SALTATIO MORTIS - Lasterbalk

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Wir wären von uns aus nie auf die Idee gekommen, eine Best Of zu machen, weil die Band ganz anders funktioniert. Wenn eine Band aber immer nach vorne guckt, ist es total spannend, in dem Fall von der Plattenfirma auf den Rückwärtsweg gestoßen zu werden.

Eine Band blickt zurück: Das BestOf-Album von SALTATIO MORTIS erscheint am 17.6.. Aus diesem Anlass ließ sich Lasterbalk von Stormbringer löchern und beleuchtete die Hintergrundarbeit an der BestOf, erzählte von Licht- und Schattenseiten und warum der Geburtstag auf dem Plattenteller gefeiert wird.

Veröffentlicht am 13.06.2016

Hi! Bevor wir anfangen: Wie läuft es bei dir heute? Samstag Vormittag um 11 Uhr ist doch für einen Spielmann noch nachtschlafende Zeit, oder? 

Ach, ich war ja schon seit drei Stunden wach. Das liegt aber daran, dass wir in der Ausnahmesituation sind, nach Hohenwestedt zum Auftritt zu fahren. Von dort aus fahre ich privat zum Nordkapp hoch. Wir haben ja ein paar Wochen bandfrei und Urlaub. 

Also dieses Mal Norwegen und nicht Schottland? 

Genau. Erst einmal über Schweden, Finnland hoch zum Nordkapp und dann wieder zurück. 

Eine tolle Route. Die lohnt sich! Jetzt aber zum Best Of Album. Habt ihr das anlässlich eures Bandgeburtstags eingerichtet oder wie kommt ihr auf die Idee, ein Best Of zu machen? 

(lacht) Das ist wahrscheinlich unromantischer als du dir das vorstellst. Die Idee kam von der Plattenfirma, zum 15jährigen eine Best Of machen zu wollen. Wir waren am Anfang nicht so begeistert, weil wir uns gefragt haben, ob eine Best Of im Zeitalter von iPod-Playlists und iTunes überhaupt noch zeitgemäß und sinnvoll ist. Aber bevor es eine hingeschlampte Best Of gibt haben wir beschlossen, uns selbst darum zu kümmern und das Beste daraus zu machen. Wir haben uns damit beschäftigt und dann wurde es auch richtig spannend. Ich bin froh, dass wir das gemacht haben. Das ging bei der Songauswahl los, wo wir ein paar alte Schätzchen ausgegraben haben, bis übers Artwork, wo ich selbst fotografiert habe. Unterm Strich war es ein sehr schönes Projekt.

Thema Songauswahl: Zwei CDs vollgepackt mit Krachern. Wie schwer - oder wie leicht - ist es euch gefallen, die Songs auszusuchen? Wie lief die Auswahl? Demokratisch, Zettel ziehen, auswürfeln?

Nein nein, wir haben es im Prinzip genauso gemacht, wie wir auch unsere Setlists zusammenstellen. Natürlich sind ein paar Songs gesetzt. Ein Saltatio-Konzert ohne den Spielmannsschwur ist schwer vorstellbar. Und auch schwer vorstellbar, dass der nicht auf einer Best Of drauf ist. Letztendlich haben wir einen Pool aus Songs zusammengestellt, von denen wir glauben, die sind es. Das können erst einmal beliebig viele sein. Dann beginnen wir zu reduzieren und rauszuschmeißen. Die erste Runde geht immer relativ schnell. Dann gibt es noch ein paar K.O.-Kriterien. Angenommen auf der Liste stehen zwölf Balladen. Da kann man davon ausgehen, dass sechs bis zehn gekürzt werden. Außerdem guckt man natürlich drauf, dass sich die Songs über die Platten verteilt, dass man nicht alle aus einem Album hat. So kommt man dann relativ schnell auf den Punkt. So machen wir es wie gesagt bei Setlisten auch.

Ihr habt ja einige Songs neu gemischt. Wir schwer war es dieses Mal? Bei der Akustik-Scheibe „Ohne Strom und Stecker“ habt ihr ja den Songs komplett neue Versionen gegeben. Dieses Mal stehen die Versionen aber so, wie sie sind. Habt ihr einfach herumprobiert? 

