HELLOWEEN - Michael Kiske

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Als ich gemerkt hatte, dass ich überhaupt nicht mehr sauer war, war das für mich persönlich ein innerer Gamechanger.

HELLOWEEN sind glücklich wiedervereint und "Helloween" steht in den Regalen - d.h., wenn die Fans nicht bereits alles leergeräumt haben! Zu diesem historischen Anlass mussten wir den zurückgekehrten Sänger Michael Kiske befragen - was wir herausfinden konnten, erfahrt ihr hier!

Veröffentlicht am 29.06.2021

Das Warten auf den siebenköpfigen Kürbis-Frontalangriff war lang, doch es hat sich gelohnt! "Helloween" - das Reunion-Album von Hamburgs hochkarätigstem Power-Metal-Export, das Album mit dem unverrückbaren Statement zur Band, das Album, das zum Knotenpunkt der essentiellen Hochphasen der Band werden sollte - schlug bei Fans und Presse ein wie eine cucurbita-förmige Bombe - den ersten Platz in den deutschen Albumcharts gab es on top. Grund genug, uns Sänger Michael Kiske für einen gemütlichen Schwatz zu schnappen und mit ihm über die Harmonie zu siebt, verflogenen Groll und natürlich König Zufall zu plaudern!

Moin Moin?

Moin Moin! Grüß dich Michi!

[auf die kaum der Rede werte Verspätung abhebend]...ah meine Oma is' gestorben, das Haus ist abgebrannt und ein Erdbeben gab's auch noch!

...und was davon ist wirklich passiert?

[in leisem Ton] Nene, garnix...ich war 'n bisschen spät dran hier.

Das kommt vor... geht's dir gut?

Ja, und selber?

Kann nicht besser klagen - immerhin habe ich einen guten Grund gefunden, mich kurz von der Arbeit abzunabeln.

Als was arbeitest du denn?

Öhm... Industriekindergärtner sage ich immer gerne...

[hörbar belustigt] Industriekindergärtner?!

Ja, das ist es im Grunde schon. Eigentlich heißt der Beruf [...hier könnte Ihre Antwort stehen...], aber ich nenne es lieber Industriekindergärtner, weil's näher an der Realität ist.

Ich verstehe... ich verstehe.

Ja, man erlebt so einiges... aber darum geht's ja heute nicht. Du bist inzwischen seit vier Jahren zurück bei HELLOWEEN - hast du dich gut eingelebt?

Jo! Es kommt mir gar nicht so lange vor. Ich schätze, das liegt an dieser Pandemie, dass sich alles so in die Länge zieht und einem eher vorkommt wie zwei, drei Jahre. Am Anfang war das alles natürlich komisch und seltsam. Aber mittlerweile, speziell nach der ersten langen Tour, war dann irgendwann alles gut so.

D.h., du hast dich daran gewöhnt oder gab es am Anfang vielleicht doch kleinere Reibereien?

Reibereien gab's gar nicht, aber das ist natürlich...wie soll ich das sagen...bei der ganzen Bandgeschichte ist man erst mal super vorsichtig. Am Anfang war die Unsicherheit relativ stark...alle waren positiv drauf, aber keiner wusste so recht, was zu erwarten war. Man hat sich gegenseitig beschnuppert und so. Das mit Weiki hatte ich als Erstes geklärt...in längeren Gesprächen...mit Hansen gab's eh nie Stress...die alten Bandmitglieder abschnüffeln kam als Erstes, aber daneben gab es auch Leute in der Band, die einen gar nicht kannten und die eine Ansicht über einen hatten wegen der ganzen Geschichte und so. Ganz allgemein war es also logisch, dass das am Anfang war wie...wie sagt man so schön...man hatte n' Stock im Arsch. Aber das ging relativ schnell vorbei. Es dauert ja meist nicht lange, bis man den anderen Menschen richtig sieht.

Das ist richtig. Und wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen euch Sieben vorstellen? Gerade mit zwei hauptamtlichen Sängern?

