WINTERFYLLETH - Chris Naughton

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Nichtsdestotrotz finden wir uns in unbekannten Gewässern wieder und zum ersten Mal seit Generationen stehen wir vor einem lebensverändernden Abgrund, ohne die Kontrolle zu haben. Vielleicht führt das dazu, dass wir gegenseitig die Menschlichkeit in uns wiederfinden, nachdem wir uns in den Jahren zuvor in so viele verschiedene Fraktionen und Ideologien zerteilten.

Anlässlich des neuen Albums "The Reckoning Dawn" führten wir ein Interview mit Chris Naughton von WINTERFYLLETH...

Veröffentlicht am 03.06.2020

Stormbringer.at: Guten Tag, Chris. Zunächst einmal, wie geht es dir und deinen Kollegen in diesen unsicheren Zeiten? Ich hoffe euch geht es gut.

Chris Naughton: Danke, uns allen geht es gut. Es sind unsichere Zeiten, die wir durchleben, und gleichzeitig ist es ein merkwürdiger Zeitpunkt, um ein Album zu promoten. Glücklicherweise erfreuen wir uns größter Gesundheit und sind immer noch positiver Dinge.

Stormbringer.at: Einige Bands wie z.B. WARDRUNA oder ENSLAVED haben die Veröffentlichung ihrer neuen Alben aufgrund des Virus bereits nach hinten verschoben. Kam das für euch und "The Reckoning Dawn" auch infrage, oder war das überhaupt keine Option?

Chris Naughton: Ich denke, dass es für uns als Band wichtig war, die Gelegenheit zu nutzen und das Album dennoch zu veröffentlichen, um den Leuten nach einigen trostlosen Monaten ein wenig Hoffnung und Begeisterung mitzugeben. Für mich machte es keinen Sinn, auf einem Album sitzenzubleiben, dass bereits hergestellt war und möglicherweise für einen positiven Zweck hätte genutzt werden können. Ich weiß, dass es in vielen Hörern das Interesse geweckt hat, während sie zuhause eingesperrt waren, und ich denke, dass das auch der ausschlaggebende Grund war, warum wir das getan haben. Ob das aus kommerzieller Perspektive die richtige Entscheidung war, werden wir sehen müssen, aber darum geht es momentan einfach nicht. Und ausserdem hoffe ich, dass unsere Fans, unabhängig von der aktuellen Lage, unsere neuen Alben anhören und kaufen werden. Hoffentlich lagen wir richtig.

Stormbringer.at: "The Reckoning Dawn" erhält momentan nahezu überall verdiente Lobeshymnen und ich bin ebenfalls geneigt dazu zu konstatieren, dass es einer eurer besten, makellosen Alben sein könnte. Habt ihr das in selbstbewusster Manier erwartet, als ihr es geschrieben und aufgenommen habt, oder wart ihr von den Reaktionen überrascht?

Chris Naughton: Ich vermute, dass man mit fortschreitender Erfahrung immer hofft, dass man gerade das beste Material schreibt, aber es ist schön, dass es weitgehend gelobt wird. Wir sind dankbar dafür und ich nehme an, dass wir im Stillen sehr selbstbewusst waren, weil wir versucht haben, ein sehr fokussiertes Album zu erschaffen. Ich denke, dass wir das erreicht haben, indem wir uns dem Album bewusst in einer Art und Weise genähert haben, in der wir nicht nur uns Musiker gegenseitig, sondern auch das Songmaterial kritisch erörtert haben. Wir haben uns nicht auf die allerersten Ideen geeinigt und stellten dadurch, dass wir für eine Weile mit den gesammelten Ideen lebten und sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anhörten, sicher, dass sie auch wirklich funktionieren würden. Selbstkontrolle spielt für Bands eine wichtige Rolle, weswegen wir immer versuchen, unser bestes Material und eben nicht die erstbesten Ideen für Songs/Alben zu verwenden.

