KADAVAR - Christoph “Tiger” Bartelt

Artikel-Bild

Es ist natürlich zweckdienlich, immer ein neues Album zu haben, damit Leute auch wieder zur Show kommen, wobei ich gar nicht mal glaube, dass die Leute nur wegen eines neuen Albums zu unserer Show kommen, sondern weil sie wissen, dass es einfach noch mal was ganz anderes ist, als uns auf Platte zu hören, etwas viel körperlicheres und etwas viel energetischeres, was man sich vielleicht gerne mehrmals ankuckt.

KADAVAR tönen nicht nur nach dem goldenen Zeitalter des Rock, sondern folgen auch dem damaligen Arbeitsethos. Daher können wir uns erfreulicherweise mit Schlagzeuger Christoph "Tiger" Bartelt bereits über Album Nr. 4 unterhalten.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Servus und herzlichen Dank für dieses Interview. Die 2010 gegründete Band KADAVAR ist eine noch relativ junge Gruppe, das neue Album „Rough Times“ aber bereits der vierte reguläre Longplayer. In meinen Augen ein beachtliches Arbeitspensum, könntest du kurz den Werdegang der Band schildern, was waren Meilensteine?

Die Alben sind natürlich alle Meilensteine gewesen. Als wir uns gegründet haben, waren wir auf der Suche nach einer Band und Mammut und ich haben Lupus irgendwann getroffen. Zu dem Zeitpunkt waren wir eher so Nachtschwärmer, die Bock auf Musik gehabt haben und die einfach im Berliner Untergrund unterwegs waren, eben um auch Leute zu finden, die so irgendwie das gleiche wollten. Wobei eigentlich noch gar nicht klar war, was wir wollten. Das hat sich dann relativ schnell herauskristallisiert, als wir angefangen haben zusammen Musik zu machen. Als unser erstes Album dann rauskam, ging eigentlich alles Schlag auf Schlag und wir haben auf einmal angefangen Konzerte zu spielen. Ehe wir uns versehen haben, haben irgendwie eine Menge Leute das Album abgefeiert, danach haben wir erst richtig angefangen zu arbeiten. Und dann gleich ein Jahr später nachgelegt, haben dann 2012 richtig mit dem Touren angefangen und waren in ganz Europa. Wir haben dann auch in den USA gespielt, waren mittlerweile in Südamerika, sind also seitdem immer viel unterwegs gewesen. Wir haben natürlich 2013 unseren Bassisten gewechselt und sind seitdem mit Simon zusammen, haben mit dem jetzt mittlerweile unser zweites Album aufgenommen und so wären wir auch schon in der Gegenwart angekommen.

Hättet ihr mit dem rasanten Aufstieg der Gruppe gerechnet? Spätestens nach Album Nummer 2 „Abra Kadavar“ habt ihr euch vom Geheimtipp zu einer der bekanntesten „neuen“ Gruppen entwickelt, die guten Chartplatzierungen von „Berlin“ waren der logische nächste Schritt. Wohin soll diese Entwicklung führen, welche Ziele habt ihr für die nähere Zukunft?

Natürlich gibt es noch Ziele. Solange man irgendwie zufrieden ist und sich selber überraschen kann und auch noch für die Sache brennt, was wir definitiv tun, dann formuliert man sich auch immer wieder neue Ziele. Diese Ziele kenne ich vielleicht jetzt noch nicht und das ist auch gut so, aber solange man mit den Leuten kann und Bock hat, was Neues zu machen und sich künstlerisch weiter auszuprobieren, solange gibt es auch Ziele und den guten Druck, den es braucht, um kreativ zu sein. Natürlich sind wir schon seit längerer Zeit irgendwo auch angekommen, wo wir nie mit gerechnet hätten, dass wir überhaupt je so einen Erfolg haben. Wir wissen natürlich auch, oder so sehen wir das zumindest, dass wir glücklich genug waren, um diese eine Chance zu bekommen und das halten wir uns auch heilig.

