SVARTA - Irleskan, Nahtkra

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Sollte sich jemand dazu entschließen, unsere Musik zu hören und sein Leben in Begleitung dazu zu beenden, ist das für mich ebenfalls in Ordnung – immerhin haben wir ihn damit bei einer für ihn sehr wichtigen Entscheidung begleitet, die aber mit Sicherheit nicht durch unsere Musik bedingt war. Versteh mich in diesem Punkt nicht falsch, aber wenn jemand unsere Musik zu diesem Anlass wählt muss ich ehrlich zugeben, dass ich mich in gewissem Sinne geehrt fühlen würde.

Mit wem lässt es sich besser über Suizid, den Sinn des Lebens und Kohlemalerei plaudern als mit einer Black Metal Band, die gerade eine Petarde von einem Album abgeschossen hat? SVARTA schmieren euch Schwarzpulver ins Gesicht und hinterlassen nichts als "Lethargie"!

Veröffentlicht am 15.06.2017

Lakaien lebendig gewordener Düsternis und des Extrem-Metals dürfte es besser gehen denn je! Die Hoffnung ist groß, dass unsere politischen Führer einen großen Teil der Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft auslöschen, derweil die kleine Black Metal Industrie rechtzeitig boomt, um uns den Groove des Untergangs näherzubringen! SVARTA haben sich zwar nicht den apokalyptischen Szenarien verschrieben, aber mit tonnenschwerem Sound zermahlen sie Legionen von Warmduschern! Hoch die Tassen!


Schön, dass ihr euch die Zeit für das Interview genommen habt!

Über SVARTA gibt es ein paar Infos im Netz zu finden, aber nicht allzu detaillierte. Bei Recherche entdeckt man, dass L.G. von ELLENDE bei euch mit an Bord ist und den Bass bedient. GRIM ist an den Drums und als Sänger sind IRLESKAN und NAHTKRA gelistet - beide auch an der Gitarre. Wer schreibt die Songs und wer übernimmt die Hauptscreams - wie läuft das alles ab?

Irleskan: Unsere Songs schreiben wir gemeinsam als Band. Nahtkra und Grim und ich proben sehr regelmäßig (etwa einmal pro Woche), L.G. ist, da er etwa 250km entfernt von uns lebt, verständlicherweise seltener dabei. Im Normalfall schreiben ich oder Nahtkra zu Hause oder auch direkt bei den Proben einen Riff, danach folgen die Drums sowie die zweite Gitarre. Sobald wir die eigentliche Songstruktur komplettiert haben schicken wir den Entwurf an L.G., welcher dazu noch die Bassline ergänzt. Für die Texte sowie auch den Gesang sind Nahtkra und ich verantwortlich, wobei diese üblicherweise erst recht spät folgen, es kam auch schon mal vor, dass ich einen Text erst direkt im Studio komplettierte. Es ist wichtig, dass wir einen Song zuerst verinnerlichen und fühlen können um den dazu passenden Text zu finden. Eine Aufteilung in Haupt- und Zweitsänger oder Lead- und Rhythmusgitarrist gibt es bei uns nicht, hier wechseln wir uns ab ohne dabei ein bestimmtes Schema zu haben.


© Halldor Rolandsson

Euer im April 2016 erschienenes Album Lethargie ist schon faszinierend. "Wahntraum" ist eine besonders schöne Komposition. Er hat ein klassisches Black Metal Gerüst, ist aber mit Doom-Elementen gewürzt. Irgendwann lässt die Härte nach, die Screams werden gequälter, aber der Druck nimmt ab, du wechselst in einen GOETHES ERBEN nicht unähnlichen Gesang über, bevor das Ganze wieder pechschwarz verwächst. Darüber schwebt ein kaum merkbarer Hauch von rotzigem Punk, was ja als ein Grundpfeiler des True Norwegian Black Metal gilt. Wie lange benötigt ihr um einen solchen Song zu kreieren?

