TURN THE COURSE - Baha, Joshua

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Unsere Texte handeln von eher allgemeinen Dingen, wie zum Beispiel der Mensch Umwelt und Natur umgeht, oder auch von Krieg. Ab und an finden sich aber auch ganz persönliche Dinge in unseren Texten wieder.

Wie klingt Post Metalcore? Wie steht er zu Hardcore? Wie äußert sich politisches Bewusstsein in einer nicht politischen Band? Sänger Joshua und Gitarrist Baha von TURN THE COURSE stellen sich äußerst entspannt diesen Fragen und beweisen Souveränität.

Veröffentlicht am 21.08.2017

STORMBRINGER ist nicht nur das Austrian Heavyzine, sondern auch eine Kochshow mit wechselndem Personal! Da aber jedermann weiß, dass zu viele Köche den Brei verderben, kochen euch TURN THE COURSE lieber ein bekömmliches Süppchen! Wir geben die Zutaten vor: Feine Musiknoten, grobe Sozialschoten und hohe Leserquoten!


Mit den Genres wird es ja immer komplizierter. TURN THE COURSE fällt in die seltene Post Metalcore-Kategorie. Dahinter steckt also zum einen eine Ideologie und zum anderen eine musikalische Ausrichtung, die um bestimmte Elemente erweitert wurde. Was macht nun TURN THE COURSE aus?

Joshua: (lacht) Stimmt, mittlerweile gibt es einen regelrechten Genre-Salat. Ich würde uns als Post Metalcore bezeichnen, da sich unsere musikalische Ausrichtung doch etwas von der des normalen Metalcore unterscheidet. Gegeben ist das durch unsere moderne Spielweise und Songstrukturen, aber auch der Tatsache, dass wir beispielsweise siebensaitige Gitarren spielen. Die Szene ist aber die gleiche.

Baha: Vor allem an unseren neuen Songs wird das deutlich. Früher hatten manche unserer Songs Thrash-Elemente, andere Math-Core, nochmal andere Post-Hardcore-Elemente. Inzwischen haben wir unseren Sound gefunden, haben uns alle als Musiker weiterentwickelt und haben kein Problem damit, in eine stilistische Schublade gesteckt zu werden. Was nicht heißt, dass wir privat nicht trotzdem gerne Prog, Rap oder gar Folk hören.

2015 habt ihr eine EP aufgenommen. Konntet ihr auf ein professionelles Studio zurückgreifen und wie ist der Aufnahmeprozess abgelaufen?

Joshua: Wir waren bei einem guten Freund von uns im Studio, wir kennen ihn schon länger und er hat uns schon immer unterstützt. Es war also ein sehr angenehmer Prozess, da man bereits miteinander vertraut war. Die Songs hatten wir bereits vorher geschrieben, so wusste jeder was er im Studio zu tun hatte. Insgesamt lief alles recht reibungslos.

Wovon handeln eure Lyrics? Auf eurer Facebookseite ist von tiefgründigen Texten die Rede.

Joshua: Unsere Texte handeln von eher allgemeinen Dingen, wie zum Beispiel der Mensch mit Umwelt und Natur umgeht, oder auch von Krieg. Ab und an finden sich aber auch ganz persönliche Dinge in unseren Texten wieder. Mein persönlicher Favorit unter unseren Texten ist der zu "No One Can Save Us". Hier geht es darum, dass der Mensch für alles hier verantwortlich ist und es keinen Außenstehenden gibt, der vorbeikommt und alles wieder repariert, was zugrunde gegangen ist. Er sagt nicht, alle Hoffnung sei verloren, sondern dass - wenn uns jemand retten kann - wir das einzig und alleine selbst sind.

Arbeitet ihr aktuell an neuem Material? Habt ihr heute andere Vorstellungen als vor zwei Jahren?

Josh: Das machen wir tatsächlich. Später in diesem Jahr wird es eine neue EP geben. Unsere Vorstellungen haben sich auf jeden Fall geändert, aber eher in der Hinsicht, dass wir einfach etwas reifer geworden sind und natürlich viele neue musikalische Erfahrungen gesammelt haben. Ich würde sagen, die Songs sind ausgereifter und musikalisch ein Sprung nach vorne für uns. Von unseren Idealen oder Beweggründen hat sich aber nichts geändert. Letztlich machen wir immer noch Musik, weil es uns Spaß macht.

