NIGHTBEARER - Michael V Torka

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Musik ist für mich mehr als die Summe ihrer Teile. Fünf super Musiker aus super Bands, die eine Supergroup formen, können durchaus super seelenlosen Müll produzieren - und das tun sie meistens.

Was lange währt, wird endlich gut! Schon vor dem Release ihrer Debutscheibe standen wir mit NIGHTBEARERs Frontmann Michael V Torka in Bezug auf ein Interview im Austausch. Was die ausführliche Korrespondenz über Zuckerguss und Frauen im Metal zu Tage fördert, lest ihr hier!

Veröffentlicht am 04.02.2020

Das Jahr 2019 endete mit einer langen Liste hochkarätiger Veröffentlichungen im Death Metal, vorwiegend im oldschooligen und HM-2-lastigen Bereich nach schwedischer Rezeptur. Unter den vielen Releases, die man mit zwei Ohren und einem Denkwerk dazwischen kaum erfassen kann, schaffte es das Debut der deutschen Elchverehrer NIGHTBEARER - "Tales Of Sorcery And Death“ - kurz vor Torschluss auf unsere Radare und sicherte sich aus dem Stand einen verdienten Platz in der angesehenen Vier-Punkte-Liga. Was den Death Metal der nordrhein-westfälischen Truppe mit BLIND GUARDIAN, Fantasyliteratur und Co. verbindet, warum Supergroups nicht selten Super-Murks abliefern und wie man auch ohne höhere Mathematikkenntnisse eine Top-3-Liste mit zehn hochwertigen Alben ausfüllen kann, erfahrt ihr in unserem Interview mit NIGHTBEARERs Stimme Michael V Torka!

Hi Michael! Wie geht es dir und was läuft so gerade bei euch?

Moin gen Süden! 2020 ist gerade gestartet und, naja, man kennt das ja, schon geht es rund mit Terminen aller Art; allerdings eher privater und beruflicher Natur. Nach dem Release des Debut-Albums (inkl. Release-Show) im Dezember 2019 haben wir uns eine kleine Pause genommen, was aber hauptsächlich an den Feiertagen/Silvester lag. Jetzt sammeln wir unsere Power und fokussieren uns auf die Shows, die im ersten und zweiten Quartal anstehen.

Bitte gib uns eine kleine NIGHTBEARER-Geschichtsstunde! Wie lange gibt es euch, woher stammte die Idee zur Band und zum Konzept dahinter?

Vor knapp drei Jahren, also 2017, haben Dome und ich, eher aus Spaß und für uns, mit dem Projekt NIGHTBEARER (damals noch namenlos) angefangen. Es lagen bei uns beiden - ohne dass wir gegenseitig davon wussten - Riffs und ganze Songs herum, die bisher ungenutzt waren und an denen wir beide dann einfach mal etwas geschraubt haben. Ziemlich schnell war klar geworden, dass nur ein einziger Gitarrensound für dieses Projekt in Frage käme. Also schnell das HM-2 vom Altar geholt und aufgenommen...und da ich mir schon geraume Zeit zuvor den Namen "NIGHTBEARER" für diese Songs zurechtgelegt hatte, schlug ich diesen vor. Kaum ausgesprochen, war er abgesegnet und ich drauf und dran das Logo auszuarbeiten. Das Konzept ist durch die Liebe zur Horror- aber v.a. Fantasyliteratur und Pen&Paper Rollenspielen bestimmt...zudem beruht es darauf, dass Dome und ich große BLIND GUARDIAN Fans sind. Da die jedoch keinen Old School Death Metal spielen, müssen wir es halt tun, haha!

Habt oder hattet ihr beide auch andere Bands?

Tatsache, Dome und ich haben bereits ein paar Jahre zusammen Musik gemacht (vorrangig mit der Melo-Death Band DESPISED, wo wir beide auch maßgeblich für das Songwriting zuständig sind und woher wir auch unseren Christian rekrutiert haben), darüber hinaus singt Dome seinerseits noch bei HATE FORCE ONE, wo Manu ebenfalls trommelt und Oempfi Bass spielt. Du siehst also, wir haben uns bei unseren anderen Bands bedient, was die Mitmusiker angeht. Wieso auch nicht? Schließlich muss es menschlich auch passen. Ach ja, um es vollständig zu haben: Zudem leihe ich BLOODWORK seit 2011 meine Stimme, ohne aber am kreativen Schaffen beteiligt zu sein und habe mit SCHLACHTUNG! eine auf Eis liegende Grind/Crust/Black/Death-Geschichte am Start. Herzblut und Fokus liegen bei allen Beteiligten derzeit aber bei NIGHTBEARER, wenn ich das mal so behaupten darf, sowohl live als auch beim Songwriting.

