U.D.O. - Udo Dirkschneider

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Kultur braucht keiner? Hallo, geht's noch?

Udo Dirkschneider ist seit über 40 Jahren im Musikgeschäft tätig. Doch so ein Konzert wie im vergangenen September im bulgarischen Plovdiv hat der passionierte Tarnanzugträger noch nicht erlebt.

Veröffentlicht am 29.03.2021

Udo Dirkschneider ist seit über 40 Jahren im Musikgeschäft tätig. Doch so ein Konzert wie im vergangenen September im bulgarischen Plovdiv hat der passionierte Tarnanzugträger noch nicht erlebt. U.D.O. zählen zu den wenigen Bands, die während der Corona-Pandemie aufgetreten sind – und dann noch vor 2500 begeisterten Fans in einem malerischen Amphitheater.

Im Interview erzählt der 68-Jährige von diesem emotionalem Erlebnis. Er äußert sich zu den Lockdown-Maßnahmen der Bundesregierung, die Impfstrategien in Russland und spricht darüber, was er im Jahr der Corona-Pandemie zu schätzen gelernt hat.

Hallo Udo, wie sieht die Situation bei dir auf Ibiza aus?

Udo Dirkschneider: Wir haben noch einen Lockdown bis Ende Februar. Es gibt eine nächtliche Ausgangssperre von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Die Maske musst du überall tragen, Restaurants und Bars sind zu, dafür ist der Einzelhandel auf. Ich darf auch keine fremden Leute treffen, noch nicht mal eine Person. Mein früherer Bassist Fitty Wienhold wohnt fünf Minuten von mir entfernt. Mit dem kann ich mich nicht zum Kaffeetrinken treffen. Einreisen geht nicht, es sei denn, du wohnst hier oder hast einen beruflichen Termin auf der Insel. Ausreisen ist zum Glück kein Problem.

Zum Glück, sonst hättet ihr mit U.D.O. gar nicht das Konzert mitten während der Corona-Zeit am 18. September in Plovdiv spielen können. Wie kam es zu diesem bemerkenswerten Gig in Bulgarien?

Dirkschneider: Die bulgarische Regierung und ein Promoter vor Ort haben uns eingeladen. Das hat ganz gut gepasst, weil wir im September noch alle von der Band zusammenkommen durften. Da haben wir vorsichtshalber Fotos für das neue U.D.O.-Album gemacht und auch geprobt. Wir wussten aber bis kurz vor dem angestrebten Termin nicht, ob alles wie geplant stattfinden kann. Wir haben uns dann die Location angeschaut. Die fanden wir so geil, dass wir das auf jeden Fall trotz aller Unwägbarkeiten machen wollten.

Das war unser einziges Konzert im Jahr 2020. Ich glaube, wir waren auch die einzige Band, die das in diesem großen Rahmen vor 2500 Zuschauern gemacht hat. Wir wollten das Konzert auf jeden Fall auch aufnehmen und haben uns mit dem bulgarischen Fernsehen in Verbindung gesetzt. Während der ganzen Zeit schwang aber immer ein bisschen die Sorge mit, dass der Gig vielleicht drei Tage vorher noch abgesagt wird.

 

 

Wie waren denn die Hygienebestimmungen vor Ort?

Dirkschneider: In den Hotels galt Maskenpflicht. Die Interviews haben in abgeschirmten Räumen stattgefunden. Es wurde auch die Abstandspflicht eingehalten. Beim Konzert in dem Antik-Theater gab es kein Publikum vor der Bühne. Die haben alle im weiten Rund gesessen. Wir wussten bis zum Konzertbeginn gar nicht, wie viele Leute kommen würden.

Die Konzertbesucher haben auffallend eng beieinander gesessen, wie man auf der DVD sehen kann. Man hatte den Eindruck, hier findet ein ganz normales Konzert wie vor der Corona-Zeit statt.

Dirkschneider: Bulgarien hatte ziemlich niedrige Infektionszahlen, die Situation war entspannt. Wir haben uns auch gewundert, dass die Fans sehr eng beieinander saßen. Keine Ahnung, ob es da keine Auflagen gab. Wir haben uns nach dem Konzert erkundigt, ob es Infektionen gegeben hat. Das war zum Glück nicht der Fall.

