CODE - Aort

Artikel-Bild

Der Menschen Unfähigkeit die Ewigkeit und das Ungewisse zu verstehen, sind die Hauptgründe warum eine göttliche Decke des Trostes benötigt wird.

Die Avantgarde-Metaller von CODE geben uns einen ausführlichen Einblick in ihr Schaffen. Die intelligenten und bisweilen philosophischen Gedanken des Masterminds Aort sind nicht nur für Fans des Black Metal interessant und inspirierend: Read and enjoy!

Text: El Greco
Veröffentlicht am 07.08.2009

Hallo Aort! Danke, dass Du bereit bist, dieses Interview über dich ergehen zu lassen. Mir wurde gesagt, dass ihr „eine Menge zu sagen hättet“. Aus diesem Grund möchte ich euch – bevor meine gemeinen Fragen ins Spiel kommen – mal eine einfache Frage stellen: Was WOLLT ihr uns denn alles mitteilen?

Kein Problem! Danke für deine Zeit! Ich denke, die offensichtlichste Sache, die wir zu sagen haben ist folgende: Das neue Album ‘Resplendent Grotesque’ ist nun an Markt und wir sind wirklich sehr zufrieden damit, da es für uns in jederlei Hinsicht einen großen Schritt vorwärts bedeutet.

Die Musik von CODE mit Worten zu beschreiben, gestaltet sich als schwieriges Unterfangen. Wenn du eure Musik mit Worten beschreiben müsstest: Welche würdest du wählen?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die aus der Sicht des Songschreibers nur schwer zu beantworten ist. Erst wenn das Album komplett ist, können wir beginnen objektiv zu sein und zu verorten, welchen Platz unser Album zwischen all den anderen veröffentlichten Alben am Markt einnimmt. Wir schreiben nichts, nur damit wir in irgendeiner gemütlichen Genrebeschreibung verweilen. Wir schreiben ausschließlich aufgrund unserer Erfahrungen und Geschmäcker. Dabei ist uns eine gewisse Ehrlichkeit sehr wichtig. Was auch immer beim Songwritingprozess passiert, das passiert eben. Der Begriff „Avantgarde Black Metal“ triffts wohl noch am besten, doch auch mit diesem Begriff bin ich nicht ganz zufrieden, da unsere Musik im eigentlichen Sinne des Begriffs ja nicht wirklich avantgardistisch ist. Was Black Metal anbelangt schreiben wir sicher Sachen, die nicht ganz üblich und alltäglich wirken. Aber im Endeffekt machen wir ganz einfach dunkle, emotionale und aggressive Musik!

Die Songs auf ”Resplendent Grotesque“ inkludieren eine Vielzahl an unterschiedlichen Elementen. Ist es wichtig so heterogenes Songmaterial zu verfassen? Wie wichtig ist es für euch, etwas „neues“ zu erschaffen und diverse Klischees zu vernachlässigen?

Unbedingt etwas „neues“ zu erschaffen, ist definitiv nicht wichtig für uns. Sobald wir absichtlich etwas Neues kreieren wollten, würde die Ehrlichkeit in unserer Musik verschwinden. Sowas muss auf natürlichem Wege geschehen und darf nicht genau vorgeplant werden. Also ist es für uns weder wichtig, etwas bis dato unbekanntes zu erschaffen, noch Klischees zu vermeiden. Unser Hauptziel ist ganz einfach gute Musik zu schreiben, auf die wir stolz sein können.

Mal eine etwas allgemeinere Frage zum Songwritingprozess: Wer ist von euch nun der Hauptsongwriter, bzw. der erste Ideengeber? Wie werden diese Ideen in weiterer Folge ausgearbeitet? Bitte erklärt uns doch mal wie der Songwritingprozess bei euch so von statten geht….

Jeder Song beginnt bei mir. Ich schreibe die Musik ganz alleine, produziere dann Demos, die ich wiederum an die anderen Jungs sende. Danach kommentieren sie meine Einfälle und bringen Verbesserungsvorschläge vor, damit ihre eigenen Ideen in jenen Kontext passen. Das trifft vor allem für Kvohst zu. Danach arbeiten sie ihre eigenen Ideen aus, produzieren abermals Demos und senden sie zu den anderen Bandmitgliedern. Ich bevorzuge diese Art der Arbeit, da ich alleine besser arbeiten kann als in der Gruppe. So ist es mir möglich konzentrierter zu arbeiten und auch mal herumexperimentieren zu können.

Ich habe CODE als Band beschrieben, die wahrscheinlich von allen Kritikern geliebt wird. Dennoch besteht für mich kein Zweifel, dass der durchschnittliche Metalhead mit eurer Ausrichtung Probleme haben könnte. Macht ihr euch keine Sorgen mal den Ruf des „Kritikerlieblings“ zu haben, die von der breite(re)n Masse an Metalfans ignoriert wird?