Meinen Glückwunsch zu eurem Debut „Tales Of Sorcery And Death“! Wie ist die Resonanz im Allgemeinen? Seid ihr zufrieden mit dem Erreichten?

Danke! Im Großen und Ganzen ist die Resonanz erneut (wie bei der EP "Stories From Beyond") ziemlich positiv. Besonders freut es uns natürlich, wenn man - wie bei euch - merkt, dass sich tatsächlich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt wurde, bevor man seine Meinung nach außen vertritt. Wenn dann das Feedback auch noch derart positiv ausfällt, wie bei euch, umso besser. Mit Testimony Records im Rücken haben wir natürlich eine Menge mehr Print- / und Webzines erreichen können. Was man jedoch recht schnell vergisst, ist, dass die Rezensenten dort auch nur Musikkonsumenten sind; zwar mit hoher Reichweite, aber in ihrer Rezeption genauso subjektiv wie du und ich. Daher freue ich mich über jedes Feedback, egal von wem es kommt und daher gewichte ich das eines haupt- oder nebenberuflichen Musikjournalisten auch nicht stärker als das der Leute, die unsere Platte hier oder da gehört, bestenfalls sogar erworben und damit die Nachbarn genervt haben...und gerade von Letztgenannten, von den reinen "Konsumenten", haben wir so unglaublich viele positive Worte erhalten, dass ich nachhaltig rot geworden bin. Dass wir bei mehr Leuten als ich an den Händen abzählen kann (Mathe war nie meine Stärke) sogar in den TOP-Listen 2019 gelandet sind, gehört auch hierzu...irre!

In Sachen Produktion habt ihr nichts aus der Hand gegeben und nichts dem Zufall überlassen – wie dicht kommt das Ergebnis an eure Vorstellungen? Wie konkret waren diese im Vorfeld und was waren eure Ziele?

Hier überlasse ich das Wort Dome, da ich außer produktiver, konstruktiver (ggf. zuweilen penetranter und enervierender) Kritik nicht viel zur Produktion im Sinne des Recordens/Mixens/Masterns getan habe:

Dome: Unsere Vorstellungen zu Beginn der Produktion waren sehr konkret, aber auch ziemlich ambivalent. Zum einen hatten wir natürlich die Sounds der Alben der großen Bands im Ohr und wollten ein ähnlich gutes Ergebnis, zum anderen war uns auch Eigenständigkeit wichtig. Unser Anspruch ist nicht, etwas möglichst gut zu kopieren - sei es Songwriting oder Sound - sondern die besten Zutaten als Inspiration rauszuziehen und alles auf die für uns logische nächste Stufe zu hieven. Ich glaube, im Endresultat ist uns dies, was den Sound betrifft, meinen begrenzten Möglichkeiten entsprechend gelungen [lacht]. Beim Drumsound waren uns Natürlichkeit und Punch wichtig sowie gut hörbare Becken. Ich finde es immer sehr schade, wenn die Becken auf Metalproduktionen so weit in den Hintergrund gemischt werden. Beim Gitarrensound war die Richtung natürlich klar, das ganze sollte derb nach HM-2 Kettensäge klingen. Aber wenn du dich nur darauf konzentrierst, verlierst du schnell die Transparenz, weswegen ich noch einen anderen Sound untergemischt habe. Der Bass schlussendlich sollte hörbar sein. Oft wird er ja, auch seitens der Bands, als oktavierte Singlenote-Gitarre verstanden. Ich hoffe, bei uns hört man, dass er neben dem Ausfüllen der tiefen Frequenzen auch eine kompositorische Daseinsberechtigung hat.

Wer hat die Drums auf eurem Album eingetackert?

Drums hat Manu (HATE FORCE ONE, siehe oben) eingespielt; aufgenommen wurde alles in unserem Proberaum, der sich bei Manu im Keller befindet. Ich glaube an diesem Punkt können wir mal herausstellen, dass Dome und ich zwar auf ganzer Linie federführend bei NIGHTBEARER sind, was Songwriting, Texte, Konzept, Sound und  Produktion anbelangt, dass aber Chris, Oempfi und halt Manu ebenfalls zu NIGHTBEARER gehören und wir uns alle gemeinsam als Band verstehen. Siehst du die Parallele zu einer bereits genannten nicht ganz unbekannten deutschen Band? Natürlich alles Absicht...

