Interview: NIKOLAI OKUNEW - Autor des Buches "Red Metal"

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Eine andere Art von Texten, die mich mitunter aus der Bahn gehauen hat, waren Briefe von Ost-Heavys. Also, wenn einer schreibt, wie gerne er MAIDEN mal live sehen würde, oder wir dringend er dieses oder jenes Album braucht. Und während ich das lese, streame ich genau dieses Album ... Da gab es dieses merkwürdige Gefühl der Scham, weil man [heute] in solch einem Überfluss lebt.

Nach der Rezension des wirklich hervorragenden Buches über die DDR-Heavy Metal Jugendkultur, hatte ich nun auch die Gelegenheit, ein Interview mit dem Autor Nikolai Okunew zu führen.

Veröffentlicht am 03.04.2022

Vor einigen Wochen schrieb ich die Rezension zu einem sehr wichtigen Buch. "Red Metal, Die Heavy-Metal-Subkultur in der DDR" arbeitet die Geschichte der Metal-Fans im ehemaligen sozialistischen Osten Deutschlands auf und schafft dabei erfolgreich den Spagat zwischen wissenschaftlicher Forschungsarbeit und spannendem Lesevergnügen. Nun hatte ich die Gelegenheit, mit dem Autor über sein Werk zu plaudern und ihm dabei tonnenweise interessante Details und Hintergrund-Informationen zu entlocken.

Hallo Nikolai. Zu Beginn natürlich noch mal Gratulation zur Veröffentlichung deines Buches, und vielen Dank, dass du dich für dieses Interview bereiterklärt hast.

Hallo Ernst, kein Problem. Es ist im Gegenteil eher so, dass ich es ziemlich cool finde, dass mein Buch in der Szene überhaupt irgendwie besprochen wird.

Stell dich doch unserer Leserschaft kurz vor. Wer bist du, wo kommst du her, was machst du beruflich?

Ich wurde in einer Stadt geboren, die damals Hauptstadt der DDR war und heute bin ich Zeithistoriker. Das heißt, ganz grob, dass ich mich mit der Geschichte nach dem 2. Weltkrieg auseinandersetze. Mein fachlicher Fokus liegt auf der DDR und Ostdeutschland, sowie der Geschichte der Medien und der Popkultur dort.

Du bist Jahrgang 1987. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon mit Leib und Seele (Ost)Metalfan. Wie bist du als (größtenteils) Nachwendekind überhaupt dazu gekommen, dich mit dem Thema "Ostmetal" bzw. "Metal in der DDR" auseinanderzusetzen?

Das hatte zwei Ursachen. Erstens habe ich an der Uni immer Kurse zur Geschichte der DDR belegt und da gab es in den 1980er Jahren natürlich auch immer Sitzungen zu den DDR-Punks. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum sich eigentlich niemand aus den Geschichtswissenschaften für die Heavy-Metal-Fans zu interessieren scheint. Damals gab es zwar zwei kurze fachwissenschaftliche Aufsätze, aber im Vergleich mit den vielen Büchern, Ausstellungen und Dokumentationen über die Ost-Punks, schien mir das sehr wenig.

Die zweite Ursache war eher persönlicher Natur. Ich kann mit den ganz großen Festivals und den Bands der großen Labels nicht so viel anfangen und fühle mich im gehobenen Metal-Untergrund wohler. In diesem Kontext graben ja viele, häufig online, nach vergangenen Schätzen. Für mich war es dann super interessant diese Ost-Bands zu hören, die ja im kollektiven Gedächtnis, anders als KARAT, FEELING B oder GUNDERMANN, absolut keine Rolle spielten. KNORKATOR als die Band von Basti Baur [Buz Dee, Anm. d. Verf.] und Tim Schallenberg (R.I.P.) [neben seinem Wirken (als Tim Buktu) bei KNORKATOR auch Mitgründer von BLACKOUT und DEPESSIVE AGE, Anm. d. Verf.] waren natürlich auch irgendwie wichtig, aus Berliner Perspektive sind das ja Götter.

