor allem seit den ersten drei Alben extrem geändert. Natürlich ist das auch eine Zeitspanne von 15 Jahren, in denen ich gereift bin und auch die Texte weniger naiv wurden. Heute sind meine Texte nicht unbedingt weniger persönlich, aber nicht mehr so direkt wie früher einmal. Du musst heute schon zwischen den Zeilen lesen, um die Bedeutungen zu erfahren. Depressive Themen waren immer ein Teil dieser Band, aber heute porträtiere ich meine Emotionen erwachsener und nihilistischer als früher. Ich verfolge nun eine apokalyptische Vision der Welt.

Woher entstand bei dir selbst das Interesse an den dunklen, morbiden Themen und Seiten des Lebens?

Ich bin schon seit meiner Kindheit so. Im Gegensatz zu anderen, haben mich erst einmal Horrorfilme und dunkle Themen interessiert und erst in zweiter Linie Metal – also umgekehrt zu den meisten anderen. Als Teenager stand ich extrem auf okkultes Zeugs und diese Themen haben mich nie mehr verlassen. Es gibt einen unerschöpflichen Boden an Recherchemöglichkeiten in diesem Bereich. Für mich ist zum Beispiel Piacenza, meine Heimatstadt, die perfekte Inspirationsquelle, denn die Stadt ist industriell, grau und sehr morbide.

Interessante Sichtweise, ist doch gerade Italien ein sonnendurchfluteter Staat voller fröhlicher Menschen – zumindest besagt das das Klischee.

Von außen sieht das wohl so aus, aber ja, das ist wirklich nur ein Klischee. Das Wetter in Italien wird immer schlechter, meist ist es ziemlich kalt und es regnet viel. Meine Heimatstadt ist eher ereignislos und dunkel. Auch die Wirtschaft und die Gesellschaft gehen in Italien durch dunkle Zeiten. Eigentlich ist das Land sogar sehr unfreundlich zu Menschen, wenn du von den Stränden und typischen Touristenhochburgen abgehst.

Würdest du dich auch als Misanthropen bezeichnen?

Ich versuche diese Bezeichnung heute immer beiseitezuschieben, denn dann fragen mich die Leute wieder, warum ich als Misanthrop auf Tour gehe und Facebook verwende. Aber ja – ich bin kein geselliger Typ und verbringe meine Zeit am liebsten alleine. Meine Bandkollegen wohnen auch alle woanders, so oft sehen wir uns nicht. Ein Misanthrop bin ich aus dem Gesichtspunkt, dass ich Menschen nicht besonders gerne mag. (lacht) Ich kann schon networken, in einer Bar sitzen und mit Leuten reden, aber ich mag es einfach nicht. Ich fühle mich oft wie ein Außerirdischer, weil mich auch nicht interessiert was andere reden – es gibt einfach zu viele Unterschiede zwischen mir und anderen.

War das ein Mitgrund, das FORGOTTEN TOMB in den ersten Jahren eine One-Man-Band von dir war?

Eigentlich nicht, aber als ich meine Demoband verließ und damit startete, fand ich niemanden, der gut genug war, meine Ideen umzusetzen. Es hat dann zwei, drei Jahre gedauert, bis ich die richtigen Leute gefunden habe und seitdem sind wir auch recht stabil, wir haben nur den Gitarristen getauscht.

Ist das Touren für dich nicht schwierig, wenn du so ungern unter Leuten bist?

Anfangs habe ich es geliebt, weil man viele Länder sieht, neue Sachen erlebt und alles sehr aufregend ist. Diese Tour hier genieße ich, weil die Shows gut laufen, aber wenn ich nicht gerade auf der Bühne stehe, dann langweile ich mich schnell. Es ist ermüdend, immer warten zu müssen und nichts tun zu können. Ich verspüre vor Gigs nicht wirklich Aufregung. Es kommt auch auf das Publikum an, wenn die Energie versprühen, gelingt es auch mir leichter. Es gibt aber Shows, die mich einfach nur langweilen.

Der Favorit bei den Fans ist immer noch dein zweites Album „Springtime Depression“, das letzte, das du alleine aufgenommen hast. Ist das für dich ärgerlich, weil du dich musikalisch doch stark weiterentwickelt hast?

