MASTER - Paul Speckmann

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James Hetfield ist ein verdammter Idiot - er schnitt sich die Haare und sieht wie ein Poser aus.

Nach mehr als 30 Jahren im Death-Metal-Business hat man natürlich genug Geschichten auf Lager - so auch MASTER-ähm...-Mastermind Paul Speckmann, der uns auf eine Reise in verloren geglaubte Zeiten entführte...

Veröffentlicht am 20.11.2015

"Habt ihr mich über Facebook angeschrieben? Nicht? Naja, egal - ich bin auf Tour. Wie zur Hölle soll ich dauernd online sein?" - das MASTERsche Begrüßigungskomitee in den dunklen Kellern des Wiener Viper Rooms fiel für die "Torpedo-Zwillinge" Fröwein und Baumgartner etwas schroff aus, aber wo Speckmann Paule recht hat, hat er eben recht. Das angriffige Verhalten entpuppte sich nach kurzer Verwunderung aber schnell als Teil des ironisch-dunklen Humors des Wahl-Tschechen, der mit seiner Band MASTER vor ziemlich genau 30 Jahren den Death Metal begründete - auch wenn er sich um den Titel des Genre-Erfinders heute mit anderen streiten muss. Im romantischen Kerzenschein setzt sich der 52-Jährige dann aber entspannt mit uns zusammen, um nicht nur exklusive und unveröffentlichte Geschichten aus seiner fertigen, aber nicht veröffentlichten Biografie auszuplaudern, sondern auch in gewohnt knalliger Ehrlichkeit über Politik, Europa, Obama, Hetfield, Lemmy und Co. zu wettern. Speckmann ist sicher nicht der einfachste Kerl im Metalbusiness, man wird aber auch kaum jemanden finden, der so authentisch und offen mit sich, seinem Leben und dem Drumherum umgeht, wie er. So war das halbstündige Gespräch mit dem langbärtigen Kultmusiker nicht nur interessant und bereichernd, sondern auch humorig und überraschend. Eine menschliche Wundertüte eben, die einem in jeder Sekunde Insidergeschichten mit Witz und Verve runterbeten kann. Danke dafür, Paul. Es gibt zuwenige von deiner Sorte!

Stefan Baumgartner: Paul, anfangs warst du in der Doom-Metal-Band WAR CRY, danach hast du mit MASTER in Death- und Thrash-Metal-Gefilden gewildert. Heute regiert die zweite Welle des Thrash- und Proto-Metal, der eher gut kopiert als selbst etwas erfindet. Viele Bands halten sich auch ziemlich genau an MASTER – wie sieht du das?

Das ist eine gute Frage. WAR CRY war immer eine Underground-Band, wir waren meilenweit vom Durchbruch entfernt. Ich merke natürlich, wie sich junge Bands auf die alten Hasen berufen und es ist eine Schande, dass sie nicht eigenständiger sind. Ich würde mir lieber originelle Bands anhören, aber was kannst du heute noch machen? Das Meiste ist einfach schon passiert und gespielt. Natürlich würde ich mir wünschen, dass der extreme Metal zu unserer Anfangszeit mehr Erfolg gehabt hätte. TROUBLE waren auch eine großartige Band, die etwas unter Wert geschlagen wurden.

SB: Würde es dich interessieren, wieder Doom Metal zu spielen?

Nein, der Zug ist abgefahren. Es gibt so viele Leute, die mich in ihre Projekte involvieren wollen – alles geht einfach nicht mehr, ich kann nicht überall sein. (lacht) Wenn mir zehn Leute schreiben, sie hätten mich gerne auf ihrem Album, dann sage ich einem oder zwei zu. Ich kann nicht jedes Metalalbum einsingen, das ist unmöglich. Ich freue mich über die Anfragen, aber irgendwann geht es nicht mehr. Es gibt ja auch noch MASTER.

Robert Fröwein: Vor etwa zwei Jahren erschien der Bildband „Underground Survivor“, ein Titel, der dich als Person perfekt wiederspiegelt.