Ihr habt zuvor neun Monate nicht mehr zusammen gespielt. Was war das für ein Gefühl trotz Corona auf der Bühne stehen zu dürfen?

Dirkschneider: Ich habe in meiner über 40-jährigen Karriere schon viele Konzerte gespielt, auch richtig emotionale. Aber diese Veranstaltung zu beschreiben, ist wahnsinnig schwierig. Die Atmosphäre war schon während des Intros unvorstellbar, als wir noch hinter der Bühne standen.  Das Konzert war hoch emotional – für uns aber auch für das Publikum. Wir haben uns gegenseitig hochgeschaukelt.

Man hat gemerkt, wie ausgehungert die Leute waren. Die waren froh, endlich mal wieder ein Konzert sehen zu können. So eine Atmosphäre wie in dieser Form habe ich noch bei  keinem Konzert erlebt. Wir sind extrem froh, dass wir die Show gespielt haben. Wir haben da mehr als 100 Prozent gegeben. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir nur sehr wenig Zeit zum Proben hatten. Wir hatten uns vorher alle fast ein Jahr lang nicht gesehen.

Eigentlich wolltest du keine ACCEPT-Songs mehr live mit U.D.O. spielen. In Plovdiv sind es dann sogar fünf geworden. Der gesamte Zugabenteil besteht aus ACCEPT-Klassikern. War dies der besonderen Situation geschuldet?

Dirkschneider: Stimmt, mit U.D.O. wollten wir keine ACCEPT-Songs mehr spielen. Doch der Promoter und auch die bulgarische Regierung hat sich das so gewünscht. Wir haben uns dann gesagt: „Okay unter diesen besonderen Umständen machen wir das, die Leute werden sich freuen.“ Für uns war das ein neues Gefühl, denn wir haben in dieser Zusammensetzung mit unseren beiden Neuen (Dee Dammers: Gitarre, Tilen Hudrap: Bass, Anm. d. Red.) noch nie ACCEPT-Songs gespielt.

 

 

Wie kam die bulgarische Regierung dazu, euch zu fragen, ob ihr ein Konzert in Plovdiv spielen wollt?

Dirkschneider: Die Frage kann ich gar nicht genau beantworten. U.D.O. sind in Bulgarien schon eine größere Nummer. Unter 2000 Zuschauern haben wir dort noch nie gespielt. Vielleicht haben die eine Umfrage gemacht, oder so? Ich weiß es nicht. Wir haben uns gedacht: „Wenn die uns haben wollen, ja bitte, warum nicht!“ Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Mittlerweile haben wir in Deutschland den zweiten Lockdown. Auch 2021 wird es eventuell noch keine Konzerte geben – hast du noch Durchhaltewillen oder denkst du schon über einen Berufswechsel nach?

Dirkschneider: Über einen Berufswechsel denke ich mit Sicherheit nicht nach. Ich bin in der glücklichen Lage, genug zu tun zu haben. Wir arbeiten fleißig an neuen Songs, das hält einen wach. Im Sommer soll das neue Album rauskommen. Außerdem habe ich jetzt auch die Muße und die Zeit, weiter an meinem Buch zu arbeiten. Richtig langweilig wird mir nicht. Unsere Tour 2021 durch Europa, Russland und die Ukraine ist gebucht. Ich hoffe, dass sie stattfindet.

Für einen Berufswechsel bist du auch schon zu alt, wenn ich das mal so respektlos sagen darf (Dirkschneider ist 68 Jahre alt, Anm. d. Red.).

Dirkschneider: Das stimmt, dafür bin ich zu alt. Ich könnte noch Regale im Supermarkt einräumen, doch das möchte ich eigentlich nicht tun (lacht).

CTS Eventim brachte jüngst ins Spiel, den Konzertbesuch an eine Impfung zu knüpfen. Der Ethikrat erteilte jeglichen Privilegien für Geimpfte eine Absage. Wie stehst du dieser Thematik gegenüber?

Dirkschneider: Einen Impfnachweis halte ich für grenzwertig. Das geht in Richtung Privilegien und Zweiklassen-Gesellschaft. Das wird ja auch fürs Fliegen überlegt. Das halte ich nicht für gut.

Würdest du dich impfen lassen?