Baha: Wir gehen inzwischen auch viel organisierter vor als noch vor zwei Jahren. Josh und ich haben die kommende Tour viel früher geplant als die letzte, haben Tabellen für die Merch-Produktion erstellt, genauso wie Datenbanken von Festivals und Clubs, die für zukünftige Touren in Frage kommen können. Das ist auch das erste Mal, dass wir eine Pre-Production für die Live-Shows machen. Dieses Mal haben wir auch einen Plan für die Promophase, also wann wir was posten oder machen, um die EP, die bald kommt, zu promoten.

Wie beispielsweise beim Black Metal, gibt es auch im Hardcore-Umfeld extreme Hardliner, die angeblich ablehnen, unter die Fittiche eines Labels genommen zu werden. Sind das Worte von Musikern, die ohnehin keinen Vertrag angeboten bekommen und deshalb elitär tun, oder könnt ihr euch da hineinversetzen? Was wäre für TURN THE COURSE die beste Option?

Joshua: Ich kann das schon ein stückweit verstehen, aber am Ende muss jeder selbst wissen was am besten für ihn ist, beziehungsweise was er sein möchte. Ich selbst sehe heutzutage ein Label oder einen Vertag nicht als zwingend notwendig an, um erfolgreich zu sein. Auch große Bands der Szene wie WHILE SHE SLEEPS veröffentlichen eine LP in DIY-Manier und konnten sogar eine Chartplatzierung einfahren. Was in der Zukunft für TURN THE CUORSE am besten ist, kann ich schwer sagen, beides hat Vor- und Nachteile. Bis jetzt machen wir alles selbst und es funktioniert ganz gut.

Baha: Wobei der Gedanke, mal nicht alles selbst organisieren zu müssen einer ist, mit dem ich mich anfreunden könnte! (lacht)

Ich habe vor einigen Jahren einmal bei einem Spaziergang ein Bandmitglied einer Hardcore-Band gefragt, wieso eigentlich so viele Leute aus der Szene Veganer sind oder sich für PETA engagieren. Vielleicht hatte er einen anstrengenden Tag hinter sich, aber in diesem Moment kannte er keine Antwort darauf. Heute weiß ich, dass eine adäquate Antwort Bezug auf die Wertvorstellungen der ersten Hardcore-Bands nehmen müsste und ein Teil der Szene ihre Ideale um den Tierschutz erweitert hat.

Wie sieht das heute aus? Wird innerhalb des (Metalcore- und) Hardcore-Kreises überhaupt noch diskutiert, oder habt ihr das Gefühl, dass einfach nur die Ansprüche bekannt sind und diese automatisiert ausgeführt werden?

Baha: In erster Linie sind wir eine Metalcore-Band, aber haben trotzdem mit der Hardcore-Szene zu tun. Es gibt im Hardcore die und die. Ich bekomme zwar bei manchen Szenegängern das Gefühl, sie würden niemanden akzeptieren, der nicht auch Mitglied bei PETA ist, aber das betrifft zum Glück die Wenigsten. Die Hardcore-Szene ist immer noch eine tolerante, die auch uns fleischfressende Metalcoreler akzeptiert. Also ja: Es wird auf Augenhöhe diskutiert, oder einfach akzeptiert.

Joshua: Es gibt beide Seiten: Leute die das wirklich aus Überzeugung machen und Leute die diesem Trend folgen, der aber schon weit über die Hardcore-Szene hinausgeht. Wir haben schon mit Bands zusammengespielt, die das wirklich aus Überzeugung machen, aber es gibt genauso Leute im Hardcore, die nicht vegan sind.

Was ist aus der Straight Edge-Einstellung geworden? Kennt ihr Leute, die dermaßen diszipliniert sind und freiwillig keine Ausnahmen machen?

Joshua: Ja, die kennen wir und sie haben meinen Respekt dafür. Diese Einstellung existiert also immer noch.

Baha: Kann ich so unterschreiben.

