VEKTOR - David DiSanto, Blake Anderson, Erik Nelson, Frank Chin

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Die Denim-Jeansjacken an der Westküste sind schwarz, die an der Ostküste blau.

Die US-Thrash-Institution VEKTOR hat es nach mehr als zehn Jahren im Musikbusiness tatsächlich erst im Herbst 2015 erstmals nach Europa geschafft. Keine Frage, dass die Stormbringer-Torpedo-Twins sich wie Tiere auf ein spaßiges und informatives Interview stürzten...

Veröffentlicht am 30.12.2015

Kultische Verehrung wird den US-Progressive-Thrashern VEKTOR in Szenekreisen schon seit Jahren zuteil. Europäische Fans mussten bis zum Herbst 2015 aber auf YouTube-Videos und Import-Scheiben zurückgreifen, um Musik der vielleicht spannendsten Genreband seit VOIVOD zurückgreifen zu können. Nun hat es aber endlich doch geklappt und VEKTOR waren mit den grandiosen Spaniern von ANGELUS APATRIDA, sowie die holländischen Prügelscherben DISTILLATOR unterwegs, um auch in den kalten Spätnovembertagen für Schweiß- und Pheromonausschüttung zu sorgen. Über das Interview mit den Torpedo-Twins Baumgartner und Fröwein freute sich die Band offensichtlich genauso, wie die zwei Kasperlköpfe vice versa. Immerhin nahm sich die gesamte Band eine gute Dreiviertelstunde Zeit, um neben saftigen Äpfeln und Dosenbier im mahagonivertäfelten Tourbus Rede und Antwort zu stehen. Dabei ging es angenehmerweise nicht nur um schnödes Promo-Bla-Bla rund um das kommende und heiß ersehnte VEKTOR-Album, sondern auch um einen humorigen Ausflug in die internationale Thrash-Historie, die unergründliche Liebe zu Science-Fiction, das Trinken von Lava und den Zugang von den lieben Eltern zur Krachmusik der Jugend. Wohl bekomm's!

 

Robert Fröwein: Jungs, obwohl eure Band bereits mehr als zehn Jahre besteht, wart ihr gerade auf eurer ersten Europa-Tour. Warum hat das gar so lang gedauert?

David DiSanto: Wir sind alles arme Schlucker und hätten bei den bisherigen Angeboten die Flüge immer selbst zahlen müssen – das hätten wir uns nie im Leben leisten können. Wir wollen nur so touren, wie wir es für richtig halten. Entweder als Headliner, so wie eben jetzt, oder als Support, aber dann mit einem gewissen Bekanntheitsgrad. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir so lange gewartet haben und es jetzt auf unsere Art machen.

RF: Euer Bandmotto lautet „Sci-Fi or die“ – woher kommt denn das große Interesse für Science-Fiction?

Erik Nelson: Das begann bei uns schon in der Kindheit. Von den ersten „Star Wars“-Filmen über Astronomie in der Schule bis hin zu Technologie, und wie sie die Zukunft bestimmen wird – das sind wesentliche Dinge, die uns das ganze Leben über begleitet haben.
DiSanto: Wir sind sehr wissenschaftliche, rational denkende Typen. Aliens und so Zeugs (lacht). Das kommt immer darauf an, womit man die Mädels abschleppen kann.

RF: Andere Bands singen über Blut und Beuschel oder den Gehörnten – ihr lasst also lieber die Nerds raushängen?

Blake Anderson: Ach, da gibt es schon noch einige mehr. Gerade im Technical Death Metal findest du unzählige solcher Bands. WORMED, OBSCURA und noch viele weitere – im Thrash ist das seltener, da sind wir wohl etwas "seltsamer" damit.

RF: Wolltet ihr früher auch Astronauten, Physiker und dergleichen werden?