Nein, das war noch mal anders. Nachdem klar war, welche Songs auf die Platte sollen, haben wir und Trosi, unser Produzent, ganz klassisch eine Playlist daraus gemacht und durchgehört. Dann haben wir die Diskussion gestellt zwischen „Wir spielen alles komplett neu ein“ und „Wir lassen alles so stehen, wie es ist“. Irgendwo dazwischen werden wir uns schon bewegen. Tatsächlich haben wir dann von Song zu Song entschieden. Logischerweise haben wir bei älteren Songs, die technisch noch nicht so auf der Höhe waren, ein bisschen mehr eingegriffen. Als Überschrift haben wir aber gewählt, alle tragenden Spuren, Vocals, Takes, nicht mehr zu verändern. Die haben wir neu gemischt, aber nichts mehr dran gemacht. Manche Dinge haben einfach ihren Charme. Sowas wie die Dudelsack-Hook von „Prometeus“ kann man zwar technisch ein bisschen sauberer machen, aber das verliert dann einfach etwas, was den Song ausmacht. Oder auch die Gitarrenarbeit. Unsere Gitarristen würden heute „Salz Der Erde“ nie wieder so spielen wie damals, aber das macht ein Stück weit auch den Charme der Songs aus. Der erste Entwurf war also eigentlich, dass wir alles neu einspielen. Witzigerweise haben wir uns dann beim Arbeiten davon entfernt. Till war zum Beispiel jemand, der gesagt hat: „Klar, wir könnten das jetzt alles neu einspielen, sowohl handwerklich als auch technisch, aber eigentlich ist es doch schade, weil die Songs doch ein bisschen im Charakter verlieren.“ Da kam dann das Umdenken. Also haben wir jeden Song definiert, ob er einfach nicht gut aufgenommen ist oder tatsächlich ein Stück weit der Charme des Songs ausschlaggebend ist. So haben wir uns von Song zu Song durchgehangelt. Wir haben mit moderner Studiotechnik und hier und da einer Neueinspielung versucht, die Lieder vom Charme her zu erhalten, aber sie so zu gestalten, dass man sie in einem Stück durchhören kann und es trotzdem wie eine homogene Platte klingt. 

Der Titel des Albums „Licht Und Schatten“ klingt zuerst fast ein wenig banal für die großen Gedanken von SALTATIO MORTIS, die bei euch ja immer dahinter stecken. Ist es so einfach, wie es klingt, Yin und Yang, alles hat zwei Seiten, oder steckt mehr dahinter?

Natürlich steckt mehr dahinter. Licht und Schatten war ja der elfte Song auf dem Album „Das Zweite Gesicht“. Ganz bewusst wollten wir bei 15 Jahren Bandgeschichte eine Klammer nach hinten schließen. Wir gehen zu dem Album zurück, wo wir moderne Sounds und Dudelsäcke gemischt haben und das war eben „Das Zweite Gesicht“. Daran haben wir auch das Artwork angelehnt. Prinzipiell wollten wir die Idee des Covers neu aufgreifen, aber 15 Jahre waren halt nicht nur Licht und nicht nur Schatten. Es war eben beides. Tatsächlich ist das Vorwort zum Album sehr zügig passiert. Ich habe ein längeres Vorwort dazu geschrieben und es dann herumgeschickt. Es kamen auch durchaus rührende Mails von meinen Bandkollegen zurück. Wir haben dann alles zusammengekürzt und in der Retrospektive war klar, es war Licht und Schatten. Da waren tolle Momente, aber es waren auch sehr eklige dabei.

Du hast ja für das Cover die Kamera selbst in die Hand genommen. Was war das Interessante, wo liegt die Schwierigkeit, die Kollegen zu fotografieren, die man schon so lange kennt, und was macht es einfacher?

