THE VINTAGE CARAVAN - Óskar Logi Ágústsson & Stefán Ari

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Dort, wo mehr Menschen leben, leben auch mehr Arschlöcher.

Es sind nicht nur SIGUR RÓS, SÒLSTAFIR, OF MONSTERS AND MEN oder BJÖRK, die das abgeschiedene Island sukzessive stärker auf die internationale Musiklandkarte rücken. Auch die Jungspunde THE VINTAGE CARAVAN sind mit ihrem hypnotisierenden Klangspektrum ein gewaltiger USP für die Eisinsel.

Veröffentlicht am 09.12.2015

Es war im Frühjahr 2013, als den bärtigeren Verfasser dieser Zeilen ein Luftpolsterkuvert aus dem fernen Island erreichte. Darin vielleicht eine der besten Genreveröffentlichungen des Vorjahres, THE VINTAGE CARAVANs "Voyage" in seiner Originalveröffentlichung auf Sena. Noch konnte man nur ahnen, oder vielmehr hoffen, dass die Jungspunde bei einem renommierten Label auf Gehör stoßen werden. Und tatsächlich: Nur wenig später bewies der deutsche Gigant Nuclear Blast, dass man artig der Mutter Folge leistete und sich täglich die Ohren wusch, denn man schlug zu, veröffentlichte 2014 "Voyage" mit abweichendem (und leider schwächerem) Artwork neu und schoss 2015 mit "Arrival" nach. Seitdem begeisterten die drei Herren unter anderem am renommierten Roadburn Festival, sowie in Wacken, oder auch im Vorprogramm von BLUES PILLS und zuletzt EUROPE - auch hierzulande. Natürlich sorgte auch Óskars Auftritt im gerühmten Film "Metalhead" für ein Medienecho. Grund genug für die Torpedo-Twins Fröwein und Baumgartner, sich an einem lauen Novemberabend in der Wiener ((szene)) Bandkopf Óskar und Neuzugang Stefán zu schnappen, um über die Geschichte der Band und den Besetzungswechsel, Island und seine Musik, sowie über Óskars Filmtod zu sprechen ...

 

Robert Fröwein: Ihr kommt aus einem kleinen Dörfchen namens Álftanes, mit lediglich etwa 2.500 Einwohnern …

Óskar Logi Ágústsson: Ja, ich wohnte bis vor kurzem mein ganzes bisheriges Leben im Elternhaus, im Alter von neun habe ich dann angefangen, Gitarre zu spielen. Und bereits wenig später bin ich über den Schulhof gestapft, auf der Suche nach Mitstreitern für eine Band (lacht). Komischerweise hagelte es nur Absagen (lacht). Nein, im Ernst: Ein Typ namens Guðjón hat sich dann erbarmt, das Schlagzeug, das ich zuhause herumstehen hatte, nach meinen "Unterrichtseinheiten" zu bearbeiten, während ich dazu auf der Gitarre spielte. Ein Freund von mir, Halldór, stieß dann an der zweiten Gitarre auch zu uns dazu, später dann Alexander am Bass. Halldór spielte mit uns dann auch unser selbstbetiteltes Debüt ein, stieg dann aber wieder aus der Band aus, bevor wir unsere zweite Platte "Voyage" aufnahmen. 2015 stieg dann Guðjón aus, und Stefán stieß zur Band hinzu. 

RF: Aber wie bist du überhaupt mitten im Nirgendwo in Kontakt mit Rockmusik gekommen?

Óskar: Das Internet war da schon hilfreich, wobei: eigentlich war ich mit acht, neun Jahren noch nicht wirklich internetaffin. Dann werden es wohl die Filme gewesen sein, „Detroit Rock City“, „Almost Famous“, „School Of Rock“ und sowas. Das hat mich als kleiner Fratz schon beeindruckt. Mein Bruder hatte auch ziemlich viel Vinyl daheim rumstehen, da habe ich auch immer brav gestöbert. Da waren dann von BLACK SABBATH „Paranoid“ und „Vol. 4“ dabei, also auch nicht gerade die schlechtesten Grundlagen (lacht). 1994 oder so kaufte mir meine Mutter dann meine erste Gitarre – und von da an habe ich nicht mehr aufgehört, zu spielen.