"Red Metal" wurde ja, wenn man so sagen will, als wissenschaftliche Diplomarbeit geboren. Wie lang war der Zeitraum deiner Forschungen und Recherchen für diese Arbeit?

Das ist nicht ganz leicht zu beziffern. Ich hatte meine Master-Arbeit schon über das Thema geschrieben. An der habe ich circa 5-6 Monate gearbeitet. Für die Doktorarbeit selbst hatte ich etwas mehr als drei Jahre Zeit. Das müsste man wohl zusammenrechnen, wobei ich damit immer noch schneller war als der Durchschnitt. Danach haben wir, zusammen mit dem Verlag, den Text noch in eine ansprechendere Form gebracht, was auch noch seine Zeit kostete.

Und wie kam es dazu, die Diplomarbeit erneut aufzugreifen und daraus eine Dissertation (Doktorarbeit) zu machen?

Das war letztlich kompletter Zufall. Ich hatte vor über ein ganz anderes Thema zu arbeiten, aber war dann auf einer Konferenz beim GWZO [Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa e.V., Anm. d. Verf.] in Leipzig, wo ich einen Teil meiner Master-Arbeit vorstellte. Um ehrlich zu sein, hatte ich zu dem Zeitpunkt kaum Geld und keine wissenschaftliche Stelle. Ein Hauptgrund für mich dorthin zu fahren, war der Umstand, dass die für Anfahrt, Essen und Hotel bezahlt haben, sonst hätte ich mir das nie leisten können. Dort habe ich dann einen späteren Kollegen vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung kennengelernt, der mich davon überzeugte, daraus eine Dissertation zu machen.
Ich weiß nicht genau, wie spannend es ist sowas zu lesen. Aber ich will halt klarmachen, dass Glück und Zufall eine Rolle spielten! Außerdem ist es eben wichtig jungen Forschenden die Möglichkeit zu geben an Tagungen teilzunehmen.

By the way, ist deine korrekte Anrede jetzt eigentlich Dr. Nikolai Okunew?

Ja, das wäre korrekt, aber von mir aus kann das Dr. auch weggelassen werden. ist etwas cringe, wenn Leute das immer nach außen tragen.

Alles klar. Vor "Red Metal" gab es zum Thema "Metal in der DDR" nur ein ernstzunehmendes Werk: "Heavy Metal in der DDR: Szene, Akteure, Praktiken" von Wolf-Georg Zaddach. Dieses Buch ist aufgrund seines empirischen Hintergrundes (es beruht ebenfalls auf einer Dissertation) für Otto Normal-Leser recht schwer goutierbar, obwohl es ohne Frage inhaltlich unheimlich spannend und wichtig ist. "Red Metal" liest sich meiner Meinung trotz der gleichen Ausgangslage um einiges flüssiger. Wie groß war der Aufwand, deine Doktorarbeit in ein Buch umzuwandeln?

Das war tatsächlich viel Arbeit, aber ich habe da von Anfang an drauf hingearbeitet und hoffe, dass es einigermaßen gelungen ist. Der Anspruch war eben, dass die Leute, um die es in dem Buch geht es auch lesen können und wollen. Das lief also beim Schreiben im Hintergrund immer mit. Außerdem habe ich privat Hilfe von Thore Menze und Laura Haßler bekommen, die jedes Kapitel detailliert kritisiert haben. Dabei ging es tatsächlich meist und sprachliche Klarheit und den Abbau von unnötigem Fachvokabular. Ganz verschwinden konnte es nicht, es ist ja eine fachwissenschaftliche Arbeit, aber wir wollten sie zugänglich halten.

Vom Verlag kam dann noch einmal massive Unterstützung von der Lektorin Jana Fröbel. Außerdem habe ich selbst die Kettensäge angelegt, weil das Buch um 30% gekürzt werden musste, was vor allem theoretische und methodische Passagen betraft. Aufgrund der, für so ein Buch, sehr zahlreichen Fotos haben wir den Platz dringend gebraucht.