DiSanto: (lacht) Im College habe ich eine Menge Astronomie-Kurse belegt, bis ich realisiert habe, wie fad das eigentlich ist. Da gibt es viel Mathe und es geht um unzählige Punkte am Himmel – irgendwann war mir das zu blöd.
Anderson: Als Kind hätte ich dir auf diese Frage sofort mit "Ich will Astronaut werden!" geantwortet – je älter ich wurde, umso stärker setzte die zitierte Rationalität ein (lacht). Ich bin wohl nicht klug genug dafür und bediene lieber die Computer, die wir hier auf der Erde haben.

Stefan Baumgartner: Viele Science-Fiction-Themen wurden über die Jahre Realität oder waren richtig vorhergesagt. Wenn man an Dinge wie außerirdische Lebewesen oder das Beamen denkt – welche Form der Science-Fiction sollte für euch Realität werden?

DiSanto: Aliens wären der Hammer – so lange sie friedlich sind!
Anderson: Würden sie uns zu Haustieren machen oder einfach nur ein Haufen Bakterien sein, wäre das wiederum weniger cool. Ich würde es lieben, mir die Flugzeiten zu ersparen und mich stattdessen zu teleportieren. Erschreckend und großartig zugleich.
Frank Chin: Kommerziell verwertbare Reisen durch die Galaxis klingen auch gut.
DiSanto: Wenn du so etwas erfindest, musst du aber definitiv schneller als die Lichtgeschwindigkeit sein. So schnell, dass zwei Punkte in der Galaxie zu einem werden – so wie bei den Wurmlöchern. Das wäre wohl das coolste Ding der Welt.
Anderson: Ich würde gerne Wurmlöcher kontrollieren können – call me the Wormhole-Master. (lacht)

SB: Welche Bücher und Filme würdet ihr Leuten empfehlen, die tiefer in die Welt der Science-Fiction eintauchen möchten?

DiSanto: „Moon“, ein großartiger Film. Natürlich auch die „Star Wars“-Trilogie und „Blade Runner“. Einer meiner Lieblingsfilme als Kind war „Space Hunter“. Das ist eine Art B-Movie, aber wirklich großartig.
Anderson: Bücher? Hmm… Die von Isaac Asimov sind immer gut. Es sind keine direkten Science-Fiction-Bücher, aber sie haben damit zu tun. Eines heißt „There Won’t Be War“ – ein ziemlich dystopisches Werk, wo es darum geht, wie ein Krieg eine friedliche Welt verändern würde. Er ist überhaupt ein Meister guter Kurzgeschichten.
Nelson: „1984“ ist natürlich ein Klassiker. „Armor“ von John Steakly ist schlichtweg großartig – ein brillantes Buch. Von Peter F. Hamilton gibt es noch zwei dicke Schinken namens „The Commonwealth Saga“ – auch phänomenale Exemplare. Ich glaube, das sind die besten Bücher, die ich je las.

RF: Und was ist mit „Spaceballs“?

Anderson: (lacht) Eine großartige Dokumentation. Das ist wirklich harter Sci-Fi-Stoff!
DiSanto: Wir sollten „Spaceballs“ als Intro für unsere Shows einbauen – zumindest ein paar Zitate davon (lacht)!

SB: Mittlerweile gibt es Neuversionen von „Mad Max“ und „Total Recall“, die ich beide nicht so gelungen finde wie die alten Klassiker. Woran könnte das liegen?

DiSanto: Weil das Klassiker sind. Würde ein Remake von „Gone With The Wind“ Sinn machen? Ich denke nicht (lacht).
Anderson: Ich habe den neuen „Total Recall“ noch nicht gesehen, aber ich glaube, die Effektemacher in Hollywood glauben, mit der neuesten Technik alles besser machen zu können, zerstören dabei aber den kultigen Charme der Originalwerke. Damals hat bei „Mad Max“ eben alles zusammengepasst – die richtige Handlung mit dem richtigen Schauspieler zur richtigen Zeit. So leicht kannst du einen Erfolg einfach nicht wiederholen. Der neue „Max Max“ soll aber fantastisch sein – was sagst du dazu?

SB: Er war ganz okay, es gab schöne Frauen.