Nahtkra: Sechs Jahre. Solange mussten wir jedenfalls Erfahrung sammeln um einen solchen Song  umzusetzen. "Wahntraum" ist für uns schon ein sehr interessantes Stück Musik geworden, das, wie von dir angemerkt, mit vielen Referenzen und Anspielungen gespickt wurde, also in gewisser Weise ein persönliches ‚best of‘. Den GOETHES ERBEN Vergleich fasse ich als Kompliment auf, auch wenn ich mir nicht anmaßen würde an Oswald Henkes lyrische Vielfalt heranzureichen. 

Irleskan: Was die Genres angeht machen wir uns keine großen Gedanken. Wir schreiben Riffs, die uns durch den Kopf gehen und denken nicht darüber nach, ob beispielsweise ein Post BM angehauchter Riff auf eine True Black Metal Line folgt. Meistens setzt sich so ein Grundgerüst zusammen, das dann im Laufe der Zeit verfeinert wird.

Euer erstes Album zierte ein dunkelästhetisches Frontcover, wohingegen sicherlich nicht nur ich das Bild eures zweiten Albums nicht repräsentativ fand, auch wenn es schön unkonventionell ist. Dafür passt das Coverartwork von "Lethargie" und die Farbwahl könnte auch nicht passender sein. Es entfaltet mit eurer Musik noch mehr Wirkung. Es ist trostlos und schwer. Wer ist dafür verantwortlich? Werdet ihr wieder mit ihm (oder ihr?) arbeiten, oder wollt ihr in Zukunft neue Wege beschreiten?

Nahtkra: Für das Coverartwork bin primär ich zuständig. Das Cover zu "Lethargie" hat eine sehr interessante Hintergrundgeschichte. Wir waren uns Bandintern schon sehr früh einig, dass es aus einem Foto herausgemalt werden sollte, das passende Motiv wollte sich aber partout nicht finden lassen. Irgendwann kurz vor den Vorbereitungen zu den Aufnahmen, an einem der letzten bereits kalten, jedoch sonnig schönen Herbstage 2015 fuhren Irleskan und Ich durch das Salzkammergut an einem der vielen Seen dieser Gegend vorbei, blieben stehen und wir wussten beide, "Das ist es!"

In den darauffolgenden vier Wintermonaten ist das Cover von seiner anfänglich noch leicht komplexen Idee, zu einem in sich selbst gestülpten Monstrum herangewachsen, das einfach kein Ende finden wollte und es irgendwie auch niemals finden kann. Ähnlich der sich endlos reflektierenden Seenlandschaft aus der es entstanden ist. Trotz all der Mühe, dem Frust, Ärger, und endlos scheinenden Neuversuchen hat es mir sehr viel Spaß und Genugtuung bereitet das Cover und Booklet (welches Teil des Covers ist) von "Lethargie" zu entwerfen.

"Am Scheidewegs" Cover ist meiner Liebe zu Kohle und harten Kontrasten gewidmet. Die Idee dafür war sehr schnell realisiert, auch wenn es mehrere Versuche brauchte bis es zu dem wurde das es nun ist. Der sprichwörtliche Scheideweg, von dem einer ins Weiß, der andere ins Schwarz führt.

Erstaunlicherweise dachte ich lange Zeit ähnliches über das Cover zu "Abgrundschreiben" jedoch finde ich dass es den Geist des Albums sehr gut einfängt. Der Versuch Erlerntes, Belesenes und Erfahrenes in sich zu vereinen. Wie gut das gelungen ist, darf jeder selbst entscheiden.

Deine letzte Frage betreffend kann ich dich beruhigen. Solange ich ein Teil von SVARTA bin, gebe ich das Design nicht aus der Hand.

"Tagesschleier" ist für Freunde sadistisch durchgepeitschter Drums, weicht aber sekündlich durch eine sehnsüchtig melancholische Melodie auf. Dabei sind die Songs wirklich immer vollkommen homogen. Wie groß ist der selbstauferlegte Druck mit jedem neuen Album Abwechslungsreichtum und Innovation miteinander zu vereinbaren?