Es ist wichtig, dass es ein Bildband mit kleinen Geschichten ist. Viel zu oft wird das Buch als Biografie benannt, was einfach nicht stimmt. Leute schreiben mir dann, sie hätten wo gelesen, es wäre eine Biografie und sind dann enttäuscht. Es wird einmal eine Biografie geben, aber ich habe noch keinen Verlag gefunden, der sie rausbringen möchte. Das Problem ist wohl, dass ich viele prominente Menschen auch mal schlecht darstelle, weil das nun einmal so ist im echten Leben. Vielleicht haben die Verleger auch nur Angst, diese Geschichten unter ihrem Namen zu veröffentlichen, weil sie dann geklagt werden.

SB: Wer ist der größte Idiot im Metalbusiness?

Der größte Idiot? Das ist eine harte Frage. Das letzte Mal, als ich mich dazu äußerte, wurde ich aus allen Richtungen angepisst. (lacht) Ich denke James Hetfield ist ein verdammter Idiot. Ich mag die alten Sachen, die sie mit Cliff Burton gemacht haben, aber dann war es für mich vorbei. Er hat sich die Haare geschnitten und sah wie ein verdammter Poser aus. Viele beschweren sich dann, warum ich mir herausnehme, das zu sagen. Fuck it – das ist meine Meinung und dazu stehe ich. Hetfield ist in meinen Augen ein Poser und kein Metaller mehr.

RF: Kennst du ihn auch persönlich?

Ich habe ihn schon mehrmals getroffen. Er war damals ein Trottel und ist es heute noch immer – belassen wir es einfach dabei. Er war schon auf der „Ride The Lightning“-Tour ein Trottel, auch Lars. Ich gebe euch jetzt eine exklusive Story aus meinem unveröffentlichten Buch: Wir waren mit etwa 20 Leuten auf einer Party in den Proberäumen von TROUBLE, die METALLICA auf einer Show in Chicago supportet haben. Es war so ein kleines Theater, die Shows beider Bands waren großartig. Wir haben dann also Party gemacht und uns ging das Bier aus. TROUBLE hatten die Tradition, dass sie dann einen Kübel herumreichten, jeder warf ein paar Dollar rein und so konnte man Nachschub besorgen. Die einzigen Typen, die keinen müden Cent spendeten, waren Hetfield und Ulrich. Das war eine verdammte Party und scheißegal, auf welchem Level ich oder sie waren – ein paar Dollar könnte man doch in den verdammten Kübel werfen. Was für eine lahme Aktion, das habe ich ihnen nie vergessen.

RF: Auf der anderen Seite – wer sind die nettesten Typen, die du in mehr als drei Dekaden Karriere so getroffen hast?

ULI JOHN ROTH ist ein unheimlich freundlicher Typ, eine großartige Person. Auch Lemmy ist total am Boden geblieben und sehr freundlich. Es gibt genügend gute Jungs, aber auch eine Menge Trottel. Aber die Details stehen alle in dem Buch, das noch nicht veröffentlicht ist, weil sich wohl alle vor Klagen fürchten. Die Wahrheit tut halt manchmal weh.

RF: In „Underground Survivor“ gibt es eine Menge privater Bilder von dir zu bestaunen. War es dein Ziel, den Menschen einen so persönlichen Zugang zu dir zu ermöglichen?

Mir wurde nahegelegt, dass ich alle Seiten meines Lebens zeigen sollte und das habe ich auch versucht.

RF: Du bist im Prinzip ein Idol für fast jeden Extreme-Metal-Fan, der ein Instrument halten oder in ein Mikrofon spucken kann. Ist das Fluch oder Segen für dich?

