KOKOMO - René Schwenk, Oliver Ludley

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In jedem unserer Alben steckt extrem viel Zeit und Liebe. Wir schreiben die Lieder, nehmen alles selbst in unserem Studio auf und kümmern uns ums Artwork. Ich hoffe, ich kann da auch für die anderen Mitglieder sprechen, wenn ich sage, dass wir mit den Alben immer noch sehr zufrieden sind.

Von Postrock, Bill Murray und Unbeschwertheit im Musikgeschäft!

Veröffentlicht am 24.05.2017

Wenn Spaß an der Arbeit und lockerer Umgang mit Einnahmequellen dem Erfolg nicht im Weg stehen, dann sollten wir uns vielleicht alle bei KOKOMO bewerben! Aber eine schlechte Nachricht gibt es dennoch! Sitar-Spieler werden momentan nicht gesucht...


 

"Monochrome Noise Love" ist euer viertes Album und unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von seinen Vorgängern. Es handelt sich diesmal nicht um ein Konzeptalbum. Welche Themen behandeln die drei anderen Alben?

Oliver: Bei "Monochrome Noise Love" hatten wir zunächst den Plan, das Album einem Konzept folgen zu lassen. Allerdings stellten wir dann im Prozess des Songwritings fest, dass die Songs alle für sich eine Eigenständigkeit entwickelten, die sich für uns nicht in ein festes Konzept fassen ließ.
Auch die vorherigen Alben sind keine Konzeptalben, die eine Geschichte erzählen oder unter einem festen Thema stehen. Nur "Matterhorn Bob" folgt bei den Songtiteln und dem Design einem Thema.

Schon am ersten Song der Platte merkt man, dass ihr mit Unterstützung einer Gastsängerin dem Album wieder zu weiteren Nuancen verhelfen wolltet. Bei der auf eurer Bandcamp-Homepage als "Judith Hess" angegebenen Sängerin, handelt es sich um Judith Heß von der Kölner Orchestral-Pop Band LINGBY. Woher kennt man sich? Wie kam die Idee zu einer Zusammenarbeit?

Oliver: In Duisburg haben wir schon bevor es KOKOMO gab Konzerte veranstaltet und in dem Laden, in dem wir Shows gemacht haben, hat auch LINGBY gespielt. So kam es zu dem Kontakt, der dann bestehen geblieben ist. Wie du schon beschrieben hast, ging es uns um weitere Nuancen und als wir entschieden hatten, weiblichen Gesang in diesem Lied haben zu wollen, haben wir überlegt, wessen Stimme da passen könnte und kamen auf Judith. Dazu kommt noch, dass Judith mehrere Blechblasinstrumente spielt, die auch auf dem Album zu hören sind.

"Jüngling mit Apfel", auf Platz 5 der Trackliste, lässt vermuten, dass dieser Song eine Hommage an WES ANDERSONS Film "Grand Budapest Hotel" ist!

René: Ganz genau! Allerdings findet sich auf jedem Album mindestens eine Anspielung auf die Werke von Wes Anderson. Viel Spass beim Rätseln!

Song Nummer 7 heißt wiederum: "I´m Bill Murray". Er hatte ja auch einen kleinen Auftritt in besagtem Film. "Monochrome Noise Love" hätte doch ein Konzeptalbum werden können und niemand wäre euch deswegen böse gewesen.

René: Naja, für ein Konzeptalbum reicht es wohl nicht aus, die Lieder einfach nur nach bestimmten Dingen zu benennen. Allerdings haben wir immer recht viel Spaß daran, unterschiedliche Anspielungen oder versteckte Botschaften in unseren Songtiteln unterzubringen. „I'm Bill Murray“ und „I'm Not Dead“, die von den Songtiteln zusammen gehören, sind da ein gutes Bespiel (lacht).

Dieses Jahr tourt Bill Murray mit dem berühmten Cellisten Jan Vogler durch Deutschland. Das ist eine seltene Gelegenheit, den Hollywoodschauspieler auch nur ansatzweise aus der Nähe zu betrachten. Ich habe mir bereits Karten bestellt. Wie sieht es mit euch aus?

Oliver: Das wusste ich gar nicht! Klingt wirklich verlockend, allerdings gibt es wohl keine Termine in unserer Nähe. Wobei das ja schon fast nach einem Bandausflug klingt.

René: Leider hast du an dem Termin keine Zeit, Oliver.

Mit "Me vs Myselves" gibt es in einem härteren Track auch wieder die schönen Screams zu hören. Hattet ihr irgendwann eine Phase, in der ihr davon überzeugt wart, auf diese Parts gänzlich verzichten zu wollen?

René: Wenn wir an Songs arbeiten, ist manchmal direkt klar, was noch an zusätzlichen Instrumenten dazukommen soll, manchmal kommt das erst, wenn der Song fertig ist. Mal sind das Streicher, Bläser, Keyboards, zusätzliche Gitarren oder eben das Geschrei. Es kommt immer auf den Song an und was passt. Ausgeschlossen ist da eigentlich fast nie etwas. Bei "Me vs Myselves" war es aber tatsächlich so, dass wir genau so ein Lied einfach mal machen wollten. Letzten Endes läuft das immer so. Ich glaub, dass Screams immer mal wieder auftauchen werden.