Ich mag natürlich alle unsere Alben, bis auf ein paar Lyrics, mit denen ich mich heute vielleicht nicht mehr identifizieren kann, weil ich mittlerweile wesentlich besser geworden bin. Es ist aber schon cool, dass gerade die alten Alben eine Art Kult aufgebaut haben – immerhin hinterlässt du mit diesem Ruf einen bleibenden Eindruck in der Szene, das freut mich auf jeden Fall. Mir ist es so lieber, als ich würde tausende Alben aufnehmen und kein Schwein würde es interessieren. (lacht) Es ist so wie bei den meisten Bands – die alten Alben sind immer die Klassiker und die neuen brauchen viel Zeit. Wir versuchen die Leute mit den Liveshows etwas zu erziehen, ihnen das neue Material näher zu bringen. „Negative Megalomania“ haben anfangs viele Leute gehasst, heute gilt es als Klassiker. Das ist der typische Weg des Metal. Wir verändern uns auch immer, das macht die Berührung mit uns natürlich schwieriger.

FORGOTTEN TOMB-Sänger Ferdinando in Action bei seinem Auftritt im Wiener Escape Metalcorner

Ihr werdet immer gerne in einen Topf mit LIFELOVER oder SHINING geworfen. Wie stark war etwa der Einfluss von Suicidal-Black-Metal-Legende Niklas Kvarforth für FORGOTTEN TOMB?

SHINING und wir haben zur Jahrtausendwende ziemlich gleich angefangen, das war sicher auch förderlich für diese Vergleiche. Unser Debüt „Songs To Leave“ kam auf Niklas‘ Label Selbstmord Services raus und wir hatten damals unheimlich gute Kontakte nach Schweden. Es gab eine Art von Beziehung für etwa drei Jahre, dann gab es aber einige Missverständnisse und Unklarheiten und wir verloren den Kontakt für eine Weile. Jeder hat sein Ding gemacht und heute treffen wir uns zwar wieder hier und da, aber mehr ist da nicht dahinter. Musikalisch waren wir immer sehr unterschiedlich. Wir haben vielleicht beide diese Art von depressiven Suicidal-Black-Metal definiert, aber auf unterschiedliche Art und Weise. Die Attitüde war ähnlich, aber SHINING war mehr im Black-Metal-Bereich und wir eher im Doom verhaftet. Ich mag SHINING, aber wir wurden nie von ihnen beeinflusst.

Obwohl FORGOTTEN TOMB eine Suicidal-Black-Metal-Band ist, hast du dich live nur ein einziges Mal, bei der allerersten Show 2002, selbst auf der Bühne verletzt. Warum wolltest du deinen selbstmörderischen Sound nicht auch weiterhin mit optischen Effekten wie diesem verstärken?

Ich habe schnell gemerkt, dass die Leute das missverstanden haben. Nach dieser einen Show waren die Augen auf mich gerichtet, die Musik verkam zur Nebensache und das interessiert mich nicht. Außerdem habe ich mich nicht wohl dabei gefühlt. Ich ritzte mich gerne aus unterschiedlichen Gründen zuhause, aber nachdem ich damit aufhörte, wollte ich das nicht künstlich für die Bühne am Leben erhalten. In den Hochphasen des Punk war das vielleicht aussagekräftig, aber heute finde ich das Ganze eigentlich ziemlich naiv. Wenn die Leute nur dafür kommen würden, wäre ich verärgert. Ich mache keine Sachen für andere, mich interessiert das nicht. Es geht einfach darum, dass wir gute Musik erschaffen. Würde ich nicht auch Gitarre spielen, hätte ich wohl mehr Freiheiten, hier und da Stunk zu machen und jemanden im Publikum zu schlagen. (lacht) Gewalt ist nichts Schlechtes.

Suchst du aktiv nach Stress, wenn du live spielst?

Manchmal kann das schon passieren. (lacht) Wenn ich schlecht drauf bin, fucke ich gerne herum. IGGY POP und die STOOGES hatten auch immer Probleme mit ihrem Publikum, da war immer eine besondere Reizbarkeit in der Luft. Heute geht das ja gar nicht mehr, gerade die jungen Fans stehen lieber mit dem Smartphone vor der Bühne, anstatt mich anzupissen. (lacht)

Hast du schon besondere Erfahrungen gemacht, die mit Provokation zu tun hatten?

Es gab mal eine Festivalshow in Slowenien, wo einige Typen Münzen auf die Bühne warfen, weil sie uns als Sell-Out-Band bezeichnet haben. (lacht) Ich habe ihnen gesagt, dass ich ihnen ins Gesicht scheißen würde und das Geplänkel zog sich durch den ganzen Gig. Ich fand das ziemlich cool.

Du bist bekanntermaßen Fan von Punk-Bands, NIRVANA, ALICE IN CHAINS etc., hast also einen extrem breiten Musikgeschmack. Gibt es etwas, womit du überhaupt nicht klarkommst?