Ich bin einfach da Mann, der Rest ist mir egal. Ob du mich liebst oder hasst ist egal, ich mag meine Musik und spiele sie zuvorderst für mich selbst. Manchmal mögen Menschen die Musik, manchmal nicht. Ich bin sehr bodenständig und es ist sehr nett, wenn jemand zu dir aufschaut, aber es ändert mein Leben nicht. Manchmal geht das auch in die andere Richtung. TERRORIZER haben zum Beispiel ihren Namen von einem Song unseres ersten Demos aus 1985 und haben dann jahrelang behauptet, sie hätten nichts von uns gehört oder würden uns nicht kennen. Das finde ich seltsam, aber so läuft das manchmal. Pete Sandoval, der auch bei TERRORIZER spielte, meinte, er hätte nie etwas von uns gehört. Ist der Kerl dämlich oder was? Was soll der Scheiß? Aber auch egal – Gott segne sie alle.

RF: Rund um die Jahrtausendwende bist du von den USA nach Tschechien gezogen, anfangs nur, um bei KRABATHOR auszuhelfen. Wann hast du gewusst, dass du in diesem Land bleiben wirst?

Nachdem ich ein paar Monate mit den Jungs gejammt habe, realisierte ich, dass es mir dort besser gefällt als in Amerika und da fiel bei mir geistig die Entscheidung. Heute toure ich immer wieder in den USA, bin ab und an mal für einen Monat drüben, aber meine Heimat ist definitiv Tschechien.

SB: Wie steht es bei dir mit der tschechischen Sprache?

Nicht so besonders. Ich spreche gut genug, um über die Runden zu kommen und mich durchzuhangeln. Die Zweitsprache ist dort Englisch, alle lernen es in der Schule und so kann ich mich locker verständigen. In 20 Jahren, wenn ich wirklich alt bin, kann ich vielleicht auch gut Tschechisch. (lacht)

Battle of the beards - Speckmann Paule und Stormbringer Stefan

SB: Auf dem MASTER-Debütalbum gab es den Song „Pledge Of Alligance“ – hast du niemals daran gedacht, wieder in die USA zu ziehen?

Niemals. Schau dir das Land doch an? Ich sehe alles hier im Fernsehen. Es gibt mehr Korruption und Polizeikontrollen als überall anders auf der Welt. Als ich dort aufwuchs, war das wirklich noch ein freies Land, keine verdammte Diktatur. Deshalb sind so viele Amerikaner in Europa. Wir alle lieben unser Land, aber es entwickelt sich nicht zum Guten.

SB: Gab es ein besonderes Vorkommnis, das dich nach Europa trieb?

Ich bekam ein Angebot von KRABATHOR und George W. Bush war gerade an der Macht – also los ging’s. Ich habe das Land zur richtigen Zeit verlassen, Bush war ein verdammter Irrer. Obama ist auch nicht viel besser. Okay, der tschechische Präsident ist ein verdammter Alkoholiker, der schon mal über die Treppe purzelt, aber wenigstens hat er nicht so eine enorme Macht wie ein US-Präsident.

RF: Dein Nachname verrät bereits, dass du deutsche Vorfahren hast. Hast du auch deutsche Wesenszüge und Charakteristika?

Oh Mann, keine Ahnung, habe ich die? Ich mag gutes deutsches Bier, zeichnet mich das aus? (lacht) Meine Urgroßeltern übersiedelten 1889 in die USA und eröffneten eine Bäckerei in Chicago. Sie kamen aus einem deutschen Gebiet, das heute zu Polen gehört.

RF: Du bist eigentlich ein ziemlich familiärer Typ mit einer Ehefrau, zwei Hunden und einem Leben in einem beschaulichen 25.000-Einwohner-Städtchen. Ist es nicht manchmal schwierig, all das für eine Tour immer wieder zurückzulassen?

Die Familienbilder kennt durch das Internet wirklich jeder. (lacht) Zu deiner Frage: ich liebe das Tourleben. Bevor ich meine Frau vor 15 Jahren geheiratet habe, habe ich ihr ganz klar gesagt, dass der Rock’n’Roll mein Leben ist und immer die Nummer eins sein wird. Sie hatte das zu akzeptieren und wusste, worauf sie sich einlässt.

RF: Ist sie manchmal mit dir auf Tour? Kirk Windstein von CROWBAR handhabt das auch so.

