OMELA - Sergey "Abrey" Abramov

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Russen mögen Populärmusik, schwere Klänge eher weniger, sie verstehen ernsthafte Musik nicht, da sie ihnen zu kompliziert und deswegen unangenehm ist. Dieses Musikverständnis wurde mental erschaffen, es ist ein Produkt des kommunistischen Regimes und dessen Politik. Und nun, wo all diese Dogmen der Vergangenheit angehören, bleiben die meisten Russen aus Trägheit bei ihren musikalischen Gewohnheiten.

Der Sänger der Band OMELA geht auf Bandgeschichte, Albenkonzepte, Inspirationen, Intentionen sowie die Co-Autorschaft der Hörer ein. Zudem gibt er erhellende Einsichten in viele Eigenheiten der russischen Metal- und Underground-Szene an sich sowie die meist fehlende Rezeption in Europa.

Veröffentlicht am 11.06.2018

OMELA sind eine einzigartige russische Folk/Metal/Rock Band, die ich seit etlichen Jahren mit Begeisterung verfolge, die aber leider hierzulande kaum jemandem bekannt ist. Seit einiger Zeit hatte ich schon die Idee, ein Interview mit Sergey „Abrey“ Abramov zu führen, der der Sänger und Gründer von OMELA ist, um zu versuchen, an diesem Zustand etwas zu ändern.

Das Resultat ist folgendes ausführliche Interview, in welchem Abrey unter anderem auf die Bandgeschichte, Albenkonzepte, Inspirationen und Intentionen des Schaffensprozesses sowie die Co-Autorschaft der Hörer eingeht. Weiterhin werden auch viele Probleme der russischen Metal- und Underground-Szene an sich angesprochen sowie die oft weitestgehend fehlende Rezeption russischer Musik in Westeuropa. Aber lest selbst!

Hallo Abrey! Vielen Dank erst mal, dass ich mit Dir dieses Interview führen kann! Ich hoffe, dass euer neustes Album „Khrustalnaya Storona“ („The Crystal Side”) gut aufgenommen wurde und dass noch mehr solcher großartiger Musik in Arbeit ist.

Da ich annehme, dass die Mehrzahl der Leser nicht mir OMELA vertraut ist: Kannst Du uns eine kleine Einführung geben, wer OMELA sind und was für Musik ihr spielt?

Hi Felix! Ich freue mich sehr, ein paar Worte über meine Band OMELA für all die Musikhörer in Europa schreiben zu können. Wir betrachten dieses Interview als guten Start für uns, um unsere Musik ausländischen Musikliebhabern nahezubringen!

Wir haben uns 2009 gegründet, meine vorherige Band BUTTERFLY TEMPLE gab mir die Inspiration und einiges an Erfahrung, um meine eigene Musik mit einer eher konzeptionellen Herangehensweise an Alben in einem neuen Projekt, OMELA (Mistelzweig), darzubieten. Ich weiß sicher, dass meine Hauptinspiration ein jedes Mal die großartige Natur und ihre Seele sind, sodass die Hauptidee hinter OMELA „die Worte von Natur und Seele, transformiert in die Musik des Herzens“ war und ist. Der Name OMELA wurde wegen der bezaubernden Form dieser Pflanze und ihrer reichhaltigen mythologischen Geschichte gewählt, ich musste darüber gar nicht nachdenken, da er quasi bereits von der wunderschönen russischen und finnischen Natur vorgesprochen war.