Ich habe eine sehr starke Beziehung zu den 90er-Jahren, weil ich in deren ersten Hälfte noch ein Teenager war und damit aufwuchs. Power Metal und Gothic Metal mit Female-Vocals würde ich davon ausschließen. (lacht) Als ich zur Jahrtausendwende anfing, Metal zu spielen, habe ich privat aber wenig davon gehört. Es gab natürlich gute Alben, aber generell kommt mir zu viel raus, das sowieso nur so klingt wie alles, was schon mal da. Für mich ist das nicht aufregend genug. Ich kann nicht verstehen, warum man etwas aufregend findet, das schon vor 15 Jahren gleich klang. Ich höre mir also eher alte Sachen und viel skandinavischen Dream-Pop an, so wie TOVE STYRKE oder KENT. Ich mag auch elektronisches Zeug und Hip Hop.

Du gibst den Metallern aber damit auch ausreichend Vorlagen, dich als Sell-Out zu bezeichnen. Könntest du dir vorstellen, unter dem Banner FORGOTTEN TOMB etwas ganz anderes einzuspielen?

Wir haben tatsächlich mal daran gedacht, aber das wäre wohl nicht so klug, weil sie mittlerweile wohl unsere Evolution verstanden haben. Da auszuscheren würde jetzt eher einer Masturbation gleichen, aber dem Gesamtsinn nicht dienlich sein. Vielleicht würde ich eine Mini-CD im Dark-Wave-Stil wie SISTERS OF MERCY oder JOY DIVISION machen. Das wäre aber eher eine kleine Zwischenepisode, die Band will ich eher auf einer soliden Spur halten, ohne große Experimente.

Also keine Splits mit NIGHTWISH oder anderen Female-Fronted-Bands? Wie geht es dir damit, im Land des Power Metal aufgewachsen zu sein?

(lacht) Eher nicht, die Split-Idee lassen wir mal beiseite. Power Metal ist heute nicht mehr so wichtig und eindrucksvoll wie er zur Jahrtausendwende war – gottseidank. Die meisten Metaller sind ziemlich naiv und lassen sich von bombastischer Musik wie Power Metal oder DIMMU BORGIR einseifen. Ich weiß nicht, warum Menschen so darauf stehen, das liegt wohl irgendwie an ihren Wurzeln oder Vorfahren. (lacht)

Da du selbst so viele verschiedene Stile hörst – was ist dir an Musik dann am wichtigsten?

Das kommt immer darauf an, wie ich gerade drauf bin. Früher war ich sehr depressiv und habe eher extrem dunkle Musik gehört, derzeit fühle ich mich meist besser und ich höre mir etwas weniger deprimierende Musik an. Es muss einfach ein Soundtrack zur richtigen Stimmung sein. Die Musik muss mich nicht entspannen, aber beruhigen. Ich höre mir immer ganze Alben an, um ein Gesamtbild von dem Werk und dem dazugehörigen Künstler zu kriegen – ich bin niemand, der nur einzelne Nummern auf Spotify streamt.

Willst du mal ein Dreampop-, oder Hip-Hop-Sideproject ins Leben rufen?

Möglicherweise gibt es so etwas ja schon. Belassen wir es aber bitte dabei. (lacht)

Wie schaut ein typischer Tag in deinem Leben aus?

Derzeit eher finster. (lacht) Ich habe seit Jahren keinen Job mehr, nur die Musik. Ich stehe meist um 13 Uhr auf, weil ich nicht schlafen kann und die ganze Nacht Filme schaue und dann erst um 6 Uhr ins Bett gehe. Wenn ich aufstehe, mache ich mir mal einen Kaffee und haue mich für ein paar Stunden vor den PC. Abends gehe ich in Bars, die nicht so gut besucht sind, um ein paar Drinks zu nehmen und wenn die Hütten voll werden, gehe ich wieder nach Hause, weil es mir zu stressig wird. (lacht) Ich gehe eigentlich nur am Wochenende raus. Eigentlich bin ich gerne allein daheim, höre Musik, schaue Filme und beantworte E-Mail-Interviews oder arbeite für die Band.

Ist speziell der Black Metal heutzutage zu stark Image-basiert und konzentriert sich zu wenig auf die Musik selbst?