Niemals. Willst du mich verarschen? (lacht) Kirk ist ein verdammter Idiot. Im Vergleich zu mir ist er reich und da ist es leichter, seine Frau immer wieder auf Tour mitzunehmen. Ich könnte mir nicht vorstellen, meine Frau in einem Bus mit 20 stinkigen Typen zu parken. Es ist besser, wenn sie zuhause bleibt.

RF: Fällt es dir dann leicht, die zwei verschiedenen Lebensstile von dir anzunehmen, nach einer Tour wieder in den Alltag zurückzufinden?

Das ist kein Problem. Daheim fahre ich mit dem Rad durch den Wald, gehe Schwammerl suchen und übe auf meinen Instrumenten. Ich führe ein sehr einfaches Leben.

RF: Ist dieser Rock’n’Roll-Lifestyle dafür verantwortlich, dass ihr keine Kinder habt?

Nein, das liegt einfach daran, dass ich keine Kinder in diese beschissene Welt setzen möchte. Meine Frau ist da genau meiner Meinung. Es gibt so viele arme Kinder, die keine Eltern mehr haben – wenn ihr unbedingt eines wollt, dann adoptiert doch eines. Ich will mich jedenfalls nicht fortpflanzen, die Geschichte endet bei mir, wenn du so willst.

SB: Das MASTER-Logo war den alten „Batman“-Filmen aus den 60er-Jahren nachempfunden…

Das war die Idee unseres damaligen Drummers Bill Schmidt, der ein Riesenfan war. Leider war der Typ ein verdammter Loser und ist es heute noch – aber das Logo ist wirklich cool.

SB: Wenn wir schon im Comic-Segment sind – findest du die Helden oder die Bösewichter interessanter?

Die Bösewichte, wen sonst? Wer mag schon die guten Jungs? (lacht) Kein Mensch interessiert sich für die.

SB: Du hast einmal gesagt, dass die Lage und Situationen der Welt im Prinzip die Vorgabe für alle Inhalte auf den MASTER-Alben liefern. Wie siehst du die derzeitigen Entwicklungen in Europa?

Ich habe gerade vorher mit dem Tourmanager darüber gesprochen. Europa hat große Probleme, mehr will ich darüber auch nicht sagen. Die Frage kommt oft auf, das weiß ich, aber das ist meine klare Antwort.

RF: Aber du hast Zeit deines Lebens politische und gesellschaftskritische Texte geschrieben, in denen du dich auch positioniert hast.

Ja, aber das heute geht weiter über meine Konzepte hinaus. Ich glaube, innerhalb der nächsten zehn Jahre wird sich auf diesem Kontinent so einiges verändern und ich hoffe wirklich, dass keine Menschen sterben müssen. Nächste Frage. (Anm. d. Verf. - Paul lag leider nicht richtig - das Gespräch wurde vor den Anschlägen in Paris geführt)

RF: Weil du vorher gemeint hast, der Rock’n’Roll kommt bei dir an erster Stelle – was macht die Metalwelt für dich so besonders, dass du seit mehr als 30 Jahren ein elementarer Bestandteil davon bist?

Ich mag einfach die Tatsache, dass ein Haufen langhaariger und tätowierter Freaks mit hübschen Babes Spaß in einer großen Runde von guter Musik beschallt Spaß haben will. Andere Leute schießen sich mit Waffen nieder oder verprügeln sich gegenseitig, wie die Hooligan-Idioten bei Fußballspielen. Die Welt ist voll mit diesen kurzhaarigen Yuppie-Arschlöchern und aggressiven Idioten. Metaller wollen einfach nur eine schöne Zeit haben. Ich sage nicht, dass ich noch nie Schlägereien gesehen hätte, aber das sind keine schwachsinnigen Massenprobleme. Selbst bei den größeren Festivals sehe ich diese Aggression einfach nicht. Okay, hin und wieder säuft jemand zu viel und wird aggressiv, aber das ist trotzdem kein Vergleich.

RF: Du kennst all die österreichischen Death-Metal-Freaks von PUNGENT STENCH, DISASTROUS MURMUR und DISHARMONIC ORCHESTRA – hast du ein paar besonders feine Geschichten mit ihnen für uns auf Lager?

