ZEAL & ARDOR - Manuel Gagneux

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...mir ist es auch ein Riesenanliegen, dass Kultur nicht einer gewissen Ethnie oder Gruppe gehört, sondern einfach allen. Damit meine ich jetzt Blues und Spirituals, aber eben auch Black Metal.

4chan polterte: "Mach Niggermusic [sic] und Black Metal". Manuel Gagneux dachte: "Klingt interessant!" und schuf Musik, die auch ohne die Story dahiner genial ist. Jetzt hofiert ihn staunend die gesamte Kulturlandschaft und die, die sich von Eigenartigem magisch angezogen fühlen – wir.

Veröffentlicht am 26.02.2017

Hallo Manuel, wie geht’s dir?

Ausgezeichnet!

Super. Lass uns zu Beginn kurz über deine anfängliche Inspirationsquelle reden. Die Idee zum Projekt ist aus einem Vorschlag in einem Internetboard (4chan) heraus entstanden. Was hast du gefragt, und was war die entscheidende Antwort?

Es war mehr eine Übung. Ich habe nach verschiedenen Musikgenres gefragt und an dem Tag waren auch andere Vorschläge da und ich habe auch andere Songs dazu gemacht. Dann kam „Niggermusic und Black Metal“ – und das fand ich interessant.

Da wurden also eigentlich unmögliche Kombinationen genannt. War es dann eher der musikalische Ehrgeiz, der dich gepackt hat oder hast du dich von diesem Sprachgebrauch auch provoziert gefühlt?

Ne, das ist auch einfach 4chan, damit muss man leben können. Ich fand es auch einfach lustig. Da kamen Vorschläge wie „Gabber und Jodeln“, „Hindustanimusic und Dubstep“ und so etwas.

Was dann aus dieser Geschichte entstanden ist, liest sich echt wie ein perfektes Drehbuch. Das ist keineswegs negativ gemeint, es liest sich wie die perfekte Story. Hast du das ganze Konzept akribisch recherchiert und geplant?

(lacht) ...Ne, ich glaube, ich bin da genauso baff wie du, weil das ja alles totale Willkür ist und sich dann einfach so ergeben hat. Also ich habe dann schon recherchiert, diese beiden Elemente, die auf dem Album sind, aber ansonsten ist es halt einfach passiert.

Es gibt da ja mehrere Ebenen, wo Gegensätze aufeinandertreffen und sich dann überraschende Gemeinsamkeiten ergeben. Ein Gegensatz sind Religionen: Du stellst in der Musik symbolisch den christlichen Glauben neben die Beschwörung des Teufels, statt die beiden als Gegenspieler zu betrachten. Das erregt erstaunlicherweise auch heutzutage noch Aufsehen. Was meinst du bewegt die Menschen so an diesem Vergleich?

Ja, für mich ist das auch schwer nachvollziehbar, aber Religion ist halt einfach immer noch ein riesiger Teil des Lebens vieler Menschen. Deshalb fasziniert es auch mich und deshalb sind die Menschen auch so pikiert, wenn es dann bastardisiert wird.

Das spricht ja gleichermaßen religiöse Menschen an wie Religionsgegner. Die ersten regen sich auf und die zweiten freuen sich über die Dekonstruktion. Ist Religion dir selbst eigentlich irgendwie wichtig?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin einfach davon fasziniert, eben weil das ein so großer Faktor ist für die Hälfte der Population.

Dann hat das ganze ja auch eine Referenz zum Bereich Rassismus, wo sich auch wieder zwei Gruppen aufregen können: die einen darüber, dass du den in der Vergangenheit oft mit rassistischen Personen in Verbindung gebrachten Black Metal zitierst, andersherum ist genau das auch die ultimative Provokation für rassistische Black Metal-Trolle, oder?

Ja, ...(lacht)... ja das stimmt. Aber heutzutage sind diese Bands ja auch in der Minderheit. Was BURZUM, DARKTHRONE und diese ganzen „second wave of norwegian black metal“ Leute gemeint haben, ist ja mittlerweile auch sekundär. Ich hoffe es zumindest – und wenn doch nicht, dann mache ich damit trotzdem weiter.

Das ist ja auch momentan leider wieder weltweit ein sehr brisantes Thema, in Europa und den USA, damit hast du wohl auch ein wenig den wunden Punkt unserer Zeit getroffen.

Ja, ich glaube, das ist ein großer Faktor. Aber mir ist es auch ein Riesenanliegen, dass Kultur nicht einer gewissen Ethnie oder Gruppe gehört, sondern einfach allen. Damit meine ich jetzt Blues und Spirituals, aber eben auch Black Metal.

Ein weiterer Kontrast ergibt sich allein schon durch die beiden Musikstile, die du vermischst. Haben Black Metal und Spirituals gemeinsame Funktionen für die Menschen?

