BALD ANDERS - Benjamin König

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Und weil unsere Küche keinem bestimmten Metier zuzuorden war, kam uns diese Sagengestalt gerade recht. Ein Gestaltenwandler mit allen Möglichkeiten.

Die Musik von BALD ANDERS könnte tschechische Märchenfilme zieren, euren verworrenen Traum vom Formwandeln oder eine Werbung für nächtliche Bildungsreisen im Wald – nur festnageln lassen sie sich nicht! Halali, die Jagd beginnt...

Veröffentlicht am 22.09.2017

Hallo Benjamin. Lass uns zunächst mal darüber reden, wie BALD ANDERS zustande gekommen ist. Zwei von euch (Du und Constantin) waren ja vorher mit LUNAR AURORA im Black-Metal Bereich unterwegs, während es jetzt in eine experimentelle, progressiv-psychedelische Richtung geht. Hat sich einfach euer Musikgeschmack geändert, war der Rahmen zu eng, hattet ihr genug vom Bisherigen, oder welche Ideen und Überlegungen haben ursprünglich dazu geführt, ein neues musikalisches Projekt zu starten?

Es gab keine konkreten Überlegungen, wieder Musik zu machen, sondern es hat sich eben ergeben, dass Ideen für Lieder vorhanden sind. Bei diesen Ideen war allerdings klar, dass es sich nicht um Black-Metal handelt. Nicht aus einem Sinneswandel heraus, sondern weil diese musikalischen Fragmente – und mehr als Fragmente waren es erstmal nicht – von selbst in eine andere Richtung gingen.

Wie habt ihr euch dann in der jetzigen Besetzung gefunden? Habt ihr schon vorher mal miteinander gearbeitet?

Clemens, unseren Schlagzeuger, kannten wir entfernt aus unserem weiteren Freundeskreis. Izzy, unseren Sänger, kannte wiederum Clemens... und so kam eins zum anderen. Zuvor hatten wir noch nicht miteinander gearbeitet, was es um so spannender gemacht hat.

Euer musikalischer Stil ist eine außergewöhnliche Mischung, die sich kaum beschreiben lässt. Wie hat sich das entwickelt? Gab es dafür Inspirationsquellen? Was hört man sich jahrelang an, bevor man letztendlich auf solche musikalischen Ideen kommt?

Grundsätzlich kann man sagen, dass alle aus der Band einen sehr weit gestreuten musikalischen Geschmack haben. Darüber hinaus hat jeder von uns eine gewisse Unverbautheit bezüglich des eigenen Stils. Man versucht nicht, irgendwelche Bands nachzuahmen. Geschmäcker gibt es natürlich, aber sie haben keinen Einfluss, wenn wir uns an die Lieder setzen. Da gilt die eigene Inspiration und der Moment. Unser Stil entsteht zum einen aus der Spielweise jedes Einzelnen, zum anderen aus der Offenheit, sich diverser Elemente zu bedienen, wenn diese der Stimmung zuträglich sind, die man umsetzen möchte. Das führt bis hin zu Gastbeiträgen am Vibraphon oder Saxophon... oder was sonst noch in Zukunft passen könnte. Wir sind da ganz offen und lassen auch bewusst viel Raum für das, was gerade passieren möchte.

Der Sound auf "Sammler" hat eine ganz eigene Klangfarbe. Tatsächlich fühlt man sich in eine Stimmung versetzt, die einen zugleich gruselt und fasziniert – wie damals in diesen alten,  leicht brutalen, tschechischen Kinderfilmen, nach denen man etwas verstört zurückblieb. Welches Klangbild hattet ihr im Kopf, als es an die Aufnahmen ging? Welche Stimmung wolltet ihr erreichen und mit welchen Mitteln habt ihr es umgesetzt?

Interessant, dass Du die alten tschechischen Kinderfilme ansprichst, denn deren Stimmung hat durchaus eine gewisse Parallele zu uns. Nicht, dass sie uns als Vorlagen dienen, aber es gibt durchaus Schnittpunkte in der Befindlichkeit. Für die Aufnahmen unseres Debütalbums gab es allerdings kaum Vorstellungen über den letztendlichen Sound der Produktion. Vielleicht so viel, dass die Lieder in gewisser Weise „natürlich“ oder „naturbelassen“ klingen sollen.

Warum habt ihr das Projekt nach der Figur "Bald Anders" benannt? Welche Eigenschaften dieser Figur sollen auch auf das Schaffen dieser Band zutreffen?

Wir hatten gut zwei Jahre lang keinen Bandnamen. Zum einen war es noch nicht so wichtig, zum anderen fiel uns einfach nichts Passendes ein. Der Bandname sollte ja im besten Fall der Band wie eine Galionsfigur vorangestellt sein. Oder wie das Schild außen an einem Wirtshaus, damit man an Name und Aussehen ungefähr abschätzen kann, was für eine Küche einen da erwartet. Und weil unsere Küche keinem bestimmten Metier zuzuorden war, kam uns diese Sagengestalt gerade recht. Ein Gestaltenwandler mit allen Möglichkeiten. Zudem ist die Phonetik des Namens schön.

Hat jemand von euch irgendeine besondere Beziehung zu Fabeln und Märchen? Das ist ja nicht unbedingt ein alltägliches Thema...