Der Umgang mit dem eigenen Körper ist die eine Seite, umso spannender wird es, wenn wir zum Thema Politik kommen. Es hat sich ja sehr schnell etwas in unserer Gesellschaft verändert. Als vermutlich traditionell linksausgerichtete Musiker möchte ich von euch wissen, ob Leute in eurem Umfeld sind, Freunde und gute Bekannte, die AfD wählen oder zu PEGIDA-Veranstaltungen gehen. Ignorieren und blocken ist nicht mehr so einfach, wie es einmal war.

Joshua: Konkret wüsste ich da keinen, aber man muss sich ja nur einmal umsehen, wahrscheinlich würde man am Ende noch ein Gesicht auf so einem Protest oder Marsch erkennen. Diese Leute werden leider immer mehr und immer präsenter.

Baha: Das Problem Rechtsruck ist leider eins, das in unserer Gesellschaft tiefgehende Wurzeln hat. Der Antrieb dafür ist vor allem eins: Enttäuschung. Die politische Linke hat es in Europa sehr lange versäumt, eine wirkliche Alternative zu wirtschaftsliberaler oder konservativer Politik zu bieten. Nach der Agenda 2010 unter der rot-grünen Regierung Schröder, oder der aktuellen großen Koalition ist die Enttäuschung über die politische Linke in Deutschland groß. Auch wenn die EU eine tolle Institution ist, die uns Frieden geschenkt hat, ist sie in ihren Strukturen und Verwaltungsorganen noch lange nicht perfekt. Das alles sind Punkte, die Populisten von CSU, AfD, Pegida und Co. auffangen und damit Leute für ihre menschenverachtenden Ideologien einfangen. Dazu kommt noch, dass sie die Angst vor Fremdem für sich instrumentalisieren und Geflüchtete als Sündenbock für Soziale Ungerechtigkeit und Terror stilisieren. Verlogener und hinterhältiger geht es gar nicht. An der Stelle ist es aber auch wichtig zu sagen, dass nicht jeder AfD-Wähler gleich Nazi ist. Viele wollen dem Establishment „einen Denkzettel“ verpassen, was natürlich keine Entschuldigung und auch keine Rechtfertigung ist. Dann sollte man lieber „Die Partei“ wählen, oder eine andere Partei aus dem linken Spektrum. Das zeigt aber, dass in Deutschland längst nicht alles in Ordnung ist, der Kampf gegen Rechts wachsen muss, die politische Linke aber gleichzeitig anfangen muss eine richtige Alternative zu bieten, ohne dabei in ähnliche Muster wie die Rechten zu verfallen.

Verfolgt man das aktuelle Geschehen, kann es passieren, dass man das Gefühl nicht loswird, weltweit würde die Hemmschwelle zur Gewalt sinken, Aggressionen auch in wirtschaftlich starken Ländern anwachsen, während eine klare politische Ausrichtung des Bürgers schwindet. Die Jugend scheint oft unschlüssig, was das Richtige für sie ist. Linke mit partiell rechtem Gedankengut und auch Rechte mit partiell linkem Gedankengut sind nicht selten anzutreffen. Rechte Ultras sprechen sich auf ihren Homepages für die Legitimität des Staates Israel aus, extrem Linksausgerichtete sehen den Flüchtlingszustrom kritisch. Was können Bands heute diesbezüglich bewirken? Was ist der Stellenwert von Musik?

Joshua: Das ist ein interessanter Punkt. Selbstverständlich ist auch die Politik und andere alltägliche Geschehnisse immer ein Thema für uns. Manches davon findet vielleicht auch Platz in unseren Texten. Vieles läuft in dieser Welt leider nicht so wie es sollte und das sollte jeden Menschen beschäftigen. Wir vermitteln hier allerdings keineswegs eine politische Meinung oder versuchen irgendwen von etwas zu überzeugen. In erster Linie sind wir Musiker, die Musik machen. Ich denke, die Musik übernimmt eher die Rolle der Aufklärung oder viel mehr noch die der Zuflucht, für Leute, die vielleicht schon die Hoffnung verloren haben. Musik verbindet und kann unglaublich viel Kraft spenden.