Tatsächlich schön war, dass zwei meiner Leidenschaften zusammenkommen konnten. Die Band, für die mein Herz schlägt und mein zweites kreatives Betätigungsfeld, die Fotografie. Es war schön, das wirklich bewusst und für ein Produkt und nicht als Abfallprodukt nebenbei anzugehen. Ich habe den enormen Vorteil, dass ich mit den Jungs ganz anders umgehen kann als jeder externe Fotograf. Der Umgangston beim Shooten war auch einer, den hab ich in der Form in 15 Jahren noch nie erlebt, wenn ein anderer Fotograf geshootet hat. Ich kann die Jungs ganz anders anpacken. Wir sind ein sehr starkes Team. Wenn klar war, so soll das aussehen, dann will auch jeder, dass es gut wird. Wir haben keine Diva, die dann sagt: „Ich fühl mich nicht wohl“, oder „Das Foto gefällt mir gar nicht“. Wenn du jeden Tag zusammenarbeitest, ist es viel einfacher, als wenn du jemanden völlig fremden hast, bei dem du erst das Eis brechen musst. Wir haben uns getroffen, ein paar Testschüsse gemacht und das mit dem jeweiligen Kollegen zusammen erarbeitet. Mach ein nettes Gesicht, mach ein weniger nettes Gesicht, mach einfach gar nichts. Es war sehr locker, so wie wir eben miteinander umgehen. 

Sind die Jungs gute, professionelle Models, oder haben sie versucht, den Kasperl rauszuhängen, um dich ein wenig zu ärgern?

Ach Null. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele gemeinsame Fotoshootings wir als Band schon hinter uns haben. Wir haben mit kleineren Fotografen, bis hin zum Top-Fotografen, die internationale Berühmtheiten sind, zusammengearbeitet. Du lernst irgendwann diese Lockerheit im Umgang, du weißt auch irgendwann, wie Fotografen sind, du hast oft genug vor der Kamera gestanden. Das sind alles Profis. 

Eine Frage zu den Bonustracks. Ihr habt ja drei extra Tracks auf die Best Of geworfen. Songs ausgegraben, die euch wichtig sind. Wie kommt ihr auf die Idee? Es ist doch sehr ungewöhnlich für eine Best Of. Und warum genau die drei?

Genau die drei, das ist immer schwierig. Das war im Prinzip eine Poolentscheidung, ähnlich wie auch die Setlist. Wir haben ausgegraben, was wir haben und beschlossen, welche wir nehmen. Teilweise aus Geschmack, oder der eine oder andere hatte noch eine Rechnung mit dem Song offen. „Schöne Neue Welt“ hätte ja auf der „Zirkus Zeitgeist“ sein sollen, aber wir haben ihn nicht zu packen gekriegt. Manchmal wehren sich die Songs einfach. Du hast dann 30 Versionen auf der Festplatte und mit keiner ist man zufrieden. Aber uns war klar, dass wir den Song nicht liegenlassen wollten. Bei der Erstellung der „Zirkus Zeitgeist“ haben wir aber den Haken nicht dran gekriegt, wie man so schön sagt. Uns war klar, wenn nicht eine gute Version um die Ecke kommt, bleibt er halt auf der Festplatte. „Weiß Wie Schnee“ hat wirklich Pech gehabt. Den Song fanden wir schon von der ersten Variante an gut, und wollten ihn immer schon auf die Platte bringen. Der hat aber schon bei der „Einmaleins“ nicht stattgefunden, weil wir den „Sandmann“ hatten und sich die beiden inhaltlich sehr ähneln. Bei beiden gibt es eine in der Moderne bekannte Gestalt, das Sandmännchen und die Frau Holle. Beide beleuchtest du im Rahmen ihrer mythologischen Entsprechung. Das ist dann thematisch so verwandt, dass wir uns beim „Einmaleins“ für den Sandmann entschieden hatten. Damit musste die Frau Holle halt warten. Bei der „Zirkus Zeitgeist“ wollten wir die Frau Holle machen, dann hatten wir ihn schon auf der Playlist, aber er passt einfach nicht zu diesem Thema Zeitgeist. Es war also schon die zweite oder sogar dritte Platte, wo der Song nicht stattfinden konnte. Deswegen darf „Weiß Wie Schnee“ jetzt da drauf.  