Das war viel einfacher, als ich gedacht hatte! Ich denke, ich bin eigentlich derjenige gewesen, der den Startschuss gegeben hat, dass das wirklich ernsthaft angegangen wurde. Auch Andi Deris hatte solche Dinge schon Jahre vorher in Interviews gesagt, womit ich allerdings gar nichts anfangen konnte. Hansen wollte das auch immer machen...

...d.h. die Reunion als solches?

Ja ja, sowas in der Art, es war nur nicht klar, in welcher Form. Ich wollte da lange überhaupt nichts von wissen und das entscheidende Ding war 2013, als ich mit AVANTASIA auf Tour war und backstage in Michael Weikath reingerannt bin. Er war komplett auf Kuschelkurs und hatte dann diesen zentralen Satz gesagt: "was hab' ich gemacht, dass du mir nicht verzeihen kannst?" In diesem Moment habe ich inne gehalten und festgestellt, dass ich gar keinen Groll mehr in mir habe. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Man hat das ja oft, dass Dinge in den Gedanken weiterrollen und über die Jahre Dinge in der Seele passieren, die du überhaupt nicht so mitbekommst. Und in so einer Situation wird einem das dann klar. Als ich gemerkt hatte, dass sich das alles verändert hat und ich überhaupt nicht mehr sauer war, war das für mich persönlich ein innerer Gamechanger. Zu der Zeit gab es noch keine Diskussionen über irgendwelche "Pumpkins United"-Geschichten und so, aber es war ein Anstoß.

Ein bis anderthalb Jahre später haben wir mit UNISONIC in Spanien gespielt, drei klasse Shows, nichts Riesiges, bis 2.000 Leute ungefähr...und nach einer dieser Shows - ich glaube, es war die letzte - sagte Kai Hansen zu mir: "ach Michi, irgendwann müssen wir echt nochmal was mit HELLOWEEN machen, bevor wir zu alt sind!" Dazu sagte ich "weißt du was, Kai? Ich bin offen!" Und Kosta [Zafiriou], der damals bei UNISONIC Schlagzeug spielte, ist auch Teil des Managements Bottom Row, die wiederum das Management von HELLOWEEN übernehmen...und kurze Zeit darauf rief mich Jan Bayati, der Manager von HELLOWEEN und jetzt auch mein Manager, an und wollte abchecken, ob ich das alles ernst gemeint hatte. Das war der eigentliche Schritt dahin [zur Reunion]. Ich hatte mich dann länger mit Weiki ausgesprochen, das war sehr unproblematisch. Ich bin nach Teneriffa rübergeflogen und hatte zwei Wochen lang fast jeden Tag mit Andi Deris verbracht. Sehr interessant war, dass ich das Gefühl hatte, den schon lange zu kennen...als wenn es ein alter Bekannter wäre. Und nachdem das alles wunderbar funktionierte, hatte man dann die ersten ernsten Gespräche geführt.

Um wieder zur Frage zu kommen: letztlich hat sich das Ausarbeiten des Gesangs als super einfach herausgestellt, weil zwischen Andi und mir überhaupt kein Konkurrenzkampf existiert...null. Das lief eher so ab: wir haben Dennis Ward so eine Art Skizze machen lassen, wie er meint, dass man die Songs aufteilen könnte, denn er kennt uns beide sehr genau. Oft lief es dann so, dass Andi meinte "diese Passage musst du mal ausprobieren, das könnte sich cool anhören"...oder auch umgekehrt: wenn ich das Gefühl hatte, etwas ist nicht so ganz mein Ding, ließ ich es lieber ihn probieren. Wir haben uns also gegenseitig die Sachen zugeschoben und das war sehr interessant. Es war eine wirklich gute Zusammenarbeit, bei der es immer nur um den Song ging. Darum, was für den Song am Coolsten ist und wie man die Stellen herausfinden kann, an denen jeder Sänger mit dem glänzen kann, das er am besten kann.

Dabei spielte auch sicherlich eine Rolle, dass ihr beide gesanglich keine große Schnittmenge habt?

Ja ja. Klar, wir können beide alles singen, aber es klingt halt komplett anders und genau damit haben wir auch gearbeitet. Es gibt halt Stücke, bei denen es geiler klingt, wie Andi das macht und es gibt welche, bei denen es echt gut funktioniert, wie ich das mache. Und es war gar nicht so schwer, das auszuloten.