RF: Kaum ein zweistelliges Alter erreicht, hattest du also schon deine Band. Das muss deinen Coolnessfaktor ordentlich in die Höhe geschossen haben.

Óskar: Schon ein bisschen (lacht). Aber nicht sonders bei den Mädchen (lacht). Also, ein klein wenig. Da gab es ein paar, die uns immer im Proberaum besuchten …

RF: Komm schon, Musiker sind doch immer die ersten, die Mädels abschleppen …

Óskar: Äh, ich weiß nicht (lacht).

Stefan Baumgartner: Wer kriegt denn die meisten bei euch ab?

Óskar (zu Stefán): Sollen wir das kommentieren?

Stefán Ari (grinst): Von mir aus …

Óskar: Alex und ich haben seit einiger Zeit eine Beziehung, von daher ... (wirft einen Blick zu Stefán, der läuft rot an und grinst weiter)

RF: Nachdem du bereits so früh musikalisch aktiv warst – glaubst du, dass du irgendeinen Aspekt eines „normalen Teenager-Daseins“ verpasst hast?

Óskar: Nein, ich glaube nicht. Ich bin eigentlich ziemlich zufrieden damit, wie es gelaufen ist. Ich habe auch die Schule irgendwann dann abgebrochen und bin in den Kindergarten arbeiten gegangen, also zurück zum Ursprung quasi (lacht). Das hat mir dann schon gefallen, wieder mit Ton herumzugatschen und Legotürme zu bauen (lacht) – achja, und natürlich Gitarre zu spielen. Die Kinder standen voll drauf, wenn ich mir meine Gitarre geschnappt habe und wir etwas gesungen haben.

RF: Nächstes Projekt für Nuclear Blast: „The Kindergarten-Demos of The Vintage Caravan“.

Óskar: (lacht) Ja, das wäre cool.

RF: Mittlerweile lebt ihr aber nicht mehr daheim, und auch nicht mehr in Island – sondern in Dänemark, weil es für euch organisatorisch einfacher ist … Seid ihr schon dänifiziert?

Óskar: Nein, nein – gar nicht (lacht). Du hast zwar recht, wir sind nach Dänemark gezogen, weil unsere Zielgruppe sich auch auf hier, also auf Mitteleuropa, fokussiert – aber haben tatsächlich seitdem nur sehr, sehr wenig Zeit dort verbracht. Ich glaube, wir haben bisher heiße drei Tage in Dänemark verbracht, und das auch nur mit Schlafen.

Stefán: Die meiste Zeit verbringen wir eigentlich unterwegs, irgendwo zwischen Stadt A und Stadt B. Das können dann auch schon einmal sieben, acht Stunden auf der Straße sein.

RF: Was sind die größten Unterschiede zwischen Dänen und Isländern?

Óskar: Ich glaube, Dänen sind distanzierter…

Stefán: Da sind wir uns aber glaube ich ziemlich ähnlich, auch die Isländer sind ein bisschen mehr auf Abstand aus… da passen Dänen und Isländer schon gut zusammen.

Óskar: Dafür tragen Dänen Sandalen und sind nur mit dem Rad unterwegs. In Island gibt’s nicht besonders viele Fahrräder oder gar Fahrradwege.

Stefán: Es ist bei uns auch hügeliger, da ist’s nicht so leicht, alles mit dem Rad zu machen.

RF: Ihr treibt euch in Kopenhagen vermutlich eh nur in Christiania herum.

Óskar: (lacht) Wir leben so weit als nur irgendwie möglich von Christiania entfernt, glaube ich. Wobei, um genau zu sein, lebten: Unser Zeug ist gerade wieder unterwegs zurück nach Island, und nächsten Sommer werden wir uns wohl einen neuen Standpunkt suchen, Belgien zum Beispiel. Das ist dann einfacher für unseren Tourplan, dann brauchen wir nicht immer eingeflogen werden.