Traurige Nachrichten: Die Sache mit Zirkus Roncalli kann doch nicht stattfinden, habt ihr gerade erst offiziell gemacht. Ihr seid aber auch schon an neuen Ideen dran, von denen ihr aber noch nichts Preis gegeben habt. Gibt es etwas, was ihr schon verraten könnt, oder wollt ihr erst einmal alles in trockenen Tüchern? 

Genau. Wir haben mehrere Gespräche und Ideen und es macht keinen Sinn, etwas herauszukrähen, was dann unter Umständen nicht stattfindet. Das machen wir eigentlich nie. Deswegen ärgert mich persönlich die Sache mit Roncalli, denn wir wären nie in die Ankündigungen und in die Werbung gegangen, wenn nicht die Vorverträge schon gewesen wären. Aber gegen manche Dinge kann man sich nicht schützen. Die passieren einfach und man muss sie so akzeptieren. 

Umso besser, dass ihr dann fast forward einfach weiter geht.

Ach ja, weißt du, das ist ganz witzig: Zu deiner Eingangsfrage über die Best Of: Wir wären von uns aus nie auf die Idee gekommen, eine Best Of zu machen. Weil die Band ganz anders funktioniert. Wir sind eine Band, die immer nach vorne guckt. Wir haben nicht nur schon konkrete Konzertideen, auf die wir los wollen. Wir sind im Prinzip auch schon am Planen für die nächste Platte. Wir werden uns zwar mehr Zeit nehmen, sber tatsächlich haben wir schon eine Menge Ideen. Wenn eine Band immer nach vorne guckt und sagt, dahin und das wollen wir noch, ist es total spannend, in dem Fall von der Plattenfirma auf den Rückwärtsweg gestoßen zu werden. Insofern fand ich das eine ganz spannende Erfahrung,

Das wäre auch meine nächste Frage gewesen, was denn zukünftig noch geplant ist, nachdem ihr jetzt ja schon so viel auf die Beine gestellt und so viele Erfolge gefeiert habt.

Das kann ich noch nicht präzisieren. Wir werden die Open Air-Saisonfertig spielen. Wir haben uns dazu entschlossen, nur das zu machen. Wir werden nicht parallel ins Studio gehen und Songs schreiben, wie wir es jetzt jahrelang gemacht haben. Wir werden ganz bewusst die Saison fertig spielen, werden dann Luft holen und uns dann an die neue Platte machen. 

Ihr habt ja jetzt euer Geburtstagsjahr, aber habt auch vorher noch nie etwas liegen gelassen. „Zirkus Zeitgeist“, „Ohne Strom Und Stecker“, alles in Doppel-CD-Versionen, die Live-DVD, Best Of... Hattet ihr nicht die Befürchtung, dass das ganze Paket vielleicht eine Übersättigung oder Überlastung der Fans sein könnte? 

Ja, wir haben das natürlich miteinander und durchaus kontrovers diskutiert und wie immer gab es in der Band auch die ganze Bandbreite an Meinungen. Letztendlich: Wenn du es nicht probierst, weißt du es nicht. Wir sind ja alle Musikkunden, wir schaffen ja nicht nur Musik, sondern sind auch Konsumenten. Ich bin persönlich der Meinung, wenn ich eine Band mag und Fan bin, dann freu ich mich doch, wenn neue Sachen kommen. Als Beispiel, die „Entartete Musik“ der Toten Hosen. Ich mag die Hosen ganz gern. Ich verfolge die Band, seit ich mein erstes Bier getrunken habe. Das war ein Album, auf das ich mich gefreut habe, ich wollte aber vorher mal reinhören. Ich war nicht auf dem Konzert und konnte mir nichts darunter vorstellen. Du bekommst ja heute im Internet mit drei Klicks ein Gefühl, was die da treiben. Wenn wir bei dem Beispiel bleiben: Ich würde mich überhaupt nicht überfahren fühlen, wenn die sagen, ich mach hier „Entartete Musik“, da gibt’s noch eine Live DVD, und übrigens, wir machen auch ne neue Platte. Im Gegenteil sag ich: Voll geil, ich hör die gern an. Und ganz ehrlich, wenn ich mir denke, ich brauche keine Akustik Version, dann kauf ich sie nicht. 

