Interview: Destruction - Schmier

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Der Songtext „No Faith In Humanity“ endet mit „Solidarity“ und das ist der Schlüssel, um die Menschheit zu retten.

Destruction melden sich mit neuer Platte zurück, Destruction-Frontmann Schmier hat mit Stormbringer darüber geplaudert. Krieg, Pandemie und Social Media haben seinen Glauben an die Menschheit erschüttert, aber die Hoffnung auf deren Rettung gibt er nicht auf.

Veröffentlicht am 08.04.2022

Auf der Bühne ist wenig passiert, dafür hinter den Kulissen. Der Destruction-Frontmann erzählt über seine Erlebnisse der letzten zwei Jahre, die seinen Glauben an die Menschheit erschüttert haben, und wie das Liederschreiben ihm dabei geholfen hat, all das emotional zu verarbeiten. Die Welt ist ein dunkler Ort geworden, doch Schmier lässt sich davon nicht unterkriegen und will mit „Diabolical“ Mut machen.

Schmier, wie geht es dir ?
Ich habe eher gemischte Gefühle. Auf der einen Seite bin ich euphorisiert, da die neue Scheibe bald releast wird und wir auf Tour gehen, auf der anderen Seite sieht man überall in den Medien die unfassbaren Bilder des Ukrainekriegs. Es ist grauenvoll, was dort passiert.

Wie laufen die Vorbereitungen für die North American Tour?
Da wir endlich die Visaprozesse hinter uns gebracht haben, wird die US-Tour wie geplant stattfinden. In Amerika ist das so ein Riesenact: Man muss haufenweise Formulare beim Konsulat ausfüllen und zehntausende Euro zahlen, bevor man überhaupt eine Show abliefern darf. Die Coronamaßnahmen haben für Musiker den bürokratischen Aufwand schwerer gemacht, aber das ist jetzt alles geklärt. Wir sind bereit und im April geht es los.

Warum beginnt die Diabolical-Tour in den USA? Europa wäre doch naheliegender.
Normalerweise ja, nur dieses Mal haben wir uns für die USA entschieden, weil in Europa wird man gleich in Quarantäne weggesperrt. Die Amerikaner gehen mit der Coronasituation lockerer um, was auch verständlich ist. Das Land ist riesig und die Menschen dort müssen nicht auf engstem Raum leben, ganz anders als in Europa.

Kommen wir zum Album.

Das „Diabolical“ -Musikvideo hat etwas von einem klassischen Horrorfilm mit modernem Anstrich. Wie seid ihr darauf gekommen?
Wir haben die Story mit den Filmemachern von Lichtschreiber entwickelt und mussten darauf achten, wie brutal die Szenen sein dürfen – weil Youtube zensiert das Video, wenn man gegen seine strengen Richtlinien verstößt. Das war anfangs schwer, aber dann sind wir auf Alfred Hitchcock gestoßen. Der Filmregisseur ist bekannt dafür, Handlungen wie Mord anzudeuten, ohne tatsächliche Bilder von der Handlung zu zeigen, und diese Tricktechnik haben wir für den Diabolical-Dreh adaptiert. In einer Szene hat Madbutcher die blutige Klinge in der Hand, in der nächsten schleppt er einen leblosen Körper durch das Schlachthaus. Jetzt kann Youtube nicht mehr behaupten, dass im Musikvideo Menschen abgeschlachtet werden. Das Blut an der Klinge könnte ja Schweineblut sein. Hehe.

Der Sound von “Diabolical“ klingt klar. Warum habt ihr euch dafür entschieden?
Bei den Aufnahmen ist es uns wichtig, einen Sound, ohne moderne Aufnahmetechniken, zu kreieren. Randy Black ist ein genialer Schlagzeuger und wir wollten seinen Stil nicht durch technische Tricks wie Triggermodule aufpolieren. Viele große Produzenten wollen auch die Trommelschläge in der Postproduktion bearbeiten, damit sie tighter klingen. Hätten wir das gemacht, dann würde auch der Spirit des 80´s Thrash flöten gehen.

Mir gefällt nicht, wie sich die Aufnahmestandards in den letzten Jahren entwickelt haben, der Trend geht zu einem perfekt getimten und mächtigen Sound hin. Nun gut, er soll mächtig klingen, aber wir wollen einen rohen, puren Sound haben. Die meisten bekannten Produzenten sind der Meinung , dass der Sound nur gut klingt, wenn man Drumbeats triggert und die Spuren nachbearbeitet. Egal, wie sehr man sich dagegen ausspricht, sie machen es trotzdem, sogar hinter deinem Rücken. Das ist uns tatsächlich einmal passiert und dafür haben wir viel Kritik von unseren Fans kassiert. Nie wieder. Also sind wir in ein Studio gegangen, wo wir selbst bestimmen können, wie unsere Platte klingen soll. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis, der Sound klingt echt, er klingt pur, einfach top.