Künstlerisch hat es auf jeden Fall einen Mehrwert - es könnte nur sein, dass es zu Neid usw. führen könnte, wenn man über Jahre alleine der Platzhirsch ist und dann auf einmal mit jemand anderem die Bühne teilen soll - aber das scheint ja nicht der Fall zu sein...

Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube, das ist auch eine Altersfrage...

...das hast du jetzt gesagt!

...ich meine, in jüngeren Jahren ist man tendenziell egoistischer und wenn man sich ein bisschen entwickelt, ist man deutlich entspannter. Als junger Mensch musst du immer viel beweisen, willst was erreichen...deshalb ist es auch so eingerichtet, dass du dann ehrgeiziger bist. Und wenn du älter wirst, dann sagst du auch mal "lass ihn das machen"! Auf Tour ist das ein absoluter Segen - weder er noch ich müssen ein gesamtes Drei-Stunden-Set durchsingen, sondern man trägt das gemeinsam...und Kai hat ja auch noch Sachen, die er singt. Das macht das alles sehr viel einfacher und für das Publikum auch bunter.

Wo du Kai Hansen ansprichst - hattet ihr auch in Erwägung gezogen, einen kompletten Song von ihm singen zu lassen? Vielleicht eine etwas ruppigere Nummer im Stile von "Walls Of Jericho"?

Nein, ursprünglich war das überhaupt nicht geplant, dass Kai Hansen auf der Platte singt - das hat er dann irgendwann beschlossen [lacht]. Also wir hatten das schon geplant - live mit dem Medley, aber für die Platte ursprünglich nicht. Letztendlich ist Kai eine Note, die man reinbringen kann, aber wenn es um die erfolgreichen Platten ging, war er nie so zentral als Sänger, sondern als Gitarrist und Songschreiber am Werk. Als er nicht mehr gesungen hat, haben wir angefangen, Millionen von CDs zu verkaufen und das ist natürlich nicht irrelevant. Es ist schon so, dass Andi und ich da als Sänger mehr Gewicht haben. Das heißt nicht, dass wir es nicht cool finden, wenn Kai singt. Es kann auch sein, dass er mal einen Song ganz singt, das ist nicht ausgeschlossen. Wenn sich herausstellen sollte, dass etwas geiler klingt, wenn Kai es singt, warum nicht? Aber es ist jetzt nicht so, dass wir das gezielt planen. Ich denke, das ist eher so ein bisschen wie bei QUEEN, wo auch ab und zu Roger Taylor gesungen hat...aber meistens dann eben doch Freddie.

Nun gut, es klingt ja so, als seid ihr euch da untereinander grüne - aber die wirklich wichtige Frage ist jetzt: darf ich das so aufnehmen, ohne von Kai Hansen Anwälten zu lesen?

Es ist schon so, dass es zwischen Andi und mir keine Reibereien usw. gab...das einzige Mal, dass es sowas wie eine Ego-Diskussion gab, war, als Kai sein "Skyfall" singen wollte. Und da fand die Band inklusive Produzenten und Management, dass das einfach nicht die richtige Entscheidung wäre. Wir haben da ein bisschen diskutiert und wenn er es bis zum Ende hätte komplett singen wollen, hätten wir es auch so gemacht - weil bei uns der Songschreiber das letzte Wort hat. Und mittlerweile ist er auch happy damit - er hat mir auch ganz niedliche SMS geschrieben und sowas. Aber das war wirklich das einzige Mal. Ihm fällt es manchmal ein wenig schwerer, die Band als solches zu sehen, weil er auch viele Jahre lang nur GAMMA RAY gemacht hat, wo im Grunde nie was anderes passiert ist, als das, was er wollte. Und hier ist es eine gemeinsame Geschichte, bei der es auch wichtig ist, zu hören, wie die anderen etwas sehen.

Wenn ich mich recht erinnere, hattet ihr das Ganze zunächst als reine Livegeschichte aufgezogen, richtig?