Heißt, der Fan ist selbst mündig genug, zu entscheiden, was er kaufen möchte und was nicht. Und notfalls stehen die Platten ja auch noch länger im Laden…

Die Sache ist ja die, wir wollten uns mit der „Zirkus Zeitgeist“ eigentlich mehr Zeit lassen. Der Ur-Plan war, 2015 ein schönes Jubiläums-Konzert zu spielen und 2016 eine Platte zu machen. Wir waren noch auf dem ersten Tourblock der „Einmaleins“, da haben wir schon Songs geschrieben. Keine Ahnung, da war einfach Druck im Topf, anders kann ich es nicht sagen. Ich habe das in der Band in der Form und der Masse noch nie erlebt, dass einfach überall so viele kreative Ideen waren. Und dieser Druck: Ich will das jetzt aufnehmen, ich will wissen, was ihr dazu meint, lies diesen Text, geh jetzt gefälligst ins Studio und sing diese Line ein. Auch die Auseinandersetzung, ungeplant, war druckvoll, im positiven Sinne. Auch wenn da schon mal die Fetzen geflogen sind. Wir wollten diese Platte machen. Die wollte offensichtlich raus, die wollte geboren werden. Da war so viel Energie, dass es auch für „Zirkus Zeitgeist“, „Ohne Strom Und Stecker“ und die Live-Umsetzung gleich noch mit gereicht hat. Denn dann machen wir es richtig. Dann machen wir den Geburtstag eben auf dem Plattenteller. 

Also genau so, wie einem der Sinn gerade steht. Ganz spontan. Ist es eigentlich im Moment in der Band, wie Alea es mal in einem Interview gesagt hat, "so geil wie noch nie"? 

(lacht) Er ist ja auch der Sänger. Er ist ein sehr leicht zu begeisternder und euphorischer Mensch. Ich bin mit solchen Generalisierungen eher vorsichtig. Man muss natürlich auch die Betrachtungsposition definieren. Wenn man von der Professionalität ausgeht, würde ich ihm Recht geben. Wir haben ein sehr professionelles, gutes, freundschaftliches Verhältnis. Obwohl wir sehr harte Zeiten hatten. Das letzte Jahr war wirklich hart im Sinne von viel unterwegs, vom Auftritt ins Studio, wieder zurück zum Auftritt, wieder ins Studio, dann in ein anderes Studio, dann zum Videodreh, wieder zurück ins Studio, dann Fotos, dann wieder…. Es war teilweise schon echt unmenschlich. Und trotzdem hat die Band so geil funktioniert. Es gab trotzdem immer noch einen lockeren Spruch und es gab immer noch das Gefühl, jeder kratzt zwar schon an seinen Energiereserven, aber jeder hat Spaß und passt auf den anderen auf. Da würde ich ihm Recht geben. Zum Thema Feiern: Ich glaube, wir hatten letztes Jahr keinen einzigen Absturz auf der Bühne gehabt. Das ist ja jedes Jahr einmal passiert, wo wir zu viel über den Durst getrunken haben. Da darf auch mal ein Auftritt schiefgehen. Das ist auch okay für uns, wenn das nicht dauernd so ist, und normalerweise haben die Fans auch Spaß dran, weil es bei uns auch sehr witzig wird. Das fehlt ein bisschen. Im Moment sind wir sehr diszipliniert – wir, oh Gott – aber es ist ja nicht schlecht. Aber wenn ich „So geil wars noch nie“ als Party pur betrachte, da hatten wir schon Zeiten, wo die Party lauter war. 

Thema Schattenseiten: Ihr seid ja sehr fan-nah. Nach den Konzerten seid ihr ja immer auf den Märkten oder unter den Fans. Wenn ich richtig informiert bin, sind auch Securities mit dabei. Stört euch das, ist das eine Schattenseite, die leider sein muss?