 

Óskar (vorn) muss neidlos zugestehen: Stefán (hinten) kriegt all die Mädchen ab. Wir lieben beide. Massiv, aber platonisch.

 

RF: Das vorletzte Mal, dass ihr hier in Wien wart, in der Arena, war gemeinsam mit den BLUES PILLS. Warum haben die einen derartigen Erfolg?

Óskar: Ha, da könnte ich jetzt einige Witze drüber reißen… (lacht) Es ist halt doch sehr eingängig, basiert mehr am Blues als THE VINTAGE CARAVAN zum Beispiel. Aber es freut mich sehr für sie, das sind großartige Jungs und Mädel.

RF: Eine Frontfrau wird aber sicher ein USP sein?

Óskar: Das kann ich weder bestätigen noch kommentieren (lacht).

RF: Ein Diplomat! Euer letzter Auftritt in Wien war jedoch im Vorprogramm von EUROPE. Ist es für euch eine Herausforderung, vor einem Publikum zu spielen, dass doch teilweise sehr borniert, oder besser: fokussiert auf den Hauptact sein kann?

Óskar: Es ist anders, aber macht auch Spaß und ist eine Herausforderung, das Publikum erst gewinnen zu müssen. Es ist schon toll, wenn die zuerst mit den Augen rollen, wenn du auf die Bühne kommst, sie dich aber jubelnd begleiten, wenn du sie dann wieder verlässt. Die ersten ein, zwei Songs sind bei sowas dann teilweise schon mühsam, aber dann beginnt es, mir zu gefallen.

RF: Bist du dann nervöser?

Óskar: Es gibt da schon Puristen, die nur Zeug von 1981 bis 1987 hören und keinen Tag drüber hinaus (lacht). Es macht Spaß, denen dann deine Musik entgegenzusetzen. Das ist irgendwie wie das Spiel, wo der, der zuerst blinzelt, verliert.

Stefán: Ich bin da schon nervöser, wenn du Leute mit verschränkten Armen herumstehen siehst, die nur darauf warten, dass du irgendeinen Scheiß baust… aber es gibt einem auch mehr, wenn du die dann sehr wohl begeistern kannst. 

RF: Warum hat Stefán dieses Jahr Guðjón ersetzt?

Óskar: Guðjón hat THE VINTAGE CARAVAN verlassen, weil ihm das ständige Touren auf die Nerven ging. Also nicht das Spielen auf der Bühne, aber die Distanzen zwischen den Auftritten waren nichts für ihn. Bei mir und Alex ist das anders, wir können da entspannen, auch wenn es ab und an ein bisschen chaotisch zugeht. Er ist eher der durchgeplante Typ Mensch.

RF: Und ihr kennt Stefán schon länger?

Stefán: Ich glaube, ich lernte die Jungs 2012 kennen. Meine damalige Band hatte einen Wettbewerb in Island gewonnen, Óskar mir dazu gratuliert - und so kamen wir in Kontakt. Etwa ein Jahr später haben Óskar, ich und ein paar Freunde gemeinsam zu jammen angefangen - und ich glaube, das war der Grund, warum ich dann als Nachfolger erwählt wurde.

Óskar: Wir brauchten ziemlich dringend einen neuen Schlagzeuger und da schoss mir gleich Stefán ein. Natürlich fiel mir zuerst die Kinnlade runter, als uns diese Hiobsbotschaft serviert wurde, aber glücklicherweise fanden wir in Stefán gleich guten Ersatz.

(Wein wird serviert.)

Óskar: So, jetzt besaufen wir uns!

RF: In Zeiten, wo Retro-Rockbands wie Pilze aus den Boden schießen, was ist der USP von THE VINTAGE CARAVAN?

Óskar: Ich glaube, dass wir gerade bei unseren Liveshows Leute gewinnen können, die sind sehr kraftvoll und spontan. Wir agieren ziemlich agil, schwitzen wie Sau - und ich glaube auch, dass wir einen frischen Wind in die Szene bringen, nicht wie eine bloße Kopie klingen. Wir klingen nicht nur wie eine Band von 1972, da gibt es auch modernere Einflüsse in unserem Sound. Du findest hie und da auch ein bisschen Prog-Rock, zum Beispiel.