Mann, mit den Jungs hatte ich immer großartige Zeiten. Darüber steht wirklich viel im Buch, aber da musst noch etwas darauf warten. Ich kann mich noch genau an die Tour von MASTER, PUNGENT STENCH und ABOMINATION im Jahr 1990 erinnern. Das sind alles super Jungs. Martin, Alex und Co. – großartig war das damals und unsere erste Europa-Tour.

SB: Du hast ein hervorragendes Cover von JOHNNY CASHs „Ring Of Fire“ gemacht – gibt es eine Chance, das auch mal live zu hören?

Das wäre fein, aber dafür brauch man Trompeten und allerlei anderes Zeugs. Ich habe auch einen Bassisten gesucht, damit ich das in Ruhe singen kann, aber ein Versuch ging total daneben. Außerdem bin ich keiner großer Fan von Samples. Ich brauche es echt, oder gar nicht.


Ein etwas eigenwilliger Tourbus, mit dem MASTER unlängst durch Europa tingelten...

RF: 1993 hast du dem „Rock Hard“ ein Interview gegeben, in dem du MASTER als Erfinder des Death Metal bezeichnet hast. Ärgert es dich manchmal, dass so viele Künstler, die erst später kamen, viel berühmter wurden als du mit deiner Band?

Nein, das hätte auch keinen Sinn. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Wir haben Fehler gemacht, vor allem in vertraglicher Sicht, ich war wohl manchmal auch zu jung und zu grün hinter den Ohren. Wir haben uns viele Feinde gemacht. Ich war nie jemand, der Ärsche geküsst hat – noch heute nicht – und deshalb sind wir wohl immer noch so tief im Underground verwurzelt. Viele der erfolgreicheren Bands sind verdammte Arschküsser. Ich habe den Preis dafür bezahlt, dass ich nicht so bin. Scheißegal – ich mag mein Leben.

RF: Du bist nicht nur Musiker, sondern verwaltest auch das ganze Merchandise, bist für die wirtschaftlichen Belange zuständig und Tourmanager anderer Bands. Funktionierst du am besten, wenn du ein diktatorisches Prinzip anwendest? Wenn alles genau nach deinem Kopf geht?

Ganz im Gegenteil – seit 30 Jahren frage ich meine Bandkollegen schon, ob sie sich in das System einkaufen wollen und sie sagen mir immer ab, also mache ich es alleine und kassiere mehr Geld als ich sonst kassieren würde.

RF: Ist die wirtschaftliche Seite etwas, dass du genauso gerne hast wie Musik zu erschaffen und kreativ zu sein?

Man muss ja sein Geld machen, das ist mein Job. Es ist natürlich nicht immer einfach und zwischendurch hänge ich mir einfach lieber einen rein, als zu arbeiten. Ich sitze am Merchstand, muss die Show spielen und setze mich dann wieder hin, um bis ganz am Ende dort bleiben zu müssen, um Zeug zu verkaufen. Das kann manchmal schon ziemlich nerven, aber das gehört zu meinem Geschäft.

SB: Wie würdest du den Begriff „Speckmetal“ in einem Satz definieren?

In einem Satz? Aggressiv – das ist er.

SB: Es gibt ja auch das schöne Projekt JOHANSSON/SPECKMANN mit dem schwedischen Tausendsassa Rogga Johansson. Gibt es eine Möglichkeit, euch einmal live zu sehen?

Ja, wir wollen im Frühling 2016 ein neues Album veröffentlichen und dann hoffentlich ein paar Wochen damit auf Tour gehen, oder zumindest ein paar Festivals spielen. Da müssen wir noch abwarten. Es liegt an der Kohle – Rogga hat keine große Lust, seine Familie zu verlassen, wenn das Geld aber stimmt, dann sind wir dabei und spielen live. Wir können damit natürlich nicht reich werden, nicht dass ihr mich falsch versteht. (lacht) Aber es muss natürlich auch für uns passen.

