EREMIT - Mo

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Wir begleiten in dieser Geschichte eine Person, doch ob sie „gut“ ist oder nicht, ob ihre Handlungen „richtig“ sind, kann ich nicht sagen. Das muss jeder selbst bewerten. Und am Ende wohl verstehen, dass es dieses „Gut“ oder „Richtig“ gar nicht gibt und immer nur eine von vielen möglichen Bewertungen und Betrachtungsweisen ist.

Wer auf der Suche nach neuen Impulsen, kreativen Schaffensweisen und interessanten Bandkonzepten ist, sollte sich den Osnabrücker Langsamdreher EREMIT nicht entgehen lassen. Gitarrist und Sänger Mo erklärt, warum!

Veröffentlicht am 03.07.2020

Die Osnabrücker Doom-/Sludge-Band EREMIT verfolgt sowohl lyrisch als auch handwerklich eigene Wege. Bässe beispielsweise sind ohnehin überbewertet und auch die hohe Kunst der Face-to-Face-Liveaufnahme kommt heutzutage immer mehr unter die Räder. Mangels Live-Dates ist die junge Band gerade außerordentlich kreativ unterwegs: nach ihrem Debut-Album "Carrier Of Weight" aus 2018 folgen dieses Jahr zunächst die EP "Desert Of Ghouls" und später das zweite, reguläre EREMIT-Langeisen. Gitarrist und Sänger Mo sprach mit uns über das verbindende Element aller EREMIT-Releases, die Vergänglichkeit von Bass-Amps und die interpretatorische Unschärfe der Begriffe "gut" und "böse".

Hi Mo! Wie geht’s euch und was macht die Kunst?

Hey Mike, uns geht es soweit gut. Aufgrund der Corona-Pandemie haben wir keine Touren oder Shows anstehen und können daher recht entspannt an „Eremit III“ arbeiten. Grad' heute habe ich vier meiner Amps zum Doktor gebracht, weil die alle innerhalb weniger Wochen abgeraucht sind! Aber ich habe zum Glück immer noch zwei, die gehen, haha, von daher...

Bitte stelle uns eure Band EREMIT kurz vor!

EREMIT ist ein Trio aus Osnabrück, Deutschland. Wir spielen irgendwas zwischen Doom und Sludge. Wir sind seit 2015 unterwegs und haben bisher ein Album, unser Debut „Carrier Of Weight“, über Transcending Obscurity Records veröffentlicht. Das war letztes Jahr. Dieses Jahr kommt eine EP mit zwei Tracks und darauffolgend „Eremit II“. Beides auch über Transcending Obscurity.

Wie würdet ihr euren Stil beschreiben?

Wir haben mal irgendwo, in einem Reddit Post glaube ich sogar, gelesen, wie jemand unsere Mucke beschrieb als: für Sludge zu langsam, für Doom zu dreckig. Haha, das war eine ziemlich scharfe Analyse von dem, was wir machen. Also wir sind schon definitiv in dem langsameren Spektrum unterwegs, aber wir machen keinen Epic Doom (auch wenn wir so ein episches Schwert im Logo haben), sondern klingen eher dreckig und organisch.

Ihr verfolgt ein interessantes Konzept – haben euch bestimmte Bands auf dem Weg dorthin beeinflusst?

Ich denke mal, du sprichst unseren Story-Hintergrund an? Da hat mich, und ich spreche hier nur von mir selbst, weil ich die Geschichte allein schreibe und die mythologische Gesamtstruktur nach und nach entdecke, keine andere Band inspiriert. Hier sind andere Kunstformen und Produktionen zu nennen. Definitiv ist „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien eine grundlegende Inspiration für die epischen Ausmaße unserer Saga. Direkt angestoßen hat es aber der Film „Water World“. Der Term „Dry Land“ hat bei mir stark resoniert. So heißt auch unser erster Song auf unserem ersten Album. Also zollen auch wir hier bewusst den Inspirationen, die unsere Story beeinflusst haben, Tribut.

Euer Konzept ist sozusagen eine zusammenhängende Saga?