Dass euer Cover eher an Power Metal als an Death Metal erinnert, war wie du sagst ein geplanter Fallstrick?

Nein, nicht unbedingt. Wir haben uns lang und breit darüber unterhalten, welchen Stil wir gerne für das Cover des Debütalbums hätten. Die Diskussion war, wie ich mich erinnere, ziemlich lang und... reich an Austausch, hahaha. Einigen konnten wir uns auf eine Mischung aus Marschall und Seagrave, deren Stile Juanjo Castellano Rosado nun mal sehr gut beherrscht. Das Motiv als solches habe ich recht ähnlich, aber natürlich sehr stümperhaft skizziert. In meiner Schreibtischschublade liegen etwa ein Dutzend Vorabversionen, bei denen aber mehr und mehr die dort abgebildeten Gestalten Form annahmen. Dass der Protagonist, der auf dem EP Cover bereits zu sehen ist, erneut auftauchen soll, stand von Vornherein fest. Sein Reittier kam später dazu.
Ich denke, die Power Metal Assoziation rührt daher, dass genau diese Bildelemente eher dem im Power Metal zu findenden Fantasy-Bereich entnommen sind.

Juanjo hat schließlich hier und dort ein paar Änderungen in der Bildkomposition und Gimmicks (wie die Tentakel, die den Nekromanten umgeben und ebenfalls eine Verbindung zur EP herstellen) vorgenommen und, et voila, fertig war das Cover.

Eure Texte sind von Tolkien, King, etc. beeinflusst – erzähle uns mehr darüber!

Ok, ich nehm euch dazu mit auf eine kleine Zeitreise. Vermutlich wird sich der/die eine oder andere hier wiederentdecken: popkulturell bin ich absolut Kind der 80er Jahre, in denen ich auch aufgewachsen bin. Meine erste Erinnerung in dieser Richtung ist, dass ich in sehr jungen Jahren "Das letzte Einhorn" schaute und mit einer Mischung aus Schrecken und Begeisterung auf die Harpye und den roten Stier reagierte. Es folgten dann obskure Zeichentrickfilme und -serien auf Tele 5 (wohlgemerkt das "alte" Tele 5 der 80er Jahre; gab es das bei euch in Österreich eigentlich?) und letztlich auch irgendwann Ralph Bakshis "Herr der Ringe" Film, der mich nachhaltig beeindruckt hat, was zu einem großen Teil an der - für meine kindlichen Verhältnisse und Ansprüche an Zeichentrick - hohen Brutalität und Ernsthaftigkeit lag. Ich glaube, das war der Grundstein, bevor es dann später mit Warhammer Fantasy weiterging.

Das wichtigste Ereignis, welches wohl dafür verantwortlich ist, dass wir eben dieses Horror- und Fantasy-Konzept ernsthaft verfolgen, ist, dass ich "Der kleine Hobbit" in der Schule und wenig später dann "Der Herr der Ringe" zu Hause, unterwegs und wo immer ich konnte gelesen habe. Danach war nichts mehr so wie vorher. Das Buch hat mich genau zur richtigen Zeit erwischt. Es war wie ein Augenöffner: Ich erkannte, dass ich hier mit diesen und ähnlichen Büchern Portale zu weit entfernten Welten vor mir hatte. Eskapismus olé. Danach verschlang ich alles, was ich in die Finger kriegen konnte und nach Fantasy roch, zunächst die "Chroniken" und die "Legenden" aus der Drachenlanze-Reihe, was dazu führte, dass ich ab 1999 anfing exzessiv mit meinen Freunden Pen&Paper (erst AD&D, später DSA und D&D) zu spielen, was ich bis heute tue. Plötzlich konnte ich selbst (naja, in etwa...) Teil der gefährlichsten und aufregendsten Geschichten sein. Das war sicher auch ein Game-Changer. Es folgten sämtliche Forgotten Realms-Bände, das Rad der Zeit, Conan, Elric, Corum usw. usw. usw. … später, v.a. während meines Studiums (Literaturwissenschaften u.a.) zog dann der Horror ein, wobei ich - ebenso wie bei Fantasy-Literatur - eher ältere (70er-90er oder auch frühere) Werke las als die neuen, gerne auch Low Fantasy, dreckige Sword & Sorcery Stories, fernab der rund um die HDR-Filme in Mode gekommenen generischen Hochglanz-Fantasy-Schandtaten...