Man merkt es schon. Security beim Autogramme geben ist schon neu, aber teilweise leider auch notwendig. Wobei wir es größtenteils auch sein lassen. Das ist auf Ausnahmefestivals in Ausnahmesituationen so. Aber es ist auf keinen Fall Standard. Aber ja, es gab eine Zeit, da konnte ich nackt über den Platz rennen und es war nicht fünf Minuten später auf Youtube. Aber weißt du, es macht keinen Sinn, getreu dem Motto „früher war alles besser“ den alten Zeiten nachzuweinen. Auf der anderen Seite erreiche ich mit den Songs, die ich schreibe, viel mehr Leute als früher und das ist doch toll. Jede Zeit hat ihre Qualitäten, im Guten wie im Schlechten. 

Licht und Schatten eben.

Genau. Wo wir wieder bei dem Thema sind, dass es doch nicht so oberflächlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint. 

Wenn ihr zurückdenkt: Gibt es Songs, die ihr lieber nie geschrieben hättet, oder die nicht mehr zu euch passen? 

Die gibt’s natürlich, logisch. Gerade unsere ersten beiden Platten, „Das Zweite Gesicht“ und „Erwachen“. Die Band hätte es nie gegeben, hätten wir "Das Zweite Gesicht“ nicht machen dürfen. Das Album hat natürlich mit der Band so wie sie heute ist und funktioniert, nichts mehr zu tun, das wird klar, wenn man den CD-Player anmacht und die ersten fünf Songs hört. Ich weigere mich aber zu sagen: Das sind scheiß Platten, oder „Ich schäme mich dafür“. Ich würde die Musik nur heute nie wieder so machen. Ich kann aber deshalb Songs heute so schreiben, weil ich damals die Platten so gemacht habe. Das ist eine Unauflösbarkeit. Im Gegenteil, ich würde sogar sagen, dass ich stolz darauf bin. Wenn man so anguckt, was im Moment in den Castingshows passiert… nicht nur im Moment, sondern seit es Musikindustrie gibt. Ganz aktuell: Eine Major-Plattenfirma stellt fest, da gibt es einen Markt und eine Zielgruppe, aber blöd, wir haben keine Band dafür, dann casten wir uns eine zusammen. Das muss nicht mehr im Fernsehen passieren, das passiert heutzutage auf viel kleinerem Weg. Hier ist ein Produzent, der versteht was von der Art von Musik, da ruft man Musiker an, die man einbauen könnte und stellt ein Projekt zusammen. Ich persönlich finde das aber seelenlos. Auch wenn ich durchaus Leute kenne, die das machen und sagen: „Meine Seele steckt doch da auch mit drin, ich schreibe an den Songs ja auch mit.“ Aber du hast eben keine „Das Zweite Gesicht“ geschrieben. Du bist nicht zehn Jahre durch den Dreck gelaufen und hast eben auch Platten gemacht, die nicht cool waren. Bei dir ist alles von Anfang an Hochglanz, inklusive des Werbespots. Und ich finde, das ist schon ein Unterschied. Das muss einem einfach klar sein. Wir sind eine der Bands, die den Dreck unter den Fingernägeln hat. Wir haben uns das Schritt für Schritt erarbeitet und ja, wir haben auch ins Klo gegriffen, nicht nur einmal. Das gehört dazu. Ich glaube, wenn man Angst hat, Fehler zu machen, wird man nie besser werden. 

Macht es diese Ehrlichkeit aus, dass ihr authentisch rüberkommt und das in die breite Masse tragt? Das man als Fan mitbekommt, ob alles schön poliert ist?