RF: Eigentlich war da alles, was ein Mann braucht: Explosionen, schöne Frauen, Action, Blut, wenig Text.

SB: Es ist aber wie bei der Musik – wenn etwas überproduziert ist, dann geht die Emotion flöten.

DiSanto: Die CGI-Effekte ruinieren mittlerweile die Menschlichkeit in den Filmen.
Anderson: Mir hat aber imponiert, wie sie den neuen „Mad Max“ gedreht haben. Mit Kränen auf Autodächern und Stuntmen, die von großen Stangen hingen und das alles in der Wüste – es war echt und nicht in einem Studio zusammengestückelt, das hat mir imponiert. Es ist aber natürlich trotzdem kein junger Mel Gibson, der aus der Haut fährt und alle in die ewigen Jagdgründe schickt. Man kann es einfach nicht vergleichen.

Chuck-Schuldiner-Look-A-Like Erik Nelson beim Shredden und mal nicht beim Chips-Sandwich verputzen...

SB: Kommen wir zu eurem Bandnamen – stammt er aus der Mathematik oder der Biologie, wo ein "Vector" - zumeist ein Tier oder Mikoroganismus - andere Lebewesen infiziert?

DiSanto: Biologie – danke für die Frage! Die meisten ordnen uns da nämlich falsch ein, aber wir verbreiten unsere Krankheit biologisch (lacht).

SB: Wie seid ihr auf den Namen gekommen?

DiSanto: In der Biologie-Klasse (lacht). Der Professor hat es mal gesagt.

SB: Und warum habt ihr aus "Vector" eben VEKTOR gemacht?

DiSanto: Das klang einfach stärker nach Metal – „C’s“ sind nicht Metal (lacht).

SB: Also gewissermaßen wie der Metal-Umlaut bei MOTÖRHEAD. Vorher habt ihr LOCRIAN geheißen. Hatte das etwas mit dem „Locrian-Mode“ in der Musiklehre zu tun?

DiSanto: Ja, es gibt dort nämlich keine Auflösung, das hat mir gefallen.
Anderson: Es ist ein dissonanter Modus, das passt irgendwie auch zu unserer Musik.

SB: Denkt ihr beim Songwriting manchmal auch analytisch oder basiert doch alles auf Emotionen?

DiSanto: Ich habe die Theorie über die Jahre mit der Praxis gelernt, kann dir aber nicht sagen, was jetzt was ist. Blake und Erik können dir wahrscheinlich jeden Chord bis ins kleinste Detail analysieren. Ich habe keine Ahnung davon. Ich shredde einfach nur ein paar verrückte Sounds auf meiner Gitarre und die am besten klingenden verwende ich dann. Mir geht es nur darum, mit der Gitarre neue Formen zu finden (lacht).
Nelson: Wir denken da nicht so viel darüber nach – wenn es gut klingt und rockt, dann passt es.
Anderson: Ich analysiere das immer im Nachhinein und konfrontiere die anderen dann damit, die sich natürlich nicht auskennen, was ich dann gerade meine. Ich habe da eher einen theoretischen Geist und verfolge die Ideen dann bis zum Anfang zurück.

SB: David, deine Stimme ist herausragend und klingt wie eine Mischung aus DEATH und ATHEIST. Wie kriegst du das so hin? Hast du eine Art Facehugger, der dir einen extra Schub Oxygen verpasst?

DiSanto: (lacht) Es ist schon hart, jeden Abend in dieser Tonlage zu singen.
Anderson: Üblicherweise trinkt er Lava (lacht).
DiSanto: Ich weiß es aber gar nicht so genau. Ich hatte niemals Gesangsstunden oder so etwas, sondern habe in meinem Auto zu alten Alben mitgesungen und gemerkt, dass ich ein paar irre Sachen mit meiner Stimme machen kann. Die gutturalen Klänge kommen hauptsächlich aus meinem Rachen und bei den hochgepitchten quetsche ich im Prinzip meinen Hals zusammen. Das ist quasi äußerliches Schreien – die meisten machen das durch innerliches Schreien bei der hohen Stimme, bei mir ist das umgekehrt.
Nelson: Er ist dann immer so laut, dass wir im Proberaum ohne Mikrofon arbeiten (lacht).
DiSanto: Das passiert aber nur an meinen guten Tagen.

