HEAVY TIGER - Maja Linn & Astrid Carsbring

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Der Rock'n'Roll gehört nicht nur den Jungs!

Girl-Power boomt im Rocksegment. Aus Schweden wollen es nicht nur THUNDERMOTHER, sondern auch HEAVY TIGER wissen, die sich ganz den 70ern verschrieben. Maja und Astrid haben uns über Entstehen und Sein der Band näher aufgeklärt.

Veröffentlicht am 23.11.2015

Es war schon ein besonders feines Package, dass den Wienern zwischen goldenglänzenden Herbstblättern in der Arena kredenzt wurde. Neben den Branchengrößen Graveyard, Imperial State Electric und Co. war aber auch Platz für kleine, aber aber feine Newcomer wie der Girl-Band HEAVY TIGER. Seit fünf Jahren wütet das blutjunge (alle Anfang 20) Freundinnen-Gespann bereits über die Welt und hat mit "Saigon's Kiss" im Herbst 2014 auch ein mehr als respektables Debütalbum geboren, das sich natürlich auch an der schwedischen Retro-Schule orientert, aber wesentlich knalliger und offensiver ans Werk geht. In den sozialen Netzwerken gar nicht maulfaul, zeigen sich Sängerin Maja und Drummerin Astrid (Bassistin Sara wollte sich aufgrund von Kopfschmerzen für die Show schonen) im Stormbringer-Zwiegespräch dann aber doch etwas schüchtern und zurückgezogen. Wie Schulmädchen kichernd, stets den Schalk im Nacken sitzen habend, aber eben doch noch etwas unroutiniert im medialen Umgang, zogen wir dann aber doch eine schöne Klammer über das bisherige Schaffen der beachtenswerten Youngsters, die mehr von KISS, als von allen schwedischen Bands der Welt beeinflusst sind. Von HEAVY TIGER wird man aber noch öfter hören...

Maja, Astrid – es gibt viele All-Girl-Bands und auch viele Bands aus Schweden, die sich an den verschiedensten Retro-Rock-Stilen probieren. Was macht euch also einzigartig?

Maja Linn: In erster Linie wohl unsere Jumpsuits, mit denen wir auf die Bühne gehen – gleich danach die Energie, die wir durch unsere Performance entfachen. Zudem sind wir im Vergleich zu anderen Bands noch sehr jung. Wir touren bereits seit einigen Jahren, obwohl wir gerade mal 22 geworden sind.
Astrid Carsbring: Wir sind einfach jung und hungrig, gehen sehr professionell an die Sache ran. Die anderen sind doch alle schon zu alt. (lacht)
Linn: Es gibt in Schweden wirklich verdammt viele Bands, was es für uns und alle anderen natürlich ungemein schwerer macht, herauszustechen. Aber das 70er-Rock-Feld ist noch nicht ganz so ausgepflügt wie der gesamte Metalbereich.
Carsbring: Viele Bands konzentrieren sich zudem nicht gut auf das Zusammenspiel zwischen Musik und Show. Bei uns ist beides gleich wichtig, das macht uns wohl auch etwas einzigartiger.

Woher kennt ihr euch eigentlich und wann habt ihr beschlossen, HEAVY TIGER zu gründen?

Linn: Wir kannten uns vor der Band noch nicht, die Musik brachte uns zusammen. Ich spielte vorher schon woanders, aber die anderen Mitglieder zeigten nicht dasselbe Herzblut für Musik wie ich. Insofern war der Schritt zu HEAVY TIGER großartig, wir hatten davor zumindest im erweiterten Sinn gemeinsame Freunde.

Wenn man eure Social-Media-Einträge beobachtet, merkt man schnell, dass ihr auf Tour ziemlich viel Spaß habt.

Linn: (lacht) Ja, mittlerweile sind wir wirklich gute Freunde geworden, das hat sich glücklicherweise so ergeben. Unsere Bassistin Sara und ich leben sogar zusammen. Das muss aber auch so sein, denn ansonsten könntest du auf Tour nicht wochenlang mit denselben Leuten einen kleinen Bus teilen.
Carsbring: Wir waren etwa 16, als wir die Band gestartet haben und sind mit ihr praktisch aufgewachsen.

Das Privatleben muss auf Tour ohnehin immer hintangestellt werden. Bereitet euch das manchmal Probleme?

