STICK TO YOUR GUNS - Jesse Barnett

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Ich bin einfach eine relativ sentimentale Person.

Seit Heintje fröhlich „Mama“ trällerte, rollen sich bei den meisten wohl die Fußnägel hoch, wenn einer meint, er hätte ein Liedchen für seine Mama geschrieben. Jesse von STICK TO YOUR GUNS hat trotzdem einen Song für die wichtigsten Person in seinem Leben geschrieben.

Text: Lora
Veröffentlicht am 09.02.2018

Wie lief denn eure Tour? Euer Album kam im Oktober raus, wie ist es, die Songs live zu spielen?

Richtig, richtig gut! Aber so ist das immer, wenn man neue Songs spielt, denn irgendwann hängen dir auch die alten mal zu den Ohren raus. Selbst wenn ein Song live total gut ankommt und du ihn ständig spielst, willst du irgendwann mal was Neues machen. Und die Reaktion auf die neuen Songs ist großartig. Da stehen plötzlich Leute und singen einen brandneuen Song, die kennen jedes einzelne Wort, schreien es dir entgegen und fühlen sich so gut damit – da kann man fast meinen, dass die den Song selbst geschrieben hätten. Manchmal kommt es mir so vor, als würde da eher ich deren Song mitsingen.

Das Artwork ist ziemlich ausgefallen und aufwändig, was hat es damit auf sich?

Das hat ein Kumpel gemacht, Donny. Er hat auch schon das Cover zu „Disobedient“ gemacht und ein paar andere Projekte für mich. Er ist ein echt guter Freund und auch ein absolut talentierter Künstler. Das mit dem Artwork hat alles am Telefon angefangen. Also eigentlich kommt er auch so aus der Hardcore-Richtung, aber er macht eigentlich Cover für BRITNEY SPEARS, KELLY CLARKSON, PINK und andere bekannte Künstler, auch für SYSTEM OF A DOWN. Aber weil wir uns so gut kennen, arbeitet er auch für uns. Er macht halt echt unglaublich viel, arbeitet dementsprechend viel und ist immer beschäftigt. Jedenfalls wollte er, dass ich ihm meine Idee per E-Mail schicke, und ich meinte nur so „Ähhh, nein?“. Also haben wir telefoniert und darüber gesprochen. Ich wollte jeden Song aufs Cover kriegen. Wenn du als Band ein Album machst, da geht es hauptsächlich um den Sound. Die einzige Möglichkeit auch visuell was zu machen, ist das Cover vom Album, die Liveshows und so weiter. Also wollte ich für jeden Song visuell etwas schaffen, damit man die Songs nicht nur hört, sondern auch etwas davon sieht, um den Inhalt auch so auszudrücken. Also musste ich ihm jeden Song einzeln erklären, einfach was die Songs für mich bedeuten dazu habe ich ihm zu jedem Song eine Seite geschrieben. Das hat sich echt lange hingezogen, das war ein richtiges Hin und Her, aber er hat es einfach getroffen und perfekt umgesetzt. Ok, ich hatte keine Zweifel daran, dass er das kann, denn er ist so gut, dass er schon wie ein Psycho wirkt. Aber ich bin echt glücklich darüber!

Das neue Album dreht sich um das Thema “Selbstreflektion” was hat euch dazu bewegt, dieses Thema in den Fokus des Albums zu rücken?

Da gibt’s mehrere Gründe. Einerseits gibt’s schon so viele Bands und Musiker, die politische Alben rausgebracht haben, besonders auf die USA bezogen. Da wäre es doch irgendwie zu einfach gewesen, sich das gleiche Thema zu nehmen. Es haben schon so viele über Trump und das was er macht geschrieben. Also dachten wir uns, dass das Thema schon genug abgedeckt wurde, da müssen wir das nicht auch noch machen. Denn wirklich viel hinzuzufügen hatten wir auch nicht. Ich stand da ziemlich unter Druck, denn ich musste durch eine ziemlich schwere Zeit, emotional, viel Stress, Depression. Aber ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was die Band und die Fans von mir erwarten. Also habe ich über das geschrieben, was ich erlebt habe, was mich belastet hat. Die Band fand es cool und stand hinter mir. So wurde das Album emotionaler. Ok, unsere Musik kam nie ganz ohne Emotionen aus, ich bin einfach eine relativ sentimentale Person.