Baha: Gewalt hat es schon immer gegeben. In den Neunzigern sind Neonazis mordend durch die Republik gezogen, haben Asylunterkünfte unter dem Applaus normaler Bürger abgefackelt. Terror gab es ebenfalls schon immer, früher sogar in größerem Ausmaß. Es gibt keine unpolitischen Menschen, auch wir haben ein politisches Bewusstsein. Wie Josh sagt, läuft auch heute nicht alles rund in der Welt und teilweise greifen wir Themen, die uns beschäftigen, auf, ohne dabei den Anspruch zu haben, allwissend zu sein oder die einzige richtige Meinung zu haben. Ab und zu posten wir auch öffentliche Stellungnahmen, wenn Nazis bei uns in der Nähe ihre Parteizentrale aufmachen wollen. Jedoch sind wir in erster Linie keine politische Band, höchstens eine Band mit politischem Bewusstsein.

Warum geht die Jugend nicht mehr auf die Straße?

Baha: Das tut sie. Sicher, die Politikverdrossenheit ist hoch und ich kenne viel zu viele Leute in unserem Alter, die noch nicht einmal den Unterschied zwischen Exekutive, Judikative und Legislative kennen. Aber ich kenne auch genug Leute, die sich in Parteien oder Vereinen organisieren, oder eben auf die Straße gehen, ob nun gegen Nazikundgebungen oder für Kapitalismuskritik. Das beste Beispiel ist die „Welcome To Hell“-Demo in Hamburg. Abgesehen von den paar Chaoten, sind hunderttausende junge Leute zum G20-Gipfel in Hamburg angereist, um ihre Stimmen für ihre Ideen zu erheben.

Zurück zur Musik: Ihr habt schon einige Festivalerfahrungen gemacht. Nehmt ihr solche Chancen noch regelmäßig wahr?

Joshua: Festivals sind großartig! Wir nehmen solche Chancen natürlich wahr, wenn wir diese bekommen.

Was genau ist das "FallCoreFest"? Wart ihr die Organisatoren?

Joshua: Das FallCoreFest ist eine Konzertreihe, die wir nun jährlich in unserer Heimatstadt Schweinfurt veranstalten. Beginnend  2015 ist es dieses Jahr dann schon die dritte Auflage. An dem Abend spielen wir selbst mit TURN THE COURSE und laden befreundete Bands ein, um mit ihnen einen tollen Abend zu verbringen. Wie der Name schon sagt sind die Bands alle aus der Metal -  und Hardcore Szene. Wir versuchen hier dem Publikum immer einen Mix aus lokalen und auswertigen Bands zu bieten. Und ja – wir haben das FallCoreFest selbst auf die Beine gestellt und würden das gerne fortsetzen.

Wann können euch die Österreicher und Schweizer mal live erleben?

Joshua: Dieses Jahr treibt es uns schon bis nach München. Wer weiß, vielleicht wäre schon nächstes Jahr ein Sprung über die Grenze denkbar.

Sagt doch noch einen Satz zu den schönen TURN THE COURSE T-Shirts!

Joshua: Haha, wir sind selbst ganz stolz darauf, an der Stelle auch ein großes Dankeschön an Liz, die sich um das Motiv gekümmert hat. Aber auch in Sachen Merch wird es bald wieder Neuigkeiten geben!

Baha: Ganz diskussionsfrei lief der Entwurf der ersten Shirts aber nicht, muss ich anmerken! (lacht) Es kamen immer wieder neue Ideen und neue Entwürfe, bis mal alle Bandmitglieder zufrieden waren. Die nächsten Shirts waren allerdings schneller ausgewählt.

Warum sollten sich Musikfreunde jetzt auf die Suche nach Songs von TURN THE COURSE machen?

Baha: Weil wir frischen Wind in den Metalcore bringen und keine 08/15-Muster wiederholen.

Joshua: Weil sie gerne mit ihrem Kopf wippen, oder ihn vielleicht auch schütteln möchten! (lacht)

Womit werdet ihr uns in Zukunft versorgen können?

Joshua: In der nächsten Zeit wird es einiges von uns zu hören geben! Am besten folgt ihr uns auf Facebook oder Instagram um immer auf dem neusten Stand zu bleiben. All zu viel möchte ich aber an dieser Stelle noch nicht verraten, nur so viel, dass es das Beste wird, was es von TURN THE COURSE bis jetzt gab!

Vielen Dank für das Interview! Hardcore- und Metalcore Fans bei STORMBRINGER haben schon darauf gewartet, dass der Underground mal wieder näher beleuchtet wird!


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