Linn: Das wird man gewohnt, aber nach einer gewissen Zeit geht man sich natürlich auf die Nerven. Eigentlich hast du nur beim Duschen im Badezimmer deine Ruhe. (lacht) Ansonsten kannst du halt auch noch eine Runde durch die Stadt laufen, in der du gerade spielst.

Weil ihr eingangs von euren Bühnen-Overalls gesprochen habt – warum verwendet ihr die und was steckt dahinter?

Linn: Als wir ganz am Anfang warten, haben wir uns eigentlich bei jedem Schritt gedacht: „Was würden KISS tun?“ (lacht) Deshalb haben wir dann die Stage-Outfits und das ganze Glitter verwendet. Wenn es rein um die Show geht, sind KISS unsere größten Vorbilder – sie haben das alles immer perfekt gemacht.

Warum sind so junge Frauen wie ihr so stark in den 70er-Jahren verankert?

Linn: Wir sind mit dieser Musik aufgewachsen, die lief dauernd zuhause bei unseren Eltern. Ich finde das gar nicht so seltsam, wir kannten das nur so. Ich kenne mich bei jungen Bands oder neuer Musik auch gar nicht wirklich aus.

Als Frauen, die Mitte der 90er-Jahre auf die Welt gekommen sind, könnt ihr ja eigentlich gar kein Gefühl für diese Zeitepoche haben. Ist das nicht eine Art von „falscher Nostalgie“?

Linn: Wir sind auf jeden Fall zu spät geboren, auch wenn das sicher viele Menschen sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass diese Epoche großartig war. Rock war einfach extrem populär und heute ist alles sehr kompliziert und schwierig geworden. Kein Mensch kauft mehr physische Alben und der Rock’n’Roll als Ganzes hat einen ziemlich schlechten Status.

Mit „Saigon’s Kiss“ habt ihr 2014 euer Debütalbum veröffentlicht, das nur etwa 26 Minuten Spielzeit aufwies. War das bewusst so geplant, mit einem derart kurzen Werk in den Markt zu preschen?

Linn: So wie ein THIN LIZZY-Album. Neun Songs und fertig, das reicht doch! Wir haben schon ein paar mehr Songs geschrieben, aber die haben wir gar nicht aufgenommen. Derzeit sind wir dabei, am Nachfolger zu schrauben, aber es ist verdammt schwierig, ein passendes Label zu finden. Verträge zu scannen und zu lesen kostet wirklich viel Zeit und Kraft, aber gut, das ist nun einmal Teil des Spiels.

Songs wie „Girls Got Balls“ lassen vermuten, dass ihr euch als emanzipierte Version einer Classic-Rock-Band seht. Ist dem so? Ist euch das Feministische als Botschaft wichtig?

Linn: Nicht so sehr das Feministische, sondern eher das Dasein als Band an sich. Dass wir uns nach den vielen Jahren und Touren immer noch so gut riechen können und Spaß daran haben, ist für uns die schönste Bestätigung. Wir stehen noch immer total drauf und alles andere ist nicht so wichtig. Rock’n’Roll gehört nicht nur den Jungs.

Ihr wart nicht nur bereits 2014 auf größerer Europa-Tour, sondern für ein paar ausgewählte Dates auch in Asien. Blieb euch diese Erfahrung besonders in Erinnerung?

Carsbring: Vor allem das japanische Publikum ist ganz anders, als alles, was wir davor gesehen haben. (lacht) Während den Songs ist die Halle wie ausgestorben, es herrscht Totenstille. Nach den Nummern gibt es schnellen, kurzen Applaus, weil sie alles verstehen wollen, was wir dazwischen so reden. In Ho-Chi-Minh, dem ehemaligen Saigon, sind wir mittlerweile ziemlich groß, was sicher auch an dem Albumtitel liegt. Eine spezielle Beziehung haben wir aber nicht zu der Stadt, der Titel klang einfach cool. (lacht) Eine meiner Lieblingsbands sind die finnischen Glam-Rocker HANOI ROCKS, die hatten Saigon auch im Titel ihres Debütalbums.

Vor einiger Zeit habt ihr auf eurer Facebook-Seite ein Foto von einem Idioten gepostet, der euch öffentlich sexistisch beleidigt hat und meinte, ihr solltet auf der Bühne lieber eure Titten rausholen. Müsst ihr im Jahr 2015 noch oft mit solchen Vorkommnissen klarkommen?

