CORNERSTONE - Alina Peter, Michael Wachelhofer

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In Amerika werden Alben wie ein Kunstwerk produziert und wie ein Produkt verkauft. In Europa werden Alben wie ein Produkt hergestellt und dann als Kunst verkauft. Nach mittlerweile 3½ Alben und 10 Jahren Musikbranche muss ich sagen: es stimmt.

Sängerin Alina Peter und Bassist Michael Wachelhofer von CORNERSTONE im Gespräch mit Stormbringer über die USA, Melodic Rock und Pflaster.

Veröffentlicht am 24.02.2017




Alina, Michael, herzlichen Dank, dass Ihr Euch Zeit für dieses Interview nehmt. Michael, Du arbeitest mit Deinem Bruder in der Band. Ist es schwer, etwaige familiäre Diskrepanzen aus der Arbeit mit der Band rauszuhalten oder, umgekehrt, Banddiskussionen nicht in die Familie mitzunehmen?

Michael: Ich würde sagen, es ist eine sehr spezielle Beziehung – und nicht immer ganz harmonisch, um ehrlich zu sein. Es kann von Zeit zu Zeit passieren, dass einer sagt: „Fuck Off… wir machen das jetzt so…“, was immer das gerade ist. Wir sind manchmal nicht sehr diplomatisch miteinander, aber im Allgemeinen ist es eigentlich ziemlich cool. Wir haben ein blindes Verstehen untereinander, brauchen oft nicht viele Worte. Es kann passieren, dass wir von einem Konzert, das zwei Stunden entfernt ist, heimfahren und eine Stunde lang kein Wort sagen, ohne dass es unangenehm wäre, es ist mehr ein kumpelhaftes Schweigen. Ich denke, generell ist es eine positive Sache, mit seinem Bruder in einer Band zu arbeiten.

Voriges Jahr kam Euer drittes Studioalbum "Reflections" auf den Markt und hat sehr gute Kritiken eingeheimst. Zu Recht, meiner Meinung nach, Ihr deckt mit Eurem AOR  die Bandbreite von gefühlvoll bis rockig sehr gekonnt ab und das auf eine erfrischende Weise. Stellenweise US-geprägt, aber immer mit Eurem eigenen Stempel. Seid Ihr zufrieden mit dem Ergebnis und der Resonanz? Was war – in Hinblick auf Komposition und Aufnahme – der schwierigste Song?

Alina: Ja, wir sind definitiv sehr zufrieden damit, durch die Zusammenarbeit mit Harry Hess haben wir aus dem Album das Beste herausgeholt. Wir haben bis jetzt sehr, sehr gute Resonanzen bekommen und sind sehr stolz darauf. Es steckt sehr viel harte Arbeit, Fleiß und Herz in diesem schönen Stück und es macht uns natürlich glücklich, wenn dies auch bei den Hörern ankommt! 

Zwei der problematischsten – oder sagen wir mal, schwierigsten –  Songs waren definitiv „Sooner Or Later“ und „Whatever“. Michael hat sich bei „Whatever“ tagelang mit dem Arrangement des Orchesters beschäftigt und sich dafür in die Materie eingelesen, um das Beste herauszuholen, was ihm durchaus gelungen ist! Wir haben uns mit dem Song für die Songcontest-Vorausscheidung 2016 beworben, dadurch gab es auch eine zeitliche Deadline, was die Produktion nicht unbedingt einfacher gemacht hat. Bei „Sooner Or Later“ hatten wir einige Probleme mit den Background Vocals und  haben sehr lange überlegt, wie, wer, was, wann, wo ... aber im Grunde sind wir jetzt sehr zufrieden damit.

Mit Alina Peter habt Ihr für Euer drittes Album (die "Smalltown Boy" Release nicht mitgerechnet) Eure dritte Sängerin für eine Veröffentlichung gefunden. Wie seid ihr auf Alina gekommen?

Alina: Als ich nach Wien gezogen bin, habe ich meine damalige Band in Salzburg leider verlassen müssen und mir einige Gruppen angesehen. Für mich war von Anfang an klar: Ohne Band geht es nicht in meinem Leben und so war ich dann natürlich äußerst überrascht und froh, als ich eine Mail von Michael bekommen habe, in der „we want you in the band“ stand. Wir haben uns dann ein paar Mal getroffen und zusammen geprobt und es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass die Chemie einfach passt, von beiden Seiten her.