RF: Du hast vorhin euer Debüt angesprochen, von dem es nur grob 1.000 Kopien gab. Steht uns da eine Neuveröffentlichung ins Haus?

Óskar: Wir haben noch ein paar Exemplare von denen zuhause herumkugeln gehabt und haben sie Nuclear Blast übergegeben. Ich glaube, es hat ihnen ganz gut gefallen - vielleicht bringen sie es auf Vinyl raus, nicht als Neuveröffentlichung, sondern vielleicht als limitierte Edition.

RF: Das heißt, du stehst nach wie vor hinter den alten Songs?

Óskar: Ja, es hat ein bisschen gedauert, aber mittlerweile kann ich wieder damit leben. Es ist natürlich nicht repräsentativ für das, was wir heute machen, aber für das erste Album war es schon ganz in Ordnung. Es ist schon ein bisschen surreal, wenn ich meinem 14-jährigen Ich zuhöre, das zum Teil Zeug spielt und singt, das ich schrieb, als ich 10 oder 11 war. Bei einigen Texten denke ich mir da schon meinen Teil... 

RF: Über was hast du da geschrieben?

Óskar: Über das unsterbliche Verliebtsein und über den Sex, den ich damals noch nicht hatte (lacht).

SB: Mit 10 (lacht)?

Óskar: Okay, bei den Texten war ich vielleicht 13 oder 14 ... (lacht) "Mushroom Man" ist auch auf dem Album, also gab's natürlich auch Texte über Drogen.

SB: Deine Mutter muss ja gewaltig stolz auf dich sein ...

Óskar: Ja, sie liebt mich (lacht).

RF: Von "Voyage" zu "Arrival": Gibt es da einen roten Faden?

Óskar: Schon irgendwie, ja. Wir fanden diesen Gedankensprung witzig und irgendwie waren wir zu dem Zeitpunkt irgendwo "angekommen". Aber wir sind trotzdem selbstkritisch genug, um uns da nicht auszuruhen, sondern neue Wege zu beschreiten ... Aber bitte da jetzt keinen tieferen Sinn hineinzuinterpretieren, das ist nur eine sehr oberflächliche Verbindung.

RF: Was kommt als nächstes? "Departure"?

Óskar: Ja, ein Flughafenalbum!

SB: Dann könnt ihr gleich bei KADAVAR anklopfen, ob ihr auch im Bomber-Studio in Tempelhof aufnehmen könnt ...

Óskar: Nein, wenn schon, dann in einem Flughafen, der tatsächlich in Betrieb ist. Mit all den Nebengeräuschen (lacht). Ich hasse Flughäfen, das würde dann wohl ein ziemlich aggressives Album werden.

SB: Aber du würdest zumindest ziemlich cool beim Spielen aussehen, wenn dir statt eines Ventilators gleich eine Flugzeugturbine die Haare wirbelt.

Óskar: Das definitiv (lacht)!

SB: Nachdem du vorhin euren Schlagzeuger-Wechsel angesprochen hast, auch SÒLSTAFIR hatten einen zu vermelden, der allerdings in einer Seifenoper ausartete ...

Stefán: Es ist hier vermutlich besser, nicht wirklich Position zu beziehen...

Óskar: Ich glaube, beide Standpunkte haben ihre Berechtigung...

Stefán: Wir sind mit allen gut befreundet, von daher ist es schwer, hier wirklich Position zu beziehen...

Óskar: Ich glaube dennoch, die Entscheidung war richtig.

 

Das isländische Eis haben Stormbringer rasch gebrochen.

 

SB: Es kommt beinah einem Klischee gleich: Musik hat einen immens hohen Stellenwert im alltäglichen Leben in Island.

Stefán: Ich glaube, dass uns die Sonne, die Helligkeit stark abgeht. Menschen flüchten sich dann ins kreative Arbeiten, insbesondere in die Musik. Musik hilft, Depressionen zu überwinden. Zumindest mir hat sie geholfen, diese Momente zu überdauern. Musik macht Menschen glücklich.