Dirkschneider: Ich bin ja noch gar nicht dran. Erst kommen die Achtzigjährigen, dann die Siebzigjährigen und dann komme ich in der dritten Welle. Ich werde mich auf jeden Fall impfen lassen. Mal schauen, wie lange es noch dauern wird. Ich bin mit Russland verbandelt, meine Freundin lebt in St. Petersburg. Wenn ich sehe, wie die da vorlegen. Du musst dich nicht vorher anmelden, es kommen auch nicht erst die Achtzigjährigen dran.

Ich kenne einen Deutschen, der lebt in Moskau. Der ist mit seinem deutschen Reisepass in die Oper gegangen und hat sich dort impfen lassen. Nach 15 Minuten war er wieder draußen. Bevor er sich die zweite Dosis abholen kann, erhält er eine SMS. Die Russen ziehen das knallhart durch. Meine Freundin hat mir erzählt, dass dort auch alles offen ist: Kinos, Theater, Restaurants. Da kann man ganz normal hingehen.

Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Obwohl Umfragen zufolge eine Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahmen der Politik stützt, bröckelt die Zustimmung zu Maskenpflicht, Impfnotwendigkeit und harten Lockdownregeln. Gehen auch in deinem Freundeskreis die Meinungen auseinander?

Dirkschneider: Eigentlich überhaupt nicht. Wir diskutieren natürlich manche Dinge. Einige Entscheidungen leuchten mir nicht ein. Wenn zum Beispiel die Frisöre öffnen, müssten doch auch die Restaurants öffnen dürfen. Die haben doch gute Hygienemaßnahmen entwickelt. Natürlich möchte die Regierung die Kontakte der Menschen unterbinden, damit die Zahlen runtergehen. Wirtschaftlich gesehen ist der Lockdown aber eine Katastrophe. Im Musikbusiness ist das eine Katastrophe hoch 18.

Warum muss der Lockdown ganz Deutschland betreffen? Es gibt mittlerweile Regionen, da könnte man wieder aufmachen. Das mit der Impfung haben sie auch verpennt. In Deutschland hapert es auch an der Digitalisierung. Es sind nicht alle Gesundheitsämter miteinander vernetzt. Und für die Auszahlung der Überbrückungsgelder musste erst eine neue Software installiert werden. Da fragt man sich: „Leben wir in Deutschland im Mittelalter?“

 

 

Kennst du Künstler, Freunde oder Bekannte, die wegen der Corona-Maßnahmen beruflich am Ende sind?

Dirkschneider: In meinem engsten Umfeld nicht. Ich kenne aber viele aus dem Business, speziell der Roadieabteilung, Lichttechniker oder Toningenieure, die sich andere Jobs suchen müssen, um ihre Familien ernähren zu können. Finanzielle Hilfen der Regierung kommen nur teilweise oder gar nicht an, so funktioniert das natürlich nicht. Ich bin mal gespannt, was noch übrig ist, wenn das Ganze mal vorbei ist.

Ganz am Anfang der Pandemie hat der liebe Herr Söder gesagt: „Kultur braucht keiner.“ Hallo, geht’s noch? Unsere Musikbranche mit allem drum und dran ist gleichzusetzen mit der Autoindustrie. Und wir machen mehr Umsatz als der Fußball. Das ist schon Hardcore, was da abgeht.

Wie kommt dein Sohn Sven (Schlagzeuger bei U.D.O., Anm. d. Red.) über die Runden?

Dirkschneider: Mein Sohn bekommt Überbrückungshilfen. Gestern hat er mir erzählt, dass demnächst was Neues kommen soll. Der kommt da so durch. Meine beiden anderen Bandkollegen sind bei uns angestellt, die bekommen Kurzarbeitergeld. Da haben wir ganz gut vorgesorgt. Im Augenblick zählen wir zu den Glücklicheren, um es mal so auszudrücken.

Welche Lehren ziehst du für dich aus dieser historischen Zäsur? Hast du dich als Person verändert?

Dirkschneider: Ich glaube ja. Ich habe gelernt, den menschlichen Kontakt wieder zu schätzen. Ich nehme ihn bewusster wahr. Ich habe auch gemerkt, wie wichtig Freiheit ist. Derzeit fühle ich mich in meiner Freiheit schon eingeschränkt.

Text von Matthias Bossaller

 

Hier gehts zu unserem Review von U.D.O. Live In Bulgaria 2020


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