Stormbringer.at: Wie würdest du "The Dark Hereafter" im Nachhinein beurteilen? Damals schien es so, als wäre es nicht ganz so enthusiastisch wie die vorherigen Werke aufgenommen worden, wohingegen eure akustische Reise namens "The Hallowing Of Heirdom" als eine Art Wiedergutmachung betrachtet wurde.

Chris Naughton: Ich denke, dass "The Dark Hereafter", aufgrund dessen, dass es sich mit einer ungewissen Labelsituation überschnitt, für die Band zu einem ungünstigen Zeitpunkt kam, weil unser Label von Plastichead an Universal verkauft wurde und es dementsprechend eine Übergangsphase mit vielen Personalwechseln gab. Ursprünglich war angedacht, dass es als EP erscheinen sollte, aber aufgrund der Veränderungen und Verzögerungen, die sich währenddessen abspielten, kam es letztlich so, dass wir zusätzliches Material aufnahmen und es eher als Full-Length veröffentlichten. Es ist ein bisschen den äußeren Umständen zum Opfer gefallen, und deshalb war es wohl nahezu unumgänglich, dass "The Hallowing Of Heirdom" zwei Jahre darauf besser klappen würde. Dennoch sind großartige Songs darauf zu finden und ich denke, dass es, allen Verzögerungen zum Trotz, bei vielen Hörern im Nachhinein organisch wuchs. "Ensigns Of Victory" und "Green Cathedral" beispielsweise zählen auf Spotify zu unseren meistgestreamten Songs, weswegen ich froh darüber bin, dass unsere Fans das Album trotzdem hören.

Stormbringer.at: Zugegebenermaßen liefert Dan (Capp, Leadgitarrist seit 2015) auf "The Reckoning Dawn" prachtvolle, opulente Lead-Gitarren-Passagen ab. Unzählige Male ertappte ich mich staunend, eine erfreuliche Folge der unbeschreiblichen Schönheit dieser Harmonien, die der Atmosphäre verschmelzen. Ist er mittlerweile vollständig in die Band integriert und besteht da möglicherweise auch Unterschied zu besagtem "The Dark Hereafter", weil er damals noch relativ neu in der Band war?

Chris Naughton: Dan ist ein großartiger Gitarrist, weswegen sein Einfluss und seine Spielweise WINTERFYLLETH unstreitbar um eine Dimension erweitert und einen enormen Wert für uns mit sich gebracht hat. Ich denke also schon, dass "The Dark Hereafter" eher ein Ergebnis der Umstände war und möchte seinen Beitrag, der uns enorm dabei half, "The Reckoning Dawn" zu dem werden zu lassen, was es letztlich auch geworden ist, definitiv nicht kleinreden. Ich bin übrigens froh darüber, dass du die Lead Gitarre erwähnt hast, weil das ein Bereich ist, an dem wir besonders fokussiert arbeiteten, in dem wir sehr gerne unsere Möglichkeiten ausloteten. Das Solo des Titelstücks ist nicht nur ein großer Moment für mich persönlich, sondern auch ein Testament für all die Vorzüge, die Dan (und Mark Deeks ebenfalls) beiträgt.

Stormbringer.at: Wie lange kennst du Dan überhaupt schon? Kanntet ihr euch schon bevor er bei WINTERFYLLETH einstieg, oder seid ihr über ihn gestolpert, als ihr nach Mark Woods Weggang nach Ersatz gesucht habt? Wie ist die Chemie?

Chris Naughton: Ich kenne Dan schon sehr lange und er zählt schon deutlich länger zu meinen Freunden als er in WINTERFYLLETH ist. Er hat, glaube ich, jedes unserer Artworks und Merchmotive entworfen. Wir haben ihn also immer als fünftes Mitglied betrachtet, auch als er noch nicht in der Band war. In diesem Sinne, wie schon zuvor angedeutet, stimmt die Chemie natürlich und Dan ist eine Bereicherung für die Band; was großartig ist, speziell weil wir zuvor relativ plötzlich ein langjähriges Mitglied verloren haben.