In "Red Metal" kommen viele Zeitzeugen und Mitglieder von (ehemaligen) DDR-Metalbands zu Wort. War es schwer, die Leute für deine Befragungen zusammenzubekommen?

Anfangs schon, aber das lag an mir. Ich hatte zum Beispiel eine Heidenangst von den Leuten von BLACKOUT und DISASTER AREA, weil die so „böse“ Musik gemacht haben und DEPESSIVE AGE so eine ernsthafte Band waren. Dabei sind, wie z. B. auch die Leute von MACBETH, extrem nette und zugängliche Personen. Ich hätte solche Leute viel früher und gezielter anschreiben sollen. Es sind ja sogar relevante Leute verstorben, während ich das Buch schrieb. Das würde ich beim nächsten Mal anders machen, auch wenn man Zeitzeugen eigentlich nicht „unter Druck“ setzen soll.

Was mich bis heute wurmt ist, dass ich nur drei Frauen interviewen konnte. Natürlich gab es keine Geschlechterparität, aber ein paar mehr waren sicherlich in der Szene. Ich vermute, dass viele – zu Unrecht! – glauben, dass ihre Geschichten nicht so interessant waren, weil sie keine „echten“ Fans waren. Dabei wäre ja grad der Blick von Menschen, die nur über eine Beziehung oder so mit einem Bein in der Szene standen, spannend gewesen.

Du hast dir bei deiner Recherche zum Buch tiefe Einblicke in die Arbeit der Stasi (DDR-Geheimpolizei) und deren Umgang mit dem Heavy Metal und seinen Fans verschafft. Wie war das für dich, darüber zu lesen, welche Methoden die Stasi angewandt hat und wie zum Teil auch mit den Heavys umgegangen wurde?

Das ist tatsächlich nicht ganz leicht. Zum einen, weil ich 100.000e Seiten gelesen habe. Die Stasi war ein brutaler Unterdrückungsapparat, aber gleichzeitig auch eine deutsche Bürokratie und das merkt man beim Lesen. Hinzu kommt, dass die Stasi ja für den eigenen Bedarf Akten anlegte und nicht für den Historiker, der zu Heavy Metal forscht. Das heißt, dass man mit den Akten kämpfen muss, sich immer neue Akten zu IM, OPK und OV [IM = Inoffizieller Mitarbeiter, OPK = Operative Personenkontrolle, OV = Operativer Vorgang, Anm. d. Verf.] kommen lässt, bis man dann irgendwann eine Akte hat, die auf beinahe jeder Seite etwas vom DDR-Metal erzählt. Vielleicht sollte ich hier erwähnen, dass es in meinem Buch kaum bis gar nicht um die Stasi geht. Mir ging es darum die Quellen der Stasi zu nutzen, um eine andere Geschichte zu erzählen. Im übertragenen Sinne: Ich wollte der Stasi ihre Akten wegenehmen und sie zweckentfremden, aber sie damit eben auch den Leuten zurückgeben, die von dem Apparat unterdrückt wurden.  

Aber klar, wenn man von den Methoden liest, welche die Stasi anwendete, dann wird einem mitunter schlecht. Ich möchte jetzt gar nicht für den Schockeffekt irgendwelche Stories nacherzählen, aber ich bin mehr als einmal früher nachhause gegangen, weil ich mir dachte „Nope, das reicht für heute. Ich esse jetzt einen Broiler [ostdeutsche Bezeichnung für Brathähnchen, Anm. des Verf.] und gucke "Seinfeld", um runterzukommen.“ Ich habe auch bestimmte Stories nicht mit ins Buch genommen, weil es darum irgendwie nicht gehen sollte. Im Übrigen finde ich es deswegen ziemlich ekelhaft, wie leichtfertig heute Leute mit Begriffen wie „Stasi-Methoden“ um sich werfen. Das halte ich für verharmlosend.

