WORMWOOD - Tobias Rydsheim

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Die Melancholie ist etwas, das in unseren skandinavischen Adern fließt.

WORMWOOD haben gerade ihr Drittwerk "Arkivet" auf die Welt losgelassen und zeigen sich wenig optimistisch in Bezug auf die Zukunft unserer Erde. Was dahinter steckt, erzählt uns Tobias Rydsheim im Interview!

Veröffentlicht am 15.09.2021

Dass die Menschheit keine Wohltat für Mutter Erde ist, ist kein Geheimnis mehr. Auch nicht, dass wir mit Konsumwahn, Ressourcenverschwendung und intellektueller Degeneration früher oder später gegen die Wand fahren werden. Wenn wir uns als Menschheit nicht ändern, erwartet uns ein großes Chaos, das jeden Hollywoodstreifen auf den zweiten oder dritten Platz verweisen wird. WORMWOODs Drittwerk "Arkivet" befasst sich mit der unangenehmen Wahrheit über den scheinbar intelligentesten Erdenbewohner und den Folgen einer existenziellen Katastrophe, deren Vorboten wir schon heute bezeugen. Was genau dahinter steckt, erklärt Gitarrist und Songschreiber Tobias Rydsheim.

Hi Tobias!

Hi, kannst du mich hören und sehen?

Hören kann ich dich gut, aber ich sehe dich dreifach und in grün.

Ach, Mist, einen Moment...

Die Anzeige ist wohl im "Suff-Modus"...

[lacht] Sicherlich... versuchen wir es wieder...

Sieht gut aus.

[lachend auf sich selbst zeigend]... auch das hier?

...ich bin keine Frau, also habe ich darüber kein Urteilsvermögen. Ist dies dein Homestudio?

Ja, es ist ein wenig klein. Ich lebe in einer Wohngemeinschaft und habe ein eigenes Zimmer, deshalb habe ich eine Menge Studioausrüstung, Instrumente und anderen Scheiß hier. Es ist sozusagen mein Unterschlupf.

Hier nimmst du also auf?

Ja, Demosongs, Gitarrenspuren, solche Sachen.

Ich fand es interessant zu lesen, dass ihr anfangs Black'n'Roll gespielt habt?

Ja, am Anfang wollten wir in diese Richtung gehen, weil wir den Black Metal und seine Ästhetik mochten, aber eben auch den klassischen Rock'n'Roll, Hard Rock und Heavy Metal. Wir wollten diese Stile kombinieren und eine rohere Version von Black'n'Roll schaffen. Aber das ist leichter gesagt als getan - als wir mit dem Schreiben anfingen, entwickelte sich das Material in eine viel melodischere und atmosphärischere Richtung. Hier sind wir also - wir sind keine Black'n'Roll Band, haben aber Elemente aus dem klassischen Rock an Bord...

...eure Soli zum Beispiel?

Genau, wir haben viel Melodie und bluesige Vibes in unseren Soli... das ist unser "n'Roll"... "Something'n'Roll"!

Passende Genrebezeichnung! Wie ihr gerade bekanntgegeben habt, habt ihr einen neuen Drummer?

Ja, er ist "neu" als offizielles Mitglied, spielt aber schon seit etwa acht Monaten bei uns. Unser alter Drummer Daniel erzählte uns, dass er aussteigen möchte, ich glaube, es war im Oktober oder November. Zu dieser Zeit nahm er die Drums für unser aktuelles Album auf, danach sagte er "vielen Dank und auf Wiedersehen" und ein neuer Drummer kam.

Kanntet ihr den Neuen schon länger?

Nein, wir haben ihn auf einem Festival backstage getroffen, als er mit einer anderen Band spielte. Wir hatten ein wenig zusammen gefeiert, blieben aber nicht weiter miteinander in Kontakt. Aber als Daniel ausstieg, dachte ich nach, welche Drummer ich kenne und dachte dabei an Tatu. Ich fragte ihn, ob er Zeit und Interesse hätte, bei uns zu spielen. Er musste eine Nacht darüber schlafen und... bin ich jetzt wieder grün?!

Ja, deine Green Card scheint wieder aktiv zu sein...

Scheiße. [andere Einstellungen ausprobierend] Sehe ich jetzt gut aus [lacht]? Also, er sagte mir, dass er eine Weile darüber nachdenken wolle, aber er kam schon nach wenigen Stunden auf mich zurück und sagte "lass uns das versuchen". Wir haben ein wenig miteinander gejamt und es hat einfach gut gepasst.

Warum ist Daniel eigentlich ausgestiegen?