Ja, genau so! Wir hatten tatsächlich nur Verträge bis nach den Touren gemacht, weil man ja nie wusste, ob wir uns nicht doch an die Gurgel gehen. Das ist ja immer eine extreme Situation, die sich die Leute meist nicht vorstellen können. Eine Tournee ist echt anstrengend und es wird schlimmer, je älter du wirst. Das war also so eine Art Reifeprüfung und nachdem selbst die super ablief und es überhaupt keine Probleme gab, haben wir dann weitergedacht.

Ich denke mal, dass unser Manager das sicherlich schon im Hinterkopf hatte...aber sie haben das sehr gut gemacht, in dem sie alles Schritt für Schritt ausprobiert hatten und wenn das gut lief, wurde einen Schritt weiter geplant. Das geht auch nicht anders, weil du es in dieser Band mit sehr intensiven oder extremen Menschen zu tun hast und immer sehen musst, ob das überhaupt geht und was geht.

Die nächste Frage ist eigentlich eine überflüssige Frage, aber trotzdem: wie und warum habt ihr den Titel "Helloween" gewählt?

[hämisch lachend] Weil wir so heißen!

...das hättet ihr auch vor dreißig Jahren tun können!

Hatten wir auch schon mal [auf die 1985er EP anspielend]! Der Gedanke kam von Markus. Wir haben eine ganze Weile rumphilosophiert über einen möglichen Titel und so...und wir gingen auch lange davon aus, dass das Album einen Titel haben würde. Und dann sagte Markus: "das Ding ist jetzt ein Neuanfang und eine andere Band - warum nennen wir es nicht einfach "Helloween"? Das ist ja auch ein Statement." Das fanden wir alle gut, also haben wir's gemacht.

Das erste, woran ich hierbei gedacht habe, ist, dass dieses Statement nach knapp 40 Jahren Bandgeschichte inkl. Sänger- und Stilwechsel eine viel gewichtigeres ist...vielmehr als wenn man es mit einem seiner ersten Alben verheizt.

Ja ja...guck mal, selbst METALLICA haben das mit ihrem schwarzen Album gemacht...komischerweise...es war zwar schwarz, aber hatte keinen wirklichen Titel. Aber bei uns, finde ich, passt das total gut, weil es jetzt eine ganz andere Baustelle ist. Der Gesamt-Spirit verändert sich natürlich durch sowas.

Klar! Und was man natürlich erwartet, wenn ihr alle unter einem Dach seid und die Platte "Helloween" genannt habt, ist, dass man alle essentiellen Phasen wiederfindet. Das ist meiner Meinung nach der Fall - aber welche Vision hattet ihr in Bezug auf die Balance der verschiedenen Epochen? Und wie dicht lag die Vision an der Realität?

Ich glaube, jeder hat etwas im Kopf gehabt und bei jedem wird dies anders gewesen sein. Es kann also durchaus sein, dass wenn die Platte komplett nach meiner, Kai Hansens oder Sascha Gerstners Fasson gelaufen wäre, jedes mal eine andere Platte dabei rausgekommen wäre. Aber es ja von vornherein klar, dass wir das gemeinsam machen und das dabei das rauskommt, was rauskommt, wenn wir Sieben eine Platte bauen. Und wenn's um die Songs geht, wirst du eh nie eine Band finden, die interessant und authentisch ist und ihre Songs am Reißbrett plant - das geht ja gar nicht. Letztendlich hast du Ideen. Du setzt dich als Songschreiber hin und fährst deine Antennen aus...dann hast du eine Idee und arbeitest sie aus. Und wenn du Glück hast, findest du sie auch nach eine Weile noch cool und schlägst sie der Band vor. Dann arbeitet die Band mit daran, jeder schraubt dran rum...das haben wir alles gemacht - wir sind jeden Song pre-production-mäßig durchgegangen, wozu jeder seinen Teil beigetragen hat.