Óskar: In Island gibt es außerdem keinen Druck. Du wirst hier nicht "groß". Es ist nicht so, dass du mit Ruhm und Geld überschüttet wirst, wenn du Musik machst. Du musizierst einfach um des Musizierenwillen. Das ist glaube ich auch der Grund, warum isländische Musik so originell, teilweise richtig cool abgespact ist.

SB: Welches Genre ist das Populärste?

Óskar: Ich würde sagen, Electro-Pop und akustisches Zeug, auch isländischer Black Metal wird andernorts sehr geschätzt.

Stefán: Electro ist oft die Grundlage, die sich dann auf ziemlich abgedrehte Weise mit anderen Genres vermengt - gleich ob mit Folk, Post-Rock oder was auch immer. Von daher ist es schwierig, hier von einem "Genre" zu sprechen.

Óskar: THE VINTAGE CARAVAN kennt man zwar in Island, aber wir sind nicht besonders populär, im Radio werden wir zum Beispiel nicht gespielt. Wir sind eine Alte-Herren-Band.

SB: 2007 haben SIGUR RÓS ihren Dokumentarfilm "Heima" veröffentlicht. Auf "Heima" flossen Ausschnitte von Liveauftritten nahtlos in Bilder der isländischen Landschaft ein. Die Umgebung hat zweifelsohne einen Einfluss auf die Kunst, somit auch auf die Musik - aber ich glaube, nicht einmal im norwegischen Black Metal ist es so schwer, das Bild der Landschaft von den Klängen zu trennen, wie im diversen Feld isländischer Musik. Es scheint, als würde isländische Musik als Hintergrundberieselung eines Promovideos einer Touristenwebsite wahrgenommen werden.

Stefán: Ich glaube, die Musik von SIGUR RÓS repräsentiert auch wirklich, wirklich gut die Schönheiten unseres Landes. Auch SÒLSTAFIR vertonen ziemlich gut die Grundstimmung Islands, wenngleich es immer eine Frage der Interpretation ist. Es ist immer inspirierend, wenn du die Schönheiten der Natur auf dich wirken lässt - ganz gleich, wo du dich gerade aufhältst. 

Óskar: Als wir "Arrival" aufnahmen, befanden wir uns in einem ziemlich abgelegenen Fjord, umgeben von Bergen und waren vollkommen eingeschneit. Wenn du dann dastehst, solierst und gleichzeitig durch die Fenster in die weißen Berge blickst, dann ist das schon stimulierend.

SB: Wie wichtig ist für einen jungen Isländer eure Geschichte, euer Erbe, die Sagen und Gedichte?

Óskar: In uns ist auf jeden Fall ein kleiner Teil, der sehr patriotisch ist. Nicht so, dass du dir jetzt maskulin auf die Brust klopfst und glaubst, du seist ein Vikinger, aber...

Stefán: Ich würde sagen, wir sind nicht wirklich patriotisch - wir sind halt Isländer.

Óskar: Ich glaube, wenn du mit jemandem ins Gespräch kommst und erwähnst, dass du Isländer bist, überraschen die einen oft mit mehr Wissen über dein Land, als du selber hast. Ich war zum Beispiel noch nie in der Bláa Lónið, dem Thermalfreibad bei Grindavík auf der Reykjanes-Halbinsel. Von all diesem Touristen-Zeug habe ich überhaupt relativ wenig Ahnung. Und ich glaube auch nicht, dass uns persönlich unser Erbe sonders kümmert... wenn es drauf ankommt, ist mir meine Gitarre näher als unsere Geschichte.

Stefán: Ich glaube auch, dass der mittel- und westeuropäische Einfluss durch die Massenmedien bei uns stark ansteigt.

Óskar: Dunkin' Donuts!

Stefán: Der Vikinger in uns verschwindet langsam, ja (lacht).

Óskar: Irgendwann wird alles ohnehin ein ziemlich großes, absonderliches Land sein.

SB: SIGUR RÓS singen in ihrer eigenen, erfundenen Sprache, andere Künstler auf Isländisch.