Die ersten Lieder OMELAs haben wir in das erste Album, „Viscum Album“, gepackt, das stilistisch extrem variabel ist und von sanftem Folk bis zu Heavy Doom reicht. Nun haben wir bereits vier Alben, die zwar alle voneinander verschieden sind, aber dennoch der Konzeption entspringen, die seit unserer „Geburt“ dieselbe ist – die Stimmen der Natur und der menschlichen Gefühle, die immer mit dem Geist der Natur koexistieren. Unser viertes Album, "The Crystal Side", zeigt dem Hörer all jene Stimmungen, die mit dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden sind; dabei geht es um Leben und Tod, Liebe und Trennung, Freude und Enttäuschung. Das Album erzählt vom Jahreszyklus und gleichzeitig vom Leben des Menschen als Ganzem, weswegen es das bisher konzeptionellste Album ist und wir daher empfehlen, es von vorne bis hinten in einem Mal durchzuhören. Mittlerweile konzentrieren wir uns auf unser neues Album, alle Songs sind bereits geschrieben, sodass wir uns nun auf die Veröffentlichung vorbereiten. Das neue Album wird Träumen gewidmet sein und allem, was damit zusammenhängt: Fantasien und unsichtbaren Hoffnungen. Wir arbeiten derzeit recht hart und haben im Januar unser Geburtstags-Konzert gegeben, da wir nun neun Jahre alt sind und es ein guter Zeitpunkt ist, eine neue konzeptionelle Arbeit zu beginnen.

OMELA ist mittlerweile ein Sextett: Nail Magzhanov – Schlagzeug, Alexander Strelnikov – Gitarre, Nikolay Kuzmenko – Bass, Fedor Vetrov – Viola, Alexander Goryanchikov – Flöte und ich – Gesang, Akustikgitarre und Perkussion. Diese Vielfalt an Instrumenten hilft uns dabei, unterschiedliche Stilrichtungen zu spielen, und wir nutzen diese Variabilität in all unseren Liedern, um die Verständnishorizonte unserer Hörer zu erweitern und zudem neue Elemente in all die Metal-Stilrichtungen einfließen zu lassen, die wir hören und mögen.

Also sind wir OMELA, eine einzigartige russische Band mit offenem Herz und Seele, wir sprechen mit der Natur und unsere Texte sind sozusagen ökologisch rein, ohne störenden sozialen Kontext.

Wie Du bereits sagtest, sind OMELA stilistisch sehr vielfältig – Das ist einer der Aspekte, die ich an eurer Musik so schätze. Dazu scheint ihr eine Gruppe sehr professioneller und erfahrener Musiker zu sein. Vor allem, wenn ich Deinen Gesang höre, habe ich den Eindruck, dass dem eine klassische Ausbildung zugrunde liegen dürfte. Was sind also eure musikalischen Hintergründe?

Unsere Band ist mit gelernten und professionellen Musikern perfekt “ausgestattet”, weswegen wir auch so viele unterschiedliche musikalische Bilder rüberbringen können. Unser Viola-Spieler Fedor ist ein klassischer Musiker und spielt im Russischen Symphonischen Orchester. Alexander, der Flötist, besitzt ebenfalls klassische Ausbildung, spielt Jazz-Konzerte mit verschiedensten Musikern und hat seine eigene Technik des Flötespielens mit Bitbox-Kombinationen entwickelt. Unser Gitarrist Alexandr Strelnikov ist ein Profi, der in gefühlt hundert russischen Heavy-Metal-Projekten mitwirkt, und er ist einer der besten Gitarristen Russlands. Er ist zudem der Endorser von AMT und ESP in Russland. Unser Drummer Nail hat eine Chor-Ausbildung und macht bei Konzerten immer mal Backing-Vocals. Alle unserer Musiker lieben eine Vielzahl auch extremer Stile, weswegen wir keine Probleme haben, diese Stile so zu vermischen, wie wir gerade wollen. Durch diese begabten Musiker haben wir die Möglichkeit, uns auf die emotionalen Tiefen der Musik zu konzentrieren und sie mit ganzem Herzen zu spielen. Was mich angeht, so habe ich keine professionelle Ausbildung, doch ich singe und schreibe Songs seit Kindheitstagen und habe jede Menge Übung und Inspiration von meinen Lieblingssängern, was mir dazu verhilft, meine eigene Gesangstechnik entwickeln zu können. OMELA als Ganzes ist keine Band, die eine Kopie einer anderen Rockband darstellt, sondern wir erschaffen unsere eigene Kultur und Emotionen, wir sind Experimentatoren mit Stimmungen und Gefühlen, OMELAs Musik ist nicht Musik, wie man sie womöglich haben will. Unsere Musik scheint eine Art Heilung für viele unserer Hörer darzustellen, sie ändert sich jedes Mal und gleichermaßen verändert sie auch unsere Hörer, denn unsere musikalische Entwicklung bleibt nie stehen. Wir leben – wir spielen. Wir werden einst weg sein – Die Musik wird hoffentlich bleiben.