Wie unterscheidet sich „Rough Times“ von euren bisherigen Veröffentlichungen? Meiner Meinung nach habt ihr euch mit „Rough Times“ musikalisch deutlich weiterentwickelt, was vor allem beim Klangbild deutlich wird. Die Produktion ist in meinen Ohren äußerst gelungen, zu keiner Zeit künstlich aufgeblasen, vielmehr haben alle drei Instrumente ihren Platz im Klangspektrum. Ganz stark ist die Interaktion zwischen dem verzerrten Bass und deinem Drumming. Worauf legt ihr bei Aufnahmen besonders Wert und was habt ihr diesmal anders gemacht?

Also wir haben eigentlich alles anders gemacht als bei der letzten Platte. Es kommt natürlich am Ende dabei etwas raus, das immer noch nach uns klingt, aber es war schon radikal, würde ich sagen, nach der Berlin Platte einfach zu sagen, wir finden das zwar perfekt, wie die Platte geworden ist, aber wir wollen nicht weiter in die Richtung, sondern wir wollen was auch immer dabei rauskommt wieder selber aufnehmen, so wie wir das vorher gemacht haben. Ich habe ja die ersten zwei Platten auch produziert und war da natürlich auch dafür verantwortlich, wie die klingen und mit dem Rückenwind der drei Platten wollten wir etwas Neues machen und das halt wieder selber. Radikal war dieser Einschnitt, weil wir uns ein komplettes Studio aufgebaut haben und somit komplett neu und perfekt für uns aufgestellt waren, um mit absoluter Freiheit an Sachen experimentieren zu können. Ich denke, dass man der Platte anhört, dass ich sie wieder produziert habe und man hört ihr auch an, dass wir die Möglichkeit hatten, unsere Gedanken frei zu entfalten und das auch gleich umzusetzen. Denn wenn man bei jemand anders im Studio ist, muss man halt einfach gut vorbereitet sein und wissen was man will. Wenn man bei sich zuhause ist, ist da noch dies Quäntchen mehr Freiheit, mehr Spielraum und das war ganz wichtig für die Platte.

Hat sich der bisherige Erfolg auf die Ausnahmen ausgewirkt? Z.B. mehr Studiozeit oder mehr Equipment?

Zeitdruck haben wir immer, weil wir schaffen es einfach nicht so schnell mit dem Touren fertig zu sein, damit wir genug Zeit haben die nächste Platte aufzunehmen, aber irgendwie ist dieser auch wichtig. Ich würde sogar sagen, wir haben mehr Zeitdruck gehabt als bei der letzten Platte, aber wir waren einfach schneller als beim letzten Mal, deswegen war der relative Zeitdruck doch etwas geringer.

Bisher habt ihr eure Alben live eingespielt, ich nehme an, dass ihr diese Arbeitsweise beibehalten habt?

Absolut! Und ich sehe das zwar nicht so dogmatisch und wir haben jetzt bei der Produktion auch überlegt das anders zu machen, einfach weil es vielleicht dem einen oder anderen Song guttut. Allerdings haben wir uns dann nicht dazu entschieden, weil es nicht notwendig war, und es hat Spaß gemacht, so zu arbeiten wie immer und eigentlich haben wir das sogar noch mehr zelebriert als auf dem letzten Album. Mit der wachsenden Erfahrung schafft man es mehr und mehr wirklich Spaß zu haben im Studio. Ich denke, viele Bands können bestätigen, dass wenn man nach dem Proben ins Studio kommt und man auf einmal den perfect-take abliefern soll, dass das natürlich schwierig ist und dass man sich dann gerne verkrampft. Wir haben es so gut wie nie zuvor geschafft entspannt zu sein und Spaß zu haben. Wir haben uns auf drei Takes reduziert, das war nochmal so eine extra strikte Sache, die wir uns vorgenommen hatten, weil am Ende sind es immer die ersten Takes, die am besten sind. Man verrennt sich darin immer einen besser machen zu wollen, doch das funktioniert eigentlich nie.