RF: Vor drei Jahren seid ihr von Arizona nach Philadelphia gesiedelt. Warum denn nicht in eine typische Musikmetropole wie L.A., New York oder in Florida?

Nelson: New York ist einfach zu teuer (lacht). Außerdem ist Philadelphia eine gemütliche, kleine Version von New York, die billiger und weniger hektisch ist. Zudem bist du in zwei Stunden in New York.
DiSanto: L.A. und Arizona sind sich ziemlich ähnlich und sind auch nicht weit voneinander entfernt.

RF: Was hat euch dann an Arizona nicht mehr gepasst?

DiSanto: Jeder von uns ist dort geboren und aufgewachsen und irgendwann reicht’s dir halt auch mal. Wir mussten etwas Neues austesten.
Anderson: Nach den ersten Touren haben wir auch gesehen, dass wir in anderen Städten auch viel Spaß haben und uns wohlfühlen. Daheim habe ich mich dann immer gefragt, was ich hier noch immer mache – es ist schön, bei meiner Familie zu sein, aber es ist irgendwann auch genug.
Chin: Wir brauchten einfach einen drastischen Wechsel – in L.A. waren wir ja ohnehin schon oft genug.
DiSanto: Wir wollten uns auch an der Ostküste in die Köpfe der Leute spielen. In L.A. füllen wir die Clubs mittlerweile ziemlich einfach, aber im Osten waren wir eben noch eine kleine Nummer. Wir wollten es dort einfach wissen.

SB: Wo ist denn der Thrash Metal in den USA populärer? An der Ost- oder Westküste?

Anderson: Das ist schwer zu sagen. An der Ostküste sind Hardcore und Rock etwas stärker verankert.
DiSanto: Es gibt dort viel mehr Crossover-Bands. Die Westküste ist stark von der Bay Area geprägt, dort gibt es die klassischeren Thrash-Bands. Die Denim-Jeansjacken an der Westküste sind schwarz, die an der Ostküste blau (lacht).

RF: Im März 2016 erscheint mit „Terminal Redux“ euer nächstes Album und der Song „Ultimate Artificer“ ist bereits veröffentlicht und wird allerorts abgefeiert. Was könnt ihr aus der derzeitigen Perspektive bereits über das Album sagen?

DiSanto: „Ultimate Artificer“ befindet sich eigentlich in der Mitte des breiten Songspektrums, das von absolut wahnsinnigem Thrash bis hin zu dramatisch-melancholischen Momenten geht. Wir loten beide Extreme aus und haben alles zehnfach verstärkt. Die Clean-Parts sind noch epischer, die Thrash-Parts noch abgefahrener und die Rock-Parts rocken stärker. Wir sind einfach in allen Belangen besser geworden.

RF: Für das kommende Album habt ihr mit Soul-Sängern aus Philadelphia zusammengearbeitet. Wie kam es zu der Idee und wie lief die Kooperation?

DiSanto: Es war ein gemischt-farbiger, weiblicher Chor (lacht). Sie waren großartig. Als ich den ersten Song für das Album schrieb, hatte ich ein episches Ende. Ich hatte einfach eine Gesangsmelodie in meinem Kopf und wollte das noch größer machen. Ich war dann auf einem Festival und habe dort eine Soul/Funk-Band spielen gesehen und die zwei Sängerinnen waren unfassbar gut. Diese Stimmen waren der Wahnsinn. Ich habe mir dann die Kontakte geholt und eineinhalb Jahre später habe ich sie eingeladen und das Ergebnis war einfach nur großartig.

RF: Werdet ihr auch mit ihnen live auftreten?