Und wo ich das hier alles schreibe, der namenlose Wanderer, wenn du so willst, unser "Maskottchen", welcher Welten auf der Suche nach Abenteuern, Magie, Weisheit und Schätzen durchsucht und dabei allerlei Geschichten von Zauberei und Tod erlebt...das bist du, das bin ich, das sind wir alle, die wir uns kopfüber in diesen Bereich der Popkultur stürzen. Aber tatsächlich besitzt der Wanderer auch seine eigene dunkle Geschichte, die wir seit der EP in einigen Songs weitererzählen.

Um die Zeitreise zu beenden und deine Frage endlich zu beantworten: Neben der Geschichte des Wanderers verarbeite ich eigene gespielte RPG-Abenteuer, Hintergrund-Bände dazu sowie die von mir geliebte und sogar in meiner Examensarbeit auf über 100 Seiten analysierte Fantasy- und Horror-Literatur.

Die im Death Metal üblichen, fantasy-freien „Gore-gien“ (Gore-Orgien) sind für euch also nicht von Reiz?

Nee, die Nummer ist durch bei mir. Dome kann damit auch so absolut gar nichts anfangen, wenn ich das richtig sehe. Sowohl im Hinblick auf Literatur, aber auch bei Filmen habe ich das Interesse an Guts 'n Gore entweder nie besessen (was den richtig krassen Scheiß angeht) oder mittlerweile verloren. Ich stehe seit einigen Jahren, was Horror anbelangt, viel mehr auf subtilen (kosmischen) Horror und Grusel (wie in alten Universal Filmen, Gothic Novels oder den Werken Poes, Lovecrafts, Ashton Smith', Blochs oder halt auch des von mir u.a. wegen der "Dark Tower" Reihe geschätzten Stephen Kings, der zwar zuweilen wie auch Clive Barker explizit in der Darstellung ist, aber nie nur des Blutes und des Gedärms wegen schreibt...). Klar fließt also auch in den Büchern und Filmen, die ich aktuell feiere, Blut und es gibt Hack 'n Slay Action, aber wenn ich es mir aussuchen kann, steht das dann eher in der Tradition einer Schlacht um Helms Klamm, eines Conans oder eines guten alten D&D Dungeon Crawls. Eine sehr gute Balance hat im Fantasy-Bereich G.R.R. Martin mit dem "Lied von Eis und Feuer" gefunden, was dank der HBO-Serie mittlerweile jedem ein Begriff ist...oder auch Terry Goodkind mit der "Schwert der Wahrheit"-Reihe.

Wer oder was ist die „Lycanthropic Death Squad“?

Auf der Textebene wohl erstmal ein Trupp blutgeifernder Werwölfe, die im Rausch in völliger Ekstase ganze Dörfer niedermähen und keinen Stein auf dem anderen lassen, später aber von Bildern und Erinnerungsfetzen verfolgt und einer Art lycanthropischen Kater gepeinigt werden...Aber wenn du dich nach einem mit deinen Kumpels durchfeierten Wochenende voller Death, Black, Doom und Heavy Metal auch so fühlst und gewisse Parallelen entdeckst, hattest du vermutlich eine saugute Zeit und kannst dich und deine Freunde als Teil des "Lycanthropic Death Squads" sehen, haha!

Ein wenig Doom und Thrash steckt euch aber auch im Blut, oder?

Doom auf jeden Fall. Zumindest mir. Epischer Doom, Doom Death, her damit! Hast du dir die neue CRYPT SERMON mal angehört? Der Wahnsinn! ...Für Dome kann ich da gar nicht so sprechen. Ich glaube, bei ihm ist das Interesse daran eher spärlicher ausgeprägt. Wobei wir jedoch beide auch PARADISE LOST lieben.

Thrash Metal habe ich nie intensiver gehört, jedenfalls nicht soviel als dass es mir ins Blut übergegangen wäre. Ich kann es mir hier und da anhören, habe die eine oder andere "klassische" Thrash-Platte (TESTAMENT und KREATOR z.B.) zu Hause, aber wenn Thrash, dann bestenfalls mit Death gemischt... (wie z.B. DEW-SCENTED oder THE CROWN). Aber letztlich sind die Genres ja eh eng beieinander.