Insgesamt hört man viele neue Instrumente, die sich in euren Stil perfekt einfügen. Werden in Zukunft auch ganz exotische Instrumente mit eingebunden?

Oliver: Wie schon gesagt, das kommt immer auf den Song an. Auf "Monochrome Noise Love" wurden z.B. auch Sounds mit einer Bohrmaschine produziert. Und falls wir irgendwann mal denken „Hey, da wäre eine Sitar super“, dann wird es auch mal eine Sitar zu hören geben.

René: Das wird aber wahrscheinlich nicht vorkommen!

Eure Alben kann man sich auf Bandcamp kostenlos anhören. Es gibt viele kleinere Bands, die zu stolz sind, ihre Lieder dem Hörer kostenlos anzubieten. Dabei hat sich gerade Bandcamp als zuverlässige und genreübergreifende Publicitymaschine für Künstler und unabhängige Plattenlabels etabliert. Oft sind limitierte Schallplattenauflagen erst dadurch möglich. Wie seht ihr das?

René: Das Internet an sich bietet eine schnelle und einfache Möglichkeit Musik zu verbreiten. Unsere Alben sind aber auch immer direkt physisch erschienen. Für uns ist einfach wichtig, dass die Leute unsere Musik hören, wenn sie sie mögen. Ob sie dafür bezahlen oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Es ist aber schön zu beobachten, dass genau in dieser Zeit Vinyl und auch Kassetten mit schönen Aufmachungen beliebter sind als vor sieben oder acht Jahren.

Wer sich ausschließlich mit Millionensellern und Major Labels beschäftigt, würde sich wundern, dass viele talentierte Musiker mehrere Plattenfirmen angeben. Würdest du kurz erläutern, was es mit i.corrupt.records, dunk!records und Aloud Music Ltd. auf sich hat und wie sich die Zusammenarbeit zwischen Band und Unternehmen gestaltet?

Oliver: i.corrupt.records, dunk!records und Aloud Music Ltd. haben gemeinschaftlich das Album rausgebracht. Hinter dunk!records stecken, wie es der Name vermuten lässt, die Jungs vom dunk!festival in Zottegem in Belgien, dem größen Postrockfestival in Europa, die ihre fixe Idee, ein Label zu gründen, dann mit unserem zweiten Album verwirklicht haben und mittlerweile einen großen Backkatalog vorweisen. Auch i.corrupt aus Köln unterstützt uns bereits seit "If Wolves". Sergio von Aloud haben wir bei seinem Aloud Music Festival in Barcelona kennengelernt.

René: Wir kümmern uns eigentlich immer selbst um die gesamte Produktion. Es ist schön, dass wir mit den Labels Freunde an der Seite haben, die uns dabei unterstützen. So lassen sich die Kosten aufteilen und jeder vertreibt dann die Platten über seine Wege. Das ist eigentlich alles.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr in den Gründungsjahren das Wort Post-Rock nicht im Sinn hattet. Was war damals euer Antrieb und was wolltet ihr mit eurer Musik vermitteln?

Oliver: Wenn man Ziele aufzählen würde, wären das: Spaß an unserer Musik zu haben, dieses Gefühl an die Leute weiterzugeben und somit eine gute Zeit zu haben. Wir sind mittlerweile seit fast zehn Jahren unterwegs und ich denke, am Anfang hat niemand von uns gedacht oder geplant, dass KOKOMO die heutigen Züge annehmen wird. Uns ging es vor allem darum, die Art von Musik zu machen, auf die wir Lust hatten.

Seid ihr rückblickend mit älteren Releases zufrieden und gab es vielleicht eine Idee, die ihr nie umsetzen konntet, was ihr heute noch bedauert?

René: In jedem unserer Alben steckt extrem viel Zeit und Liebe. Wir schreiben die Lieder, nehmen alles selbst in unserem Studio auf und kümmern uns ums Artwork. Ich hoffe, ich kann da auch für die anderen Mitglieder sprechen, wenn ich sage, dass wir mit den Alben immer noch sehr zufrieden sind. Hier und da gibt es natürlich ein paar Stellen in Songs oder Details im Mix, die man heute anders machen würde. Man reift ja auch über die Jahre. Teilweise ändern wir das dann live ab, bei „Go, Mordecai“ von der "If Wolves" haben wir z.B. vor einiger Zeit einen Teil mit Keyboards eingebaut.

"Cmdr Cmdr" eröffnet euer erstes Album "Matterhorn Bob and the Black Fair" und beinhaltet auch schon die rar gesäten Screamings. Hätte es euch damals unter anderen Umständen auch in ein ganz anderes Genre verschlagen können?

Oliver: Ich denke, dass uns damals schon klar war, dass wir zum größten Teil instrumental bleiben wollen. Die Screams sind auch bei „Cmdr Cmdr“ ein zusätzlicher Klangeffekt und transportieren keinen semantischen Inhalt.