Eine andere Art von Texten, die mich mitunter aus der Bahn gehauen hat, waren Briefe von Ost-Heavys. Also, wenn einer schreibt, wie gerne er MAIDEN mal live sehen würde, oder wir dringend er dieses oder jenes Album braucht. Und während ich das lese, streame ich genau dieses Album auf meine Kopfhörer. Da gab es dieses merkwürdige Gefühl der Scham, weil man in solch einem Überfluss lebt.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Die Sehnsucht, die westlichen Bands zu sehen, war wirklich groß. Auch ich träumte damals davon, einmal bei einem Konzert von ACCEPT, RUNNING WILD oder METALLICA dabei zu sein. Ein anderer faszinierender Aspekt der DDR-Metalszene war ja, dass die Heavys (zum überwiegenden Teil) keine arbeitsscheuen, mittellosen Penner gewesen sind. Da wurden speziell in Ungarn immense Summen für West-LPs, Poster und genregerechte Kleidung und Accessoires ausgegeben. Was mich allerdings beim Lesen von "Red Metal" dann doch überrascht hat, war, dass da zum Teil mehrere Monatsgehälter bei einer Shopping-Tour ausgegeben worden sind. Haben die Heavys tatsächlich zielgerichtet auf solche Ausflüge hin gespart?

Ich denke ich weiß, auf welche Passage du anspielst. Die Person, um die es da geht, hatte ja durch familiäre Verbindungen etwas mehr Geld als der Durchschnitt und eben auch ein recht aktives Handelsnetzwerk. Dadurch hat es sich für ihn besonders gelohnt in Ungarn einzukaufen, das Geld kam ja durch Geschäfte – zumindest zum Teil – wieder rein. Also insofern waren die genannten 3.000 Ostmark schon extrem hoch, aber, wenn wir in der Größenordnung „Monatsgehälter“ denken, dann lässt sich schon sagen, dass es nicht ausgeschlossen war, dass in Ungarn 1-2 davon verbraten wurden. Spannend wäre es übrigens die Ladenbetreiber in Budapest ausfindig zu machen, um deren Seite der Geschichte kennenzulernen. Ich würde auch gern mal in Erfahrung bringen, was in den Akten der ungarischen Zollbehörden steht. 

Ein spannender Kontrast zu den horrenden Beträgen, die die Heavys in ihre Outfits und ihre Musik investierten, ist der Fakt, dass es unter den DDR-Metallern auch eine weit verbreitete Do-It-yourself-Mentalität gegeben hat. Ich habe mir z.B. sämtliche Nietenarmbänder selbst gebastelt, und für ein paar coole Rocker-Gloves mussten die schwarzen Lederhandschuhe meines Vaters dran glauben, denen ich rigoros die Fingerkuppen abschnitt, ehe sie mit Material aus dem Eisenwarenladen verziert wurden. Hattest du bei deinen Zeitzeugen-Gesprächen das Gefühl, dass diese Kultur des Selbermachens ausschließlich auf die sozialistische Mangelwirtschaft zurückzuführen war?

Ganz so stark würde ich es nicht ausdrücken. Man sieht ja auch in den Dokus aus der Bundesrepublik, dass da viel selbstgemacht wurde. Und auch in Großbritannien bestickten sich die Metalheads ihre Kutten, was eben auch daran lag, dass sie – wie auch in der DDR – die Fähigkeiten dazu im Unterricht vermittelt bekommen haben. Naja, und dann gab es in der DDR eben auch viel mehr junge Menschen, die in klassischen Arbeiterberufen gearbeitet haben, während in der Bundesrepublik oder auch in England die Beschäftigtenzahl im Dienstleistungssektor wesentlich stärker zurückging. Das heißt auch deswegen hatten Menschen im Osten bessere Voraussetzung für DIY. Zum Westen habe ich ja nicht geforscht, aber hier konnten sich ja relativ schnell professionelle Vertriebe für Merchandise, Platten usw. entwickeln. Das war in der DDR natürlich so ohne weiteres nicht möglich und lief eher im Versteckten. 