 

[Randy Black, Schlagzeuger bei DESTRUCTION]

Das Cover sieht dystopisch aus: eine Zombiehorde, ein Atompilz im Hintergrund und Atomfässer, die im Wasser schwimmen. Eigentlich symbolisch für alles, was in unserer Welt passiert, oder?
Auf jeden Fall. Das Hochwasser, der Atompilz und die schwimmenden Atomfässer sind Symbole für die Katastrophen, die uns in Zukunft erwarten können. Wenn Menschen nichts dagegen unternehmen, wird unsere Welt ein schrecklicher Ort werden. Das Albumcover sollte man  trotzdem nicht so ernst nehmen. Zum Beispiel die Zombies stellen Metalheads dar, die zeigen, wie unkaputtbar sie eigentlich sind. Nichts kann sie daran hindern ihre Begeisterung für Metalmusik auszuleben - weder die Pandemie, weder die Klimakrise noch ein atomarer Krieg. Außerdem finden wir Zombies faszinierend, so wie viele andere aus der Metalszene, und wir wolten genau solche Leute ansprechen. Einfacher gesagt, wenn man es sich ansieht, muss es Metal verkörpern- und Zombies sind full metal.

 

[Albumcover von "Diabolical"]

Im Album hört man viel Kritik gegenüber Politik und Gesellschaft heraus. In der jetzigen Situation, mit Krieg, der globalen Pandemie und Klimakrise, gibt es ein Haufen Gründe unzufrieden zu sein. Was hat dich in deinem Schreibprozess am meisten beeinflusst?
Die Pandemie war meine Inspiration für die Texte, aber ich wollte nicht über sie schreiben, sondern über die Umstände, die mich direkt betreffen. Musik ist für mich Therapie und das Verfassen von Liedertexten hilft mir dabei, den Frust von der Seele zu schreiben. Dadurch sind Lieder entstanden wie „State Of Apathy“, wo es zum Beispiel darum geht, dass viele meiner Bekannten und Kollegen die Pandemie nicht verkraften. Meine Ex-Freundin ist sogar in Therapie, weil sie Angstattacken bekommen hat. Das hat mich schwer getroffen.
Oder „Last Of The Dying Breed“, da geht es um alte Tugenden, die verloren gegangen sind. So, wie sich viele Menschen da draußen verhalten, kommt es mir vor, als wären wir zu einer Ellbogengesellschaft verkommen. Wenn man jemanden die Tür aufhält, bekommt man kein "Danke" zuhören, sondern einen Ellbogen ins Gesicht. Was ist mit den Leuten los?

Einerseits singst du darüber, dass der Glauben an die Menschheit verloren gegangen ist („No Faith In Humanity“) und andererseits gibst du mit Liedern wie „Hope Dies Last“ zu verstehen, dass noch Hoffnung für die Menschheit besteht.
Mein Glauben an die Menschheit ist fast verschwunden, das stimmt. Aber der Songtext „No Faith In Humanity“ endet mit „Solidarity“ und das ist der Schlüssel, um die Menschheit zu retten. Wenn wir solidarisch sind, die Grenzen abschaffen und den Machtmissbrauch abstellen, dann können wir dir Menschheit retten. In dem Sinn: „We are born of the same blood.“ [Anm. d. Verf.: Textpassage aus „No Faith In Humanity“]

Klingt so, als hättest du doch noch Hoffnung für die Menschheit.
Nicht mehr viel, aber ja. Deswegen habe ich „Hope Dies Last“ geschrieben, das ehrlich gesagt mich selbst durch die Pandemie getragen hat. Der Songtext erinnert einen daran, niemals das Handtuch zu werfen, egal wie unerträglich die Welt ist.

Im Lied „Whoreification“ werden die Schattenseiten von Social Media thematisiert. Wie stehst du zu Social Media?
Ich bin eigentlich ein großer Fan von Social Media. Es ist ein großartiges Tool für Bands, um Fans zu erreichen. Man darf aber nicht vergessen, dass es auch Schattenseiten gibt. Manche Menschen prostituieren sich für Instagram, Facebook und Co., indem sie eine moralisch verwerfliche Scheinwelt erschaffen, nur um Follower und Likes zu bekommen. Natürlich habe ich den Text mit Augenzwinkern verfasst, weil als Band, die auf Social Media präsent ist, ist man in gewisser Weise auch eine Medienhure, aber es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte.

Warum habt ihr „City Baby Attacked By Rats” als Coversong ausgesucht?
Unsere Fans sollen wissen, woher wir musikalischen verwurzelt sind und „City Baby Attacked By Rats“ ist der ideale Song, um das zu zeigen. Es ist ein Klassiker aus den Achtzigern, zu der Zeit habe ich viel Punk gehört. Ende der Siebziger ist die Punkszene in meiner Heimatstadt groß geworden, als Bands wie Dead Kennedys, English Dogs, The Exploited und auch GBH bekannt wurden. Sie alle klingen härter, schneller und brutaler als die erste Welle des Punks (Sex Pistols, The Clash, Ramones) und haben mich musikalisch beeinflusst. Accept, Iron Maiden und Judas Priest haben auch einen großen Einfluss auf mich, aber GBH sind der Grund, warum wir (DESTRUCTION) harte Musik spielen.

Danke, dass du Zeit zum Plaudern gefunden hast, Schmier. Ich wünsche dir und deiner Band alles Gute auf deiner North American-Tour. Hast du noch abschließende Worte an deine österreichischen Fans?
Wir freuen uns auf die Shows in Europa, im Sommer sind einige Festivalauftritte geplant und in Österreich werden wir am Vienna Metal Meeting im Oktober zu sehen sein. Als Musiker ist es wichtig, gemeinsam mit Fans zu feiern, was ich am meisten vermisst habe und nach zwei Jahren Bühnenpause müssen wir das nachholen. Also hört in unsere neue Scheibe rein. Wir sehen uns im Herbst!

Hier weiterlesen: Unser Review zu "Diabolical"


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