Das einzige, was du tun kannst, ist eine Auswahl zu treffen, wenn du sehr viele Songs hast, d.h. ausmachen, was gut zusammen passt oder nicht. Das kannst du machen, aber du kannst nicht wirklich das Songwriting in irgendeine stilistische Richtung lenken. Was wir aber gemacht haben, wenn irgend ein Song ein bestimmtes Spirit hatte: "Out For The Glory", "Fear Of The Fallen" oder auch "Skyfall" erinnern zum Beispiel an die "Keeper"-Zeit. Und das haben wir dann nicht totgetreten, sondern eher noch etwas mehr herausgekitzelt. Aber letztendlich entsteht ein Album so, wie es entsteht. Das war auch schon immer so. Das Album gibt immer wieder, was im Moment los ist.

Habt ihr noch Material von der Session übrig oder findet sich das alles im Bonusmaterial der Platte?

Da ist schon noch einiges übrig, vor allem eine ziemlich geniale Ballade von Andi, die leider nicht rausgekommen ist. Er hätte den Song auch komplett gesungen. Dennis hatte den Vorschlag gemacht, die Tonlage nach unten zu verändern, aber als sie damit fertig waren, waren sie nicht so richtig zufrieden damit und fanden die ursprüngliche Version besser. Deshalb haben sie das Stück auf das mögliche nächste Album verschoben.

Also gehe ich davon aus, dass man das ein oder andere noch zu späterer Gelegenheit zu hören bekommt?

So Gott will, ja. Wenn es nach uns geht, auf jeden Fall. Aber man weiß ja nie, was passiert...[mit morbidem Unterton] vielleicht bin ich ja morgen schon tot.

Das wollen wir doch nicht hoffen! Hoffentlich regnen die Klaviere in Hamburg nicht so frequent...

Hehe, ja. Aber du siehst es ja im Moment mit dieser Corona-Scheiße, damit hätte auch keiner gerechnet.

Stimmt...das Zeug könnte morgen tot sein. Aber zurück zum Album: diese Sache mit der Reunion und dem Titel ist ja eine einmalige Sache, bei der man nur einen Schuss hat - der sitzt oder eben nicht. Empfandet ihr vor diesem Hintergrund Druck im kreativen Prozess?

Letztendlich ist das auch wieder typisch HELLOWEEN...wir haben schon immer die Sachen anders gemacht als viele andere. Alleine diese humoristische Komponente...die haben nicht viele Metalbands außer vielleicht Tobi mit EDGUY. Es gibt natürlich Bands mit mehr als einem Sänger...die sind aber oft nicht von vornherein mit zwei Sängern aufgetreten. Außergewöhnlich ist, wenn es eine Phase mit einem Sänger gibt...dann ist der weg und ein neuer kommt rein...dann kommt der alte wieder zurück und der, der danach kam, bleibt auch. Das ist halt anders [lacht]! Ich hab erzählt bekommen, dass VAN HALEN das mal probiert haben mit Sammy Hagar und David Lee Roth...aber sie hätten sich nicht vertragen und wir tun das halt.

Und das war auch die Grundidee und meine anfängliche Motivation. Jetzt ist es was anderes...jetzt hat es eine größere Bedeutung für mich. Ich hatte ehrlich gesagt überhaupt keine Vorstellung, wie erfolgreich das wird und habe da nicht so drüber nachgedacht. Mir ging es mehr darum, Frieden zu schließen. Ich wollte nicht sterben mit Feinden, die nicht nötig sind. Das war meine anfängliche Motivation und ist meiner Ansicht nach zugleich der höhere Grund oder die höhere Botschaft daran. Sich zu vertragen und zu verzeihen, gemeinsam was machen - das ist die idealistische Komponente dahinter.

Das klingt für mich nicht nach Druck, sondern eher nach Spaß.

Ehrlich gesagt wirklich nicht. Ich bin mir sicher, dass das bei Plattenfirmen und Management deutlich heftiger ist, gerade wenn Plattenfirmen so viel Geld investieren. Deshalb sind wir auch froh, dass es so super gut läuft mit der Platte. Das freut uns natürlich, aber wir haben uns da als Musiker echt keinen Stress gemacht - und ich glaube, dass gerade das ganz essentiell ist. Du machst keine bessere Musik, wenn du dir Stress machst. Du solltest nicht versuchen, etwas so zu machen, wie du dir vorstellst, dass die Leute es hören wollen. Das gibt es nicht, weil die Menschen sehr unterschiedlich sind. Vielleicht gibt es da eine Quersumme und die scheinen wir auch getroffen zu haben - aber wir haben es nicht gewusst! Also war es für uns auch ein Abwarten - wir haben gemacht, das Album ist zustande gekommen, wie es zustande gekommen ist und wir wussten genau, mehr können wir nicht tun. Jetzt sind wir extrem happy, dass das Album so wohlwollend aufgenommen wird, aber du kannst sowas nicht planen.