Das erklärt auf jeden Fall den hohen Grad an Professionalität und den klaren Einfluss klassischer Musik, vor allem auf dem letzten Album. Und ebenso Deinen einzigartigen Stil. Das von Dir beschriebene Konzept ist auch etwas, das mir so noch nicht untergekommen ist. Es hat etwas sehr Poetisches. Was die Änderungen von Album zu Album angeht, stach „Amalgama Teney“ („Amalgamation of Shadows“) für mich etwas heraus. Nachdem ich "Aura" so geschätzt hatte, war ich vom Nachfolger ein wenig enttäuscht, da er mich nicht derart mitzunehmen vermochte. Ich habe das teilweise den damaligen Besetzungswechseln zugeschrieben, da es insbesondere beim Haupt-Gitarristen eine Änderung gab.

Kannst Du uns mehr über die Entwicklung OMELAs zu dieser Zeit und die speziellen Konzepte erzählen, die ihr mit euren Alben verfolgt?

OMELAs Musik ist im Allgemeinen die Musik der Stimmungen und Lebenserfahrung durch die Jahreszeiten und das Wetter. Die Hauptstimmung der Lieder wurde während der Entstehung immer dadurch beeinflusst. Daher sind für mich alle Lieder unterschiedlich und gleichermaßen lebendig, sie spiegeln unterschiedliche Zustände von Seele und Gefühl wider, und ich kann daher auch nicht sagen, dass ein Lied schlecht ist, weil es traurig ist, oder ein anderes Lied gut, weil es absolut freudig-positiv ist. Die Lieder entstehen im Lebensfluss, sie ändern sich ab und zu mit den Lebensumständen, aber sie leben auch in diesem Leben als Ganzem.
Und ganz abgesehen davon: Das ist kein Showbusiness, nicht Metal-Szene, nicht Rock-Show. Unsere Lieder sind unser Leben, weswegen es auch nicht sinnvoll ist, sie einer kritischen Analyse zu unterziehen – diese Lieder wurden uns von den Winden und den Sonnenstrahlen gegeben, sie sind, weil sie sind (in anderen Worten). Wir spielen unsere Musik, weil sie eine Lebensnotwendigkeit darstellt. Das zeigt sich auch bei den Konzerten: Wir spielen manchmal mehrere Stunden, einfach, weil wir es wollen, es ist unser Wunsch. Wenn wir in schlechter Stimmung sind, dann versuchen wir es, hören aber auf, wenn es nicht passt. Und dieses Prinzip gilt auch für die Zeit im Studio. Wir nehmen nicht auf, wenn die Lieder nicht zu unserem inneren Zustand, unserer Aufrichtigkeit passen. Das Hauptkonzept eines jeden Albums wird während des Aufnahmeprozesses gezeichnet, sozusagen “on-line”. Das ist gewiss schwer zu verstehen, viele Hörer sind eine solche kreative Aufrichtigkeit nicht gewohnt, viele sind erschrocken, wenn sie etwas Schönes und harmonisch Sanftes von uns hören – aber wir versuchen eben, eine Art eigener Kultur zu schaffen, und wir warten immer auf neue Zuhörerschaft, die das nachvollziehen möchte.
Und was „Amalgama Teney“ angeht, da denke ich, dass deine Zeit für dieses Album noch kommen wird. Dieses Album ist recht tiefgründig und hat alle Eigenheiten, die den Gefühlszustand in der Band vor “The Crystal Side” abbilden. Darüber hinaus sind alle Alben Teil eines großen Mosaiks, welches noch nicht vollendet ist. Und alle neuen Ornamente werden zusammen mit den Hörern erschaffen, da sie unsere Co-Autoren und Helfer sind. Es gibt nicht DIE eine konkrete Bedeutung eines Liedes, denn es ist letztlich eine Stimmung, wir geben nur einen Anreiz, einen Hinweis fürs Denken und Verstehen. Daher kann man jeden Song so interpretieren, wie man will, und ist dennoch immer auf dem richtigen Weg – das ist ein Allgemeingut, und Du kannst langsam hindurchgehen, so schnell wie möglich rennen, oder aber stehen bleiben und starren. Wie auch immer Du willst. Das ist also das Hauptkonzept: Die Freiheit von Seele, Gefühl und Gedanken.