Michael: Wir hatten uns verschiedene Sängerinnen angesehen, unter anderem Nadine Beiler, die 2011 beim Songcontest auf Platz 18 gelandet war, und Susanne Gschwendtner, die die Hauptrolle in der ABC-Serie „The Quest“ im US-TV innehatte und auch als Sängerin tätig ist. Letztendlich war aber Alina diejenige, wo wir uns sofort dachten, dass es passt – als ich ihr Band angehört habe, habe ich Steve angerufen und ihm gesagt: „Das ist die Sängerin“, und so war es dann auch. Very bread and butter.

Das dritte Album und die dritte Sängerin – wie kommt das?

Michael: Och, man muss doch dann und wann mal für Veränderungen sorgen… (lacht). Aber ernsthaft: Als wir damals unser erstes Album, „Head Over Heels“, veröffentlicht haben, haben wir das eigentlich nur für uns, unseren persönlichen Geschmack getan, und um etwas auf den Konzerten zum Verkaufen zu haben. Auf einmal waren wir bei einem US-Label, gingen auf England-Tour und waren in allen Musikzeitschriften. Es war zu dem Zeitpunkt nicht allen klar, wie viel Arbeit eine Band in dieser Größenordnung und welcher Aufwand damit verbunden ist.
Anja Schirmer, die das Album eingesungen hat, wollte ihre fünf Konzerte im Jahr vor Freunden spielen und fertig, Steve und ich wollten mehr, somit war eine weitere Zusammenarbeit nicht sinnvoll. 
Patricia Hillinger, die danach zur Band gekommen ist, war sechs Jahre bei der Band, davon hat sie sich 5½ Jahre mit allergrößtem Einsatz und all ihrem Herzblut für CORNERSTONE engagiert – ohne sie wären wir sicher nicht da, wo wir heute sind. Aber mit der Zeit ändern sich Menschen – manchmal ins Gute, manchmal ins Schlechte. 
Es wäre jetzt natürlich leicht für mich, hier, an dieser Stelle, „abzurechnen“ – ich möchte aber stattdessen Brian May zitieren: „Wenn man nichts Gutes zu sagen hat, ist es vielleicht klüger, nichts zu sagen – man könnte da irgendwie falsch verstanden werden oder so.“ Ich denke, das Ganze ist eine Bandangelegenheit und ich würde mir von jedem wünschen, das zu respektieren. Es war nicht einfach, jemanden nach sechs Jahren aufzufordern, die Band zu verlassen. Aber wichtig ist: Jetzt passt alles wieder, alles hat jetzt guten Charakter. Auch stimmlich.

Im Video "Last Night" rasiert Alina Steve – wie viele Pflaster habt Ihr gebraucht?

Alina: Das war eine durchaus lustige Szene zum Drehen, da ich viel zu viel Rasiergel in den Händen hatte und nur wenige Versuche möglich waren, diese Szene abzudrehen – es war schwer, nicht ständig zu lachen. Natürlich habe ich Steve nicht wirklich rasiert, das hätte bestimmt zu einigen Pflastern geführt. Ich muss schon sagen, dass ich nicht allzu geübt bin im Bart rasieren (lacht).

Michael: Hast Du mir nicht mal erzählt, dass Du Dich täglich rasieren musst, Alina? (lacht)

"Reflections" ist, abgesehen vom musikalischen Inhalt, auch noch aus einem anderen Grund interessant: Ihr habt mit dem Produzenten Harry Hess (MUSE, BILLY TALENT, HAREM SCAREM) zusammengearbeitet. Wie habt ihr das geschafft?

Alina: Die Zusammenarbeit mit Harry Hess war eigentlich schon für das „Somewhere In America“-Album geplant, was sich dann aber leider aus zeitlichen, organisatorischen Gründen nicht ausgegangen ist. 
Bei „Reflections“ war von Anfang an klar: „Harry oder keiner!“. Wir sind äußerst froh darüber, unser Album mit so einem großen Namen produziert haben zu dürfen. Natürlich ist es schwer, alles zu koordinieren, wenn die Band aus Österreich ist und der Produzent in Kanada sitzt, aber es stellte sich als weniger schwierig heraus als gedacht. 

Michael: Es waren viele schlaflose Nächte, und ich habe mich während der Aufnahmen verliebt: nämlich in das ungemütlichste Sofa der Welt, das stand im Studio herum, wir haben viele zärtliche Stunden miteinander verbracht.

Ihr seid 2016 recht ausgiebig getourt. Wenn Ihr diese Tour wiederholen würdet, mit der selben Setlist, in den selben Locations – gibt es etwas, das ihr dann anders machen würdet?

Alina: Ich denke nicht. Wir sind mit den Locations und der Setlist sehr zufrieden gewesen und auch das Publikum hat uns dies bestätigt. 