„3 Feet From Peace“ beginnt mit der Stimme einer Frau die jemandem gut zuredet. Wer ist sie und wieso habt ihr sie zum Opener eures Albums gemacht?

Oh, das ist meine Mutter! Ich habe eine ganz besondere Beziehung zu ihr, wir kamen nicht immer so gut klar. Ich war früher echt unglaublich schrecklich, ich flog zuhause raus, hab die Schule geschmissen. Sie kommt aus einer religiösen und konservativen Familie, und ich war da halt eher das Gegenteil: ich kam mit 13 mit Tattoos und Piercings nach Hause, hab meine Haare gefärbt oder abrasiert oh Gott war ich ein Psycho! Durch ihre Familie war ich in dieser Phase nicht wirklich das Kind, dass sie sich gewünscht hatte. Wir haben dann den Kontakt abgebrochen, aber wir haben wieder zueinandergefunden. Sie hat dann auch ihre Einstellung, die sie durch ihre Familie bekommen hat, hinterfragt und zum Teil verworfen. Sie hat dann erkannt, dass ich da einfach anders bin. Aber sie hat auch angefangen zu verstehen: nur weil ich nicht zur Schule gegangen bin, heißt das nicht, dass ich faul bin, sondern mich eben für anderes interessiert habe. Ich wollte schon mein ganzes Leben lang in Bands sein und Musik machen und das eben auf meine Art. Sie hat dann erkannt, dass ich dazu imstande bin und eine Arbeitsmoral dazu entwickelt habe, dann hat sie mir wieder mehr vertraut. Sie hat mir in den letzten Jahren viel geholfen und wurde zur wichtigsten Person in meinem Leben. Wir hatten früher einfach verschiedene Ansichten davon, wie unsere Welt zu funktionieren hat.

“56” ist ein eher ungewöhnlicher Song für STYG, was hat’s damit auf sich?

Ich will die Frage nicht verweigern, aber ich geb’ dazu nur eine kurze Antwort. Es geht einfach um eine zerbrochene Beziehung zu jemandem. Eine Beziehung, die auf einer ganz ungewöhnlichen Grundlage erschaffen wurde, von zwei Leuten, die nicht einsehen wollten, dass es kaum funktioniert und am Ende keine Beine entstanden, auf denen das ganze hätte laufen können. Manchmal gibt es diesen Unterschied zwischen aufgeben und gehen lassen. Manchmal musst du erkennen, dass du Leute gehen lassen musst, weil es dich nicht weiterbringt und auch ihnen nicht gut tut.

Was ist denn für dich der Song auf dem Album, den du am besten findest?

Ich würde mal sagen „3 Feet from Peace“, aber das ändert sich laufend. Ok, doch nicht „3 Feet from Peace“ ich glaub, ich kann die Frage echt nicht beantworten. Denn jeder Song hat eine eigene besondere Bedeutung. Klar gibt’s einige Songs, die ich total gerne live spiele, lieber als andere. Ich liebe zum Beispiel „You Are Free“ auf dem Album, aber live mag ich den nicht so, auch wenn wir ihn auf der Setlist haben. „Doomed By You“ mag ich auch total gerne, auch live. Man könnte fast sagen, das sind meine Top 3 auf dem Album, aber ich mag verschiedene Songs aus verschiedenen Gründen. Die bedeuten halt alle was anderes.

Und welchen Song von allen spielst du live am liebsten?

Uh...

Welcher wird denn nie langweilig, auch wenn man ihn schon 500mal gespielt hat?

Ich würde mal sagen „Nobody“, denn da steckt mehr dahinter als nur ein cooler Song. Ich habe den Song geschrieben, als ich mich auf dieses Cyber-Mobbing-Thema und besonders Mobbing eingelassen hatte, weil das da grad auf dem Höhepunkt war. Jeder will eine Auszeichnung, jeder will immer der Beste sein, jeder will Anerkennung, und das permanent. Da habe ich mich gefragt, wieso eigentlich. Wieso braucht man das? Da habe ich meine Sichtweise auf die Welt hinterfragt. Ich glaube der Wunsch, dass niemand gemobbt wird, ist nicht erfüllbar. Es ist möglich, ja, aber man kann nicht immer beeinflussen, wie andere Leute reagieren und sich verhalten. Aber du kannst beeinflussen, wie du dich verhältst und auf das reagierst, was die anderen machen. Der Song sagt einfach, man soll das alles mal aus einer anderen Perspektive betrachten.