Irleskan: Zugegebenermaßen, sehr klein. Natürlich versuchen wir das Niveau des vorigen Albums auf keinen Fall zu unterschreiten (sozusagen der natürliche Selbstanspruch), aber ich denke, der Abwechslungsreichtum ergibt sich mehr durch den oben beschriebenen Songwritingprozess. Ein neues Album ist simpel gesagt die Summe unserer bisherigen persönlichen und musikalischen Erfahrungen. Es ist nicht unser definiertes Ziel möglichst innovativ oder derartiges zu sein, allerdings haben wir recht früh gemerkt, dass unsere Musik nicht in ein 'Standard' Genreschema fällt und die Kategorisierung deshalb entsprechend schwer fällt. Würde man mich fragen, mit welcher Band man die Musik von SVARTA vergleichen könnte, wüsste ich darauf wohl keine konkrete Antwort.

Wenn man das liest, aber noch nichts von SVARTA gehört hat, könnte man denken, dass eure Musik in die Kategorie angenehme Härte von Beispielsweise EISREGEN mit dem Album "Wundwasser", das ich wirklich sehr schätze, gehen muss. Aber das ist keineswegs der Fall. Ich finde sogar, dass es SVARTA in die dunkelsten Gefilde von Extremmetal verschlägt, weil nicht wie so oft bei anderen Bands Disharmonie von Tönen das Unbehagen erzeugt, sondern es durch Wechselwirkung aus Schwermut, Härte und Monotonie entsteht. Wie kommt das Live an und wie sieht eigentlich eure Zielgruppe aus?

Irleskan: Für uns ist die Wirkung einer SVARTA Live Show im Vorhinein ehrlich gesagt ziemlich schwer einzuschätzen. Von leichtem, zurückhaltendem Kopfnicken in respektvollem Abstand vor der Bühne bis zu Leuten, die wirken als würden sie den Text eines neuen Songs mitsingen obwohl wir diesen weder veröffentlicht noch vorher live gespielt hatten, war bislang alles vertreten. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es Leuten, die zu unserer Show kommen und vorher noch nie mit unserer Musik in Berührung waren, im ersten Moment schwer fällt, einen Bezug zu finden, da die Songs doch verhältnismäßig lang und komplex aufgebaut sind (ein Umstand, der übrigens auch auf die Aufnahmen zutrifft, für easy-listening gibt es wohl genügend andere Bands). Dementsprechend schwierig ist es auch, eine genaue Zielgruppe zu definieren.

Nahtkra: Es ist allerdings immer erstaunlich festzustellen, dass unsere Musik Hörer aus verschiedenen Untergenres anspricht, von einer spezifischen Zielgruppe kann man also nicht sprechen. Wenn Leute nach unseren Shows zu uns kommen ist es auch oft interessant die verschiedenen Interpretationen unserer Musik und Texte zu hören.

Lauscht man eurem ersten Album, ist festzustellen, dass ihr von Beginn an eine eigene Form von Black Metal für euch entdeckt habt. Es wird sich ja keiner vor seinem ersten Release mit Zettel und Stift in den Park setzen und überlegen, wie er neue Frische in altbewährtes Terrain bringen kann. Ist es nicht interessant zu entdecken, wie sich verschiedenste Einflüsse ihren Weg in die Musik ebnen? Oder verschwendet ihr keine Gedanken an Intuition und Wirkung der eigenen Psyche?

Nahtkra: Dass ein Album, vor allem in den Anfangszeiten einer Band, ein Ergebnis aus unterschiedlichen Einflüssen ist, lässt sich schwer abstreiten. Trotzdem haben wir SVARTA nicht mit dem Hintergrund gegründet, die x-te Neuauflage einer beliebigen Black Metal Band zu sein, sondern Musik zu machen die sich für uns selbst natürlich anfühlt. Man muss einfach spüren, dass das, was man macht, das Richtige ist. Für uns war und ist es immer wichtig, zu 100% authentisch zu bleiben und hinter unseren Songs zu stehen.