Ja richtig. Jeder Song ist das akustische Pendant oder, wenn man so will, die Vertonung eines Kapitels aus dem Buch, welches die Geschichte des Eremiten erzählt. Man kann unsere Musik hören und genießen - absolut ohne sich mit der Mythologie dahinter zu beschäftigen. Aber wenn man möchte, kann man sehr sehr tief in die Geschichte, die hinter all dem steht, eintauchen. Jeder Songtitel, jedes Artwork, alles hat konkreten Story-Bezug, ist „Kanon“ im Bezug auf unsere Saga. Alles, was man hört und sieht, hat einen Sinn, einen Grund, warum es da ist. Die Lyrics sind dabei immer nur ein Kondensat oder ein Blickwinkel auf das, was geschieht. Im Buch selbst wird dann die gesamte Geschichte ausgerollt. Wir haben hier zeitgleich mit „Eremit I“ ein Pamphlet veröffentlicht, in dem die ersten drei Kapitel (drei Tracks des Albums) der Geschichte illustriert aufgeschrieben waren. Derzeit schreibe ich am zweiten Pamphlet, welches zusammen mit unserem zweiten Full-Length-Album erscheinen wird.

Was „geschah“ bisher auf eurem ersten Album?

„Carrier Of Weight“, unser erstes Album, startet auf einem scheinbar endlosen Ozean mit einem einsamen Segler, der sein Leben lang auf diesem Meer verbracht hat. Er wurde hier geboren und führt, nachdem er seine Eltern verloren hat, ein einsames Leben auf See. Diese ewig währende Monotonie aus Wellen und einem Leben auf dem endlosen Wasser spiegelt sich in dem endlosen monotonen Riff unseres ersten Songs „Dry Land“ wider. Im weiteren Verlauf des Albums verliert der Eremit den Kurs, den er für 42 Jahre verfolgt hat und trifft auf einen merkwürdigen Schiffbrüchigen, der ihm einen anderen Kurs weist. Am Ende des Albums trifft der Eremit dann nach einem Leben auf See endlich auf eine feste Landmasse. Er findet sich vor massiven riesigen Klippen und findet einen Weg, der in sie hinein führt.

Worum geht es nun auf der aktuellen EP?

Die EP enthält die Kapitel sechs und sieben – sie schließt also nicht direkt an unser Debut-Album (Kapitel eins bis drei) an, sondern erzählt eine Zwischenpassage von unserem zweiten Album, das Kapitel vier, fünf und acht beinhalten wird. Die beiden Songs auf der EP sind deutlich schneller als das Material auf unserem Debut. Das rührt daher, dass wir uns plötzlich in einer Wüste befinden und der Eremit sich in blutigen und gnadenlosen Kämpfen mit grausamen Kreaturen befindet. Wie er in diese Situation geraten ist, wird dann auf „Eremit II“ erzählt.

Wer ist Râsh-Il-Nûm?

Nicht „wer“, sondern „was“ ist Râsh-il-nûm. Der zweite Song unser kommenden EP heißt „City Of Râsh-Il-Nûm“. Râsh-Il-Nûm ist die Stadt selbst. Es ist eine versteckte Wüstenstadt, die der Eremit nach den blutigen Schlachten zu Beginn der EP findet. Hier trifft er auf wichtige Schlüsselfiguren, die großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte haben werden.

Was verbirgt sich hinter dem Albumcover von „Desert Of Ghouls“?

Das Cover zeigt einen „Ghoul“. Das sind die Lebewesen, die sich in der Wüste mit dem Eremiten in Kämpfen verwickelt wiederfinden. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, nicht den eigentlichen Protagonisten, den Eremiten, auf dem Cover darzustellen, sondern einen vermeintlichen „Feind“. Wir wollten damit darstellen, dass wir hier keine simple Heldensage erzählen, in der ein glorioser Held sich charakterlosen Bösewichten gegenüber gestellt sieht. Wir wollen den ehrlichen Schmerz und das reale Leid dieser Lebewesen, dieser unbekannten Wüstenkreaturen, einfangen und darstellen. Ich denke, wir versuchen dadurch, darzustellen, dass es kein schlichtes „Gut“ und „Böse“ in dieser Saga gibt.

Eure Texte sind demzufolge in erster Linie durch Film und Fantasy inspiriert – oder gibt es noch weitere Einflüsse?

Wie schon gesagt, sind „Der Herr der Ringe“ und „Water World“ sicherlich als zwei Kern-Inspirationen auf der „Fantasy“-Seite zu nennen. Abseits davon finden sich sicherlich verschiedene, andere spirituelle und philosophische Strömungen im Stoff der Geschichte wieder. Und diese sind vermutlich für mich selbst weniger deutlich isoliert zu erkennen und zu benennen. Was aber recht deutlich erkennbar ist, ist zum Beispiel meine Wahrnehmung der Welt als etwas stringent Subjektives und Konstruiertes: Konstruktivismus. Das wurde vielleicht auch in meiner Antwort zuvor deutlich: es gibt kein Gut und kein Böse. Wir begleiten in dieser Geschichte eine Person, doch ob sie „gut“ ist oder nicht, ob ihre Handlungen „richtig“ sind, kann ich nicht sagen. Das muss jeder selbst bewerten. Und am Ende wohl verstehen, dass es dieses „Gut“ oder „Richtig“ gar nicht gibt und immer nur eine von vielen möglichen Bewertungen und Betrachtungsweisen ist.

