HELFRÓ - Ragnar S

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Für meinen täglichen Job reise ich viel und bin immer wieder von der majestätischen und kargen Landschaft meiner Heimat umgeben. Man kommt nicht umhin, sich von den Denkmälern der unermesslichen Naturkräfte, die diese Erde geschaffen haben, inspirieren zu lassen.

Black Metal und Island passen zusammen wie Eis und Schnee - das beweist auch das Erstwerk des unterkühlten Duetts HELFRÓ. Artillerist, Sänger und Songwriter Ragnar S spricht über Abgeschiedenheit, den "Klang der Kälte" und isländische Spirituosen.

Veröffentlicht am 02.06.2020

Das isländische Black-Metal-Duo HELFRÓ startete zunächst auf eigene Faust und brachte unter dem Auftrieb des positiven Feedbacks sein Debutalbum "Helfró" erneut via Season of Mist Underground Activities heraus. Ein weiser Entschluss, wenn man sich das internationale Feedback zur initialen Eislawine von Ragnar S und Símon Þ auf der Zunge zergehen lässt. Doch wofür steht eigentlich der Name "Helfró"? Worüber singt man als isländisches Schwarzheimer-Startup, was soll man als Metal-Tourist in Island trinken und wer ist eigentlich Katrín? Alles Fragen, auf die der gemeine Zentraleuropäer keine Antwort weiß - doch Drummer, Sänger und Songwriter Ragnar S war zur Stelle, um Licht (oder Dunkel) ins Dunkel zu bringen!

Hi Ragnar, vielen Dank für deine Zeit! Wie läuft's so?

Hi! Vielen Dank für dein Interesse an HELFRÓ! Hier in Island nähert sich langsam alles der Normalität. Da ich ein introvertierter Mensch bin, habe ich persönlich während des Lockdowns der letzten Wochen nicht viel Veränderung gespürt. Ich neige ohnehin dazu, zu Hause zu bleiben.

Da ihr gerade euer erstes Album herausgebracht habt - bitte stell HELFRÓ unseren Lesern kurz vor!

HELFRÓ ist eine Extreme Metal Band aus Island. Wir spielen schnellen Black Metal mit einigen Elementen aus dem Death Metal und mehr. Die Musik ist unerbittlich und brutal, mit extrem schnellen Blastbeats und melodischen Tremolo-Gitarrenparts. Die Songs sind kurz und bündig und vermitteln ihre Botschaft effizient.

Wofür steht der Name der Band?

Der Name HELFRÓ setzt sich aus zwei verschiedenen Wörtern zusammen. "Hel" bedeutet "Tod", "Reich der Toten" oder "Hölle" und "Fró" steht für "Zufriedenheit" oder "Erfüllung". Das Wort wird verwendet, um ein Gefühl des Friedens und der Resignation zu beschreiben, von dem man sagt, dass es manche Menschen kurz vor dem Tod empfinden.

"Helfró" wurde, mit Ausnahme des ersten Liedes "Afeitrun", bereits 2018 von euch selbst veröffentlicht. Wie fand es schließlich seinen Weg zu "Season of Mist Underground Activists"?

Wir haben die erste Version über Bandcamp veröffentlicht, mit nur einer Ankündigung auf meiner privaten Facebook-Seite - sonst nichts. Durch Mundpropaganda begann sich das Album zu verbreiten und mir wurde klar, dass es da draußen eine Zielgruppe gab, die von der Musik angesprochen wurde. Ich wollte dem Album eine faire Chance geben, gehört zu werden, und so kam ich über die traditionellen Kommunikationsmethoden mit Season of Mist in Kontakt. Der Rest ist Geschichte.

Würdest du sagen, dass die neue Veröffentlichung der Band einen Schub gab?