DiSanto: Wir hoffen es. Wenn wir uns zwei Extraleute noch leisten können, dann sofort.
Anderson: Das wäre auch toll für eine DVD-Release-Show in naher Zukunft oder für ein fettes, spezielles Live-Event.

RF: Ihr seid nicht nur in der Musik, sondern auch bei den Artworks und der ganzen Aufmachung sehr detailverliebt. Wie wichtig ist euch so etwas heute noch, wo ohnehin alle streamen und downloaden?

Anderson: Das ist uns sogar extrem wichtig. Das Artwork für das kommende Album haben wir noch nicht veröffentlicht, nur einen Ausschnitt davon, aber wir sind so verdammt glücklich über das Ergebnis.
DiSanto: Es sieht wie ein Buchcover eines Romans aus den 70er-Jahren aus.
Anderson: Adam Berg war dafür verantwortlich, der Typ ist einfach großartig. Ich bin schon so froh, wenn wir das präsentieren können. Zu deiner Frage – ich halte ein Komplettpaket immer noch für unheimlich wichtig, auch in Zeiten der Digitalisierung.
DiSanto: Das ist auch der Grund, warum Vinyl wieder so populär ist. Die Leute wollen etwas in der Hand haben, etwas ansehen und in Ruhe durchlesen. Das macht mehr Spaß als einen schnöden YouTube-Link anzuklicken.

RF: Im Februar tourt ihr mit VOIVOD durch Nordamerika – das ist derzeit das optimalste Progressive-Thrash-Metal-Paket, das man sich vorstellen kann.

Anderson: Für uns eine logische Sache, aber wir sind so aufgeregt, das wird einfach nur fantastisch.

SB: Ist das Logo eurer Band auch eine Hommage an VOIVOD, da es doch sehr ähnlich aussieht?

DiSanto: Ich denke schon, aber es geschah wenn dann eher unbewusst. Das VOIVOD-Logo hat mir immer schon gefallen und ich wollte ein Sci-Fi-Metallogo erschaffen. Danke, VOIVOD (lacht). Wir wollten jedenfalls nicht bewusst aussehen wie VOIVOD, aber klar, die Ähnlichkeiten sind gegeben.

RF: Ihr habt des Öfteren betont, dass euch nichts wichtiger ist, als eigenständig und einzigartig zu klingen. Wie ist das heutzutage überhaupt noch möglich?

Anderson: Du musst einfach die Genres kreuzen und schauen, dass du etwas findest, was es bisher so noch nicht gab. Nicht nur Power-Chords shredden.
Chin: Es ist noch lange nicht alles gesagt und gemacht. Was ich selbst an unserer Band mag, ist die Tatsache, dass wir sehr heavy sind und niemals erwartbar klingen.
Nelson: Es ist nicht so, dass hier plötzlich der Punk-Part und dann der Rock-Part kommt. Das wäre zu einfach.
Anderson: Ich glaube, man klingt ohnehin viel leichter nach sich selbst, wenn man gewisse Grundregeln befolgt. Zum Beispiel sollte man nicht zwanghaft versuchen, ein DESTRUCTION-Riff nachzumachen – das wird dann mit großer Sicherheit zu einer Kopie.
DiSanto: Wir haben noch nie versucht, wie jemand anders zu klingen. Wir schreiben einfach Musik, die wir selber hören wollen und bleiben konsequent in der Spur.

RF: Sehr viele junge Thrash-Bands klingen aber extrem stark nach ihren großen Heroen aus den 80er-Jahren. Ist da vielleicht zu wenig Ambition und Motivation dahinter, eigenständig klingen zu wollen?

Anderson: Das passiert wohl unweigerlich. Auch unsere Tour-Buddys DISTILLATOR klingen stark nach anderen Bands, aber sie treten jede Nacht Ärsche und sind live großartig. Wenn du Bands suchst, die ein bisschen von den vorgegebenen Wegen ausscheren, dann gibt es eben solche wie uns. Es gibt aber Platz für alle. Ist etwas gut nachgemacht und rockt, ist das toll – ist etwas ein bisschen abgefahrener und einzigartiger, ist das auch großartig. Es gibt genug Platz für alle.