„All Men Must Die“ – zeigt der Song bewusst Parallelen zu DESTRUCTIONs „Thrash Till Death“ oder liegt das nur an meinem Metzger-Backpatch?

Hahaha, ja, das liegt dann wohl an deinem Backpatch. Musste mir den Song erstmal anhören, da ich ihn bisher nie bewusst gehört hatte (- den DESTRUCTION-Song, ihr Nasen! Den DESTRUCTION-Song! [lacht]), aber wirklich evidente Parallelen habe ich jetzt nicht entdecken können, was aber gar nichts macht. Ein Song ist ja mehr als das, was der Musiker mit ihm intendiert hat. Wenn "All Men Must Die" dich an DESTRUCTION erinnert, ist das völlig in Ordnung, besonders wenn du DESTRUCTION-Fan bist. Als ich die Basis-Idee schrieb, war die Devise allerdings "Viel D-Beat und Melodie im Refrain".

Was ist eigentlich mit den Frauen und wie steht es da mit der Emanzipation?

Ich glaube, du spielst auf den Titel ("All Men Must Die") an, richtig? Die Phrase ist G.R.R. Martins "Lied von Eis und Feuer" entnommen und meint mit dem Plural "men" schlicht "Menschen". Die englische Sprache ist wohl auch Gender-Hölle. Aber was deine Frage anbetrifft: Da der Tod alle Menschen ereilt, sind wir emanzipatorisch völlig sauber. Im Sterben und Tod sind alle gleich. Und alle sterben. Männer. Frauen. Alle. Alle Ehre dem vielgesichtigen Gott. Valar Morghulis! [Anm. d. Lekt: Valar dohaeris.]

Wie war eure Release-Show?

Wir hatten eine Menge Spaß und ich glaube, die Leute auch. Es hat mir, und ich denke auch den anderen, eine Menge bedeutet, dass tatsächlich nicht wenige Menschen teilweise ein bis zwei Stunden Fahrt in Kauf genommen haben, Arbeitstermine getauscht haben, etc. um uns zu supporten. Ohne Scheiß, es gibt Leute, die supporten uns schon seit der Zeit vor dem Release der EP so irre, dass ich nicht ausdrücken kann, wie dankbar ich dafür bin; ich meine, wir stecken unglaublich viel Herzblut in die Band und dann zu spüren, dass du damit einen Nerv triffst, ist ein saugutes Gefühl.

Dadurch und durch die vielen Gespräche bezüglich des Albums, aber auch abseits davon, haben wir richtig viel Energie aufgesogen, die wir jetzt in 2020 gut nutzen können. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass ich absolut geplättet davon war (und noch bin), dass wir bereits bei der Release-Show fast keine Tonträger mehr hatten; die Leute haben uns die LPs und CDs schon im Vorfeld wegdezimiert. Von wegen es wird nur noch gestreamt und so...

Wohin wird es euch mit dem neuen Album im Gepäck verschlagen? Ist in der anstehenden Festivalsaison mit euch zu rechnen?

Wir haben für das erste Halbjahr einige Clubshows auf dem Zettel, davon einige mit unseren ostwestfälischen Compadres von EVOKED und SCALPTURE, weitere als Support von REVEL IN FLESH oder auch DIEBELIEF. Als Gäste sind wir sicherlich hier und da auf Festivals vertreten, Stand jetzt aber nicht als Band auf der Bühne. Was weitere Clubshows angeht, kommen langsam auch die ersten Anfragen für das zweite Halbjahr rein. Und wer weiß, vielleicht kommt ja das ein oder andere Hallenfestival gen Herbst/Winter noch dazu. Motiviert sind wir bis zum Anschlag. Hauptsächlich bereisen wir bisher die Mitte Deutschlands, trauen uns aber auch in den Norden, Süden und weitere fremde Welten (wie Österreich) und darüber hinaus.

Bei welchen drei Alben aus 2019 balsamierst du deine Beinkleider ein?

Oh, cool, dass du nach meinen Top 10 des letzten Jahres fragst (Mathe und Zahlen...da war was [lacht]). Dass ich mich auf drei reduziere, kannst du doch nicht wirklich ernst meinen, oder? Es war ein saustarkes Jahr, musikalisch gesehen.