Du schreibst ja die Lyrics und hast den größten Einfluss auf die Inhalte, sind die anderen damit immer einverstanden?

Also wenn es wirklich mal eine Diskussion gegeben hätte, kann ich mich grad nicht daran erinnern. Meistens lassen die mich da einfach ran und machen was ich will. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass sie mir mal gesagt hätten, dass ich was anderes singen soll. Sie sind meistens wirklich einverstanden und merken, dass ich, wenn ich das singe was ich fühle, ganz anders rüberkomme.

Eure Texte sind nicht nur sozialkritisch, sondern oft auch sehr persönlich, wie differenzierst du was du in die Texte packst und was du besser für dich behältst?

Starke Frage! Das ist echt schwierig, denn zum Beispiel auf dem neuen Album mit Songs wie „56“ oder „Delinelle“, die sind halt echt speziell für oder über bestimmte Personen geschrieben. Es gibt da draußen eine einzige Person, die weiß, wer oder was „Delinelle“ ist  nur diese Person weiß, dass der Song für sie ist. Genauso ist da nur eine Person, die die Bedeutung von „56“ versteht und deshalb weiß, dass der Song für sie ist. Aber gleichzeitig, wenn jemand die Lyrics liest oder mitsingt, können die das auf eine andere Person beziehen und das für sich interpretieren. Ich lasse viele Details weg, also es ist zwar eine persönliche Erfahrung, aber ohne die ganz deutlichen Kleinigkeiten, um es breiter zugänglich zu machen. So behalte ich die persönliche Erfahrung immer noch für mich allein und teile sie nicht komplett mit anderen. Aber gleichzeitig kann ich damit meine Gefühle ausdrücken.

Hast du da keine Angst, dass dich das Thema zu sehr packt und beschäftigt?

Das passiert mir immer und immer wieder, die ganze Zeit. Ich hab darüber heute erst wieder nachgedacht. So ein Song wie „56“ ist über eine Person geschrieben, die ich habe gehen lassen, aber jetzt, wenn ich den Song höre, kommt das wieder hoch und erinnert mich daran. Aber man findet sich dann Wege, um damit umgehen zu können.

Du bist ja Straight Edge. Beeinflusst dich das als Musiker, Songwriter, Bandmitglied...?

Ja, definitiv. Wir waren schon mit so vielen Bands unterwegs und da sind Leute, die sind in Bands und erlauben sich gemeinsam so vieles, ohne dass sie damit irgendwie Probleme haben. Und dann sind da andere Bands, die viel trinken und damit echt zum Alptraum werden. Ich bin irgendwie glücklich sagen zu können, dass STICK TO YOUR GUNS sowas vermeidet, jeder von uns ist Straight Edge. Ok, wir haben einen einzigen im Team, der das nicht ist. Als wir in Amsterdam waren, hat er natürlich auch ein bisschen was probiert, aber das interessiert oder stört uns nicht. Ganz im Gegenteil, wir haben ihm zu seinem Geburtstag dort sogar was ausgegeben.

Ähm ... ok ... also mit dieser Offenheit hab ich jetzt nicht gerechnet ...

*lacht*. Jedenfalls, ich würde nicht behaupten, dass es die Musik an sich beeinflusst, aber es hilft der Dynamik in der Band. Es ist einfach wie in einer Familie. Und bei den Leuten, die wir hier haben wenn du da Alkohol gibst, das wäre die Hölle! Es ist schon hart genug mit mir befreundet zu sein, da mag ich mir gar nicht vorstellen, wie das mit Alkohol oder Drogen wäre ...

Was dürfen wir 2018 von euch erwarten, worauf dürfen wir uns freuen?

Oh, wir haben richtig viele Pläne! Wir haben eigentlich schon bis Herbst alles geplant. Im Februar und März sind wir mit ARCHITECTS und COUNTERPARTS in den USA, dann steht was mit PARKWAY DRIVE ebenfalls in den USA an, kurz danach kommen einige Festivals. Und was wir dann im Herbst machen, entscheiden wir, wenn es soweit ist. Erstmal eine Tour nach der anderen!


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