Óskar: Zu uns passt die Muttersprache nicht. Ich habe ein paar Texte auf Isländisch geschrieben, aber das funktioniert einfach nicht. Das klingt dann schnell einmal ziemlich kitschig, passt eher zu Folk-Pop.

SB: Also ziemlich genau gegenteilig zum Kriegston des Deutschen?

Óskar: Zumindest für uns - nicht falsch verstehen, Isländisch ist eine sehr schöne Sprache! Aber in dem Kontext...

SB: Während die isländische Sprache - im Gegensatz zu den meisten am Festland - sehr konservativ ist, ist Island selbst jedoch ein vergleichsweise junges Land, wurde erst 1944 zur Republik erklärt. Ist das einer der Hauptgründe, warum sich so viele Künstler Experimenten öffnen?

Óskar: Ich glaube, es ist eher, weil Island so fernab vom Schuss liegt.

Stefán: Ich denke, du hast hier irgendwie wie unter einer Glaskuppel auf relativ kleinem Raum viele verschiedene Ideen, die zwangsweise aufeinanderprallen. Aber natürlich hast du auch mit dem "Alter" recht - je jünger du bist, desto offener bist du für Einflüsse von etwas Anderem, das ist beim Mikrokosmos "Mensch" so wie auch beim Makrokosmos "Volk".

SB: Diese bunte Vielfalt findet man hervorragend am Airwaves-Festival wiedergespiegelt, ein Festival, das auch stark auf heimische Künstler setzt - und nicht nur international bucht. Wird man als Künstler - egal welchen Genres, oder auch gleich aus welchem der Künste, von Literatur über Musik bis hin zum Film - daheim wertgeschätzt, gefördert?

Stefán: Nicht vom Staat, aber von einzelnen Institutionen wie eben dem Airwaves sehr wohl, ja. Gerade das Airwaves ist offen für alle - ganz gleich, welchen Stil du spielst oder wie groß du bist. Wenn du gefällst, gefällst du. Das ist dann auch ein guter Ort zum Netzwerken, immerhin hast du dort nicht nur ein internationales Publikum, sondern auch internationale Presse.

Óskar: Selbst so große Magazine wie das "Rolling Stone" sind dort vor Ort.

SB: Ein anderes Festival ist das Westman Islands Camping Festival. Von dort heißt es, dass Einheimische weiße Zelte aufbauen und du, als Tourist, kannst jederzeit anklopfen und fragen, ob du ein Stückchen geräucherten Papageitaucher abbekommst. Du meintest doch vorhin, Isländer sind tendenziell reserviert?

Stefán: Wir sind schon typisch skandinavisch, tragen ein kleines Schutzschild um uns herum - aber es ist ziemlich dünn, somit leicht zu durchbrechen. Wir haben schon ein gewisses Distanzverhalten, sind aber Fremden gegenüber nicht unaufgeschlossen.

Óskar: Ich erwarte jetzt nicht, dass zum Beispiel nach einem Auftritt Leute zu uns kommen, uns umarmen und mit uns Fotos schießen wollen, aber wenn's passiert, ist's für mich auch okay (lacht).

SB: In Deutschland gibt es das Wacken-Festival - Wacken selbst ist ein kleines, ländliches Dörfchen, dessen Bewohner aber alljährlich das laute, wilde Grüppchen an langhaarigen Bastarden herzlich Willkommen heißt - und natürlich Kapital aus ihnen schlägt. Ist es im verschlafenen Neskaupstaður ähnlich, wo das Metal-Festival Eistnaflug abgehalten wird - oder reagieren die Menschen hier eher verschreckt, so wie im Film "Metalhead"?

Óskar: Als es 2005 das erste Mal stattfand, waren die Leute schon verschreckt - also nicht wirklich ängstlich jetzt, aber sagen wir es mal so: Sie blieben tendenziell eher daheim, hinter verschlossenen Türen (lacht).

SB: Bis zum Anschlag bewaffnet...

