1914 - Dmytro Kumar

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Ja, unsere primäre Botschaft war schon immer dieselbe: Wir singen keine Songs, wir erzählen Geschichten.

1914 sind aktuell DIE Senkrechtstarter im Extreme Metal und veröffentlichen dieser Tage ihr neues Album "Where Fear And Weapons Meet". Sänger und Texter Dmytro stand Rede und Antwort...

Veröffentlicht am 18.10.2021

Stormbringer.at: Hallo Dmytro, wie geht's dir in diesen unsicheren Zeiten? Gesund und optimistisch, hoffentlich?

Dmytro: Hi, alles gut hier. Gesund und realistisch, würde ich sagen. Ich habe meinen Kopf in den letzten 18 Monaten ein paar Mal zu oft am Optimismus aufgeschlagen.

Stormbringer.at: In den letzten Jahren stieg eure Bekanntheit innerhalb der Szene schlagartig an - zu Recht übrigens, nebenbei bemerkt. Hast du dich schon an den deutlich gestiegenen Anteil an Promoarbeit gewöhnt, der mit der Unterschrift bei einem großen Label wie Napalm Records einhergeht? Wie war die bisherige Zusammenarbeit mit ihnen und wie fühlte sich dieser rasante Popularitätsschub für dich und die Band an, insbesondere, weil sich ja nicht allzu viele ukrainische Bands im westeuropäischen Raum etablieren konnten. 

Dmytro: Für die Underground Band, die es gerade aus dem Keller geschafft hat, ist es ein bisschen erdrückend. Wir gewöhnen uns immer noch daran und versuchen, so viele Interviewanfragen wie möglich zu beantworten, speziell weil unser neues Album bald der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Vor diesem Hintergrund - mit Napalm Records zu arbeiten, ist einfach, sie sind stets ansprechbar und extrem transparent. Wir erhalten jeglichen Support, um weiterhin unser Bestmögliches abliefern zu können, ohne dabei von anderen Kleinigkeiten abgelenkt zu werden.

Stormbringer.at: "Where Fear And Weapons Meet", euer neues Album, ist in höchstem Maße faszinierend und fantastisch. Wie lange dauerte die Fertigstellung und wann war das? War das bereits vor langer Zeit und ihr habt euch, wie viele andere Bands, aufgrund Corona dazu entschieden, es zu verschieben, oder wurde es erst Anfang 2021 fertig?

Dmytro: Wir wurden Anfang des Jahres fertig. Das Material bewegte sich vom Beginn über nahezu das gesamte Jahr 2020 keinen Millimeter, es existierten lediglich Skizzen für drei Songs und das war's. Alles auf diesem Album wurde in drei bis vier Monaten wilder - ich würde sogar sagen: aggressiver - Arbeit geschrieben, als wir realisierten, dass wir 2021 etwas releasen müssen. Wir stritten, debattierten und schlossen uns manchmal sogar jammend in meiner Wohnung ein, setzten Riffs zusammen, nahmen etwas auf. So wurde ein Großteil der Songs geschaffen. Ich würde so nicht mehr arbeiten wollen, weil es emotional ziemlich schwierig ist. Der Mangel an Konzerten, die schwer nachvollziehbare Situation und die konstante Erwartung, dass irgendetwas schiefgehen könnte, sind der Kreativität nicht wirklich dienlich - zumindest unserer nicht.

Stormbringer.at: Auch wenn es so klingt, als würde es organisch fließen, basiert das Album, sofern ich richtig liege, nicht auf einem stringenten Konzept, das sich auf eine bestimme Zeitspanne oder ein spezielles Ereignis fokussiert, sondern eher auf einem chronologischen Ablauf der Ereignisse, beginnend mit dem Attentat von Sarajevo. Was war eure Idee hinter "Where Fear And Weapons Meet" und den Lyrics und was ist die Herangehensweise bei der Recherche, um die historische Genauigkeit der Themen zu garantieren?