Vermutlich nicht mehr oder weniger, als jeder andere, der einen Zugang dazu hat und vielleicht noch das Glück hatte, es in der Kindheit aufzunehmen. Grundsätzlich wird uns diese Kindheits- und Märchenwelt aber zu sehr zum Markenzeichen gemacht. Das war nie unsere Intention. Klar nehmen wir Bezug auf Geschichten, aber eben nicht nur. Eine prägende Geschichte hat Einfluss auf ein Lied... dann wird es umgesetzt. Eine prägende Empfindung aus der Gegenwart möchte vertont werden... dann wird es umgesetzt. Es gibt kein Programm, das uns inhaltlich einen Rahmen setzt. Gut, politisch oder sozialkritisch werden wir kaum werden, denn wir sind nicht die Guten und wir sind nicht die Bösen. Wir sagen nicht, was man zu lieben oder zu hassen hat. Heute inspiriert und das... morgen was anderes.

Sind die Lyrics eure Interpretationen von bereits bestehenden Geschichten, oder gibt es auch ganz eigene Geschichten  darunter? Die Titel "Safari Outer Space" und "Prof. Wright" klingen vordergründig nicht nach typischem Sagenstoff.

Wie gesagt, die Sagen und Märchen sind nur ein kleiner Aspekt unserer Quellen. Alles, was einen bewegt oder geprägt hat, kann einfließen. Aber eben auch ganz aktuelle Dinge aus der Gegenwart. Oder irgendwas aus irgendeiner Ecke eines lange unbetretenen Zimmers. Wir haben sowohl von Geschichten inspirierte Texte, als auch ganz persönliche, freie Texte. Nicht jede Quelle lässt sich erklären. Manchmal kann man einen Text erklären, manchmal sollte man es bleiben lassen, weil sonst der Reiz verloren geht.

Benutzt ihr in euren Songs auf "Sammler" so etwas wie eine Metaebene? So etwas wie eine Moral? Die meisten klassischen Märchen und Fabeln haben ja so einen moralischen Verweis in sich.

Nein, Moral verbauen wir nicht. Es gibt vielleicht auf einer Metaebene sowas wie den gesunden Menschen(verstand), aber keinen erhobenen Zeigefinger. Die Moral von der Geschicht‘ ist einfach die Lust am Eintauchen in Geschichten, Welten, Stimmungen.

Wer ist der "Sammler" nach dem euer Album benannt ist und der auch das Cover ziert? Warum repräsentiert er euer Album?

Als wir die Lieder zusammen hatten, die in der Summe das Debütalbum ausmachen, stellte sich natürlich die Frage nach einem Albumtitel. Und nach einer gewissen Selbstbetrachtung stellten wir fest, dass wir in gewisser Weise einen ziemlich bunten Haufen zusammengesammelt hatten. Bestehend aus vielen verschiedenen Einzelteilen, Formen, Farben, etc. Die Figur das „Sammlers“, der Laub aufspießt und sozusagen die Reste eines Jahres zusammenträgt, erschien da sehr passend. Man könnte von der Thematik her auch auf die Geschichte „Frederick die Maus“ verweisen. Darin wird schön erzählt, was wir im Ansatz mit dem „Sammler“ meinen.

Apropos, die Illustrationen im Booklet habt ihr auch nicht aus der Hand geben müssen oder wollen. Habt ihr euch aus ganz praktischen Gründen dazu entschieden, oder hatte das dann auch noch andere Vorteile?

Unser Label vertraut in unseren Geschmack und darum mussten wir die gestalterischen Arbeiten nicht aus der Hand geben. Die Band kann somit alles aus einem Guss erstellen. Ich habe die Illustrationen und das Layout übernommen (siehe auch: sperber-illustrationen).

Die Illustrationen sind natürlich thematisch äußerst passend, aber gerade deshalb auch ein wenig naiv oder kindlich. Ihr kombiniert so etwas mit recht harten Klängen, mit genremäßig in keine Schublade passender Musik und einem Bandnamen, bei dem mich bisher jeder fragte, "spricht man das englisch oder deutsch aus?" - kurz: die Verwirrung ist perfekt, eure Arbeit ist erklärungsbedürftig. Freut ihr euch diebisch? Oder wolltet ihr das gar nicht?

Wir wollten keine Verwirrung. Zu keinem Zeitpunkt haben wir darüber nachgedacht, wie man die Musik – die sehr frei entsteht – außen wahrnehmen wird. Wir entschuldigen uns darum für jedwede Verwirrung! War nicht so gemeint! Übrigens ist es in unserer heutigen Musiklandschaft, in der jede Sparte in irgendeiner Weise besetzt ist, doch ganz erfrischend, wenn noch ein kaum besetztes Eck gefunden wird. Ungewollt besetzt... aber immerhin.

Welche Projekte stehen demnächst noch an, wie soll die nähere Zukunft für BALD ANDERS aussehen, wenn alles so läuft, wie ihr euch das vorstellt?

Wir basteln an einem weiteren Album. Das ist erstmal der Plan. Mehr lässt sich gerade noch nicht sagen.

Habt ihr schon eine Ahnung davon, ob ihr das Konzept erstmal weiterführen oder euch bald anders präsentieren wollt?

Ich denke, dieses Wortspiel werden wir noch öfters hören. Mal schauen, wie's weitergeht... ein Konzept in dem Sinne gibt es nicht. Lassen wir uns überraschen.

Herzlichen Dank!

Ebenso! Viel Spaß mit „Sammler“ und überhaupt!

 

Und wie geht's jetzt weiter?

Lest unser "Sammler" Review
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