KENT NIELSEN - Kent Nielsen

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Ich hoffe einfach, dass ich den Leuten, die vielleicht einen beschissenen Arbeitstag hinter sich haben, ein wenig Freude bringen kann. Das ist es schließlich was Folksänger und Geschichtenerzähler seit Jahrhunderten machen.

Was wurde eigentlich aus den Punks von früher? Stormbringer spürt einige auf, die nicht in alten Zeiten schwelgen, sondern neue Geschichten zu erzählen haben!

Veröffentlicht am 02.11.2018

Stormbringer beschäftigt sich diese Woche vermehrt mit dem Punk-Genre! Mit Kent Nielsen haben wir einen interessanten Vertreter ausgemacht, der erstaunliche Geschichten zu Herbert Grönemeyer, CALEXICO, Alpha Comics, seinem neuen Buch "Wie aus mir kein Tänzer wurde" und vielem mehr liefert!


Kent, du tourst gerade mit einer Ukulele bewaffnet durch Europa. Zu deiner CD kommen wir später: Erzähle uns doch kurz ein wenig über deine Biografie, etwas, das man nicht unbedingt aus dem offiziellen Pressetext oder deinem neuen Buch entnehmen kann. Bist du noch immer dänischer Staatsbürger? Was trieb dich nach Deutschland?

Fangen wir mit der zweite Frage an: Ich kam am 01.02.1988 nach Deutschland, meine damalige Band war ohnehin andauernd auf Tour südlich der dänisch/deutschen Grenze, also dachte ich mir kann ich auch gleich ganz gehen. Außerdem gefiel es mir in den deutschen AJZs und autonomen Zentren eh besser und die Möglichkeiten zu touren waren viel umfangreicher. Seit 2016 habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft, 2015 gab auch endlich die dänische Regierung ihren Wiederstand dagegen auf. Meine alte abzugeben um die neue zu kriegen wollte ich nicht, aber die doppelte finde ich schön. Wobei, wenn ich heute nach Dänemark zurück gehen würde (was ich mir nicht vorstellen kann), dann würden die mich erstmal in einen Integrationskurs stecken.

Ende 2016 hast du dir einen alten Traum erfüllt. Mithilfe von Crowdfunding, hast du dein erstes Album „Shotgun Seat DJ“ veröffentlicht. Das Genre ist als Roots-Rock gefärbter Folk-Punk beschrieben. Heutzutage werden die wenigsten Jugendlichen mit diesen Begriffen etwas anfangen können. Wieso war es dir so wichtig, offiziell ein Album mit diesen Genres auf den Markt zu werfen?

Ich höre zwar fast jegliche Art von Musik, aber die beiden Eckpfeiler von meinem persönlicher Geschmack ist Punk Rock und 80s Hardcore auf der einen Seite und Roots Music (Singer/Songwriter, Folk, Country, Bluegrass) auf der anderen. Zwischen diesen beiden Pole bewege ich mich musikalisch. Schätze das ist der Grund.

Stefan Kletetzka von DEEP RIVER hat sich am Songwriting beteiligt. Wie habt ihr eure Vorstellungen abgestimmt und letztendlich umgesetzt. Gab es manchmal auch Schwierigkeiten?

Stefan und ich sind in musikalischer Hinsicht so etwas wie Brüder im Geiste. Zum einen gründeten wir zusammen die Band ONE BAR TOWN, in der wir 13 Jahre zusammen spielten. Aber schon davor traten unsere, respektive Vorgänger - Bands THE LEROYS (ich) und HITCHIN' POST (Stefan) öfters zusammen auf, und wir unterstützten uns wo es nur ging. ONE BAR TOWN  ist zwar inzwischen auch Geschichte, aber wir schätzen uns nach wie vor sehr und arbeiten gerne zusammen, wenn die Zeit es erlaubt. Außerdem ist Stefan einer der besten Musiker, mit denen ich je das Vergnügen hatte zu schreiben und so eine Partnerschaft will gepflegt sein.

Auf „Shotgun Seat DJ“ sind auch George Whitfield (FIDDLEBOX, ex-PRESSGANG) und Martin Wenk (CALEXICO, BOSSE, JUDITH HOLOFERNES) als Musiker beteiligt. Wie kam es dazu?