Dmytro: Also, die Herangehensweise bei den Lyrics ist hauptsächlich tief gehende Recherche. Alleine für einen einzelnen Song bedarf es einer Menge Material, also Bücher, Memoiren, Dokumentationen und oft sogar ein Wühlen in offiziellen Archiven. Wenn dich ein Thema packt und mit dir im Einklang ist, heißt das, dass es auch in einem Song verarbeitet werden muss. Gemessen an den Umständen und der Lage, in denen das Album entstand - es geht um Hoffnung. Es geht um das Leben und die Lust am Leben. Ich habe das realisiert, als sich die meisten Songs in meinem Kopf zu einem Ganzen formten und ich es sah: Hoffnung. Es ist mehr Licht drin, obgleich es schneller, massiver und abwechslungsreicher als der Vorgänger ist. Wiederum auch weniger Dreck, Blut und Tod. Dennoch, ich glaube nicht, dass das der Beginn eines neuen Weges ist; wir benötigten diese Hoffnung einfach im echten Leben.

Stormbringer.at: Einigermaßen offensichtlich tritt ein neues Element in eurem charakteristischen Gebräu aus Death und Doom Metal auf: die dröhnende Orchestrierung, die sich ziemlich gut einfügt. Wie kamt ihr auf die Idee, Orchestrierungen einzubinden und wer ist verantwortlich für diese? Denkst du, dass das nur eine kleinere Änderung ist, oder könnte das ein paar Fans verjagen?

Dmytro: Wir hörten uns die ersten Demos der Songs an und fühlten, dass ihnen noch etwas fehlte; vielleicht ein Piano oder Streicher. Also kontaktierten wir unseren Freund Yuriy Siryi, der mit solchen Komponenten arbeitet, experimentierten und am Ende wurden einige Songs um massive orchestrale Anteile erweitert, was die Perspektive der Songs von Grund auf verändert hat. Uns gefiel das sehr gut. Und ich würde das nicht als Änderung beschreiben, auch wenn einige Hörer sich da etwas unsicher sein könnten - es ist eher ein Experiment und wir planen nicht, komplett in diese Richtung zu gehen und diese symphonischen Anteile regelmäßig zu verwenden.

Stormbringer.at: Eine weitere Überraschung ist "Coward", ein düsterer und melancholischer Bluegrass/Country-Song, der von Sasha Boole aus eurer Heimat eingesungen wurde und einen markanten Break zwischen "Don't Tread On Me (Harlem Hellfighters)" und "...And A Cross Now Marks His Place" platziert. Auf eurem vorherigen Album, "The Blind Leading The Blind", habt ihr euch für ein atmosphärisches, gewissermaßen Ambient'eskes Stück ("Hanging On The Barbed Wire") entschieden, das dem Hörer eine gewisse Distanz und ein Durchschnaufen gewährte, wohingegen man sich mit "Coward" so fühlt, als wäre man direkt in einer aussichtlosen Situation involviert. Gibt es einen bestimmten Grund dafür, oder ergab sich das auf natürliche Weise?

Dmytro: Eine Kombination aus beidem. "Coward" wurde so geschrieben und gedacht, dass es wie ein am Abend im Schützengraben vorgetragenes Soldatenlied klingt; auf charakteristischen Instrumenten wie der Harmonika, dem Banjo und improvisierter Percussion verwirklicht. Es geht also nicht um Black Metal und Blastbeats. Und als der Song hinzukam, realisierten wir, dass wir ihn, ähnlich wie auf dem Vorgänger, als Interlude verwenden könnten. Es wiederholt die Struktur des vorigen Albums also schon irgendwie. Ich würde sagen, dass der Song natürlich entstand, dann aber aus spezifischen Gründen spezifisch platziert wurde.

Stormbringer.at: Einer der größten Reize eurer Musik ist die schiere Intensität, die wall of sound, die über den Hörer hereinbricht wie Artilleriefeuer. Natürlich auch die Authentizität und emotionale Tiefe, die ihr investiert. Das erreicht ihr - einmal mehr, ist man geneigt zu sagen - mit clever ausgewählten Samples und - mein persönlicher Favorit auf diesem Album - einem furchterregenden Piepton, der das unerbittliche Ohrensausen nach einem heftigen Einschlag symbolisiert. Wo bekommt ihr all die Samples und Ideen dafür her?