Es war eher ganz schön leicht, muss ich sagen. Durch den positiven Spirit, weil alle happy sind, dass das so gut funktioniert. Man kann sich unheimlich gut leiden und das gibt an sich schon eine sehr kreative Energie.

War das Album nicht eigentlich früher geplant? Gab es auch hier eine Corona-Verspätung?

Ja klar...das Album sollte eigentlich im Spätsommer letzten Jahres kommen und wir hatten vor, im Anschluss schon wieder zu touren. Das ist natürlich verschoben worden, aber wir haben uns dann doch entschlossen, das Album jetzt rauszubringen. Es ist auch bei uns nicht so tragisch, wenn wir ein Album herausbringen und von mir aus ein halbes Jahr später touren. Das ist bei neuen Bands wichtiger, aber wir sind ja sozusagen eine etablierte Marke. Da kannst du das schon mal so machen.

Hatte die Verzögerung eine Auswirkung auf den Schreibprozess oder vielleicht sogar einen Vorteil?

Wir hatten alle gehofft, dass Kai noch was schreibt, weil wir gerne noch zwei oder drei Songs mehr von ihm gehabt hätten. Es hört sich ja immer gut an, wenn er was schreibt und wenn ich das singe, hat das immer einen bestimmten Spirit. Aber wir haben nichts mehr weiter geschrieben. Andi und ich hatten auf Teneriffa den Gesang aufgenommen, als man zum ersten Mal was von Corona hörte...aber es hat nichts beeinflusst, weder das Schreiben noch das Aufnehmen. Wir haben uns aber sehr viel Zeit beim Mix gelassen. Der wurde mehrfach aufgezogen, als man sich während der Zwangspause die Zeit dazu nehmen konnte.

Und wer schreibt die Texte? Man liest und hört ja, dass ihr mehrere Songschreiber an Bord habt.

In der Regel hat der Songschreiber auch den Text geschrieben.

Hast du einen persönlichen Favoriten?

Ja klar! Ich finde die natürlich alle cool, aber von den Songs, die mir sofort einfallen, kommt "Skyfall" ganz vorne. Dann aber auch "Fear Of The Fallen" - die Nummer hat Andi ganz gezielt für beide Sänger geschrieben. Auch "Out For The Glory" finde ich großartig, den habe ich nicht mal geübt...ich hatte kaum einen Song vorher geübt, was manchmal ganz gut ist. Ich hatte das alles erst an dem Abend, als wir es aufgenommen hatten, gelernt und wir hatten es dann relativ schnell aufgenommen. Und später, als klar war, dass sich alles verschiebt, wollte ich den Song nochmal probieren und ein paar Sachen anders machen. Das hab' ich dann probiert, aber ich habe es aus irgendeinem Grund vom Rhythmus her nicht mehr so cool hinbekommen wie bei der ersten Aufnahme. Und ich weiß auch genau, warum: wenn ich das jetzt nochmal aufnehme, ist alles, was da abläuft, bei mir drin. Aber als ich den so spontan eingesungen hatte, war da noch so ein gewisses "Neu-Element" mit drin. Das hat so eine Frechheit in den Rhythmus gebracht, die ich nicht mehr kopieren konnte. Das war echt interessant.

Aber wahrscheinlich wird sich da noch sehr viel tun, wenn wir die Songs live spielen, weil das die Phase ist, in der du sie erst richtig verinnerlichst. Dann bekommen sie nochmal eine ganz andere Qualität und erst dann entwickeln sich für mich als Sänger die Favoriten.