Das hört sich für mich nach einem sehr bewussten, natürlichen und aufrichtigen Prozess an, der ein spezielles Level an Kommunikation und Verständnis innerhalb der Band voraussetzt.

Ihr habt ja kein richtiges Label, soweit ich weiß, sondern habt die letzten beiden Alben in Eigenregie veröffentlicht. Ist die Freiheit, von der Du sprichst, ein Grund dafür? Wollt ihr diese auch bezüglich eurer kreativen Outputs bewahren?

Ja, wir haben kein richtiges Label, und das ist irgendwie historisch so gewachsen, eigentlich seit dem ersten Tag unserer Existenz. Von Anfang an wussten wir, dass unsere Art des Songwritings und Komponierens nicht einfach genug ist, und zudem haben wir auch überhaupt nicht über irgendwelche kommerziellen Ziele oder Resultate unseres kreativen Outputs nachgedacht. Wir schauen immer auf die aufrichtige Seite unserer Musikerfahrung, die nicht mit Showbusiness und Trends verbunden ist. Außerdem ist das Label-System in Russland nicht gerade optimistisch stimmend. Ein Album auf einem russischen Label zu veröffentlichen, heißt nicht wirklich viel. Die unabhängigen Labels und insbesondere die für uns infrage kommenden machen kaum Werbung für ihre Künstler. Für gewöhnlich gibt es kaum Zusammenarbeit oder gar kreativen Input seitens der Labels, und angesichts dessen gibt es unsererseits kein Interesse, ein Album unter solchen Bedingungen zu veröffentlichen. Nur größere Labels machen etwas für die Promotion ihrer Künstler, aber da wären wir auch schon bei einem anderen Aspekt der Musiktrends angekommen. Unsere komplexe Musik ist nicht beliebt genug, um überhaupt über ein größeres Label reden zu können, was an sich natürlich schade ist. Demzufolge macht es für uns kaum einen Unterschied, ein Album auf einem Indie-Label oder selber zu veröffentlichen – das Ergebnis ist immer dasselbe. Wir machen das, was wir wollen, aber wenn wir unser Album selber veröffentlichen, dann haben wir viel mehr Möglichkeiten, weil die ganze Produktion von Anfang bis Ende ganz in unserer Hand liegt, was wir letztlich auch sehr schätzen. So können wir auch die höchste Qualität eines jeden Produktionsschrittes gewährleisten. Es gibt also keine Produzenten, Direktoren oder andere "-oren". Wir sind absolut frei, was uns in unserer Kreativität wirklich unabhängig macht!

Das stimmt gut mit meinen Beobachtungen in Bezug auf russische Bands und Labels überein. Es wird nicht viel Promo-Arbeit geleistet, auch nicht in Westeuropa oder gar den USA. Als Resultat dessen sind die meisten russischen Bands den europäischen Hörern äußerst unbekannt, selbst Pop-Rock- und Folk-Künstler wie MELNITSA und PELAGEYA. Seltene Ausnahmen sind ARKONA und, bis zu einem gewissen Grade, z. B. ALKONOST.

Was sind Deine Gedanken und Beobachtungen zu diesem Thema? Und kannst Du uns westlichen Hörern einen gewissen Überblick über die russische Szene geben?