Er kennt seine Gründe sicherlich besser als ich, aber ich glaube, er wollte nicht zu sehr im Mittelpunkt stehen und lieber kleinere, introvertiertere Projekte verfolgen. Er hatte es satt, in einer aufsteigenden Band zu spielen und wollte wohl mehr Keller-Black-Metal machen, denke ich. Wir werden sehen... wir sind nach wie vor Freunde und ich unterstütze seine Entscheidung. Es war ein wenig ätzend, weil er ein fantastischer Schlagzeuger und ein guter Freund ist - aber was sollen wir tun? Es liegt an ihm. Aber wir haben wirklich Glück mit Tatu - er ist verdammt großartig. Aber wir wollten die Sache bis zur Veröffentlichung von "Arkivet" geheim halten.

Die Sache mit dem "im Mittelpunkt stehen" erinnerte mich ein wenig an diese 101 Regeln des Black Metal, von wegen "gib keine Konzerte" usw... kennst du die?

Nun, ich glaube, all diese Black Metal Gesetze sind cool, wenn man fünfzehn ist. Ich kenne sie alle, aber ich halte mich nicht daran, wenn es um Musik geht. Auf der anderen Seite sehe ich WORMWOOD auch nicht als Black Metal Band an, also macht es nichts aus. Wir haben viele Einflüsse und Techniken wie Blastbeats und Tremoloriffs usw., aber wir singen nicht über satanisches Zeug oder so. Ich schätze, wenn wir uns als eine Black Metal Band bezeichnen würden, würde uns niemand glauben.

Ich meinte eigentlich mehr diese scherzhaft parodierten BM-Gesetze, aber es ist interessant, über deine Sicht auf euer Genre zu sprechen!

Das ist auch so angekommen, aber ich glaube, viele Musiker im Black Metal denken tatsächlich in solchen Gesetzen. Die extremen Hardcore-Fans wollen den Black Metal im Kleinen halten. Ich kenne das, weil ich selbst mal an diesem Punkt war, aber das ist nicht mehr der Fall. Und wie schon gesagt würden diese Regeln auf WORMWOOD ohnehin nicht zutreffen.

Das ist gut, dann zündet ihr auch keine Kirchen an.

[lacht] Ja, genau! Wir fokussieren uns auf die Musik.

Eure aktuellen Texte haben mich insofern überrascht, dass sie zugleich aktuell als auch real oder wie ein düsterer Ausblick in die Zukunft erscheinen. Was hat euch hierzu bewogen?

Das Konzept dazu schrieben wir in 2019. Ich kann nicht behaupten, die Welt wäre zu dieser Zeit in einem guten Zustand gewesen, aber wie jeder weiß, ist es inzwischen noch schlimmer geworden. Unsere Absicht war es, den Einfluss des Menschen auf die Welt aufzuzeigen. Wir sind ziemlich scheiße - wir verhalten uns schlecht und sorgen uns nicht um den Planeten, die Tiere oder uns selbst. Das ist nicht in irgendeiner Weise politisch gemeint in dem Sinne, dass der Hörer sich für eine Seite entscheiden sollte - es sind einfach Fakten. Und natürlich sind diese Fakten ein wenig aufgepeppt, um in den Kontext eines Metalalbums zu passen. Auch die Videos und das Buch, die wir mit dem Album veröffentlicht haben, sind natürlich Fiktion - aber wir wollten es so darstellen, wie es hätte passieren können. Wir wollten kein apokalyptisches Mad-Max-Szenario aufbauen oder über irgendwelche Helden singen, sondern über ganz normale Menschen, die zu überleben versuchen, nah an der Realität bleiben. Und zufälligerweise sind einige Dinge geschehen, die nah dran an unseren Texten sind - Feuer, Fluten, politische Instabilität, die Pandemie, etc. Wir sind keine Hellseher-Band, aber man muss auch kein Wissenschaftler sein, um bestimmte Dinge vorherzusehen.

"Arkivet" ist also teils Fiktion und teils Prophezeiung?

Das kann man so sagen, aber ich möchte betonen, dass es in erster Linie auch ein Metalalbum ist. Wir sind nicht die erste Band, die über düsteren Scheiß singt - 99% aller Bands tun das. Aber wir wollten wie gesagt nah an der Realität bleiben, denn die dunkelsten Themen dieser Welt entstammen der Realität - nicht etwa Dämonen, Satan, Zombies oder was auch immer.

Und hast du eine Vorstellung, wie man die sich anbahnende Katastrophe vermeiden könnte?