Das glaub ich gar nicht. Die wenigsten Leute wissen, dass SANTIANO eine Reißbrett-Band ist. Es ist ein Projekt, das entstanden ist aufgrund eines Produzenten, der die Möglichkeit gesehen hat, mit Shantys und deutschen Texten, die in den Schlager abdriften, Erfolg zu haben. Wie gesagt, es sind gute Musiker und nette Menschen, ich will nichts Negatives sagen. Und natürlich darf man sich die anhören. Aber die Idee dieser Band ist eine andere als bei uns. Und das muss man auch immer wieder sagen. Wir funktionieren anders. Bei uns gibt’s eben im Plattenschrank Platten wie "Das Zweite Gesicht“, wo man sagt: Oh, was haben die Jungs denn da geraucht?

Wie schafft ihr es, so lange auf so engem Raum zusammen zu sein, ohne dass da die Fetzen fliegen. 

Das ist etwas ganz normal menschliches, was eigentlich auch jedem mitgegeben wird, das leider aber aktuell, wenn man politische Diskussionen verfolgt, nicht mehr zutage tritt. Das heißt: Respekt voreinander. Ich respektiere jeden meiner Kollegen. Jeder von uns hat Stärken und Schwächen, so wie ich auch. Es gibt Dinge, die kann ich gut, die bringe ich in die Band mit ein und Dinge, die kann ich weniger gut, die kann vielleicht ein anderer besser. Dieses korrekte Einschätzen von sich und von anderen und auch das darüber Reden, dieses „mach du das doch mal, das geht dir besser aus den Fingern“, das macht uns, glaub ich, auch sehr stark. Auch zu wissen, was man an ihnen hat. Heißt, wenn der Partyclown mal einen schlechten Tag hat, lässt man ihn eben in Ruhe. Und das ist eigentlich auch schon das ganze Geheimnis. 

Was sind eigentlich die schlimmsten Sachen am Tourleben? Du sagtest in einem früheren Interview mal, dass Dudelsack-Stimmen das Schlimmste auf Tour ist. Hat sich daran was geändert? 

Also, Dudelsack-Stimmen ist und bleibt… Es rangiert noch vor der Zahnarztbehandlung. Wenn du morgens nicht ausgeschlafen bist und die Kollegen ihre 5000 Säcke stimmen wollen, das macht keinen Spaß, das wünscht man niemandem. Ansonsten: Ich schätze es sehr, unterwegs zu sein. Tatsächlich ist das auch mit ein Grund, warum ich damals so begeistert gesagt habe: Juhu, ich mach hier mit! Gleichermaßen ist es nach 16 Jahren mittlerweile doch belastend. Wenn die Anzahl der Nullen, die du hinter der eins von gesamt gefahrenen Kilometern im Bandleben hast, immer mehr werden und man denkt: Alter Schwede, das geht doch gar nicht. Ich freue mich mittlerweile auch einfach mal zuhause zu sein. Auch Freunde sind wichtig. 16 Jahre fast jedes Wochenende unterwegs, sehr wenige Möglichkeiten, Freunde von früher zu sehen. Da stellt sich mir auch die Frage, wie befreundet ist man eigentlich, wenn man sich nur sporadisch sehen kann. Das sind schon auch ein paar Schattenseiten. 

In manchen Kritiken kommt auf, dass ihr immer mehr in Richtung Pseudo-Punk oder Deutsch-Rock geht. Ist das für euch sinnfrei, da ihr ohnehin über den Genre-Schubladen steht oder nehmt ihr das doch irgendwie hin? 