In gewisser Weise schon. Die meisten Bands posen heute mit Kerzen, Seilen, Schweineblut oder Holzkreuzen und vergessen dabei, gute Songs zu schreiben. Natürlich sieht das cool aus, aber erstens schauen sie dann alle gleich aus und zweitens konzentrieren sich nur wenige auf die Musik. Die Fans selbst laufen auch viel zu schnell einem Image nach und lassen sich von optischen Besonderheiten verleiten. Ich würde mir anspruchsvolleren, klügeren Black Metal wünschen und die Fans sollten ein bisschen mehr Reflexion zeigen. Sieht einer cool aus, kann er die größte Scheißmusik machen, er wird immer toll sein. Andererseits ist heute auch so viel gleichgebügelt. Der meiste Black Metal ist ziemlich langweilig, mich haut nur mehr selten etwas aus dem Sessel. Selbst wenn Alben gut produziert sind, mangelt es dann oft am Songwriting.

Was hast du eigentlich für eine Verbindung zu Deutschland oder der deutschen Sprache? Dein Pseudonym ist Herr Morbid, ein Song heißt „Todestrieb“ und die letzte DVD „Darkness In Stereo: Eine Symphonie des Todes“.

Das Pseudonym habe ich eigentlich deshalb gewählt, weil sich Lord so dämlich anhört. Morbid hieß ich schon in meinen Demotagen und das „Herr“ dazu klang einfach besser. (lacht) Die Pseudonyme haben wir aber mittlerweile entfernt, ich trete jetzt mit meinem echten Namen in Szene. „Todestrieb“ wurde bei mir durch ein Buch inspiriert und die DVD heißt deshalb so, weil alle drei dort vorhandenen Shows in Deutschland aufgezeichnet wurden. Ich wollte einen düsteren Titel haben und dem Land auch huldigen, dass mir den Rahmen für dieses Produkt bot.

Du hattest auch schon genug Probleme mit dem „Legacy“, einem der bekanntesten deutschen Print-Magazine. Die Gründe dafür kann man eh überall nachgoogeln…

Oh mein Gott, nicht schon wieder. (lacht)

Ich will die vielen Punkte, die man euch über die Jahre vorgeworfen hat, jetzt nicht noch mal aufrollen, aber was ist deiner Meinung nach die Sache gewesen, bei der du am schlimmsten fehlinterpretiert wurdest?

Die meisten Bands im Black Metal haben eine ziemlich extreme Attitüde und provozieren mit voller Absicht. Du kannst aber einfach nicht alles als selbstverständlich und in Beton gemeißelt sehen, wenn ein 19-Jähriger sich zu einem Thema äußert. FORGOTTEN TOMB hatten nie etwas Politisches in den Texten, das ist Fakt. Damals ging es um das Nebenprojekt THE TRUE GASZIMMER, ich weiß ja, worauf du ansprichst. Das war einfach nur ein großes Missverständnis. Es gibt in Italien wirklich eine NS-Band, die GASZIMMER heißt und damit wurden wir gleichgesetzt. Wir haben auch nie ein Demo veröffentlicht, ich habe nur eines aufgenommen, aber niemals publiziert. Das war aber eine klassische Black-Metal-Veröffentlichung, die völlig unpolitisch war. Der größte Fehler war aber sicher, dass ich in jungen Jahren etwas naiv war und selbst zu viel Aufmerksamkeit auf das Drumherum lenkte. Das ist einfach unwichtig und war mir damals nicht bewusst. Du denkst in diesem Alter auch nicht dran, dass jemand von außen alles ernst nimmt und das dann medial ausschlachtet. Viele wollen uns einfach nicht verstehen oder genau nachverfolgen, wie wir etwas meinen – sie schreien einfach nur nach, was vorgesagt wurde. Für mich sind die NS-Vorwürfe einfach nur absurd. Ich habe Bekannte in total linken Kreisen und auch welche, die sich einen Dreck um Politik scheren. Mich hat das sehr verärgert, denn weder ich, noch die Band hat irgendwas mit Politik am Hut. Für mich ist das eine reine Verschwendung von Zeit und Energie. Auch wenn vieles geklärt ist, wollen das viele nicht verstehen. Sie behalten ihre Vorurteile und prangern mich immer noch an.

Aber seien wir uns ehrlich: auch wenn du wirklich nur provozieren wolltest – eine Band THE TRUE GASZIMMER zu nennen, ist doch ziemlich dämlich und man könnte wohl damit rechnen, dass es in deutschsprachigen Ländern dadurch zu Problemen kommen kann…

Ich sagte ja – ich war ziemlich naiv, als ich den Namen wählte, das streite ich auch wirklich nicht ab. Der Gedanke dahinter war einfach ein anti-menschliches, zutiefst misanthropisches Konzept, da ich jede Art von Mensch metaphorisch in ein Gaszimmer stecken wollte. Das hatte nichts mit Politik oder etwas in der Art zu tun – ich wollte einfach nur meinen Hass allen Menschen gegenüber ausdrücken und sie eben alle dort versammeln. Schiere Provokation in der Jugend, was soll ich sagen?