Nun, ich bin ein Gitarrist und Musiker, kein Wissenschaftler, also könnte alles, was ich sage, falsch sein. Aber ich persönlich glaube, dass die Menschheit sich weiterentwickeln muss, in dem Sinne, dass wir lernen, besser auf unsere einzige Heimat zu achten. Scheiß auf den ganzen politischen Mist - es gibt keine zweite Erde und wenn wir die unsere zerstören, gibt es keine Grundlage mehr zum Leben. Aber wie man das alles lösen soll? Das muss man die richtigen Leute fragen... ich bin nur ein normaler Typ und mit ein Teil des Problems. [scherzhaft] Und ich bin nicht der Smarteste, deshalb bin ich Musiker.

Das hast du jetzt gesagt! Aber du bist dir des Problems bewusst, also kannst du was ändern... z.B. weniger Auto fahren, Energie sparen, vegetarische Ernährung, etc. Tust du etwas hiervon?

Ja - alles, was du gesagt hast. Aber das ist für mich keine politische Sache, sondern einfach mein Weg... jedem das Seine, aber wählt weise.

Ihr postet oft Fotos von euch im Wald - ich nehme an, ihr seid sehr naturverbunden?

Sehr sogar! Ich verbringe meine Zeit gerne im Wald. Ich bin so aufgewachsen und glaube, mindestens 50% meiner Seele gehören zum Wald und der Natur. Es ist ein sehr friedlicher und inspirierender Ort. Ich würde lieber nachts im verregneten Wald mit meinen Freunden ein Bier trinken als in der Kneipe. Es gibt dir so viel mehr, die ganze Atmosphäre, du fühlst dich mit deinen Wurzeln verbunden. Und weil mir die Natur so wichtig ist, habe ich einen starken Drang, die Umwelt und auch die Tiere zu schützen.

Das sehe ich genauso! Aber zurück zur Musik - Jonathan Ojeda, der Produzent von "Arkivet" ist kein Metal- oder Rockproduzent, richtig?

Nein, er hat bisher noch kein Rock- oder Metalalbum gemacht. Wir sind schon seit vielen Jahren befreundet und haben uns durch die Musik kennengelernt. Er produziert eine Menge Mainstream, Pop, Hip Hop, etc., aber wir haben dasselbe Interesse für Aufnahmen und Soundengineering. Wir wollten ausprobieren, mit ihm zu arbeiten, weil er nicht aus unserem Genre kommt. Er konnte unserer Musik etwas Neues hinzufügen oder das Ganze komplett vermasseln - wir wussten, dass es ein Wagnis war. Aber wir haben keine Aufnahmen mit ihm gemacht. Die Drums haben wir wie bei "Ghostlands" und "Nattarvet" in den Wing Studios aufgenommen, die anderen Instrumente nahmen wir hier in meinem Studio auf und den Gesang in Jonathans Break The Norm Studio. Den Mix hat er dann zusammen mit mir übernommen. Ein Grund, mit ihm zu arbeiten, war auch die Nähe - sein Studio ist nicht weit von meinem Zuhause entfernt und ich wollte mehr Kontrolle über den Prozess. Die anderen Studios waren weiter entfernt und ich bin ein Kontrollfreak, wenn es um meine Musik geht.

Und hat diese neue Herangehensweise deine Erwartungen erfüllt?

Du wirst jedes Mal etwas finden, das du hättest besser tun können. Dieses Mal lief uns die Zeit davon und der Mix erfolgte in Eile, aber ich glaube, das Ergebnis ist gut. Und beim nächsten Mal weiß ich, in welche Fallen ich nicht mehr treten werde - man lernt aus seinen Fehlern.

Welche Fallen würdest du beim nächsten Mal umschiffen?

Ich würde darauf achten, mehr Zeit und Energie für den Mix zu haben. Beim letzten Album war ich nicht zu 100% zufrieden mit dem Gitarrensound und ich wollte mehr Zeit für die Gesangsproduktion, also haben wir uns dieses Mal darauf fokussiert.

Das Video zu "The Archive" zeigt die Nachwirkungen einer großen Katastrophe - was ist geschehen?

Ich möchte nicht zu viel spoilern, weil das Video stark mit dem Buch verknüpft ist, das zusammen mit "Arkivet" erschienen ist. Aber lass es uns so formulieren: Im Buch kennen wir den Ausgangspunkt für den Zusammenbruch der Gesellschaft nicht genau - alles was wir wissen, ist, dass die Kacke am Dampfen ist. Die Story beginnt nach dem Kollaps und ich glaube, viele Menschen können eine Verbindung zu solchen Ereignissen aufbauen und sie für sich selbst interpretieren.