Ja, die positiven Reaktionen, die wir bekommen haben, haben uns motiviert, weiterzumachen. Ich habe bereits Pläne für die nächste Veröffentlichung skizziert, und es besteht eine kleine Chance, dass wir in Zukunft auch live spielen werden. Ich hätte weiter Musik gemacht, auch wenn niemand außer mir selbst Musik gehört hätte, aber das positive Feedback sind der absolute Brandbeschleuniger für unser Feuer.

Worum geht es in euren Texten?

Sie handeln von Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Arroganz, Sucht und dem Kampf um die Macht über Verstand und Leben.

Gibt es ein Lied, das für dich besonders wichtig ist, und wenn ja - warum?

Ja - "Þrátt Fyrir Brennandi Vilja" ist meiner Meinung nach sowohl der am besten konstruierte als auch der persönlichste Song des Albums. Es ist der erste Text, den ich für das Album geschrieben habe. Er entstand in den letzten Monaten einer schweren Zeit, in der ich viele alte Freunde und meine Freundin verloren hatte. Es ist ein ehrliches Spiegelbild der Verzweiflung eines Ertrinkenden.

Wer oder was ist "Katrín"?

Der Text von "Katrín" handelt von der Erfahrung, sich zum ersten und zum letzten Mal Drogen zu spritzen...basierend auf Geschichten, die ich aus erster Hand von ehemaligen Konsumenten gesammelt habe. "Katrín" ist ein isländischer Mädchenname. Ob es eine reale Person beschreibt? Wer weiß...

Was macht für dich den "Klang der Kälte" aus?

Es fällt mir schwer, das herauszufinden, aber für Leute, die HELFRÓ mögen, scheinen es die Tremolo-Leads und Blastbeat-Parts zu sein, die ihnen das Gefühl von Frost und Eis vermitteln.

Woher rührt für dich die Faszination für die unnachgiebige Natur und die Kälte?

Aus meiner unmittelbaren Umgebung! Ich bin Funkturmkletterer, d. h. ich fahre zu verschiedenen Senderstandorten und arbeite an den Türmen. Für meinen täglichen Job reise ich viel und bin immer wieder von der majestätischen und kargen Landschaft meiner Heimat umgeben. Man kommt nicht umhin, sich von den Denkmälern der unermesslichen Naturkräfte, die diese Erde geschaffen haben, inspirieren zu lassen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der winterlichen, feindlichen Natur und eurer Sicht auf die Menschheit?

Nein. Meine Ansichten über die Menschheit leiten sich vollständig aus meiner Erfahrung mit Menschen und menschlichen Angelegenheiten ab. Ich bin kein Menschenfeind, aber ich interessiere mich insgesamt sehr für die Extreme der menschlichen Natur - vom Heldentum bis zum reinen Bösen.

Da "Helfró" bereits zwei Jahre alt ist - schreibt oder plant ihr derzeit neue Musik und wenn ja - was sind eure Vorstellungen und Ziele?

Ich habe bereits einige neue Lieder geschrieben. Diesmal gibt es verschiedene Einflüsse und ich fordere mich selbst heraus, andere Musik als die des Debuts zu schreiben. Es würde mir nicht gefallen, zweimal dasselbe Album zu veröffentlichen - deshalb arbeite ich dieses Mal mit anderen Elementen.

Wie war eure Herangehensweise an das Soundengineering?

Es war sehr einfach: ich wollte, dass alles hörbar und kraftvoll ist. Keine zusätzlichen Lärm- und Soundebenen, um die Musik zu maskieren. "Helfró" ist ein sehr ehrliches Album - die Gitarren und das Schlagzeug schaffen die ganze Klanglandschaft und wir haben nichts weiter hinzugefügt, um die Musik zu veredeln. Sie spricht für sich selbst.

Eure Kompositionen und der Sound erscheinen mir sehr ausgereift - wie lange macht ihr schon Musik? Hast oder hattest du noch andere Bands?