Unsere heimische Musikszene ist sehr speziell und eigenartig. Sie wurde von modernen Pop-Künstlern und deren Produzenten komplett gekillt. Eigentlich war die Geschichte unseres “Showbusiness“ von Anfang an dieselbe. Rock und Heavy Metal waren in Russland IMMER Untergrund, und das ist das Hauptkennzeichen von Rock und Metal hierzulande. Und dieser Untergrund ist ein sehr TIEFER, mit allen Konnotationen dieses Begriffes. Es gibt keinen Rock oder Metal im Radio, im Fernsehen oder der Presse, es gibt keine ernstzunehmenden Heavy-Metal-Labels, die ihre Bands wirklich unterstützen. Und es gibt seitens des Hauptteils der Russen kein Interesse an Heavy Music. Pop, Rap, Ska und Hip Hop sind überall, und genau das bringt russischen Künstlern und deren Produzenten Erfolg. Das beschreibt die hiesige Musikkultur recht gut, und es ist natürlich auch historisch so gewachsen. Russen mögen Populärmusik, schwere Klänge eher weniger, sie verstehen ernsthafte Musik nicht, da sie ihnen zu kompliziert und deswegen unangenehm ist. Dieses Musikverständnis wurde mental erschaffen, es ist ein Produkt des kommunistischen Regimes und dessen Politik. Und nun, wo all diese Dogmen der Vergangenheit angehören, bleiben die meisten Russen aus Trägheit bei ihren musikalischen Gewohnheiten. Sie sind nicht bereit für eine neue Kultur des Hörens und Verstehens. Nur ein kleiner Prozentsatz beschäftigt sich mit dem Verständnis ernsthafter Musik. Für die meisten anderen ist Musik nur ein Hintergrundgeräusch, eine Versammlung verschiedener, leerer Klänge. Daher können wir nicht von russischer Heavy-Metal-Musik als Massentrend reden.

Die Vielzahl unserer Künstler und Musiker geht mit dem Flow, anstatt dass sie die Gesetze musikalischen Unverständnisses zu brechen versuchen. Sie werden lieber Teil der indifferenten, grauen Masse und sind bereit, den seelenlosen Scheiß zu schreiben, zu spielen und zu singen, nur um Geld zu verdienen und den Gipfel des Mainstreams zu erreichen. Unsere aufrichtigen Musiker machen ihre Musik unter häufig sehr schweren sozialen und finanziellen Bedingungen, fast nur zum eigenen Vergnügen, investieren darin ihr eigenes Geld, ohne die Hoffnung auf ernsthaften finanziellen Profit. Die Musik ist deren Leben, und sie wissen nicht, wie sie ohne diese leben könnten. Und für solche Leute gibt es dann auch wieder verschiedene Wege. Manche versuchen, auf den Trend der europäischen Szene aufzuspringen, werden Klone europäischer Bands, um kommerziellem Erfolg näherzukommen. Andere spielen nur Coverversionen, haben keine eigene Musik und auch kein eigenes Gesicht. Andere wiederum fangen an, in Pop-Bands zu spielen, um Geld zu verdienen. Viele Fans sind daher von der russischen Musik extrem enttäuscht und sind fast nur noch an Konzerten im Ausland oder ausländischen Bands interessiert. Und niemand weiß, wie man diese Art Massenhypnose ändern könnte. Aber wir probieren es. Wir suchen. Wir werden es weiterführen.