Das Verhalten der Ostmetaller in dieser Sache ist ein gutes Beispiel für „Eigen-Sinn“. Aufgrund der Mangelwirtschaft gab es eine Notwendigkeit zum Selbermachen in der DDR. Das war den Verantwortlichen durchaus bekannt und sie setzten, etwa beim Auto und beim Haus, auch darauf, dass die Bevölkerung diese Fähigkeiten zum Ausgleich des Mangels einbrachte. Wie genau das geschah, konnte allerdings nicht gesteuert werden und so reparierten Ost-Heavys mit Nieten und Ledern nicht irgendwelche Wohnzimmermöbel, sondern verarbeiteten sie zu Jacken und Hosen.

Ein besonderer Zeitzeuge in "Red Metal" ist (der leider 2021 verstorbene) Matthias Hopke. Der Radio-Moderator war beim Jugendsender DT64 für die harten Klänge zuständig. Seine Sendung "Tendenz Hard bis Heavy" verfolgten in der zweiten Hälfte der 80er Woche für Woche tausende Heavys, um neue Songs und Bands zu hören und natürlich auch auf Kassette mitzuschneiden. [Auch ich saß bei jeder Sendung vor meinem Rekorder, den Finger immer über der REC-Taste! Anm. des Verf.] Wie war es für dich, mit der Radio-Legende ins Gespräch zu kommen? Kannst du etwas darüber erzählen, wie du Matthias Hopke als Mensch wahrgenommen hast? Er soll ja nicht unbedingt der große Metalfan gewesen sein.

Hehe, naja es ist schwierig eine Person kurz zusammenzufassen. Also am Anfang war Hopke sehr misstrauisch mir gegenüber. Er wollte ja selbst immer noch irgendwann sein Buch rausbringen. Als wir bei einem Bier die Claims abgesteckt hatten und ihm klar wurde, dass ich ein ehrliches Interesse habe, war er aber sehr freundlich. Er hat mir dann fast partnerschaftlich geholfen und immer wieder Materialien zur Verfügung gestellt. Nicht zuletzt hat er mir Brutus [Peter Habermann, der Sänger von DISASTER AREA, Anm. d. Verf.] vorgestellt, wie gesagt, ich hätte mich nie getraut haha.
Ein Heavy-Metal-Fan war er tatsächlich nicht. Aber er war eben jemand, der unterhalten wollte und da seinen eigenen Geschmack auch weit hintenanstellte. Mir ist klar, dass das Radio-Publikum, das in der DDR anders wahrgenommen hat, aber ich finde es bis heute bemerkenswert, dass ein Beatles-Fan sich in einem Staatsradio dafür einsetzt, dass SLAYER und BATHORY gespielt werden.  

Ansonsten war Hopke, und das sagte er ja auch selbst, ein Oldschool-Sozialdemokrat. Er konnte deswegen weder mit der SED [Staatspartei in der ehemaligen DDR, Anm. d. Verf.] noch mit dem Zeitgeist der 1990er Jahre und danach viel anfangen. Ich glaubte er fühlte sich in der Gegenwart nie so richtig wohl, weswegen er nach der Wende ja auch irgendwann sein Geld durch das Auflegen von Schellack-Platten verdiente. [Für mehr spannende Infos über Matthias Hopke hier der Nachruf von Nikolai, Anm. d. Verf.]
 
Ein anderer einzigartiger Fakt in Bezug auf die Bands in der damaligen DDR ist die Spiellizenz mit der dazu gehörigen Einstufung. Aus heutiger Sicht eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass Künstler, um eine Auftrittserlaubnis zu erhalten, vor einer staatlichen Stelle vorspielen müssen. In der DDR war das überlebenswichtig. Wie haben sich deine Interview-Partner zu ihren Erfahrungen mit der Einstufung geäußert?