Irleskan: Die Wirkung unserer Psyche ist im Endeffekt genau das, was du auf dem fertigen Album hörst – unsere Musik spiegelt uns selbst wider. Auf den Alben sind Themen verwirklicht, die uns in unseren jeweiligen Lebensphasen beschäftigt haben. Deshalb merkt man sowohl musikalisch als auch textlich über die Alben hinweg einen markanten Verlauf. Wenn wir unser erstes Album selbst hören denken wir oft ein wenig melancholisch an die damalige Zeit zurück, wir wissen aber, dass dieses Kapitel in unserem Leben abgeschlossen ist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man live von uns vorrangig aktuelles Material zu hören bekommt.

Musik kann Selbsttherapie, Therapie für den Hörer, oder ein Mittel zur Zerstörung sein. Gerade in härteren Genres findet man äußerst suspekte Charaktere, die öfter als man glauben mag Wünsche äußern, jemanden in totale Depression und auch in den Suizid treiben zu wollen. Wie wäre euer Umgang mit diesen Personen, wenn Beispielsweise eine weltweit erfolgreiche Band, die diese Ideologien vertritt, SVARTA als Vorband buchen oder musikalisch mit euch kooperieren wollte?

Irleskan: Hier möchte ich kurz beim ersten Punkt einhaken. Wenn wir ein neues Album veröffentlichen ist es wie bei der vorigen Frage geschrieben die Summe unseres Selbst. Was die Person, die unsere Musik hört, damit anfängt ist jedem selbst überlassen. Wenn du SVARTA hörst und es hilft dir, deine persönlichen Probleme zu verarbeiten ist das großartig. Wenn du dir das Album einfach emotionslos anhörst und es danach zur Seite legst – ok. Sollte sich jemand dazu entschließen, unsere Musik zu hören und sein Leben in Begleitung dazu zu beenden, ist das für mich ebenfalls in Ordnung – immerhin haben wir ihn damit bei einer für ihn sehr wichtigen Entscheidung begleitet, die aber mit Sicherheit nicht durch unsere Musik bedingt war. Versteh mich in diesem Punkt nicht falsch, aber wenn jemand unsere Musik zu diesem Anlass wählt muss ich ehrlich zugeben, dass ich mich in gewissem Sinne geehrt fühlen würde. Für mich ist Suizid kein Anzeichen von Schwäche sondern eine meist wohlüberlegte und auch schwere Entscheidung. Seine Familie und Freunde damit zurückzulassen ist selbstverständlich eine andere Sache. Ich finde dieses Thema an sich sehr interessant und tiefgründig, allerdings würde eine nähere Ausführung meiner Ansichten dazu wohl den Rahmen dieses Interviews sprengen.

Nahtkra: Ich sehe das sehr ähnlich. Musik ist unter anderem ein Mittel zur Selbsttherapie, weshalb wir uns auch nicht nach den Meinungen oder Ansichten anderer richten. Wir waren schon mit einigen Bands unterwegs, die eine andere Weltansicht vertreten als wir, was allerdings nie ein Problem war. Im Gegenteil, wenn  verschiedene Meinungen aufeinander treffen ergeben sich im Diskurs zumeist die interessantesten Gespräche.

Um zu deiner Frage zurückzukommen: wir sehen keinen Grund, nicht mit Bands zu touren, die zum Beispiel destruktive Ansichten in Bezug auf die Menschheit haben, ich denke, dass der gemeinsame Erfahrungsaustausch die Sicht auf das Leben erweitert.


© Halldor Rolandsson

Brauchen wir eine Spaßgesellschaft um morbide wirkender Musik mehr Tiefe zu verleihen?