Welche Emotionen soll eure Musik transportieren, welche Assoziationen wecken?

Ich würde es glaube ich nicht so formulieren, dass unsere Musik bestimmte Emotionen transportieren „soll“. Sie erzählt eine Geschichte, die durchzogen ist von Verlust, Einsamkeit (nicht verstanden als der per se traurige Zustand, sondern als "Ein-samkeit“), Unsicherheit, Glaube, Hoffnung, Schmerz. Das sind Gefühle, die ich in dieser Welt gefunden habe. Diese fühle ich, wenn ich diese Musik spiele, wenn ich diese Worte spreche und aus mir schreie. Doch was für Emotionen bei unseren Zuhörern, ob live oder daheim, ankommt oder aus ihnen strömt, kann ich nicht vorhersagen. Wir haben bisher sehr unterschiedliche emotionale Rückmeldungen zu unserer Musik bekommen und sind sehr froh darüber, Menschen zu berühren. Auf welche Weise auch immer.

Wie sind die Pläne für euer zweites Album?

„Eremit II“ ist fertig recorded und kommt nach der EP. Wir hoffen derzeit stark, dass das noch dieses Jahr sein wird. Leider ist das durch die pandemische Situation schwer abzusehen, weil viele Factories weltweit Produktionseinschränkungen haben. Aber wenn alles nach Plan läuft, kommt „Eremit II“ noch dieses Jahr!

Wir werden zudem Ende des Jahres „Eremit III“ aufnehmen.

Kaum zu glauben, dass ihr keinen Bass an Bord habt - wie bekommt ihr diesen Sound hin?

Haha, ja, das hören wir in der Tat oft. Eine meiner liebsten Live-Erlebnisse war letztes Jahr, als wir zu zweit auf Tour waren und jemand nach der Show zu mir kam, als ich gerade mein Equipment auf der Bühne einräumte und meinte, dass der Sound ja mächtig fett gewesen sei. Als ich ihm dann antwortete, dass ich mein Bestes gebe, allein maximalen Sound zu kreieren, war der Dude ganz erstaunt und meinte, er war sich gar nicht sicher, ob es da nicht noch einen Bassisten auf der Bühne gegeben hatte, den er nur nicht gesehen hätte wegen des ganzen Nebels, den wir live einsetzten, haha. Also für all die, die sich bisher nicht sicher waren: wir haben keinen Bass. Weder live noch im Studio. Wir sind zwei Gitarren und Schlagzeug. Letztes Jahr war unser zweiter Gitarrist Kalle selber auf Pilgerschaft in der Welt, daher haben wir zu zweit getourt.

Generell sind wir keine Tech-Pros. Wir sind sehr primitiv und organisch organisiert. Das heißt, wir spielen einfach super viele Bass-Amps, dicke Saiten und dicke Boxen. Wir haben keine fancy Custom Boxen oder teure Bariton Gitarren. Das ist bei uns alles eher rustikales 70er-Jahre-Equipment von ebay, was wir an seine Grenzen treiben...naja, und vermutlich auch über diese Grenzen hinweg. Ich sag mal: vier Amps durch in drei Wochen?! Haha...

Nehmt ihr eure Musik komplett live auf?

Ja richtig, wir haben bisher alles live aufgenommen. Lediglich Vocals und Solo-Gitarren sind im Studio nachträglich eingespielt worden. Wir sind einfach eine sehr organische Band. Wir müssen uns sehen, wenn wir spielen; uns fühlen. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie ich auf einem Stuhl mit Kopfhörern auf, meine Gitarrenspuren einzeln klinisch einspielen soll. Das fühlt sich absolut falsch an für uns. EREMIT ist ein Gemeinschafts-Erzeugnis. Wir wollen, dass wenn man unser Album auflegt, man wirklich hört, dass wir genau diesen Song zusammen in einem Raum at the same time gespielt haben. Das ist uns wichtig und fühlt sich als einziges „ehrlich“ an, aus unserer Sicht.

Du hattest da etwas von „Kollateralschäden“ an der Verstärkerfront erwähnt?