Also, wenn ich nur 10 Alben aus 2019 wählen sollte, dann wären es wohl (ohne Reihenfolge):

1) CATTLE DECAPITATION - "Death Atlas" (alle Trademarks und Neuerungen der letzten Alben auf 11 gedreht, Songwriting auf den Punkt bzw. direkt in die Kauleiste, zwischen Blasts und Slam-Ausflügen findest du irgendwo mein ekstatisch-debiles Grinsen durch die Walachei fliegen)

2) STRIGOI - "Abandon All Life" (War mal Zeit, dass VALLENFYRE nachlegen; "Phantoms" hat mir die Kinnlade nach VÖ völlig weggebügelt, ist auch sicher der stärkste Song der Platte; definitiv so räudig wie VALLENFYRE, dabei zuweilen grindiger/punkiger mit bösen Black- und Industrial-Anleihen)

3) SENTIENT HORROR - "Morbid Realms" (der diesjährige 90s / HM-2-Worshipping Award geht in die USA; zudem hat Juanjo Castellano hier auch ein Mörder-Coverartwork abgeliefert)

4) SUN WORSHIP - "Emanations Of Desolation" (die Abwechslung von kalter Raserei polnischer Prägung zu Schönheit und zurück hat mich direkt nach dem ersten Reinhören gepackt, großes Kino! Hypnotisch!)

5) DARKTHRONE - "Old Star" (geile Kreuzung aus epischem Heavy Metal, Doom und Celtic Frost Worshipping; die "Arctic Thunder" fand ich auch gut, aber "Old Star" ist da konsequenter)

6) MISÞYRMING - "Algleymi" (Epische, verträumte Melodien, die permanent etwas Erhabenes mit sich tragen und mich innerlich "Ja, verdammt!!" schreien lassen, ähnlich ging es mir übrigens auf mit der 2019er Vukari.)

7) TEMPLE OF DREAD - "Blood Craving Mantras" (ehrlich gesagt habe ich damit nicht gerechnet, aber die Jungs haben mich völlig abgeschossen. Straighter Death Metal auf die 12, ohne Schnickschnack, ohne Krypta-Zauber, knackige Songs - Apfelschorle auf und los geht's!)

8) IDLE HANDS - "Mana" (zuerst minimal ernüchtert nach der EP, die mich völlig geflashed hatte, zumal "Blade And The Will" hier nicht so gut wie auf der EP klingt, aber nach und nach habe ich festgestellt, dass ich hier einen, wenn nicht DEN, Thronanwärter 2019 höre)

9) CRYPT SERMON - "The Ruins Of Fading Light" (die Melodien, die Entwicklung der Songs und v.a. die Stimme...diese Stimme!! Das Raue darin, worauf ich total stehe, erinnert mich total an Chester Bennington)

10) BORKNAGAR - "True North" (so unglaublich vielfältig, Songwriting par exellence, Vortex und Nedland liefern eine saugute Vocal-Performance ab...bin auch Fan der letzten Alben, aber so dermaßen abgeholt wie dieses hat mich lange keine BORKNAGAR mehr)

Und da Dome es beruflich besser mit Zahlen hat, hier seine Antwort:

Top 3 2019 in no particular order:

- BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA - "Legacy of the Dark Lands"
- ARCH / MATHEOS - "Winter Ethereal"
- SOEN - "Lotus"

...und über das aktuelle Jahr hinaus?

Die Frage kann ich dir so gar nicht beantworten. Was ich aber sagen kann, ist, dass von BLIND GUARDIAN, PARADISE LOST, DIO(+ BLACK SABBATH / RAINBOW), AT THE GATES und DISMEMBER fast immer fast alles gut reingeht. Bei BLIND GUARDIAN ist es jedoch die "A Twist In The Myth", bei PARADISE LOST die "Symbol Of Life" und die "Host" und bei DIO die "Angry Machines" und die "Magica", die dann doch eher weniger laufen.

Dome: All-time Top 3 ohne Reihenfolge:
- IN FLAMES - "Whoracle"
- BLIND GUARDIAN - Imaginations From The Other Side
- NEVERMORE - Dead Heart In A Dead World

Was hälst du von...

.... „Zuckerguss im Metal“ (überdrehter Power Metal vgl. GLORYHAMMER, VICTORIOUS)?