Läuft der Kompositionsprozess bei euch ähnlich ab? Jammt ihr gemeinsam im Proberaum und entwickelt die Stücke gemeinsam oder präsentiert jeder eigene bereits ausgearbeitete Songs?

Das hat sich mehr und mehr in die zweite Variante entwickelt bei dieser Platte. Lupus und ich haben uns die Sachen so 50:50 aufgeteilt. Die Ideen kommen halb von mir, halb von ihm und es gibt immer den Punkt, wo der Song der Band präsentiert wird und wo noch an Sachen geschliffen wird und sich vielleicht noch Sachen ändern. Die Endversion ist auch immer auf unser aller Mist gewachsen. Aber wir haben viel zu Hause vorbereitet und wirklich erstmal probiert unsere eigenen Ideen auszugären, bevor wir sie den anderen präsentiert haben. Wir sind früher vielleicht mit weniger Ideen zu der Band gegangen und haben die Sachen ausgearbeitet. Diesmal haben wir das ein bisschen anders gemacht.

Klanglich unterscheiden sich KADAVAR-Alben nicht besonders stark von eurem Bühnensound. Dadurch wirken sowohl eure Aufnahmen als auch Konzerte gleichermaßen spontan und locker, was den besonderen Sound der Gruppe für mich ausmacht. Beschränkt ihr euch bei Aufnahmen bewusst auf Ideen, die auf der Bühne gut umsetzbar sind oder ist doch alles möglich was gefällt?

Es ist natürlich wichtig, dass man den Song so performen kann, wie man ihn geschrieben hat. Das heißt aber nicht, dass wir keine Sachen machen dürfen, die wir dann live nicht machen. Es gibt gerade auf dieser Platte ein paar Kleinigkeiten, die wir einfach doch gemacht haben oder dass wir hier und da ein paar Overdubs gemacht haben, weil wir fanden, dass sich das so gehört. Es gibt auf ein paar Stücken zum Beispiel Orgel oder es gibt auch Backing Vocals, die wir auf jeden Fall live so nicht machen können. Die Grundidee vom Song muss auf jeden Fall immer reproduzierbar bleiben. Obwohl, da muss ich mich jetzt tatsächlich ein bisschen einschränken, wenn wir zum Beispel über den letzten Song der Platte reden, genauso wie über den letzten Song von der Berlin Platte. Eigentlich hat der letzte Song bei uns immer eine Sonderstellung eingenommen und der ist nicht dafür gedacht live gespielt zu werden, sondern ist eine Studiosache, wo wir nicht darauf geachtet haben. Ansonsten ist das schon so, dass man natürlich auch daran denkt, die Songs live zu performen.

Welchen Stellenwert nimmt neue Musik in eurer Karriere ein? Einnahmen werden heute vorrangig durch die Gagen bei Auftritten generiert. Ist ein neues Album aktuell noch ein klassisches Kunstwerk seiner Willen (also künstlerischer Ausdruck, Selbstzweck) oder dominiert immer stärker die wirtschaftliche Komponente, das heißt neues Material als Grund, um erneut auf Tour zu gehen?