Haha, ja wie gesagt da sind genau heute gleich vier Amps von mir zum Doc gewandert. Der Amp-Wizard kann die guten Stücke hoffentlich wieder zum Leben erwecken. Es geht immer mal was kaputt, das ist normal. Und wir spielen größtenteils sehr altes Zeug. Also Peavey-Amps und Verstärker aus den 70er Jahren. Da sind zum Beispiel einfach weniger Sicherungen in den Amps verbaut. Gleichzeitig sind die Amps noch von Hand verlötet und „reparierbarer“ als moderne, maschinell verlötete Amps, wo alles dicht an dicht ist. Naja, zumindest hat das der Amp-Wizard mal zu mir so gesagt. Ich selbst habe da wenig Ahnung, muss ich zugeben. Ich stapel' einfach so viele Amps und Boxen, wie ich kann und die Deckenhöhe zulässt und hoffe, dass der Sound mächtig ist, haha!

Wie waren die Wochen der harten Corona-Einschränkungen für euch?

Auch definitiv nicht einfach. Wir haben gleich zwei Touren verloren, auf die wir uns wirklich sehr gefreut hatten. Wir wären mit zwei unser derzeitigen favourite Bands unterwegs gewesen und das noch in Ländern, in denen wir noch nie gespielt haben. Wir wären auch wieder in Österreich live zu sehen gewesen. Das war echt ein Schlag – auch, weil einfach so viel Arbeit schon in der Organisation drin gesteckt hat. Aber gut, nicht zu ändern. Uns geht es zum Glück gesundheitlich allen gut!

Ansonsten haben wir auch ein paar Wochen nicht geprobt, weil wir auch Vorerkrankungen in der Band haben. Jetzt proben wir wieder, aber verzichten hier auf großartiges Gruppenkuscheln. Wir sind jetzt einfach absolut im „Album-Writing-Mode“ und arbeiten an „Eremit III“. Das wird definitiv unser längstes und komplexestes Album.

Und wie geht’s bei euch weiter, wenn Corona mal überstanden ist?

Neben den zwei Touren, die geplatzt sind, haben wir auch Festivalshows und kleinere Gigs verloren. Aber das geht ja echt allen Bands so. Und das mehr oder weniger weltweit. Wir haben schon einige Dates ins nächste Jahr verschieben können. Zudem steht für Oktober ein Weekender mit AHAB an. Da hoffen wir wirklich sehr, dass der stattfinden kann!

Man soll ja nicht immer nur meckern - welche positiven Seiten könnt ihr dieser Zeit abgewinnen?

Definitiv die Zeit, die wir jetzt zusätzlich fürs Songwriting haben. Wenn wir regelmäßig live spielen, brauchen wir immer Zeit in den Proben, um Live-Sets zusammenzustellen und die Songs zu üben. Unser Katalog umfasst derzeit ja schon mehr als 150 Minuten aufgenommenes Material. Und da wir zum einen auf Tour nicht jeden Abend die gleiche Setlist spielen wollen und zum Anderen nicht nur neues Material spielen wollen, was wir „eh drauf haben“, da wir daran gerade arbeiten, müssen wir uns „altes“ Material schon mal wieder draufschaffen. Wir können jetzt sehr konzentriert an „Eremit III“ arbeiten. Und ich habe dadurch auch mehr Zeit, aktiv am Buch zu schreiben.

Wie seid ihr zu Transcending Obscurity gekommen?

Wir sind seit 2018 bei Transcending Obscurity unter Vertrag. 2019 kam dann „Carrier Of Weight“. Dieses Jahr, 2020, kommt die EP „Desert Of Ghouls“ und hoffentlich zügig danach „Bearer of Many Names“, unsere zweite Full Length. Zu Transcending Obscurity gekommen sind wir durch Eigeninitiative. Wir haben „Carrier Of Weight“ in Eigenregie geschrieben und aufgenommen und dann Mariusz Lewandowski (welcher durch das BELL WITCH-Cover „Mirror Reaper“ große Wellen in der Metalszene geschlagen hat) gewinnen können, uns das Cover zu malen. Wir konnten ihn erst nicht bezahlen, doch unsere Story hat ihn so begeistert, dass er uns entgegengekommen ist.

Mit diesem Paket haben wir Labels angeschrieben und Transcending Obscurity hat schnell ernsthaftes Interesse gezeigt.

Danke nochmal für deine Zeit! Jetzt gilt‘s - welches Schlusswort richtest du an die werte Metalgemeinde?

Ganz ehrlich sind wir sehr froh über die Hingabe und Unterstützung der Metal Scene für den Untergrund. Art Prevails. All Swords Burn!



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