Michael: Nun, um ehrlich zu sein, würde ich dieses eine Konzert in Wien im September lieber von Alina singen lassen, anstelle von Steve und mir. Alina musste 30 Minuten vor dem Gig ins Krankenhaus, es war alles schon ready, Soundcheck, Publikum da… Wir hatten die Wahl: absagen oder improvisieren… das „improvisieren“ sah dann so aus, dass sich Steve und ich die Gesangsparts geteilt haben. Obwohl wir zum Spaß oder beim Songwriting hin und wieder gesungen haben, war das für uns keine sehr prickelnde Erfahrung, und wir lassen das in Zukunft lieber Leute machen, die das wirklich gut können. Zum Glück war das ein Konzert gemeinsam mit Gary Howard, der dann einfach länger gespielt hat, aber wir mussten trotzdem irgendwie eine Stunde on Stage überleben – ohne Sängerin.

Welcher Song wurde auf der Tour vom Publikum am besten angenommen?

Alina: Hier muss man das Land und die Location berücksichtigen, in Österreich und Deutschland würde ich auf unsere Single „Last Night“ und die Startnummer „Nothing To Lose“ tippen. „Nothing To Lose“ ist eine klassische Rocknummer und eignet sich perfekt für einen Konzertbeginn. Meiner Meinung nach ist der erste Song einer der wichtigsten, hier kann man sehr schnell sagen, ob jemandem eine Band gefällt oder nicht. Unsere typischen Melodic Rock-Nummern „Heart On Fire“ und „Northern Light“ sind in England sehr gut angekommen, da hier die Melodic Rock-Szene viel größer und  Melodic Rock beliebter als in den anderen Ländern ist.

Ihr habt auf Eurer Europa-Tour einige gemeinsame Konzerte mit Gary Howard (ALAN PARSONS PROJECT, FLYING PICKETS) gespielt. Ein Konzert mit einem legendären Frontmann zu spielen muss doch die Nervosität enorm steigern? Oder seid ihr cool geblieben?

Alina: Da es schon unsere zweite „Tour“ mit Gary war, waren wir alle sehr cool. Gary ist sehr relaxt und machte absolut keinen Druck. Er geht sehr gelassen an Konzerte ran und strahlt dies auch aus, was sich auf uns übertragen hat. Er ist ein sehr angenehmer Artgenosse und von Nervosität war hier keine Rede.

Ihr seid bei einem amerikanischen Label unter Vertrag. In Amerika musikalisch Fuß zu fassen, ist sicherlich keine Aufgabe, die man über Nacht erledigt. Die Konkurrenz ist schon einmal aufgrund der Größe des Landes enorm, AOR/Klassischer Rock ist gerade in den USA nicht gerade ein Nischengenre. Wie sind Eure Erfahrungen bisher? Wie schwer ist es für eine österreichische Band, in den USA Fuß zu fassen oder spielt die Herkunft keine Rolle?

Michael: Nun… schon als wir angefangen haben, haben uns viele Leute angesprochen und gemeint, dass wir mit unserem Sound nach Amerika gehören. Ich dachte mir, na klar, in Amerika werden sie auf CORNERSTONE aus Austria warten… Eines Tages habe ich dann in der Früh meine Mails gescheckt, und da war ein Angebot eines US-Labels – per MySpace, das damals noch Bedeutung hatte. Die hatten sich sogar die Arbeit gemacht, das mit einem Übersetzungsprogramm zu übersetzen, was natürlich witzig geklungen hat, aber der Sinn war klar. Ich habe sofort alle angerufen – es war 6:30 Uhr morgens, und obwohl ich alle aufgeweckt habe, waren alle hocherfreut. Schläfrig, aber dafür hocherfreut! 

Im Grunde sind wir sehr zufrieden, ATOM ist ein kleines, aber feines Label, das uns von Beginn an unterstützt hat, wir arbeiten auch sehr freundschaftlich zusammen. Künstlerisch haben wir völlig freie Hand, was will man mehr? Ich denke, generell ist es als österreichische Band einfacher, im Ausland akzeptiert und respektiert zu werden als in Österreich. Wie wir ja alle wissen, hat man hierzulande auch zu FALCO gesagt: „der wird nix“, somit war für uns klar, dass unser Weg über das Ausland führen wird. Und jetzt sind wir Labelkollegen von Jon Butcher, der fünf oder sechs Nummern in den US-Charts hatte und am Soundtrack zu „Der stählerne Adler“ beteiligt war. Es gibt, so denke ich, Schlimmeres…

Was sind, Euren Erfahrungen nach, die größten Unterschiede zwischen dem Musikbusiness in den USA und Österreich?