Stormbringer.at: Welche Themen, Bücher oder andere Dinge haben die Lyrics und Musik auf "The Reckoning Dawn" beeinflusst?

Chris Naughton: In Bezug auf das Album hatte ich ursprünglich im Sinn, dass besagte Abrechnung eine metaphorische sein sollte. Entweder in Gedanken - also ob der "Krieg der Gedanken", den wir in unserer Gesellschaft wüten sehen, gewonnen oder verloren wurde - oder vielleicht als eine Art physische; wenn bürgerliche Unruhen im Endeffekt zu einem Vorsatz oder Wandel im Denken, wie wir unsere Welt behandeln, führen würden. Unabhängig davon würde besagte Abrechnung in jedem Fall das Ende einer Ära darstellen und eine neue einleiten. Als die Idee aufkam und wir ein Konzept dafür aufbauten, wussten wir natürlich noch nicht, dass wir zum Releasezeitpunkt des Albums einer Art biologischen Abrechnung gegenüberstehen würden. Nichtsdestotrotz finden wir uns in unbekannten Gewässern wieder und zum ersten Mal seit Generationen stehen wir vor einem lebensverändernden Abgrund, ohne die Kontrolle zu haben. Vielleicht führt das dazu, dass wir gegenseitig die Menschlichkeit in uns wiederfinden, nachdem wir uns in den Jahren zuvor in so viele verschiedene Fraktionen und Ideologien zerteilten.

Stormbringer.at: Wie schreiben und nehmen WINTERFYLLETH neue Musik auf? Ist jeder von euch beteiligt, gibt es strikte Vorgaben, oder läuft das komplett anders ab?

Chris Naughton: Mit jedem Album durchlaufen wir während der Schaffensphase auch eine Art Reise, die selten einfach ist. Wir neigen dazu, zu einem überwiegenden Teil der Zeit an neuen Songs oder Ideen zu arbeiten. Wenn es also darum geht, ein neues Album zu machen, fließen überlicherweise sechs Monate an harter Arbeit hinein. Dabei sammeln wir Ideen, arbeiten an Songstrukturen und Ausschmückung. Dieses Mal war das nicht wirklich anders, ausser eben dass wir zum ersten Mal mit Dan und Mark zusammen geschrieben haben. Ich denke, dass ihr Input neue Drehungen und Wendungen hinzugefügt hat und sie uns zudem geholfen haben, indem die Songs durch zwei weitere kreative Köpfe gefiltert werden konnten. Meiner Meinung nach zeigt sich das im finalen Album und ich bin wirklich froh, dass dieses Album die gesamte Band als Songwriter reflektiert und eben nicht nur vereinzelte Mitglieder, wie es bei manch anderen Bands der Fall ist.

Stormbringer.at: Gibt es irgendeine spezielle Passage auf dem Album, die du als Musiker/Künstler besonders liebst?

Chris Naughton: Ich liebe das Solo um Minute 5:30 im Titeltrack, es spricht einfach für den Einsatz von Leadgitarren und Atmosphäre an den richtigen Stellen, um das Album zu stärken.

Stormbringer.at: Kürzlich, aufgrund einem erheblichen Mangel an Live-Konzerten, habe ich mir euren Bloodstock 2017 Gig, den ihr auf euren sozialen Medien geteilt habt, erneut angesehen und mich dabei gefragt, ob ihr tatsächlich lieber auf pures Zusammenspiel als auf die üblichen In-Ear-Monitors setzt, weil es so schien, als würdet ihr handelsübliche Ohrenstöpsel nutzen?

Chris Naughton: Ja, wir sind da sehr oldschool. Wir verlassen uns lediglich auf die Bühnenmonitore und unsere Fähigkeiten. Es kann eine Herausforderung sein, das so zu handhaben, besonders in Anbetracht dessen, wie laut es manchmal auf der Bühne sein kann, aber wir mögen die Echtheit dahinter und machen das seit jeher so.