Nahtkra: Was ist eine Spaßgesellschaft anderes, als ein Symptom der Realitätsverweigerung? Wir im Westen sind daran gewohnt, dass der Tod nur anderen passiert, nicht uns selbst (diverse Vorfälle in jüngerer Vergangenheit einmal ausgeschlossen). Es ist die völlige Ausblendung der Realität, das Ignorieren der schmucklosen Fakten unseres Lebens. Natürlich könnte man sagen, dass morbide Musik in einem solchen Umfeld eine bessere Wirkung erzielt. Nüchtern betrachtet ist unsere Gesellschaft jedoch psychisch krank ohne es zu merken. Vielleicht wirkt diese Art von Musik genau deshalb als eine Art Therapie, sozusagen der benötigte Gegenpol.

Irleskan: Für mich ist die von dir angesprochene Spaßgesellschaft nichts anderes als eine Überdeckung der Realität, was, wenn man sich näher mit unserer Welt beschäftigt, jedoch nicht zwingend negativ ist. Es spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, sich das Leben angenehmer zu gestalten, als es im Prinzip wäre.

Lehnt man sich weit aus dem Fenster könnte man allerdings auch behaupten, dass unsere von Medien geprägte Gesellschaft dazu kreiert wurde, das eigenständige Denken der Menschen zu unterdrücken. Gleich gefärbte Massen sind leichter zu kontrollieren als selbstständig denkende Wesen. Möglicherweise kann man mit unserer Art von Musik einen Anstoß dazu geben, diesen teilweise selbst- aber auch zu einem großen Teil fremddefinierten Trott zu unterbrechen.

Sind wir nicht sogar zu einer Gesellschaft verdrängter Ängste geworden? Um die Menschheit steht es schlechter denn je, aber es scheint, als würden diese Themen eher zurückhaltend diskutiert und Satire nicht zum Bewusstwerden genutzt, sondern um möglicherweise falsche Gelassenheit und Optimismus auszustrahlen. Neben alten Ängsten vor Diktaturen und Wettrüsten sind Überbevölkerung und Naturkatastrophen Probleme, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.

Meint ihr, die großen Gefahren würden uns zu sehr von unserem neugewonnenen egozentrischen Weltbild ablenken und wir uns deshalb gerne vor ihnen verschließen, oder ermöglicht die emotionale Distanz erst die Funktionalität des Individuums?

Irleskan: Damit hast du gerade verdammt viele und vor allem große Themen in einen sehr kurzen Absatz verpackt. Wie viele Seiten sind für das Interview eingeplant? Ich werde, um das ganze etwas abzukürzen, nur auf die beiden konkret gestellten Fragen eingehen. Für mich ist eine Art gesunder Egoismus eine wichtige Eigenschaft eines funktionierenden Individuums. Erst wenn man lernt, sich selbst wertzuschätzen, hat man überhaupt die Möglichkeit, das auch auf andere Bereiche und Menschen zu reflektieren, weshalb ein umfassendes Weltbild auch erst dadurch gebildet werden kann. Die sogenannten großen Gefahren, die wir wahrnehmen, werden uns zu einem großen Teil dadurch, was wir von den Medien erfahren, vorgegeben. Sobald man ein neues Thema findet ist die letzte Gefahr, sei es eine drohende Epidemie oder sich häufende Anschläge, bereits vergessen. Dadurch wird vermutlich wie du schreibst eine gewisse Egozentrik benötigt, um mit den unzähligen, kurzlebigen Einflüssen überhaupt klar zu kommen.