Ich denke schon, also die sind beide sehr kathartisch und auch beide sehr emotional geladen aber präsentieren sich natürlich schon unähnlich (lacht). Ob man jetzt aber entweder ein verwirrter Teenager ist oder ein Sklave – man findet dort halt etwas, das einem hilft, das einem etwas gibt und ich glaube das ist der gemeinsame Nenner.

Textausschnitt ZEAL & ARDOR - "Blood In The River"

Die Musik ist davon mal abgesehen auch sehr eingängig und scheint deshalb auch Menschen außerhalb bestimmter Szenen anzusprechen. Wie waren da bisher so die Reaktionen?

Also im Mainstream ist meine Musik für die Leute etwas sehr „undergroundiges“ aber in der Metal-Szene, glaube ich, ist es schon fast etwas zu simpel für manche Leute – und das kann ich auch total verstehen. Es ist ja jetzt auch nicht irgendwie ... PERIPHERY ...

Meinst du echt? Also die meisten Leute, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, waren total begeistert.

Ich meine, es ist ja auch jetzt nichts technisch Brillantes, es zeugt ja nicht unbedingt von großer Virtuosität, nur von einer interessanten Kombination. Und das könnte viele Metal-Leute ein bisschen langweilen.

Die Virtuosität liegt dafür dann im Feeling.

Ja, stimmt (lacht).

Du wirkst nicht so, als wärst du eine musikalische Monokultur. Erzähl doch mal ein wenig über deinen musikalischen Background und welche Einflüsse dich im Laufe der Jahre geprägt haben.

Ich bin in einem Musiker-Haus aufgewachsen, meine Eltern sind Jazz-Musiker. Ich habe mit elf Jahren angefangen Punk zu hören, mit dreizehn dann Metal und dann immer seltsamere Eigenarten. Und da liegt auch immer noch meine Faszination, in diesem Verkorksten, Eigenartigen und Seltsamen. An Musikern waren für mich am wichtigsten: MR. BUNGLE, BJÖRK, APHEX TWIN – und alles was neu und aufregend war.

Du bist ja auch als Musiker nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern warst auch schon vorher Musikschaffender. Ich finde, das kommt auch durch auf dem Album, besonders in diesen drei „Sakrilegium“ Parts, die sich deutlich abheben. Welche Überlegung stand dahinter?

Das sind tatsächlich alles irgendwie Sakrilegien und Ketzerei. Das erste war mal ein Muezzin-Gesang und ist jetzt ein griechisch-orthodoxer Prediger. Wenn man das so zerzaust und verzerrt, dann ist das schon ziemlich unheilig. Im zweiten ist ein verstecktes Tritonus-Intervall und im Mittelalter galt es als Sakrileg, das zu benutzen. Und das letzte, das dritte Sakrilegium, ist einfach ein Synthie-Track auf einem Metal-Album (lacht) und das ist unheimlich ketzerisch – dem Metal gegenüber.

Das Album hast du alleine eingespielt und gesungen, oder?

Ja, ich habe alles gemacht bis auf das Schlagzeug, das ist ein programmiertes Schlagzeug aus der Dose, weil ich das einfach motorisch nicht hinkriege (lacht).

Für die Bühne hast du dir eine Band gesucht. Kanntest du die Leute schon vorher?

Das waren und sind Freunde von mir. Ich habe das enorme Glück, dass meine Freunde auch total begnadete Musiker sind. Ich habe sie also einfach nur fragen müssen, ob sie Bock haben mit auf Tour zu gehen – und sie hatten alle Bock. Und so geht es jetzt weiter.                    

Es geht jetzt auf Tour. Deine Schilderung, wie die Liveshows aussehen, macht ganz schön neugierig. Du sagtest: „Unsere Show soll eine abgefahrene Mischung aus einem Konzert und einem wirklich abgefuckten Theaterstück werden“. Kannst du dazu ein bisschen mehr erzählen?

Nicht viel mehr. Wir basteln gerade Requisiten. Ein Künstler namens Luca Piazzalonga, der schweißt und gießt und hämmert an Sachen herum, die dann bei uns auf der Bühne stehen sollen – aber was damit letztendlich geschieht, darf ich noch nicht erzählen, leider.

Hast du Lust diese Thematik und diese Musik langfristig fortzuführen, weiterzuentwickeln oder denkst du, dass es ein Verfallsdatum für dieses Projekt gibt und andere Projekte folgen?

Ich werde das auf jeden Fall noch weiter erforschen, weil ich noch nicht das Gefühl habe, ganz an dem Punkt zu sein, den ich damit noch erreichen könnte. Sobald da aber nichts mehr zu finden ist, reicht es dann auch. Ich will nichts forcieren, nur um noch etwas Ähnliches kreiert zu haben. Das will dann auch niemand hören, glaube ich.

Mehr? Hier geht es gleich weiter zum Stormbringer-Review von ZEAL & ARDORs "Devil Is Fine"


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