SB: Als alter Szenehase der du bist, hast du Bands wie METALLICA, BLACK SABBATH oder SLAYER auch in ihren jüngeren Zeiten gesehen. Was sagst du eigentlich zu den neuen Alben dieser Bands? Verfolgst du deren Entwicklung noch? Hörst du dir noch neue Alben der Urgesteine an?

Ich kenne ein paar SLAYER-Songs, aber keine ganzen neuen Alben. Ich finde sie ganz okay, aber meine Favoriten bleiben natürlich „Show No Mercy“ oder „Hell Awaits“. Ich habe das alles live gesehen und damals waren all diese Bands verdammt hungrig. Heute machen es die meisten nur mehr, um Kohle zu scheffeln und verkaufen dabei ihren guten Ruf und den Namen. Das ist einfach wieder meine Meinung. Was sind sie schon ohne Hanneman und Lombardo? Hanneman war der Schlüssel der Band. Ich traf ihn mehrere Male, er ist ein Arschloch, aber er war ein verdammt guter Gitarrist.

RF: Viele bezeichnen dich als den Lemmy des Death Metal. Könntest du dir auch vorstellen, einmal auf der Bühne zu sterben, wie es Lemmy schon oft gesagt hat?

Gute Frage! Das müsste ein verdammt großes Konzert sein. (lacht) Sicher nicht hier im Viper Room, bitte nicht. Ein Festival mit vielen Leuten, das wäre okay, ja. (lacht) Lemmy hat das große Glück, dass er immer fette Shows spielt und mit ziemlicher Sicherheit vor 10.000 Leuten auftritt, wenn er tatsächlich sterben sollte. Wenn ich aber vor 20 Menschen abkratze, ist das nicht so cool. (lacht)

RF: Lemmy plagt sich seit Jahren mit massiven Gesundheitsproblemen, verlässt die Bühne aber partout nicht. Kannst du das verstehen? Wäre es nicht klüger, kürzer- oder abzutreten?

Ich würde auch spielen, bis ich nicht mehr kann. Würde er eine Pause machen, wäre es vorbei. Er kämpft jeden Abend dagegen an und macht das verdammt gut. Er hat gar keine Wahl mehr, als immer weiterzumachen.

SB: Du hast anfangs mal dein Geld mit dem Verticken von Weed verdient. Wie siehst du die aktuelle Lage, jetzt, wo auch die USA langsam liberaler werden? Wird Weed bald auch bei uns legalisiert werden?

Ich habe damit aufgehört, aber für die Weed-Raucher ist das natürlich großartig. Weedrauchen ist nichts Schlechtes. Es ist besser einen Joint zu inhalieren, als deinem Nachbar ein Messer in den Rücken zu rammen. Ich bin der Überzeugung, dass Weed Menschen nicht nur beruhigt, sondern auch ihre Kreativität steigert. Ich bin total für die Legalisierung in der ganzen Welt. Ich brauche es heute nicht mehr, aber es hat mir damals schon den Geist geöffnet. Ein Freund von mir ist 63 und zieht sich auch täglich eine Tüte rein – da ist nichts dabei.

SB: Wie lange lässt du mittlerweile deinen Bart wachsen?

Ich glaube es sind mittlerweile knapp 19 Jahre. Alle Jahre schneide ich mir ein Stück ab und dann wächst er wieder genau gleich lang nach.

SB: Ärgert dich das eigentlich, dass die ganzen Hipster und Bobos heute so aussehen wie du und auch mit langen Bärten durch die Gegend laufen?

Das sind doch nur Kopisten. Metal und Bärte haben schon immer zusammengepasst. Okay, es gibt noch ZZ TOP, aber ich lasse meinen Bart schon seit fast 20 Jahren wachsen, da gab es noch keine Hipster und Bobos. Ich bin wohl der erste im Death Metal, der konstant lange so einen Bart hat denn die ZZ-Jungs sind ja in einem anderen Genre daheim. (lacht) Ich bin das Original, ich habe kein Problem damit. Die Leute nehmen mich oft viel zu ernst, wenn ich mich wo beschwere. Ich muss immer darüber lachen. Ich sage oft ironische Dinge zu Magazinen, die drucken das ab und manche Leute werden direkt verrückt deshalb. Ich mache mir oft einen Spaß daraus und die Leute checken das nicht. Ist mir das egal. Ich bin keiner, der nur im Keller lacht.