Wenn man eine sehr verkürzte und rein wirtschaftliche Sicht auf Musik hat, dann könnte man das sicherlich so ausdrücken. So denken aber weder die Leute, die unsere Musik hören noch wir selber, sondern Kunst ist immer Selbstzweck. Solange es Spaß macht und solange man neue Ideen hat und solange man sich selber überraschen möchte, es ist ja einfach so ein Gefühl, dass es einen in den Fingern juckt, wenn etwas einfach raus muss, dann schreiben wir in so einem Fall ein Album. Es ist natürlich zweckdienlich, immer ein neues Album zu haben, damit Leute auch wieder zur Show kommen, wobei ich gar nicht mal glaube, dass die Leute nur wegen eines neuen Albums zu unserer Show kommen, sondern weil sie wissen, dass es einfach noch mal was ganz anderes ist, als uns auf Platte zu hören, etwas viel körperlicheres und etwas viel energetischeres, was man sich vielleicht gerne mehrmals ankuckt. Trotzdem ist es schön, wenn man nicht immer die gleichen sechs Lieder von der ersten Platte spielt, sondern wenn man die Möglichkeit hat zu variieren und eben auch das zu performen, was gerade in einem selber so vorgeht. Ich persönlich denke, wenn ich Songs schreibe, wirklich viel darüber nach, wie die live wirken. Es ist irgendwie eine Mischung aus Kunst und Entertainment, wenn man Rockmusik macht, finde ich. Es ist natürlich wichtig, dass man gewissen Gefühlen Ausdruck verschaffen kann, aber es ist auch wichtig für uns, dass es live funktioniert und dass die Leute da auch kriegen, was sie haben wollen. Deswegen ist man da irgendwie immer in dem - ich will nicht sagen - Widerspruch, aber das sind diese zwei Faktoren, die total wichtig sind.

Man merkt dass die Band für die Bühne brennt, gleichzeitig sind die Alben wunderbar durchdacht. Das letzte Album „Berlin“ war für sich gesehen en rundum gelungenes Package. Zusätzlich zur Musik gab es ein außergewöhnliches Artwork, das entfernt an LED ZEPPELINs „Physical Graffiti“ erinnert. Wird die LP-Version von „Rough Times“ auch eine ähnliche Spielerei wie die Sonnenbrille enthalten?

Die ganze Platte ist ein bisschen bildlicher geworden, ich fand Berlin war vor allem ein musikalisches Konzept, was wir dann natürlich auch versucht haben mit der ganzen Fotostrecke zu verbinden. Das mit der Sonnenbrille war natürlich noch so ein spezielles Ding, sowas gibt es natürlich nicht nochmal, da es das Cover auch gar nicht hergibt. Wir haben eher mit Farben und Collagen gespielt, vor allem Collagen als Kombination zweier verschiedener Sachen, um somit etwas Neues zu schaffen oder auch eine Spannung zwischen beispielsweise dem Albumtitel und dem Bild zu schaffen, das ist ganz wichtig für das Album. Es geht um Ambivalenz und dass es Spannungen gibt zwischen dem, wie wir uns fühlen und wie wir uns mit der Außenwelt fühlen. Deswegen haben wir uns mehr auf solche Sachen konzentriert und es gibt auf jefen Fall ein paar ganz interessante Bilder in dem Package zu sehen, die ganz cool geworden sind, wovon sich aber jeder sein eigenes Bild machen muss.

Gut, dann freue ich mich auf das fertige Produkt und bin mit meinen Fragen durch. Am Schluss bleibt nur noch, mich für das Gespräch zu bedanken, viel Erfolg mit „Rough Times“ zu wünschen und dir die Gelegenheit zu geben, abschließende Worte an unsere Leserschaft zu richten.

Ich glaube, Werbung für unser Album haben wir genug gemacht, wenn man das was ich gesagt habe als Werbung bezeichnen kann. Ich würde natürlich gerne alle Leser einladen zu unseren Shows zu kommen. Ich habe die Daten jetzt gerade nicht parat, aber wir werden auf jeden Fall in Wien (28.10. Flex) sein und ich bin mir nicht sicher, aber wir werden auch nach Graz kommen (ja sicher am 29.10. in Graz/ PPC). Wir kommen immer gern nach Österreich und ich würde mich freuen, wenn das auch wieder so feucht-fröhlich wird wie immer und wir eine schöne Party zusammen machen. Wir freuen uns die neuen Songs zu spielen und dass die neue Platte bis dahin schon ein paar Leute gehört haben und dass wir dort eine coole Show machen.


WERBUNG: Hard
WERBUNG: THEN COMES SILENE - Blood