Nahtkra: Was können wir als Individuen tatsächlich beeinflussen  - alles und tatsächlich sehr wenig. Weder kann ich einen Krieg im Nahen Osten verhindern, noch kann ich die Ausbeutung Chinesischer Kinder stoppen. Die Tragik unserer modernen und hochtechnisierten Welt ist, dass wir, egal wie sehr wir uns auch bemühen mögen, wir nur sehr wenig Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Vielleicht brauchen wir als Spezies tatsächlich erst Schmerz um daraus zu lernen. Vielleicht müssen wir uns tatsächlich erst an den Rand der Ausrottung bringen, um zu lernen miteinander zu leben. Oder vielleicht ist es einfach die definierende Charakteristik der Menschheit, dass wir uns selbst zerstören müssen. Größere Philosophen haben sich um dieses Paradoxum den Kopf zerbrochen.

Sind wir gläubig, dann wissen wir nicht. Sind wir ungläubig, glauben wir nur zu wissen. Sollte die Reinkarnation real sein, ist der Misanthrop gezwungen ein Gewissen zu entwickeln. Wir können nicht alle den ganzen Tag Philosophie studieren ohne im Krankenhaus, auf der Baustelle, in der Metzgerei, als Kläranlagetaucher, als Soldat, Bürokaufmann, Schuhverkäufer, unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Leben wir in der Großstadt, steigt die Gefahr an einer geistigen Störung zu erkranken. Leben wir in einem Land der dritten Welt, haben wir vielleicht überhaupt keine Selbstbestimmung. Also was ist idealerweise zu tun, wenn man morgens den ersten Wimpernschlag getätigt hat?

Nahtkra: Wach zu werden, über sein bescheuertes Leben zu philosophieren, einen Kaffee trinken... Diese Frage lässt sich sehr individuell beantworten.

Was war es, das dich in der vorherigen Nacht ruhig einschlafen ließ (oder auch nicht)?

Im selben Atemzug könnte man fragen. ob jene, die an einer geistigen Erkrankung leiden, wirklich bedauernswert sind oder vielleicht sogar glücklicher als du und ich?

Nimmt man den Energieerhaltungsgrundsatz als Maßstab, ist die Reinkarnation eine belegte Tatsache, dies wird allerdings niemals die Meinung eines Misanthropen ändern. Wenn ich deine Frage mit meiner persönlichen Meinung beantworten soll, dann lebe dein Leben in einer Weise mit der du dich selbst noch im Spiegel betrachten kannst. Selbst bestimmt, nicht von anderen definiert.

Irleskan: 42! Die Frage könnte ich genauso gut mit einer Gegenfrage beantworten. Was ist für dich persönlich das wichtigste, wenn du morgens aufwachst? Wenn wir eine globale, universell einsetzbare Antwort auf diese Fragestellung hätten, würden wir uns wohl kaum als Band in einem Randgruppengenre herumschlagen, sondern in international angesehenen Podien unsere Theorien preisgeben. Was ich damit sagen will: die Antwort darauf ist nur persönlich, für jeden Einzelnen, zu definieren, was sich bereits aus dem von dir geschriebenen Absatz ergibt. Das Richtige zu tun ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig, das ist eine Sache, die jeder für sich selbst herausfinden muss.

In den letzten Jahren sind nicht nur technische Instrumente preiswert und leicht handzuhaben geworden, sondern es ist auch wieder ein Feingefühl für ästhetische Independant-Filmproduktionen entstanden. Erfreulicherweise lässt sich das auch wieder an eurem aktuellen Kurzfilm/Musikvideo zu "Ausbruch" feststellen. Wer sind die Darsteller Andreas Petz, Günter Priedler und Katharina Strasser?