George war früher mit seiner Band PRESSGANG bei meinem Label Twah! unter Vertrag, bei dem Stück 'PlatformNo. 3' "hörte" ich von Anfang an Whistle und Akkordeon und da war er die erste Adresse, er sagte auch sofort zu und nahm das ganze bei sich zuhause auf, was mich unheimlich freut. Bisher haben wir es nur einmal geschafft das Stück gemeinsam live zu spielen, bei einem Benefiz Konzert für Ärzte ohne Grenzen in Bristol. Bei Martin Wenk verhielt es sich ähnlich, wir wollten ihn schon vor Jahren für ein ONE BAR TOWN Album gerne dabei haben, damals klappte es nicht. Aber diesmal, was mich ebenfalls sehr stolz macht.

Du hast auch mal bei einem Record Label gearbeitet. Wofür warst du verantwortlich? Welche Genres wurden vertreten und was ist aus dem Label geworden?

Mein eigenes Label Twah! existierte von 1989-2004, anfangs war es ein Punk Label, wurde aber schnell zum Rootslabel mit Bands wie: PRESSGANG, SHOW OF HANDS, THE MEN THEY COULDN'T HANG, THE JOHN DOE THING, MICK THOMAS & THE SURE THING u.v.a. (Nachruf/Geschichte unter www.twah.com), von 2001-2004 lizensierte ich das Label an die dänische Diehard Music Label Gruppe und baute gleichzeitig Ihr deutsches Büro auf. Metalfans wird das Label vermutlich ein Begriff sein wegen Bands wie: GROPE, KONKHRA, ARTILLERY, BLACK, LADY LUCK, STURGEON GENERAL, HEATFARM; COSMONKS, usw.

„Folk-Punk“ ist übrigens ein sehr interessanter Begriff, wenn man sich vor Augen führt, welche Werte hinter den zusammengesetzten Worten stecken. Folk sollte doch eher aus konservativem Hause stammen und eine gewisse Landesverbundenheit repräsentieren, ist in englischsprachigem Raum oft eng mit „Patriotismus“ verbunden. Punk sollte sich selbst erklären, ist kurzgesagt ein Ruf nach Freiheit, richtet sich gegen Establishment und staatliche Organisationen, ideologisch linksgerichtet. Wo positioniert sich ein Folk-Punker oder wie definiert er sich abseits musikalischer Strukturen?

Das sehe ich völlig anders. Man darf hier nicht Volksmusik mit Folk verwechseln, wobei es natürlich Überschneidungen gibt und geben darf. Für mich ist Folk in aller seine Schattierungen (Celtic, Bluegrass, Country usw.) seit jeher die Musik der kleinen Leute gewesen. Was auch eins der Gründe dafür ist, dass viele Leute aus der Punk & Hardcore Szene irgendwann auch mit akustischen Instrumente rumhantieren (und weil Punk Rock zu laut wird mit dem Alter). Fast alle Musiker auf Twah! hatten eine Vergangenheit in Punk oder Indie Bands. Mir ging/geht es ja auch nicht anders. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, Folk Metal Bands wie SUBWAY TO SALLY oder IN EXTREMO in die gleiche Ecke wie Bayrischen Volksmusikanten einzusortieren. Trotzdem, klar passiert es mal, dass man irgendwo hinkommt als Musiker und sofort merkt, dass man hier wohl eher der Paradiesvogel ist. Was auch ziemlich ermüdend sein kann.

Aktuell wird man in vielen Teilen der Welt medial so mit politischen Themen überflutet, dass man meinen könnte, große Teile des Volkes wären übersättigt und würden sich deshalb nicht mehr mit tiefgründigeren gesellschaftlichen Themen beschäftigen wollen. Die Spaß- und Partyindustrie mit digitalen Selbstvermarktungsmöglichkeiten wie Facebook und Youtube ist zu einer Art Sekte geworden, die dem Nachwuchs aktuell die besten Fluchtmöglichkeiten bietet. Müssen wir deiner Meinung nach alle einen Unterschlupf vor dem modernen Wahnsinn suchen oder doch tiefer in die Politik einsteigen und selbst aktiv werden?

Definitiv letzteres. Dies sind keine Zeiten in dem man sich erlauben kann, keinen Standpunkt zu haben. Das muss nicht die gleiche Meinung sein wie meine, Hauptsache es ist eine und Hauptsache man fängt nicht an, die Nazis zu wählen, nur um "denen da oben eins auszuwischen". Jeder mit ein wenig Grips weiß, wo und wie das enden kann!

Am 1. November 2018 erscheint beim Ventil Verlag dein Buch „Wie aus mir kein Tänzer wurde“. Deine Lesungen lockerst  du mit Songeinlagen auf der Ukulele auf. Was können Besucher deiner Shows für sich mit nach Hause nehmen?