Ich mach es kurz: nicht meine Baustelle. Hab mich mal an DRAGONFORCE versucht, aber sehr schnell das Interesse verloren. Habe jetzt aus Neugierde mal bei GLORYHAMMER reingehört...das haben RHAPSODY vor 20 Jahren doch schon gemacht, nur nicht so hart überdreht. Ich stehe ja total auf Musik, die over the top ist und in dieser oder jener Hinsicht extrem daherkommt. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass man mit GLORYHAMMER 'ne super Zeit haben kann, aber musikalisch ist es nicht so meins...da bleibe ich bei meinem traditionelleren Power/Speed Metal wie RUNNING WILD, HELLOWEEN oder halt BLIND GUARDIAN. Und bevor ich hier verurteilt werde, nur große Namen zu nennen: hört euch unsere Compadres von TORIAN an, die vor 'nem knappen Jahr ihr letztes Album rausgehauen haben und mit einem Mix aus gewisser Nerdigkeit und Ernsthaftigkeit schaffen, moderne Powermetal-Hymnen rauszuhauen.

...Frauen im Metal?

Jetzt könnte ich mich natürlich dazu auslassen, dass alleine die Frage ja schon etwas Sexistisches an sich hat und dass Frauen im Metal kein Thema sein sollten, da sie Normalität sein sollten, usw. Aber das würde die Geschichte des Metal verkennen. Fakt ist: popkulturell gesehen ist Metal eine Spielwiese für junge Männer gewesen. Das hat aber insbesondere etwas mit den noch bis in die 70er und 80er (und bis heute teils) geltenden Geschlechterrollenbildern abseits der Musik zu tun. Gibt's da eigentlich schon eine musik-historische Bearbeitung des Themas? Wäre spannend! Fakt ist weiterhin: Frauen sind unterrepräsentiert. Als Fans, aber auch besonders als Musikerinnen in Bands.

Ich gebe es ja zu, ich bin kein großer Fan von jenen Female-Fronted-NIGHTWISH-Sound-Alike Bands; oft sagt mir einfach der weibliche Gesang nicht zu. Dann haben wir aber sowas wie MYRKUR, LINGUA IGNOTA oder auch CHELSEA WOLFE und ich finde es cool und kriege Gänsehaut. Die habe ich aber auch, wenn ich "Voices" von BORKNAGAR höre...

Eine Band wie KONVENT feiere ich z.B. auch nicht, weil es Frauen sind, sondern weil sie verdammt nochmal wie eine düster-doomige Variante von MANTAR klingen und ich das "Ride Into Battle, Ride Into Death" Grinsen nicht aus dem Gesicht kriege, wenn ich die neuen Songs von ihnen höre. Definitiv eine der Top-Platten 2020 btw.

...Supergroups im Metal? 

Die Frage ist eher, was eine Supergroup ausmacht. Wenn die "großen Namen" bekannter Bands plötzlich zusammen Musik machen (trifft es das?), kommt dabei meiner Meinung nach selten etwas mit Tiefgang heraus. Mir fehlt dann oft - ungeachtet des hohen musikalischen Könnens - das Herzblut und die Energie, die über die Songs hinausgehen; Musik ist für mich mehr als die Summe ihrer Teile. Fünf Supermusiker aus Superbands, die eine Supergroup formen, können durchaus super seelenlosen Müll produzieren - und das tun sie meistens.

Ich danke dir vielmals für deine Zeit und das Interview! Was möchtest du unseren Lesern sonst noch mit auf den Weg geben?

First of all: Danke, dass ihr euch das alles hier durchgelesen habt! Und wenn ihr zu denjenigen gehört, die die Bands durch den Kauf von Merchandise, von Musik, insb. den Kauf physischer Tonträger (denn bei uns sind Artwork, Design und Lyrics explizit Teil des großen Ganzen), und durch den Gang zu Konzerten supportet: danke! Danke von uns Bands, aber dankt euch selbst dafür, dass ihr die Szene am Leben haltet! Und damit meine ich jetzt ganz deutlich die kleinen, aber auch die großen Bands (und Labels). Die Metal-Szene lebt von- und füreinander - und wenn ihr das vergesst, ist es wohl mal wieder Zeit sich mit ein paar Kumpels und Kumpelinen auf ein Kaltgetränk in der Lieblingstaverne zum Fachsimpeln oder zum Headbangen und Ausrasten für das nächste Konzert zu verabreden!

Danke auch dir für die spannenden Fragen!

Und nicht vergessen:
THERE IS NO LIGHT THAT CAN DEFEAT DARKNESS!


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