Irleskan: Hierzu möchte ich kurz etwas weiter ausholen. Ich denke, die Verbindung von Musik und Film war etwas, das uns alle schon seit geraumer Zeit fasziniert. Gleichzeitig war SVARTA schon immer eine DIY Band, auch was die Produktionen der Alben anbelangt. Auch wenn wir uns für das Recording verständlicherweise professionelle Unterstützung (durch V. Santura aus dem Woodshed Studio in Landshut) geholt haben, verzichten wir bislang bewusst auf die Veröffentlichung durch ein Label. Aus diesem Grund war es auch naheliegend, unser Video weitest möglich selbst zu gestalten. Filmische Unterstützung bekamen wir dabei vom Genrefilmlabel und Studio Black Lava Entertainment, die restlichen Parts haben wir dabei selbst übernommen. Andreas Petz und Katharina Strasser sind offen gesagt Laiendarsteller aus unserem Bekanntenkreis, welche ihre Rollen jedoch absolut ernst genommen und meiner Ansicht nach verdammt gut umgesetzt haben. Günter Priedler ist ein erfahrener und auch langjähriger Akteur einer lokalen Theatergruppe. Insgesamt waren wir selbst sehr positiv überrascht von den Ergebnissen. An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich nochmals bei allen Beteiligten für ihren absolut nicht selbstverständlichen Einsatz zu bedanken. http://blacklava.at/

Irleskan, du hast Regie geführt und warst am Storyboard beteiligt. Ist die Filmkunst etwas, das du weiter ausbauen möchtest, oder war das nur ein kurzer Ausflug im Dienste SVARTAs?

Irleskan: Ich beschäftige mich bereits seit längerer Zeit mit Photographie, wobei die Filmkunst immer wieder ihren Reiz auf mich hatte. Trotzdem war die nähere Auseinandersetzung damit vorrangig in Bezug auf den Kurzfilm von SVARTA geplant. Ich muss jedoch zugeben, dass damit definitiv mein Interesse für diesen Bereich geweckt wurde, es kann also gut sein, dass ich diese Thematik in Zukunft auch weiter verfolgen werde.

Kannst du dir eine moderne Welt vorstellen, in der Musik nicht von visuellen Produktionen unterstützt werden könnte? Wie würde diese aussehen?

Irleskan: Das kann ich mir durchaus vorstellen, allerdings möchte ich diese Art von Ergänzung nicht mehr missen. Im Grunde genommen sehe ich aber trotzdem eine relativ strikte Trennung von Musik und visuellen Medien, was auch der Grund dafür ist, weshalb "Ausbruch" eher als Kurzfilm und nicht als klassisches Musikvideo aufgebaut ist. Mit der Verknüpfung eines visuellen Mediums schafft man neue Möglichkeiten der Interpretation, das kann ziemlich direkt erfolgen oder auch versteckt, was den Zuseher (und -Hörer) erst dazu bringt, sich wirklich im Detail mit diesem Stück auseinanderzusetzen.

Das Corpse Paint würde vermutlich mehr Bedeutung haben und Live-Shows hätten eine größere Wirkung auf den Zuschauer. Diesbezüglich kann man sich einiges ausmalen und spekulieren.

Nahtkra: Dann wünsche ich weiterhin viel Spaß beim Spekulieren. Manche Dinge verlieren ihren Reiz wenn man sie erklären würde, darum wird es in diesem Bereich, sowie auch bei textlicher Interpretation von uns keine definitive Antwort geben.

Wie steht es mit SVARTA? Wie sieht das nächste Kapitel aus?

Nahtkra: Definitiv anders als erwartet. So wie es bei jedem unserer Alben bislang der Fall war. Diesmal werden wir allerdings unseren gewohnten zwei-Jahres Rhythmus verlassen und uns ein Jahr mehr Zeit dafür lassen. Soviel ist schon mal gewiss.

Irleskan: Das nächste Kapitel wird sich wie auch bisher mit für uns aktuellen Themen beschäftigen. Deshalb ist eine stilistische Weiterentwicklung unvermeidbar. Wohin die Reise geht, das werden wir wohl erst im Frühjahr 2019 wissen...wir haben bereits einige neue Songs in Arbeit, es wäre allerdings noch zu früh, sich dazu konkret zu äußern.

Vielen Dank für die tiefen Einblicke und das unterhaltsame Gespräch. STORMBRINGER behält euch im Auge!

Danke für das interessante und vor allem unkonventionelle Interview!

 


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