Ich finde es gut, dass du hier Stellung dazu beziehst – in den meisten Gesprächen und Interviews bist du konfrontativen Themen bewusst ausgewichen und hast sie erst gar nicht kommentiert.

Je mehr man darüber spricht, umso ärger wird alles aufgebauscht. Ich sehe keinen Sinn, das noch zu fördern. Gewisse Menschen werden es nie verstehen und deshalb muss ich das nicht immer neu aufwärmen. Man wird auf jahrzehntelange Statements festgenagelt, das ist unglaublich.

Im Februar 2014 habt ihr ein riesiges Statement auf eurer Facebook-Seite veröffentlicht, wo ihr wirklich zu allen Vorwürfen Stellung bezieht. (HIER der Link dazu!)

Ja, wir sollten damals ein Konzert in München spielen, aber das wurde abgesagt. Einer der Promoter las in einer Tageszeitung, dass eine extrem rechtsradikale Band in München auftreten wird – das fand ich wirklich widerlich und hat mich auch extrem geärgert. Meine Band ist total unpolitisch und ich kann die Zeitung dafür nicht verklagen, aber der Imageschaden ist extrem. Wir haben die Show wegen nichts verloren, zudem auch eine Tour, wo wir TRIPTYKON supporten hätten können. Das war einfach eine Schande, denn die meisten Leute wollten FORGOTTEN TOMB sehen und nur weil Zeitungen fette Headlines brauchen, war das Thema für uns zwangsweise erledigt. Ich hoffe einfach nur, dass das Thema endlich mal gegessen ist. Ich meine – schau mich an? Ich habe Dreadlocks, die mir bis zum Arsch gehen – wie soll ich ein Nazi sein? (lacht)

Bassist und Langzeitmitglied Algol - auch ein König der zweifelhaften Provokation

Wir wissen also, dass du gerne provoziert hast und das immer noch tust. Aber kann man die Leute heute in einer Metalband überhaupt noch provozieren?

Das ist eine gute Frage. Es ist verdammt schwierig, die Leute anzupissen, wenn du nicht extrem politisch bist. Ich genieße es einfach, die Leute anzufucken. Wenn du das machst, dann erntest du auch Reaktionen. Du bewegst etwas in jemand anderem. Wenn du den Leuten egal bist, dann machst du etwas nicht gut genug. Wenn dich die Leute hassen, dann bist du auf dem richtigen Weg. Ich provoziere nicht nur, weil ich sonst nichts zu tun habe, aber wir haben auch als Band eine extreme Botschaft und ich lebe diese Botschaft. Das Ziel muss es immer sein, die Botschaft der Band bestmöglich nach außen zu tragen.

Dafür bist du aber ein ziemlich gut gelaunter Typ.

Das war nicht immer so – glaub mir. (lacht)

Kommen wir zur Zukunft – du bist gerade dabei, euer Album „Love’s Burial Ground“ neu aufzunehmen und zu veröffentlichen. Warum genau dieses?

Es ist das einzige Album, das wir noch nicht wiederveröffentlicht haben und es ist meines Wissens auch vergriffen. Die Leute suchten danach, aber es war, wenn, nur mehr sehr teuer zu kriegen. Wir wollten das Album noch einmal exakt genauso wiederauflegen, hatten aber Probleme mit dem Copyright und der alten Plattenfirma. Wir bringen jetzt eine neue, remixte Version mit neuem Booklet und Artwork über Agonia Records heraus und ich hoffe, wir erledigen das auch würdig, denn es gehört auch zu meinen persönlichen Favoriten. Zudem gibt es erstmals auch eine Vinyl-Edition.

Wenn du kein Musiker wärst, was würdest du gerne machen?

Ich habe viele Jobs gemacht, um zu überleben, da war auch viel Scheiße dabei. (lacht) Ich würde wohl gerne ein Pub haben. Aber nur als Besitzer, sodass ich nicht immer da sein muss. Einfach ein paar Stunden pro Tag und wenn zu viel los ist, dann verkrieche ich mich ins Büro und mache das Geschäftliche. Ich würde gerne einen Job haben, der mir viel Geld damit einbringt, dass ich Befehle erteile. Das ist leider nicht so einfach für jemanden, der nicht besonders gut ausgebildet ist. (lacht) Ich bleibe wohl doch lieber bei der Musik, auch wenn ich dadurch gerade mal so über die Runden komme.


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