RF: Habt ihr eigentlich vor, euer Debütalbum „Demolition“ noch einmal neu aufzulegen?

DiSanto: Um Gottes Willen, nein (lacht). Das ist ja gar kein richtiges Album, deshalb heißt es auch „DEMOlition“. Wir haben noch ein paar Kopien, mögen das Teil aber selber nicht mehr. Erik und ich sind noch übrig von dieser Zeit, als dann Blake und Frank in die Band kamen, wurde der Sound extrem besser.
Anderson: Wir mochten aber alle alten Songs bis auf „Moonbase“, deshalb wurden sie auch neu eingespielt. Wir haben sie dann eben neu interpretiert und sind jetzt happy damit.
DiSanto: Vielleicht veröffentlichen wir das Ding in 30 Jahren noch einmal, früher wohl nicht (lacht).

SB: Was ist für eine Band im 21. Jahrhundert am Herausforderndsten?

DiSanto: Aufmerksamkeit zu bekommen. Es gibt so viele Bands da draußen, dass das wirklich schwer geworden ist. Du kannst heute auch als mediokre Band cool aussehen, wenn du gute Fotos hast und dich stark selbstvermarktest, aber für wirklich gute Bands ist es heute sehr schwierig, die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen. Es gibt auch so viele Scheißbands, das gab es eben vor 30 Jahren noch nicht in dieser Intensität. Damals reichte es einfach aus, gut zu sein – heute ist das nicht mehr so simpel. Du musst erst einmal aus dem Meer an durchschnittlichen Bands herausstechen, auffallen und Gehör finden.
Anderson: Jeder kann heute total einfach Musik machen. Es dauert ein paar Sekunden, ein Schlafzimmer und Pro Tools - und du hast ein Album.
DiSanto: Das Internet ist schon eine gute Sache, aber jeder tummelt sich darauf und will natürlich ein Stück vom Kuchen. Das macht es für alle zusammen wieder schwerer.

SB: Heute springt die Presse aber eher auf Metalbands an. Damals war Metal noch böse und teuflisch, heute tummelt er sich teilweise in den Charts und im Feuilleton. Da hat sich doch viel verändert.

Anderson: Es hat einfach lange gebraucht, bis die Leute gecheckt haben, dass viele talentierte Musiker auch wirklich sehr gute Musik erschaffen. Es geht eben nicht immer nur um Satan, sondern auch um die Musik dahinter.
Nelson: Aber es geht auch immer noch um Satan (lacht)!

SB: Ich weiß, was du meinst. Meine Mutter hat einmal gesagt: „Ich weiß, dass diese Musiker alle sehr talentiert sind, aber warum spielen sie dann so eine grausliche Art von Musik?"

Anderson: Irgendwann siehst du über die Grenzen hinweg und am Ende gibt es wirklich viele Parallelen zu traditioneller, klassischer Musik – nur eben mit Elektrizität (lacht). Eine Frage der Perspektive.
Nelson: Die Vocals sind der große Unterschied. Viele finden Metalmusik sehr toll, aber wenn die harten Vocals kommen, dann steigen sie aus.
Anderson: Meine Mutter ist genau so – wenn die Stimme einsetzt, dann steigt sie aus (lacht).

DiSanto und Nelson beim fröhlichen Sci-Fi-Gethrashe

SB: Ron und Alex von BLOTTED SCIENCE wollten so auch die Vorzüge von CANNIBAL CORPSE und WATCHTOWER vermischen. So – zum Abschluss machen wir noch ein nettes Spiel. Wir werfen euch ein paar Thrash-Alben vor die Füße und ihr erzählt uns, was euch dazu einfällt. Beginnen wir mit: ATHEIST – "Piece Of Time".

Anderson: Badass!
DiSanto: Das einzige IRON MAIDEN-Album, wo die Songs …

SB: Ich sagte, ATHEIST – "Piece Of Time".