Trotz all der Misserfolgserlebnisse in der Rockmusik versuchen wir, unsere Zuhörerschaft wachsen zu lassen und unseren eigenen Stil musikalischer Mittel und damit Musikkultur aufzubauen. Wir nehmen nicht am Wettstreit um Geld teil, wir suchen nach schönen Melodien und farbreichen Lyrics, und das alles macht uns unabhängig und kraftvoll, auch vor dem Hintergrund der komplizierten Umstände unserer Existenz. Wir machen unsere Musik in erster Linie ganz für uns selbst, um unsere Emotionen, Gefühle, Zuneigung und Liebe zu bewahren. Wir haben recht viele Anhänger in Russland, und das gibt uns Hoffnung, dass wir diese Welt besser und sauberer machen können. Und wir hoffen natürlich auch, dass wir die beschriebene Situation eines Tages ändern werden können. Wir sind natürlich auch auf der Suche nach ausländischen Hörern. Wir haben denen gewiss eine Menge zu sagen. Und wir wollen gehört werden. Die internationale Sprache der Natur wird uns dabei sicherlich helfen. Wir warten auf die Veränderungen.

Dies sind sehr erhellende Einblicke! Interessanterweise widerspricht das ein wenig meinem bisherigen Eindruck von der russischen Rock- und Metalszene. Das liegt sicher auch daran, dass ich in den fünfzehn Jahren, die ich nunmehr verstärkt russische Musik höre, über dermaßen viele gute Bands gestolpert bin. Es fing alles irgendwie mit ein paar ukrainischen Folk/Black-Metal-Bands wie NOKTURNAL MORTUM, KRODA und DRUDKH an, dann folgten u. a. ARKONA, BUTTERFLY TEMPLE und VRATA TMY. Später dann kamen noch unter anderem MELNITZA, SAMODIVA, JAROS, KRYNITZA, NEVID, OMELA und KARTIKEYA hinzu. Und ich dachte eigentlich immer, dass auch Rock-Bands wie KOROL I SHUT, KINO, AQUARIUM etc. noch eine große Anhängerschaft haben, obwohl alle klar „russisch“ blieben. Zumindest meinem Eindruck nach…

Alles, was ich geschrieben habe, ist meine subjektive Meinung. Ich sehe die Situation auf diese Art, und die Wahrheit liegt sicherlich irgendwo zwischen meinem und deinem Gesichtspunkt. Und das ist ja auch nur natürlich. Ich schaue von dem Punkt aus, wo ich lebe, und die Realität ist nicht so positiv, wie Du sie von der anderen Seite aus betrachtest. Aber vielleicht idealisiere ich auch ein wenig die europäische Metalszene.

Der Großteil der russisch singenden Bands wird wegen der russischen Texte als “Russischer Rock” bezeichnet. AQUARIUM, KINO und KOROL I SHUT werden so kategorisiert, und True Rocker mögen diese Bands nicht. Das ist ein weiterer Kulturkonflikt, und wenn man ein Sänger russischer Texte ist, kann man plötzlich das Hassobjekt von True-Rock-Fans werden, nur wegen der russischen Texte. Und es gibt da noch eine andere Seite des Problems: Viele Russen mögen ihre eigene Sprache nicht – es ist für mich ein Paradoxon, aber das ist die Realität. Meiner Meinung nach muss man sich nicht schämen, eine russische Rock-Gruppe zu sein, da ich hier lebe, dies mein Mutterland und meine Muttersprache ist. Ich spreche zu meinen russischen Mitmenschen, offenbare denen meine Seele. Aber es gibt viele, die das anders sehen. Das ist ein riesiges Dilemma, seltsam und unwirklich. Aber es ist das andere Problem unserer Musikkultur.

Ich glaube da ja eher Deinem Narrativ als meinem noch subjektiveren Eindruck aus der Ferne. Aber allgemein ist der Eindruck „hier“, dass es eine Menge qualitativ hochwertiger Bands aus Russland gibt. Zumindest bei den wenigen Leuten, die russische Musik hören und dieses Land mittels Musik zu entdecken begannen.

Habt ihr einen speziellen Plan, die europäische Metalszene bzw. Musikszene allgemein zu erreichen? Englischsprachige Infos über eine Website, Liedtitel und übersetzte Lyrics wären da ja sicher ein Schritt, wenngleich ich finde, dass eure Musik und Kunst generell Sprachbarrieren transzendieren.