Unterschiedlich. Für einige war das überlebenswichtig und extrem nervig. Andere haben die Kommissionen verarscht, wieder andere konnten sie Ende der 1980er fast ignorieren. Das ist so ein bemerkenswerter Punkt: Es war geografisch höchst unterschiedlich, wie das geregelt war und auch zwischen 1985 und 1988 ist einiges passiert. Besser als ich hat mein Kollege Florian Lipp in seinem Buch „Punk und New Wave im letzten Jahrzehnt der DDR“ die Arbeit der Einstufungs-Kommission aufgedröselt. Falls jemand noch tiefer in die Materie einsteigen möchte.

Du bist ja auch in den relevanten Ostmetal-Gruppen in den sozialen Netzwerken unterwegs. Es ist zuweilen wirklich erstaunlich, wie den alten "Zonen"-Bands von den Ostmetallern noch die Stange gehalten wird. Angeblich wurden die Metalbands in der DDR von vielen Fans nur als Coverbands für West-Songs angesehen und die Eigenkompositionen eher verschmäht. Heutzutage habe ich den Eindruck, dass diese Haltung so eigentlich nicht (mehr?) besteht. Wird da die Erinnerung vielleicht durch die rosa Brille der (N)Ostalgie etwas verklärt? Wie haben die Fans von damals in den Gesprächen für "Red Metal" auf dich gewirkt?

Ja, ich glaube, du hast recht. Man müsste sich das vielleicht mal als der Perspektive der Erinnerung genauer angucken, aber es war auch mein Eindruck, dass viele Bands, die damals bestenfalls als Cover-Bands eine Rolle spielten, heute sehr hochgejazzt werden. Was Ähnliches, und das erzählten Fans wirklich oft, gilt auch für die Ostrock-Bands. Während PUHDYS und KARAT verschmäht wurden, werden sie heute von Ostmetal-Fans geschätzt. Wie man Musik wahrnimmt, hängt halt auch immer davon ab, wo im Leben man grad steht und welches Bedürfnis man decken will. Aber das galt ja eben auch für die 80er. Ich sehe nichts Verwerfliches an einer Band, die 1987 irgendwo im Bezirk Potsdam genau jene 15 Songs coverte, die das Publikum zum Ausrasten brachte und wenn heute Menschen damit positive Erinnerungen verknüpfen, ist das ja auch okay.

Aber auch ganz ohne Nostalgie: Es bleibt – aus der Perspektive eines Metal-Fans – halt cool, dass da ein paar Verrückte irgendwo in Thüringens Wäldern beschlossen haben, jetzt wie METALLICA klingen zu wollen, auch wenn man sich deswegen mit dem Staat anlegte. Gleichzeitig gibt es einige wirklich gute Bands, die ja auch im internationalen Metal-Untergrund gefeiert werden. Irgendwas wird schon dran sein.

Welche Musik hörst du neben Ostmetal sonst noch? Eher die Klassiker oder auch das moderne Zeugs? Oder tummelst du dich gar in nichtmetallischen Schubladen?

Wenn du mit „modern“ neu meinst, dann höre ich viel davon. Mit modernen Produktionen habe ich so meine Probleme. Das Jahr ist noch relativ jung, aber 50 cm von meinem Keyboard entfernt liegen die aktuellen Scheiben von TENSION, FEACES CHRIST, SADISTIC GOATMESSIAH und MESSA. Ich warte außerdem auf die Nachpressung vom EISENHAND-Album!

Das ist ja ein buntes Potpourri aus traditionellem und Extreme Metal. Lieber Nikolai, vielen Dank für dieses interessante, megaspannende Interview und deine ausführlichen Antworten! 

[Die Fotos wurden freundlicherweise von Nikolai Okunew zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um exklusives, in "Red Metal" nicht veröffentlichtes Bildmaterial! Anm. d. Verf.]

Hier weiterlesen: Unsere Buch-Rezension zu Nikolai Okunew's "Red Metal, Die Heavy-Metal-Subkultur der DDR"


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