DiSanto: Verdammt! Sorry! Ich dachte, wir reden von „Peace Of Mind“ (lacht). Scheiße Mann … Mein verdammtes Hirn war gerade auf „Peace Of Mind“ eingestellt, mir fällt jetzt nichts ein.
Nelson: Ich habe auch keine andere Reaktion darauf als „Badass“.
DiSanto: Mit dem Album verbinde ich meine Skateboard-Phase in Arizona, das fällt mir als einziges spontan doch noch dazu ein.
Nelson: Hat Kelly Shaefer dort Bass gespielt? Seine Basslines kommen mir da als erstes in den Sinn. Die waren herausragend.
Chin: Den Bass spielte aber Roger Patterson, der dann verstarb. Dann kam Tony Choy ...

SB: Tony spielte ja auch bei PESTILENCE.

Nelson: Exakt, ein guter Mann. Auf zum nächsten, vielleicht fällt uns da mehr ein.

RF: SLAYER – "Hell Awaits"

DiSanto: Evil – dieses verdammte Album macht mich jedes Mal aggressiv.
Anderson: Mir fällt da ein, dass wir mit SLAYER erstmals kommenden August auftreten werden (lacht). Das wird der absolute Wahnsinn, bei einem holländischen Festival. Hoffentlich spielen sie was von diesem Album.

SB: METALLICA – "Master Of Puppets"

Anderson: Ein verdammter Klassiker.

SB: Besser oder schlechter als „Ride The Lightning“?

Chin: Schlechter aufgrund von „Leper Messiah“. Ich liebe „Master Of Puppets“, aber „Leper Messiah“ verhaut mir jedes Mal das Album. Das ist der schlechteste Song ihrer alten Thrash-Phase.
Nelson: Ich präferiere die älteren, aber „Master“ war natürlich auch ein starkes Album.
DiSanto: Geschmackvolle Gitarren. Die Noten sind so perfekt gespielt.
Anderson: Für mich war das der Einstieg zu den alten METALLICA, und vor allem die Instrumentalparts haben mich total verblüfft. Mein erstes Album war das schwarze Album, aber nachdem ich „Master Of Puppets“ hörte, konnte ich mir kaum vorstellen, dass die selbe Band „Enter Sandman“ schrieb (lacht).

RF: DEMOLITION HAMMER – "Epidemic Of Violence"

Anderson: Ein verdammter Vorschlaghammer! Ich liebe dieses Album.
DiSanto: Es zerquetscht dir das Gesicht, so viel Aggression und Energie ist unpackbar.
Anderson: Das ist aber nicht das Album mit „.44 Caliber Brain Surgery“, oder? Das war der Nachfolger? Okay. Meine Erinnerung an diesen Song verbinde ich mit WARBRINGER, als wir in Puerto Rico spielten. Sänger John Kevill hat den ganzen Text an dem Tag im Hotel gelernt. Das war unpackbar – da gibt es so viel Text, das ist fast wie bei einem Rap-Song (lacht). Er hat das dann auf der Bühne mit der kalifornischen Thrash-Band SOLSTICE gecovert, wo mit Alex Marquez der ehemalige DEMOLITION HAMMER-Drummer am Werk ist. Ich war so beeindruckt von Kevill, der hat den Scheiß wirklich auswendig gelernt, obwohl sich die Zeilen nicht mal reimten. Ich liebe diese Band, sie waren so böse und brutal – unerreicht.

SB: DEATH ANGEL – "Act III"

DiSanto: Wir alle haben nie wirklich DEATH ANGEL gehört, sorry (lacht). Ich mag DARK ANGEL lieber. Mir haben die Vocals bei dieser Band nie zugesagt. Da bin ich sehr penibel, wenn es um Thrash-Vocals geht.