Michael: Im Laufe der Jahre haben wir uns als Band die amerikanische Arbeitsweise angewöhnt: “Wie mache ich etwas möglich?“ In Europa, speziell im deutschsprachigen Raum – und da ganz speziell in Österreich – herrscht ja eher die Arbeitsweise des Verhinderns, Bremsens und Nein-Sagens vor… Ich habe mal wo den Satz gelesen, dass in Amerika Alben wie ein Kunstwerk produziert und dann wie ein Produkt verkauft werden. In Europa werden Alben wie ein Produkt hergestellt und dann als „Kunst“ verkauft. Nach mittlerweile 3½ Alben und 10 Jahren Musikbranche muss ich sagen: es stimmt.

Ihr habt den 1984er BRONSKI BEAT-Hit "Smalltown Boy" gecovert. Gibt es Pläne für ein weiteres 80er Jahre Cover? Falls nein: Welcher 80er Song würde Dich spontan interessieren?

Michael: Wir kannten diesen Typen, der an einer Immunschwächekrankheit leidet, Zystische Fibrose, hierzulande auch Mukoviszidose genannt. Es ist eine schreckliche Krankheit, wir haben ihn im Nottingham City Hospital getroffen und waren entsetzt, wie zerbrechlich ein Mensch von einem Tag am anderen aussehen kann. 
Wir dachten uns, wir müssen etwas machen, um zu helfen – das Ziel war, einen Song in die UK-Charts zu bringen und etwas Geld für die Charity beizusteuern. Wir wollten einen Song aufnehmen, mit dem niemand gerechnet hat. Die UK steht ziemlich auf Dance-Musik, und wir haben zuerst an ein Cover von ERASURE gedacht, aber niemand fühlte sich damit richtig wohl, und so haben wir uns dann für „Smalltown Boy“ entschieden. Ironischerweise hat die Nummer die Charts in Österreich, nicht aber in UK erreicht... aber abgesehen davon war es eigentlich eine schlechte Idee. Es war keine CORNERSTONE-Musik. Patricia und ich haben den Song für die Charity produziert, eine gute Charity, aber musikalisch gesehen bin ich nicht sehr stolz darauf. Wir sind eine Rockband – zurückblickend würde ich sagen, ich würde das nicht nochmal machen, um ehrlich zu sein.

Welcher Eurer Songs repräsentiert CORNERSTONE am Besten?

Michael: Ich denke, das Dreieck „Nothing To Lose“, „Heart On Fire“ und „Believe In Me“ ist eigentlich unser „Hauptstil“, wenn man das so nennen kann. Wir haben aber immer schon Sachen ausprobiert auf unseren Alben… z.B. „Stay“ vom „Somewhere In America“-Album wäre bei Wacken nicht großartig aufgefallen, aber wir haben auch Sachen wie „Right Or Wrong“ geschrieben, das in jeder Kuschelsendung im Radio geliebt worden wäre (ist es auch). Auch  auf „Reflections“ wurde wieder stilistisch probiert, aber ich glaube, durch Harry’s Produktion ist die Bandbreite etwas schmaler, fokussierter geworden (im positiven Sinne).

Ihr seid 2017 wieder mehrfach live zu sehen. Auf was dürfen sich Eure Fans gefasst machen?

Alina: Wir werden heuer wieder einige Konzerte in Österreich und Deutschland spielen, eventuell ein paar Konzerte weiter außerhalb, aber ansonsten haben wir für 2017 ein eher ruhiges Jahr geplant, um genug Energien zu sammeln. 2018 stehen definitiv England und noch einige andere europäische Länder auf unserem Tourplan – aber mehr dazu dann nächstes Jahr!

Angesichts Eurer ausgiebigen Touraktivitäten: Wann kommt eine Live-DVD?

Alina: Bis jetzt ist hierzu noch nichts Konkretes geplant, aber man könnte dies durchaus einmal andenken.

Abschließende Worte an unsere LeserInnen?

Alina: Vielen Dank für Eure kostbaren Minuten, die Ihr für uns geopfert habt! Falls Ihr noch weitere Infos über uns finden wollt, schaut doch mal auf unserer Homepage oder auf Facebook vorbei! Unser Album ist auf Amazon und Itunes erhältlich. Wir freuen uns auf euch!

Michael: … wir müssen unsere Ferraris tanken und die Swimmingpools unserer Villen in LA befüllen! Helft uns! Kauft das Album!

(c) Dr. Johann Tuschl

(c) Dr. Johann Tuschl


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