Es kommt darauf an. Solche Art von Kritik ist mir egal, weil wir die Musik machen, die wir machen wollen. Wer sie mag, mag sie kaufen, wer sie nicht mag, soll sie nicht anhören. Ich glaube, dass die Kritik vielfältig ist und je nachdem, was kritisiert wird, nehme ich mir das auch mehr oder weniger zu Herzen. Weißt du, wir sind eine Band, die moderne Elemente mit Dudelsack kombiniert und das machen wir schon seit 2001, 2002, also schon eine ganze Zeit lang. Wenn wir der Meinung sind, es müssen mehr E-Gitarren rein, dann gibt es mehr E-Gitarren. Wenn wir meinen, mehr Synthesizer oder Streicher, dann sind es eben mehr Streicherarrangements. Das entscheidet genau einer und das sind wir. Das ist zum Beispiel ein Argumentationsschema, bei dem ich regelmäßig aufsteige, wenn jemand im Internet schreibt: „Ich kaufe eure Platten schon seit zehn Jahren, aber ich finde scheiße, dass ihr…“. Okay, heißt also, weil er die letzten fünf Platten gekauft und damit Spaß hatte, will er mit jetzt diktieren, wie ich die Musik zu machen habe? Da steckt ein Weltverständnis in diesen Zeilen, das ich abgrundtief zum Kotzen finde. Auch beim Thema Politik: „Haltet euch doch aus der Politik raus, macht gefälligst Unterhaltungsmusik“. Da kann ich nur sagen: Fick dich, nee machen wir nicht. Wir sind Menschen, wir sehen die Welt, wir reden über die Welt und machen uns unsere Gedanken dazu. Wenn wir der Meinung sind, dass wir einen Song wie „Augen Zu“ schreiben wollen, weil es im Moment gerade einen nationalistischen Rechtsruck gibt, den wir als absolut bekämpfenswert erachten, werden wir solche Songs schreiben. Wer sich dabei auf den Schlips getreten fühlt, dem gehört es nicht besser, ganz ehrlich. Und das darf man durchaus auch als Kampfansage sehen.

 
Was ich spannend fand zum Thema "Deutsche Rock-Band": Ich würde es ungern Deutschrock nennen, weil dieses Label leider schon ein wenig belegt ist. Die Süddeutsche Zeitung hat, als „Zirkus Zeitgeist“ rauskam, einen schönen Artikel geschrieben. Der Autor begann erst mal mit: „Naja, sie spielen Dudelsack, sie treten auf Märkten auf, wie ernst kann man die schon nehmen.“ Ich merkte schon, wie mir der Kamm schwillt und denke: Du Idiot, was schreibst du denn da? Dann endet er aber bei seiner Betrachtung mit: „Dann habe ich mich darauf eingelassen und eine Band entdeckt, die all die Baustellen bearbeitet, die weder die Sozialdemokratie noch die Punkbands mittlerweile noch bearbeiten.“ Dass er sich weit zurückerinnern musste, um ein solches politisch bissiges Album zu finden. Das fand ich ein sehr schönes Kompliment, dass jemand, der offensichtlich nichts mit uns anfangen konnte, zum Schluss kommt, dass da eine Band ins Licht tritt, die genau die Themen aufgreift, die früher Punkbands und politisch aktive Bands aufgegriffen haben. Und in der Tat ist die Musikszene damit eher unterbesetzt. Du findest ganz viele Bands, die eher belanglose Texte machen, die Texte nur noch betreiben, damit der Sänger was zu singen hat, aber die sich nicht trauen, heiße Eisen anzufassen. Und ich finde, das gibt uns doppelt Recht. 


Die letzte Frage ist so ganz fernab von eurer Platte. Wie wäre es eigentlich, wenn ihr als Band die Möglichkeit hättet, eine Zeitreise zu machen? Irgendeine Epoche oder ein Land eurer Wahl, nur das typische westeuropäische Mittelalter ist gesperrt. Wohin würde es euch ziehen? 

Da wollen wir doch gar nicht hin. Da ich tatsächlich die Zeit, in der wir leben, bei aller Kritik daran, die auch sein muss, schon auch als eine der besseren Zeiten erlebe, glaube ich nicht unbedingt, dass ich soweit zurückreisen würde. Vielleicht würde ich mir die 68er in der Hochblütephase antun wollen – aber auch mit einem Rückreiseticket. Ich glaube, wenn du nachdenkst, die medizinischen und hygienischen Dinge außen vor gelassen, schau dir die Politik und die Menschenausbeutung an. Da musst du gar nicht so weit zurück in die Geschichte. Da gruselts dich nur noch. Warum sollte ich dahin wollen? 

Alles Gute für euch, viel Spaß auf der Tour, passt auf euch auf und ganz viele Licht-Seiten für die weiteren, spannenden Jahre. 


 

 

 


 

 

 

 

 

 

 


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