Und wie ist das Video entstanden?

Es war eine Produktion ohne Budget. Ein Freund von mir betreibt eine kleine Filmfirma namens Svartna Film. Wir haben drei oder vier Tage an verschiedenen Orten gefilmt. Es war eine tolle Erfahrung - die Schauspieler sind sich nie zuvor begegnet, niemand hatte einen Schauspieler-Hintergrund und alle haben umsonst mitgespielt, es gab nur die Verpflegung für den Filmtag.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Eine allgemeine Frage: Eure Musik ist generell sehr melancholisch - würdet ihr euch auch selbst als melancholische Menschen beschreiben?

Ja und nein. Wir sitzen nicht hier zusammen und weinen...

...dann würdet ihr Emocore spielen...

Ja [lacht]. Die Melancholie ist etwas, das in unseren skandinavischen Adern fließt. Oft wird über skandinavische Melancholie gesprochen, aber Fakt ist, dass wir ziemlich hoch im Norden leben, wo es im Winter sehr lange dunkel ist und es nur für wenige Stunden Tageslicht gibt - und im Sommer ist es umgekehrt. Viele Generationen haben hier unter diesen Bedingungen gelebt und das gibt den Ton für deinen Geist an. Du kannst dies in allen Formen der skandinavischen Kunst erkennen - in der Musik, der Malerei, den Filmen und der Literatur. Und meiner Meinung nach ist die beste Art der Kunst melancholisch.

Ich glaube, Kunst ist immer dann am besten, wenn sie auf ehrlichen Emotionen aufbaut.

Ja, absolut! Ich glaube, dass Musik, die nicht irgendwie melancholisch, traurig oder sonstwie emotional ist, nicht ehrlich ist. Es fühlt sich an wie ein "Produkt". Natürlich gibt es auch fröhliche und aufbauende Musik, die ehrlich ist, ich habe das jetzt verallgemeinert.

Aber ich glaube, da ist was dran - negative Ereignisse und Gefühle sind inspirierend. Es gibt sicherlich viel mehr Songs darüber, von einer Frau verlassen zu werden, als darüber, mit einer glücklich zu sein.

Auf jeden Fall - ich glaube, das liegt in der Natur des Menschen.

Sich beschweren?

Ja - je weiter du nach Norden reist, desto mehr Beschwerden wirst du hören!

Ich dachte immer, die Deutschen beschweren sich über alles und die Skandinavier sind cool und gelassen?

Ja, das sind wir auch, aber es gibt auch Gegenden, wo man sich gerne beschwert - wie ich sagte: Wenn du weit nach Norden in kleine entlegene Dörfer gehst, wirst du viele Beschwerden hören.

Sehr interessant. Andere Frage: Habt ihr im Moment irgendwelche Liveoptionen neben eurer Release-Party?

Gerade heute hat unsere Regierung angekündigt, im September die Arenen und Clubs zu öffnen. Damit wäre es möglich, die im Dezember gebuchten Shows zu spielen. Wir werden nächstes Jahr auf dem Dark Easter Metal Meeting in Deutschland auftreten und ich glaube, es kommen noch mehr Festivalshows und vielleicht eine Tour.

Spielt ihr auch Songs mit Geigenparts live?

Ja, aber wir nutzen dafür Backing Tracks. Martin Björklund, der die Geige spielt, ist auch zusammen mit mir Livemusiker bei MÅNEGARM. Er würde uns gerne live begleiten, aber wir haben nicht so viele passende Songs - unsere Musik basiert nicht auf der Geige, sie ergänzt vielmehr einige Songs. Vielleicht können wir eines Tages bei entsprechender Gelegenheit zusammen auftreten.

Das könnte interessant werden - in jedem Fall ist es ein guter Earcatcher.

Wir haben tatsächlich einige Folk-Einflüsse in unserer Musik, aber wir wollen keine Vollblut-Folk-Metal-Band sein. Aber wir werden sehen... wir ändern unsere Ideen häufig, vielleicht sind wir irgendwann doch eine Folk Band [lacht].

...und bis dahin spielt ihr "Something'n'Roll"! Ich glaube das ist ein gutes Schlusswort - möchtest du noch etwas loswerden?

Nun, wenn ihr "Arkivet" noch nicht gehört habt, lasst es eine Runde drehen und falls es euch gefällt, erzählt es weiter! Vielen Dank an alle Fans, die das lesen - ich hoffe, wir sehen uns bald!


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