René: Es gab aber schon auch Phasen, in denen wir überlegt haben, mehr Lieder mit Geschrei zu schreiben. Allerdings waren wir von unseren Stimmen auch nicht überzeugt genug. Ich glaub, falls wir zu Beginn jemanden im Freundeskreis gehabt hätten mit entsprechenden Fähigkeiten, hätte es vielleicht dazu kommen können.

Der Song "Star of Nanchang" ist ziemlich ergreifend und wirkt wie ein surreales Hörspiel. Welche Samples hört man da? (Anfangs erzählt ein Mann, wie er als Kind in die Sonne gestarrt hat. Gegen Ende beginnt ein fast hysterisches Streitgespräch zwischen zwei Männern. – Anm. d. Autors)

Oliver: Beide Samples sind aus dem Film „Pi“ von Darren Aronofsky.

René: In der Mitte gibt es dann noch ein kurzes Sample aus „Ghost Dog“ von Jim Jarmusch.

Der Stern von Nanchang (南昌之) ist das drittgrößte Riesenrad der Welt. Ist es Zufall, dass das Covermotiv Assoziationen zu ebendiesem zulässt?

René: Nein, da steckt ein Konzept dahinter. Alle Lieder sind (teilweise abgewandelt) nach Fahrgeschäften benannt. Das Thema Jahrmarkt spiegelt sich dann auch im Design wieder. Zum einen mit dem Riesenrad, zum andern gab es zu dem Album auch einen Fahrchip als Beigabe.

Hattet ihr schon einmal die Gelegenheit in Asien zu spielen?

Oliver: Ja, im Oktober 2015 hatten wir die Möglichkeit, vier Konzerte in Japan spielen zu dürfen. Vielen Dank und liebe Grüße an dieser Stelle an Hide von MONOCHROMEHEIT, der das Ganze ermöglicht und organisiert hat.

Ihr kommt aus Duisburg – macht diese Stadt depressiv, kreativ oder assoziativ?

Oliver: Wahrscheinlich ein Mix aus allem... Viele Menschen würden das Ruhrgebiet als hässlich und grau bezeichnen, aber schöne Ecken gibt es überall.

Wir sind, bis auf einen, hier geboren und aufgewachsen und fühlen uns wohl hier.

Berlin kann jeder – Duisburg muss man wollen.

Ist euch eine Stadt bekannt, in der sich eine größere Postrock-Szene gebildet hat?

René: Ich glaube, dass die Szene sehr verteilt ist. So ein wirkliches Zentrum gibt es nicht. Fast überall, wo wir hinkommen um zu spielen, gibt es lokale Bands aus dem Genre.

KOKOMO spielt ja durchaus auf größeren Festivals und ist durch Youtube auch außerhalb Deutschlands bekannt. Hat das zu einem anderen Selbstwertgefühl als 2009 geführt?

René: Ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Wir nehmen diese Entwicklung gar nicht so wahr. Es ist ein bisschen so wie die Tante, die nach Monaten kommt und zum Neffen sagt, wie groß er denn geworden ist. Man selber merkt das gar nicht. Klar freuen wir uns, wenn immer ein paar mehr Menschen zu unseren Konzerten kommen und sind vielleicht nach der ganzen Zeit nicht mehr ganz so aufgeregt vor einem Konzert, aber im Großen und Ganzen hat sich da nicht viel geändert.

Momentan kann man ja auch wieder KOKOMO-Shows besuchen. Wie viele Gigs spielt ihr ca. im Jahr?

Oliver: Ich bin gerade mal unsere Konzerthistorie durchgegangen und statistisch spielen wir 21,5 Konzerte pro Jahr.

Welche Ziele wollt ihr mit dem nächsten Album erreichen?

Oliver: "Monochrome Noise Love" ist ja erst vor gut einem Jahr erschienen und wir sind immer noch total glücklich über das Feedback. Wir haben jetzt angefangen an neuen Liedern zu schreiben und zu gucken, wohin sich das musikalisch entwickelt. Da ist es schwer von Zielen zu sprechen, zumal wir uns auch bei den letzten Alben nie feste Ziele gesteckt haben.

Hast du für STORMBRINGER exklusive Informationen über die musikalische Ausrichtung eines neuen Langspielers?

René: Es wird keine Sitar auf dem neuen Album geben. Aber ernsthaft: Das ist alles noch im ganz frühen Entwicklungsstadium. Momentan klingt es düsterer und reduzierter, aber wer weiß schon, wie sich das weiter entwickelt und wie es am Ende klingen wird.

Zum Abschluss: Träumen elektronische Schafe von Androiden und wann werden wir nicht mehr dazu fähig sein, solche Fragen zu stellen?

Oliver: 42
René: Heißt es nicht: „Träumen Androiden von elektronischen Schafen“ oder check ich es mal wieder nicht?

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt!

Oliver: Sehr gerne! Vielen Dank auch!


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