Óskar: Genau. (legt zum Schuss an) "Betreten verboten!" Nein, sie haben über die Jahre gemerkt, dass es sehr friedlich auf dem Eistnaflug zugeht. Außerdem wuchs in dem Städtchen parallel dazu auch eine Generation an Jugendlichen heran, die Heavy Metal gern mochte, von daher hat sich das anfängliche Zaudern rasch aufgehört.

Stefán: Heute zählen die Bewohner schon die Tage, bevor das Festival anfängt. Die freuen sich richtiggehend auf die Gäste. Das Eistnaflug ist das friedlichste Festival auf der ganzen Insel.

Óskar: Keine Prügeleien oder Vergewaltigungen über all die Jahre hinweg.

Stefán: Der Veranstalter ist da auch ziemlich streng, was das betrifft - verständlicherweise. Und das wissen die Besucher - von daher bleiben etwaige Arschgeigen gleich von vornherein daheim. Außerdem ist es so weit von Reykjavik entfernt, wie nur irgendwie möglich. Für die ist es zu mühsam, die lange Fahrt auf sich zu nehmen - nur um gleich wieder Platzverweis zu bekommen.

SB: Also versammeln sich alle Arschgeigen in Reyjkavik?

Óskar: (lacht) Nein, nein! Nur da, wo mehr Menschen leben, leben auch mehr Arschlöcher.

SB: Stichwort "Metalhead": Wie bist du von der Musik ins Film-Biz gerutscht?

Óskar: Ich habe eine Nachricht auf Facebook bekommen, in der ich gefragt wurde, ob ich mich mit Ragnar Bragason zusammensetzen könne - er hätte mich gerne in seinem Film. Ich war mir unsicher, immerhin hatte ich bisher noch keine Erfahrungen gesammelt, aber er meinte: "Du hast lange Haare, das passt schon." Eigentlich hätte ich mir meine Haare ja schwarz färben sollen, aber das war ein No-Go für mich. Die Rolle bekam ich trotzdem. Vielleicht, weil ich Traktorfahren konnte (lacht). Und sterben (lacht).

SB: Wie war die Erfahrung?

Óskar: Gut. Ich bin zwar noch nicht bezahlt worden, aber das liegt wohl an mir. Ich habe bisher vergessen, eine Rechnung zu stellen (lacht).

SB: Willst du das Schauspielern weiter verfolgen?

Óskar: Ich weiß nicht. Ich glaube, eher nicht. In der Musik, da kann ich ich selbst sein. Schauspielern ist eben... schauspielern. Da gibst du vor, etwas oder jemand zu sein, der du nicht bist. Ich glaube, das kann und will ich nicht wirklich. Aber gut, wenn mir jemand einen Sack Geld hinstellt, würde ich mir das Drehbuch zumindest einmal durchlesen (lacht).

SB: Nachdem du bereits deine herausragende Fähigkeit, zu sterben, hervorgehoben hast: Wie ist es, sich als sterbenden Menschen auf Leinwand zu sehen? Und wie war es für deine Eltern?

Óskar: Es war schon ein bisschen... schauerlich. Ich war mit meinem Vater bei der Premiere, und er hat nachher drei Tage gebraucht, um diesen Moment, seinen toten Sohn zu sehen, zu vergessen - obwohl er wusste, dass ich tatsächlich lebe, neben ihm sitze, dass alles nur gespielt war. Ich glaube, er hat während des Films auch eine Träne oder zwei vergossen. Ich glaube, es war aber weniger die Szene, als man mich blutig, mit zerbrochenem Schädel sah, sondern eher die Szene, als mein Bild auf dem Sarg stand. Das hat ihn mitgenommen. Aber auch für mich war es ziemlich absurd, mein eigenes Begräbnis mitverfolgen zu können (lacht). Geil, eigentlich.

SB: Was soll einmal tatsächlich auf deinem Grabstein stehen?

Óskar: "Roch schlecht, war manchmal aber ziemlich komisch." (lacht) Und bei dir, Stefán?

Stefán: Keine Ahnung, echt nicht. Das überfordert mich gerade dezent (lacht).

SB: Vielleicht: "Kriegt immer noch mehr Mädchen ab als Óskar."?

(kollektives Gelächter)

Óskar: Scheiße, ist das krank.


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