Ich habe auch gelesen, dass ihr eine Menge "Geschichtsträchtiges" auf "Helloween" eingebracht habt, z.B. das Drumkit von Ingo Schwichtenberg?

Ja...das ist so entstanden, dass ich 2018 in Hamburg einkaufen war und mich vor Saturn ein Fan angesprochen hat. Ich hab' mich bestimmt zwei Stunden mit ihm unterhalten und er sagte mir, dass er irgendwann das Schlagzeug von Ingo Schwichtenberg erworben habe...und er würde das ganz toll finden, wenn wir alle in der Snaredrum innen drin unterschreiben könnten. Dazu wollte er gerne einen Termin machen und ich vermute, dass das daraus dann entstanden ist. Die Idee kam ja von Dani, ihm das Schlagzeug abzukaufen und damit aufzunehmen. Das hat mehrere Hintergründe. Einmal ist natürlich was von Ingo dabei, aber das Schlagzeug klingt auch anders. Ich habe mir sagen lassen, dass die Sonor-Kits aus den Achtzigern und speziell diese Serie einen besonderen Sound haben, anders als die Sonor-Kits von heute.

Ich verstehe. An dieser Stelle erlaube ich mir mal eine ketzerische Frage: "Helloween" hat das besagte Statement und wird von vielen als ein vollständiges, wenn nicht sogar ultimatives Album angesehen...was kommt danach?

Letztendlich ist die Situation dann wieder genau dieselbe. Ich hab' dir ja erklärt, dass du ein Album nicht am Reißbrett schreibst. Du musst dich wieder hinsetzen, Songs schreiben und das Album kommt so zustande, wie es zustande kommt. Was ich persönlich versuchen werde anzuregen, ist, dass man wieder ein bisschen was Neues probiert. Ich glaube, nachdem man so ein Reunion-Album rausgebracht hat, mit dem alle happy sind, kann man das nächste Mal auch ein wenig mutiger sein und was ausprobieren. Das haben wir ja eigentlich immer schon gemacht - beim Sprung von "Walls Of Jericho" zu "Keeper" eins und zwei zum Beispiel. Und ich würde da durchaus versuchen, zu motivieren, in dieser Richtung Eier zu haben...und wenn etwas Lustiges einfällt, es dann auch zu machen.

Und euer aktuelles Lineup ist aus deiner Sicht eine langfristige Konstellation?

Absolut. Guck mal, wir sind ja jetzt sowieso in der Schlussphase unserer Karriere angelangt, alleine altersmäßig. Ewig kannst du das nicht machen. Wenn wir jetzt noch zwei, drei Alben machen und entsprechende Touren, dann wäre das schon geil. Letztendlich ist aber wichtig, dass das relevante Alben sind - ich glaube nicht, dass wir die Leute zuscheißen werden mit Alben. Ich denke, da werden immer einige Jahre dazwischen sein. Aber das Potenzial ist unglaublich mit sechs Songschreibern in der Band...von daher könnte da noch einiges kommen. Auf der anderen Seite müssen wir uns wie gesagt nicht erst etablieren oder so...ich sehe das wirklich als die Schlussphase dieser Band an und man muss sehen, dass man es stilvoll so weit bringt, wie es geht...so lange wie's Sinn macht und - das ist am wichtigsten - so lange die Leute einen sehen und hören wollen. Aber im Moment sind wir alle super happy und hochmotiviert und hoffen, dass wir das noch lange tun können.

Dann sieht es ja so aus, als dürfte man sich noch auf einiges freuen! Und es ist ein passender Abschluss - es sei denn, du möchtest noch etwas loswerden?

Ne, das ist tatsächlich der Stand der Dinge! Wir möchten halt unglaublich gerne mal wieder auf Tour gehen und hoffen, dass sich Fräulein Corona wieder beruhigt und dann alles wieder normal wird.

Ich glaube, das will jeder...

[lacht] Ja, das kann man wohl sagen!

Da bleiben wir mal optimistisch! Nochmal vielen Dank für deine Zeit und weiterhin viel Erfolg! Ich hoffe, es dauert nicht so lange, bis man euch wieder zu Gesicht bekommt!

Alles klar, danke! Ciao, ne!

Ciao!

 

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