Natürlich ist für uns der direkteste Weg in die europäische Musikszene der Vertrieb unserer Alben in Europa – aber auch und vor allem Live-Auftritte, denn die sind die reinste Kraft und ein Schwung von Emotionen, die wir den europäischen Hörern zu bieten haben. Ich weiß sehr sicher, dass wir dort vielen Hörern einiges geben könnten. Eigentlich ist unser geringer Vertrieb in Europa durch unseren Untergrund-Status in Russland begründet. Wir werden in Russland von keinem Label unterstützt, mit Ausnahme vielleicht von Sound Age Productions, aber die haben auch nur eines unserer Alben veröffentlicht. Aber vielleicht hilft uns das dennoch, die europäische Szene zu erreichen, aber nicht nur die des Heavy Metal, da unsere Musik doch etwas weiter geht, als nur “hard and heavy“ zu sein, und wir durchaus eine Chance haben, außerhalb dieser Genres gehört zu werden. Und natürlich hoffen wir auch darauf, dass einige wohlgesonnene europäische Hörer unsere Musik über das Internet verbreiten werden. Wir verstecken unsere Musik nicht, das Internet ist für uns ein freier Platz! Gewiss ist OMELA eine sehr russische Band, aber wir haben eine internationale Sprache, die der großartigen Natur und deren Mythologie, die Sprache des Gefühls und des tiefsten Verständnisses für die inneren Stimmen, die keine Sprachbarrieren kennen. Daher sind wir uns sicher, dass wir in allen Sprachen der Welt verständlich sein werden und eines Tages die Chance haben, das auch wirklich sagen zu können!

Danke für Deine Aufrichtigkeit und die detaillierten Antworten! Ich werde jedenfalls mein Bestes tun, um eure Arbeit in Europa bekanntzumachen und ich hoffe, dass ihr auch einen spezifischen Plan habt, das zu erreichen! Wir nähern uns dem Ende dieses umfassenden Interviews, ich darf mich für all die Einsichten in diese Themen bedanken!

Schließlich bin ich sehr an euren Kontakten in der russischen Szene interessiert. Mit welchen Bands und Künstlern kooperiert ihr, was sind eure Lieblingsbands, die ihr europäischen Hörern empfehlen wollt?

Wir haben im Laufe unseres Bestehens eine Menge Bands und Personen kennengelernt. Wir haben die Freundschaft mit BUTTERFLY TEMPLE und PUT SOLNCA über die Zeit aufrechterhalten, manchmal spielen wir wieder Gigs zusammen und haben eine gute Zeit. Unser Gitarrist Alexander Strelnikov spielt auch bei SVARGA Gitarre, daher sehen wir uns häufig und unterhalten uns mit den Jungs. Es gibt also viele klasse und nette Bands, mit denen wir in Moskau und auch anderen Ländern zu tun haben: ARKONA, KALEVALA, RELICT, DREVEN, YADRITSA und viele andere. Und abgesehen davon haben wir immer viel Freude daran, mit unseren Hörern in Kontakt zu bleiben und zusammenzuarbeiten, denn sie sind für uns die größte Kraft, die man sich vorstellen kann. Es gibt unter ihnen so viele talentierte Leute, Musiker, Künstler, Maler, Schreiber, Bildhauer, und es ist uns eine große Bereicherung, mit ihnen Kontakt zu haben und sich auszutauschen, weiser und stärker zu werden durch ihre Kraft, ihr Wissen. Daher lieben wir sie wirklich alle und sie sind uns Freunde und Unterstützung.

Seid willkommen auf unseren Konzerten, und ihr werdet es in aller Schönheit und Farbe sehen, wie wir auf Russisch sagen!

Also vielen Dank für deine Fragen, Dein Interesse an unserer Musik! Ich denke, dass dieses Interview ein toller Startpunkt für OMELA und die europäischen Hörer ist! Keep on rocking, und ich hoffe, dass wir uns bald auf einem unserer Konzerte sehen! Viel Glück und Prost von allen OMELA-Musikern! OMELA für alle, tschau!


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