Dmytro: Wenn ich etwas höre, das musikalisch bereits komplettiert wurde, habe ich eine Vision von einem bestimmten Sample, einer Rede oder einem Intro, welche ihn hunderprozentig finalisieren, zusammenfassen, worum es geht und mit dem Song verschmelzen. Ich benutze diese nicht wahllos in jedem Track, nein, jedes Sample oder Intro hat, bezogen auf Bedeutung und Botschaft, seinen festen Platz. Wenn keines auftaucht, habe ich es einfach nicht gesehen, das ist alles. Dabei geht es nicht um das Arrangieren, sondern ausschließlich um Atmosphäre und Bedeutung.

Stormbringer.at: Alexander Backlund, der in der Szene nicht so bekannt wie beispielsweise die Ikone Jens Bogren ist, verdient ebenfalls großen Respekt für die bereits erwähnte wall of sound. Wie seid ihr auf ihn gekommen und mit ihm in Kontakt getreten, als es um "The Blind Leading The Blind" ging?

Dmytro: Er ist ein unfassbar talentierter Musiker und Tontechniker, weswegen auch ihm eine Menge Lob gebührt. Unser Kontakt kam zustande, als ich wegen "The Blind Leading The Blind" an verschiedene Studios schrieb. Wir schrieben diejenigen an, die an Alben gearbeitet haben, die unseren Referenzen für das kommende Album entsprachen. Er mochte unsere Musik gern und zeigte starkes Interesse daran, teilhaben zu wollen. Wir waren uns schnell bewusst, dass wir auf einer Wellenlänge sind und wenn etwas so abläuft, dann ist die Zusammenarbeit definitiv ertragreich.

Stormbringer.at: Ihr seid extrem selbstsicher, wenn es um Song- und Albumlängen geht - eine künstlerische Herangehensweise, die immer noch relativ unüblich für Extreme-Metal-Bands mit Kriegsthemen ist. Anstatt eure Fans und Zuhörer zu pulverisieren, nehmt ihr euch sehr viel Zeit, eine Geschichte aufzubauen und zu erzählen, was ich absolut großartig finde. Ist es schwer für euch, aus all diesen Kolossen die richtigen Singles zu wählen?

Dmytro: Danke für diese freundlichen Worte, das freut mich wirklich sehr. Ja, unsere primäre Botschaft war schon immer dieselbe: Wir singen keine Songs, wir erzählen Geschichten. Und ja, es ist wirklich schwer, Singles auszusuchen - zumindest für mich. Ich verlasse mich da normalerweise auf die Anderen. Was ich dazu aber sagen kann, ist, dass wir Songs nach Eignung für Videoshootings aussuchen. Oder wie sie zusammen vor dem Release funktionieren.

Stormbringer.at: Was war die Idee dahinter, dass ihr Nick Holmes von PARADISE LOST für "...And A Cross Now Marks His Place" engagiert habt und wie sah seine Reaktion aus, als ihr mit ihm in Kontakt getreten seid?