Linn: Erschreckenderweise schon, auch wenn ich es oft nicht glauben kann. Es überrascht uns jedes Mal aufs Neue. Die JUNKSTARS, die mit uns auf Tour sind und ein ähnliches Level wie wir spielen, müssten sich niemals damit abärgern, ganz einfach deshalb, weil sie Jungs sind. So etwas ärgert mich wirklich maßlos.

Was kann man als weibliche Band dagegen tun? Welche Schritte setzt ihr bei solchen Erlebnissen?

Carsbring: Einfach nur weiterspielen und der Welt zeigen, dass die Mädels eben auch Eier haben können. (lacht)
Linn: Ich wollte eigentlich den ganzen Namen des Vollidioten auf Facebook veröffentlichen, aber Sara hat mich dann noch rechtzeitig runtergeholt und gemeint, auch Vorname und sichtbares Profilbild würden reichen, um ihn als Trottel zu disqualifizieren. Ich glaube, die Entscheidung war richtig. Man sollte seine Energien und seine Kraft nicht dafür aufwenden, sich darüber zu ärgern, sondern einfach aufzeigen, was da gerade falsch läuft.

Ist es euch als Künstlerinnen möglich, solche Menschen in gewisser Weise zu erziehen? Ihnen noch Benehmen beizubringen?

Linn: Ich glaube nicht. Typen wie den kannst du nicht mehr normal machen. Da machen wir lieber weiter, schauen, dass wir unseren Bekanntheitsgrad steigern und berühmter werden, sodass er sich in ein paar Jahren darüber grämt, dass er uns so bloßstellen wollte.

Was ist eigentlich euer Lieblingsfilm aus dem Rock-Bereich?

Carsbring: Ich mag den Film über die RUNAWAYS. Damit können wir uns auch als Band und Personen identifizieren, zudem haben die damals auch verdammt jung angefangen und ordentlich Ärsche getreten.

Gibt es noch andere erwähnenswerte Bands wie euch, die ihr empfehlen könnt?

Linn: Auf jeden Fall THUNDERMOTHER. Sie sind zwar nicht so jung wie wir, aber eine gewaltige Liveband. Und unsere Freundinnen von TIGER BELL, die derzeit aber leider eine Pause auf unbestimmte Zeit eingelegt haben.

Ärgert euch das manchmal, dass man euch immer direkt mit anderen weiblichen Rock-Bands vergleicht?

Carsbring: Extrem sogar. Die Leute sagen uns oft, dass wir einerseits wie THE DONNAS und andererseits wie CRUCIFIED BARBARA klingen. Das kann doch kein Mensch ernst nehmen, weil allein schon diese beiden Bands total unterschiedlich klingen. Das sind zwei verschiedene Welt und der Vergleich fußt nur am Geschlecht, so etwas ist durchaus ärgerlich. Mir wäre es lieber, wenn man uns mit AC/DC oder THIN LIZZY vergleichen würden, das würde der Sache zumindest musikalisch gerechter werden. Das sind zwar gute Bands, aber sie spielen eben ganz anders. Wir sind eher wie KISS.

KISS aus allen Epochen ihrer Karriere?

Carsbring: Um Gottes Willen – natürlich nicht! (lacht) Magst du etwa alle Epochen von KISS?

Ich kann mit jedem KISS-Album etwas anfangen, aber die 80er-Rockscheiben waren doch großartig, wenn auch etwas ganz anderes als „Destroyer“ oder „Hotter Than Hell“.

Linn: Okay, gut, das ist deine Meinung. (lacht) Ich mag das erste Album und „Dressed To Kill“ am liebsten.

Welche weibliche Rockband war denn die allerwichtigste für die Musikgeschichte?

Linn: Ich glaube, das waren auf jeden Fall die RUNAWAYS. Sie waren verdammt jung und schon am Anfang sehr groß. Es ist einfach viel schwieriger in unserem Alter auf Tour zu sein, weil dir einfach Erfahrung und oft auch die Selbstsicherheit fehlen. Mittlerweile geht es schon besser, aber man muss schon ein hartes Fell haben, wenn man als Frauenband in unserem Alter mit alten Hasen tourt.

Fotos: Stefan Kuback / www.kbkimages.com


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