Ich bin ein Musiker der zufällig ein Buch geschrieben hat (und nicht umgekehrt) und in erster Linie bringe ich gerne nette Menschen zum Lachen, mit meinen Geschichten und Anekdoten zwischen den Songs. Was nicht heißen soll, dass ich Kasperle Theater betreibe. Es kommt auch immer öfters vor, dass Menschen auf meine Konzerte während bestimmter Songs weinen, einfach weil sie sich in meinen Geschichten wiedererkennen. Ich bin zutiefst dankbar für beide Reaktionen. Ich hoffe einfach, dass ich den Leuten, die vielleicht einen beschissenen Arbeitstag hinter sich haben, ein wenig Freude bringen kann. Das ist es schließlich was Folksänger und Geschichtenerzähler seit Jahrhunderten machen.

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Fehlt uns alles heute die Erfahrung des Erzählens und aktiven Zuhörens? Ist es unter Umständen keine Frage des Intellekts, eine  ruhigere Veranstaltungen zu besuchen, bei der es um das Sprechen, konzentriertes Zuhören und Beisammensein geht? Macht sich vielleicht ein Mangel an Zusammengehörigkeit in uns bemerkbar?

Sehr interessante Frage und ich denke ja. Durch den medialen Overkill haben viele von uns tatsächlich inzwischen eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Ich merke es auch bei mir selbst, ich war früher ein leidenschaftlicher Leser von Büchern, die Konzentration, die man dafür benötigt, ist mir aber inzwischen fast abhanden gekommen und ich muss mich wirklich zwingen, bei einem Buch dran zu bleiben und es zu Ende zu lesen.

Du hast also einiges zu erzählen. Im weitesten Sinne rebellisch waren auch vor einigen Jahren die Veröffentlichungen des Berliner „Alpha Comics Verlag“, der beispielsweise Meisterwerke wie „Das Selbstmordparadies“ von Katsuhiro Otomo (AKIRA) oder „Maus“ von Art Spiegelmann auf dem Markt brachte, aber auch ein paar erotische und pornographische Werke, die tragischerweise zu Beschlagnahmungen von Comics, Verurteilungen der Verleger und Schließung des Verlages führte. Ich habe deinen Namen in Verbindung zu Alpha Comics gelesen. Was war deine Rolle damals?

Als es zu demm genannten Prozess Anfang der 90er kam, hatte ich einen Partner, der u.a. das deutschsprachige Label Plattenmeister betrieb (FISCHMOB, FLUGSCHÄDEL usw.). Bin mir nicht mehr ganz sicher, wie der Kontakt zum Alpha Comic Verlag zustande kam. Auf alle Fälle brachten wir die Doppelt CD und Vierfach-LP "Zensur" als Benefiz Projekt für den Verlag heraus. Auch Leute wie HERBERT GRÖNEMEYER und DIE ÄRZTE waren dabei. Da ich selber Comic Fan bin, war es sowieso eine gute Sache, auf die ich bis heute stolz bin. Wobei mein Partner da schon eher die Vision hatte, das Mammutprojekt aus dem Boden zu stampfen.

Zurück zur Musik. Jetzt koppelst du noch eine Single Namens „Star WarsDiaries“ aus. Wovon handelt der Song?

„Star WarsDiaries“ ist ein Song, den ich zumindest ein Stück weit für eine ex-Freundin schrieb. Also eher ein Liebeslied im klassischen Sinne. Er handelt gewissermaßen von Fernbeziehungen, was einer der Gründe dafür ist, dass wir nicht mehr zusammen sind, da wir wirklich sehr, sehr weit auseinander wohnen. Die Beziehung dauerte drei Jahre, befreundet sind wir aber seit 1985 und das darf auch gerne so bleiben.

Wäre es für dich interessant, irgendwann erzählte Geschichten im Wechsel mit Liedern auf einem Tonträger zu veröffentlichen? Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Ich denke nein, so spannend ist meine Erzählstimme nicht, dass jemand sich das ins Regal stellen würde. Der Ventil Verlag und die Leute vom Ox Fanzine wollen gerne, dass ich Podcasts mache, werde ich bestimmt auch. Aber ich denke, das Lesen funktioniert eher  live. Ich besitze auch kein einziges Hörbuch, weil ich davon immer einschlafe.

Kent, vielen Dank für deine Geschichten und Anekdoten! STORMBRINGER zieht bekanntermaßen die besten Stories an Land, also sehen wir uns bestimmt wieder!

Ich habe zu danken für Euer Interesse und weiterhin viel Erfolgt mit Strombringer.


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