Stormbringer.at: Ein anderer Gedanke kam mir, als ich die Chöre hörte, die live ziemlich beeindruckend wirken. Ich habe schon unzählige Bands gesehen, die auf ihren Studioalben ähnliche Techniken anwenden, live aber teilweise an der epischen Umsetzung scheitern. Was ist euer Geheimnis?

Chris Naughton: Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob es dafür ein großes Geheimnis gibt. Ich denke, dass wir einfach versuchen, Gesangsmelodien zu schreiben, die die Musik komplementieren und sich möglichst komfortabel für jeden von uns umsetzen lassen. Wir müssen uns unseren Stärken anpassen und realisieren, dass der eine mit tieferen Harmonien besser zurechtkommt und der andere mit höheren. Wir versuchen einfach sicherzustellen, dass es klanglich bestmöglichst rüberkommt und wollen daraus kein Egoding machen, weswegen immer derjenige singt, der einen Part am stimmigsten abliefern kann.

Stormbringer.at: Wie gehst du persönlich mit dem Corona-Virus um? Betrifft dich die Situation überhaupt, genießt du die Entschleunigung - und was ist deine Meinung zu der ganzen Situation?

Chris Naughton: Wir leben nicht ausschließlich von WINTERFYLLETH, die meisten von uns gehen Betätigungen nach, die bei der Bezahlung von Rechnungen helfen. In diesem Sinne geht es uns allen gut. Ich vermute aber, dass das einen größeren Einfluss auf größere Bands, die vom Touren leben, ausüben wird und vor allem auch die Promoter, Veranstalter, Personal und das Gastgewerbe besonders hart trifft, weil sie die Ersten waren, die schließen bzw. den Betrieb einstellen mussten und wahrscheinlich die Letzten sein werden, die den Betrieb wieder aufnehmen dürfen. Wer weiß schon, wie die Situation nach dem Virus aussehen wird, die Perspektive jedenfalls ist ziemlich trüb. 

Stormbringer.at: Eine Vielzahl an Promotern, Bookern und Bands planen und präsentieren bereits ihr Live-Programm für das Jahresende. Während ich durchaus nachvollziehen kann, dass es dabei nicht nur um finanzielles Einkommen, sondern auch um Leidenschaft für die Musik geht, erscheint mir das dennoch ziemlich optimistisch. Was sind eure momentanen Live-Pläne?

Chris Naughton: Aktuell mussten wir erstmal etliche Shows absagen, Sommer-Festivals und Album-Tour inklusive. Verblieben ist lediglich die einwöchige, europäische Tour mit PANOPTICON und ALDA im Oktober sowie ein Berliner Festival im Dezember. Wir versuchen natürlich, so optimistisch wie möglich zu bleiben, aber im Moment kann man nicht genau sagen, ob diese Gigs überhaupt stattfinden können.

Stormbringer.at: Ich möchte mich aufrichtig bedanken; für die Zeit, dir du dir dafür genommen hast, meine Fragen zu beantworten, speziell aber auch für das neue Album "The Reckoning Dawn". Nicht nur deshalb, weil es das perfekte Heilmittel in der momentanen Situationen ist, sondern auch wegen der musikalischen Genialität grundsätzlich. Ihr habt euch abermals selbst übertreffen und ich bin dankbar dafür. Die letzten Worte gehören dir!

Chris Naughton: Danke dir, wir wissen das sehr zu schätzen! Das neue WINTERFYLLETH Album "The Reckoning Dawn" ist ab sofort durch Candlelight/Spinefarm Records erhältlich. Ich bin übrigens Teil einer weiteren Band namens ATAVIST, die in Kürze (am 19. Juni) ein Death-Doom-Album veröffentlichen wird. Sollte euch die Atmosphäre der WINTERFYLLETH Alben gefallen, könnte ATAVIST ebenfalls euren Geschmack treffen. Danke, Chris.

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Die Rezension zu "The Reckoning Dawn" findet ihr hier.


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