SB: Kannst du dich an dein erstes Tattoo erinnern?

Ja, das ist hier der Punkrocker am Oberarm und ich kann dir auch die Geschichte dazu erzählen. Ich wurde erwischt, als ich Marihuna verkauft habe und als ich meinen ersten Vierteldollar für Weed bekam, wurde ich von einem anderen Freund von mir an die Polizei verpfiffen, dem ich damals in einem Musiktheater aushalf. Das Tattoo symbolisierte quasi eine gefallene Freundschaft und ich bekam es von dem Typen, dem das Weed eigentlich gehört hätte. Vor zwei Jahren hat mich der Typ, der mich verpfiff, über Facebook gefunden und mich plötzlich kontaktiert, wir haben dann nach mehr als 20 Jahren darüber gesprochen. Er hat sich dafür entschuldigt und starb wenig später – er war gerade mal in seinen 40ern. Das Tattoo wird mich ewig an ihn erinnern. Er war schon okay, das Weed hat uns einfach die Freundschaft ruiniert.

RF: Kommen wir zur Zukunft – am 29. Jänner erscheint das nächste MASTER-Album „An Epiphany Of Hate“ – was kannst du uns darüber erzählen?

„Epiphany“ ist die Erleuchtung und der Begriff wird hauptsächlich in Zusammenhang mit dem Religiösen verwendet. Ich hatte meine Erleuchtung als ich bemerkte, dass wirklich jeder alle Götter der jeweils Andersgläubigen hasst. Jeder Präsident, jeder einfache Arbeiter ist da gleich. Eine furchtbare Sache, die sich über den ganzen Planeten zieht.

RF: Du hast ein wirklich feines Artwork von Mark Cooper bekommen – das vielleicht beste der bisherigen Bandgeschichte.

Gefällt es euch? Schön zu hören. Das Album wird gut, ihr werdet es sehen. Es ist wieder anders als jedes andere MASTER-Album, aber ihr müsst etwas abwarten.

SB: Jetzt machen wir mit dir ein kleines Bilderrätsel und versuchen, deine Vergangenheit hervorzukramen - los geht's!


Ein junger Paul Speckmann mit dem ebenso noch frischen Ozzy Osbourne - (c) Canadianaussault.com

Großartige Zeit, großartiger Typ und ein abgefuckter Ozzy, der Cola trinkt und Kentucky Fried Chicken-Zeugs in sich reinstopft. Daran kann ich mich erinnern.

 

IMPALED NAZARENE-Mastermind Mika Luttinen mit dem mittlerweile schon bärtigen Paule - (c) Illogicalcontraption-blogspot.com

Oooh, Mika! Ich mag den Typen. Wir hatten damals aber einige Probleme auf der Tour, weil jemand aus seinen Zeilen faschistische und schwulenfeindliche Botschaften herauslas. In Deutschland haben wir acht oder neun Shows verloren, weil IMPALED NAZARENE daraus verbannt wurden. Das war scheiße, aber ich mag ihn, er ist ein guter Typ.


 

 

 

 

Speckmann in Partylaune - (c) Soundzone Online Magazine

Das ist ein tolles Bild, aber wo war das? Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Jemand hat mir den Hut aufgesetzt, ich mag lustige Bilder. Man kann sich immer über sich selbst lustig machen.

 

 

 

 

 

Karl Hungus und Paul Speckmann = Bruce Willis... oder so ähnlich... - (c) Illogicalcontraption-blogspot.com

Ich habe keine Ahnung, wer ist der Typ? Der Film „The Big Lebowski“? Das ist aber nicht Lebowski oder? Das ist Karl Hungus und ein Typ im Internet meinte, wir würden uns ähnlich sehen? Okay, ich finde ihn schön. (lacht)

 


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