Dies ist das erste Album, das ich geschrieben habe. Ich hatte zuvor schon einige Songs und Riffs für meine früheren Bands geschrieben. Zurzeit ist meine einzige andere Vollzeit-Band OPHIDIAN I. Ich spiele zudem auch live Schlagzeug bei ABYSSAL.

Wie geht Island mit der Corona-Krise um und wie wirkt sie sich auf dich aus?

Die Behörden scheinen die Gesundheitskrise glücklicherweise sehr gut bewältigt zu haben, es gibt im Moment nur eine Handvoll aktiver Fälle. Die ganze Situation hat meinen Tagesablauf in keiner dramatischen Weise beeinträchtigt, da ich in meinem Privatleben ziemlich zurückgezogen lebe und mein Job mich ohnehin isoliert. Es hat allerdings die Pläne, meine im Ausland lebende Freundin zu treffen, versaut...aber ich schätze, das ist - im großen Kontext betrachtet - ein kleines Problem.

Wie glaubst du, wird sich die Metal-Szene nach Corona verändert haben?

Das kann man unmöglich sagen. Ich persönlich glaube, dass sich die Dinge relativ bald wieder normalisieren und dass Live-Shows, Tourneen, usw. genauso wie vorher sein werden. Aber ich vermute, dass die Aktiven in der Live-Branche die einzigen sind, die wirklich eine Vorstellung davon haben, ob sich dadurch langfristig etwas ändert oder nicht.

Wenn man über eine coronafreie Zukunft nachdenkt: bringen HELFRÓ auch den Winter auf die Bühne? Hattet ihr bereits Live-Pläne?

Im Moment sind keine Live-Shows gebucht. Falls wir gute Angebote bekommen, werden wir uns das auf jeden Fall genau ansehen. Wir werden Wut und Energie auf die Bühne bringen!

Apropos Island: Wie lässt sich Eure Metalszene beschreiben? Wie ist zum Beispiel die allgemeine Unterstützung für Metal-Bands in Island?

Die Szene war im Laufe der Jahre sehr bewegt und hat ihren Schwerpunkt von einem Stil zum anderen verändert. Vor fast zwei Jahrzehnten gab es hier eine starke Hardcore-Szene. Davor war der Death Metal stark verbreitet - zunächst in den Neunzigern und dann erneut um 2004/2005, als ich selbst in die Szene einstieg. Die aktuelle Black-Metal-Szene ist mächtig. Sie konnte sich stark verwurzeln und dürfte länger fortbestehen. Die Unterstützung für die lokalen Bands scheint gut zu sein und auch die Shows werden im Allgemeinen gut besucht.

(Warum) Würdest du einem Metalhead empfehlen, nach Island zu reisen? Welche Gebiete / Clubs sollten besucht werden? Welche Getränke sollten bestellt werden?

Wenn du dich für Black Metal interessierst, lohnt es sich auf jeden Fall, nach Island zu kommen und die blühende BM-Szene kennenzulernen. Bedenke, dass es hier eine extrem niedrige Bevölkerung gibt - deshalb gibt es nur zwei, drei Clubs, in denen normalerweise extreme Bands spielen. Daher wirst du auch nicht jedes Wochenende, geschweige denn jeden Abend eine Live-Show besuchen können. Mit ein wenig Vorausschau und Planung kannst du aber eine gute Zeit für einen Besuch in Island finden und einige großartige Bands sehen. Und du musst natürlich den isländischen Brennivín probieren [Anm. d. Verf.: isländischer Schnaps, auch bekannt als "Svarti Dauði" = "schwarzer Tod“ - passt zu Black Metal wie die Faust aufs Auge!]!

Nochmal vielen Dank! Möchtest du ein paar abschließende Worte hinterlassen?

Vielen Dank für dein Interesse an HELFÓ und vielen Dank an alle, die dieses Interview lesen! Hört euch auch andere isländische Bands an - es gibt eine Menge tolles Zeug in unserer Szene!


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