Dmytro: Ich sang den Text für Stunden in meinem Kopf. Ich platzierte Akzent, formte Phrasierungen, platzierte die Pausen und als ich beim Chorus ankam, wurde mir klar, dass der Song den Vibe und die Emotionen vermittelt, die ich von PARADISE LOST kenne. Aus irgendeinem Grund habe ich bisher noch nicht daran gedacht, spürte aber, dass der Chorus mit Clean Vocals gesungen werden sollte, also dachte ich ein paar Tage darüber nach und kontaktierte Nick anschließend via E-Mail. Eine Weile später kam die Antwort, dass er den Song gut findet und mitmachen möchte, was ich zunächst nicht glauben konnte. Ich wuchs mit seiner Musik auf, ich bin ein PARADISE LOST Fan seit 1996 und habe all ihre Veröffentlichungen auf Kassette, CD und Vinyl. Ich denke, dass es auch wichtig war, dass Mr. Holmes aus Großbritannien kommt und dieses Thema immer noch sehr nah und schmerzhaft für sie ist. Sie gedenken und ehren, das ist ein großer Teil jeder britischen Familie. Und Nick lieferte großartig ab, er spürte die Vibes genau so, wie es sein sollte. Es sind nicht bloß Lyrics - es ist eine gewaltige, quälende Geschichte, schlaflose Nächte für Mutter und Familie, der letzte Brief einer Person, die liebte, lebte, lachte, im Park zu den Sternen aufsah, und innerhalb eines Moments wurde genau diese Person zerstückelt, keine Emotionen, Träume, oder Liebe. Die Geschichte des Todes dieser bestimmten Person ist eine Tragödie und ich hoffe, dass A.G. Harrison ein Symbol für all jene Opfer dieses sinnlosen Krieges wird.

Stormbringer.at: Ich habe hier und da schon ein paar Live Videos eurer Auftritte, die ebenfalls sehr intensiv erscheinen, gesehen. Unglücklicherweise machte Covid-19 einen Strich durch meine Rechnung, euch endlich auf dem Summer Breeze 2020 sehen zu können, und stellte natürlich auch viele andere Musikliebhaber und Bands aus aller Welt auf eine harte Probe. Wie wichtig sind Live-Shows für euch und was ist euer Schlüssel, um die Leute zur Bühne zu locken?

Dmytro: Ja, das Summer Breeze war definitiv eines der Festivals, bei dem ich es am meisten bedauerte, dass wir es nicht besuchen und dort spielen konnten. Ich persönlich differenziere zwischen Bands, die entweder besser im Studio oder besser auf der Bühne klingen. Sicherlich gibt es auch ein paar, die beides entweder gut oder schlecht machen, aber was ich meine, ist, dass ich finde, dass wir eher eine Live- als eine Studio-Band sind. Die Live-Auftritte sind essenziell für uns und helfen uns dabei, in bester Laune zu bleiben und eine gute Beziehung untereinander zu pflegen. Wir sind süchtig danach, live zu spielen, würde ich sagen. Da passiert einfach etwas mit der Chemie, wenn du auf die Bühne gehst und davor Leute darauf warten, dass du deine Show spielst, wobei einige absurd lange Wege hinter sich gelassen haben, um das... ah, schwierig zu beschreiben, man muss das einfach erlebt haben. Und all diese Leute sind wahrscheinlich auch da, um mich mit Dreck beschmiert, wild mit dem Gewehr umherrennend und herumschreiend zu erleben, wer weiß :)

Stormbringer.at: Eine letzte Frage: Wo siehst du 1914 in, sagen wir mal, fünf oder zehn Jahren? Gibt es da einen strikten Plan oder lasst ihr das einfach auf euch zukommen?

Dmytro: 2019 hatte ich das Selbstbewusstsein, Pläne für die Zukunft zu schmieden, Vereinbarungen und Zugeständnisse zu treffen, aber jetzt... Ok, nehmen wir mal an, die Welt würde in ihren Normalzustand zurückkehren - in diesem Falle würde ich mir wünschen, dass wir uns hundertprozentig auf unsere Band fokussieren, ohne von den Bürojobs abgelenkt zu werden, um noch bessere Shows vor noch größerem Publikum abliefern zu können. Was das Hier und Jetzt betrifft - wir lassen es auf uns zukommen und schauen, was als nächstes passiert.

Stormbringer.at: Danke für deine Zeit und selbstverständlich auch für die großartige Musik, mit der ihr uns segnet. Ich wünsche euch viel Erfolg - mit "Where Fear And Weapons Meet", aber auch mit eurer Zukunft. Die letzten Worte gehören dir!

Dmytro: Nochmals danke für die freundlichen Worte. Ich wünsche euch allen alles Gute. Und an alle unsere Zuhörer - danke für den endlosen Support, wir sehen uns im nächsten Jahr auf Shows und Festivals, cheers!


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