RF: SODOM – "Agent Orange"

DiSanto: „Tired And Red“ ist mein Lieblingssong auf dem Album. Der Song rockt extrem, das ganze Album eigentlich.
Anderson: Ich werde mich da auch immer an 2007 erinnern, wo wir erstmals mit WARBRINGER und BONDED BY BLOOD spielten und sie den Song coverten. Das war grandios.
Chin: Das Album ist so schnell und cool. „Agent Orange“ ist ein Wahnsinn, der Sound erinnerte mich auch immer an MOTÖRHEAD, weil alles dort so extrem rockt. Der Typ mit der Gasmaske war auch toll. Hat der eigentlich einen Namen?

SB: Ja, Knarrenheinz.

Chin: Gut zu wissen. SODOM mit ihrer verdammt bösen Musik und diesem geilen Gasmasken-Dude.

SB: Die heilige Dreifaltigkeit: Eddie, Snaggletooth und Knarrenheinz – weiter im Takt: EXHORDER - "Slaughter In The Vatican"

DiSanto: Ich mag sie, aber ich bin kein großer Fan und kann euch keine vernünftige Antwort darauf geben.

RF: DARK ANGEL – "Darkness Descends"

DiSanto: Das ist so ein krasses Album, Mann. Die Bassspuren sind nicht von dieser Welt. Die Riffs sind unglaublich, da hat einfach alles gepasst. Auch die Vocals sind die besten, die die Band jemals hatte.
Anderson: Das Album ist so direkt und unmittelbar – es schlägt dir förmlich ins Gesicht.

SB: MEGADETH – "Peace Sells… But Who’s Buying"

Nelson: Mein Favorit.
DiSanto: Jetzt habt ihr endlich Erik’s Geschmack erwischt (lacht).
Nelson: Ich bin der einzige MEGADETH-Fan in dieser Band. Ich liebe die Soli von Marty Friedman, sie sind unerreicht. Für mich ist es das „Master Of Puppets“ dieser Band, ihr Meisterwerk.
Anderson: „What do you mean?“ (in knarziger Dave-Mustaine-Stimme) Ich bin ein junger Dave Mustaine, ich altere rückwärts (lacht).

SB: Bei Dave ist es ja wie bei DEATH ANGEL: Da scheiden sich die Geister an der Stimme...

RF: KREATOR – "Coma Of Souls"

DiSanto: Ein Super-Killer-Album. Die Riffs sind stark, die Harmonien und Melodien stechen deutlich hervor. Ich mag fast alles, was KREATOR je gemacht haben, aber das Album ist ganz vorne dabei. Mein Lieblingssong ist „Agents Of Brutality“ – die Gitarren sind ultraschnell und braten alles nieder.

SB: MACHINE HEAD – "Burn My Eyes"

DiSanto: Wir sind alle keine großen MACHINE HEAD-Fans. Komischerweise waren alle Mitglieder in Bands, die ich mag, aber MACHINE HEAD selbst mochte ich nie so wirklich.
Chin: Ich habe die nie wirklich gehört, kann mir da kein Urteil bilden.

SB: Das erste Album, „Burn My Eyes“, war ein Killer – die anderen könnt ihr kübeln.

DiSanto: Ich habe die Band im Radio gehört, mir haben sie schon nach dem Ersteindruck nicht gefallen.
Anderson: Ich erinnere mich nur daran, dass Mike Portnoy einmal erklärt hat, dass er einen besonderen Klang der Hi-Hat von MACHINE HEAD gestohlen hat (lacht).

RF: Kommt schon Jungs, wir brauchen noch etwas Negatives. Was ist mit METALLICA & LOU REED – "Lulu"?

DiSanto: Wow, jetzt forderst du uns heraus!
Nelson: Ich habe mal zwei Songs von diesem Spoken-Word-Shit geschafft, dann war’s aber vorbei (äfft Lou Reed und James Hetfield nach).
DiSanto: Das Album ist einfach kompletter Bullshit.
Anderson: Es gibt ja eine Menge Leute, die es aus der LOU REED-Perspektive sehen und dadurch genial finden, aber ich hab ja selbst das Zeug von LOU REED nie leiden können (lacht). Das Album war ein verdammter Albtraum.


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