Wir müssen in erster Linie Musik erschaffen, die wir selber mögen und an die wir glauben. Demnach liegt das nicht wirklich in unserer Macht. Wenn man objektiv an die Sache herangeht, denke ich schon, dass es einige Elemente in unserer Musik gibt, mit der auch der traditionelle Metalfan zurechtkommen sollte. ‘Possession is the Medicine’ ist z.B. ein straighter Rock/Metal Song, ohne irgendeinen musikalischen Aufputz – das dürfte die perfekte Dosis für einen unbeirrbaren Metalfan darstellen. Natürlich gibt es bei CODE eine gewisse Balance aus diesen und etwas ungewöhnlicheren Elementen zu entdecken. Ich glaube, dass wir für viele Personen als Tor zu einer anderen musikalischen Welt fungieren können, sofern eben jene danach suchen.

Mir gefielen die Vocals auf ”Resplendent Grotesque“ sehr gut, da sie eine Vielzahl an Emotionen abdecken. Dennoch muss man zugeben, dass einige der fragileren Vokalteile (wie z.B. bei “Jesus Fever“) doch etwas merkwürdig und schief klingen. Dies mag dem einen oder anderen Fan missfallen. Welche atmosphärische Schichten wolltet ihr denn kreieren? Die Vocals klingen zudem sehr „rein“, was als krasser Gegensatz zu den oftmals sehr aufdringlich produzierten und gemischten Vocals im Metalsektor zu sehen ist. Salopp gefragt: Wie habt ihr diesen Sound hingekriegt?

Den Vocals haben wir in der mixing-Phase oberste Priorität eingeräumt, da sie sehr wichtig für die Dynamik und die Geschichte hinter den Songs sind. Wir wollten die Vocals nicht mit vielen Effekten zerquetschen und verzerren, da sie in ihrer Natürlichkeit als wichtige Stützpfeiler der Musik verstanden werden sollen. Viele der Hooks in den Songs leiten sich von den Vocals ab, weshalb jene natürlich mit vollster Klarheit gehört werden sollen.
Was die Vokalstile anbelangt, versucht Kvohst dem Song immer genau das zu geben was er benötigt. Dabei entstehen diese Ideen niemals auf eine gekünstelte Art und Weise. Kvohst geht also nie an die Sache heran, in dem er sagt: „Ich will auf dem Album unbedingt irgendwo den Stil A unterbringen.“ Jeder Song steht für sich selbst und wird demnach auch individuell betrachtet. Wenn er sich erhebende, melodische Vocals braucht, dann bekommt er sie. Wenn jener black metal screams oder fragile Klargesänge benötigt, bekommt er eben jene Stile. Demnach orientieren wir uns jeweils stark am Kontext. Unser Ziel ist es, der Thematik und dem Gefühl des Songs zu dienen, was wir mithilfe der uns zur Verfügung stehenden Werkzeuge vollbringen wollen.

Nachdem ich mir ”Resplendent Grotesque“ nun einige Male zu Gemüte führen durfte, bin ich mir nicht sicher, wie man diese komplexe und extravagante Musik auf der Bühne darbieten soll. Kannst du die größten Schwierigkeiten dieser Reproduktion „on stage“ definieren? Bist du mit euren bisherigen Auftritten zufrieden gewesen oder sucht ihr noch nach eurer „Live-Bestform“?

Tatsächlich fühlt es sich überraschend natürlich an, diese Songs live darzubieten. Wir mussten uns natürlich sehr genau vorbereiten, welcher Gitarrenteil z.B. live tatsächlich gespielt wird. Auf dem Album hört ihr viele unterschiedliche Schichten an Gitarren- und Vokalteilen. Demnach ist es schon eine Herausforderung die Songs so auf das Wesentliche zu reduzieren, dass fünf Typen diese Songs auf der Bühne reproduzieren können, ohne das Gefühl des Songs zu verlieren und die Details untergehen zu lassen. Als wir zu üben begannen, war das schon sehr aufregend, doch wir haben bald gemerkt, dass die Energie und Leidenschaft der Songs auch wirklich funktionierte.
Bislang haben wir zwei Shows mit dem neuen Songmaterial im Gepäck gespielt: Eine davon in Norwegen und eine in Litauen. Dabei waren wir sehr zufrieden damit, wie sich die Dinge entwickelt haben. Während unserer kommenden Tour wird sich sicher noch einiges verbessern: Wir werden sicher noch tighter spielen und werden wohl die Setliste etwas verändern um das bestmögliche rauszuholen. Dies ist ein Prozess, der sich in Schritten vollzieht. Wir hoffen natürlich, dies alles immer weiter verbessern zu können bis wir im Herbst auf Tour gehen.

Auch wenn ich denke, dass das ultimative Meisterwerk von CODE erst erscheinen wird, muss ich euch wirklich gratulieren, da eure Musik in Verbindung mit euren Texten eine sehr inspirierende Atmosphäre erschaffen. Ich würde soweit gehen zu behaupten, dass ”Resplendent Grotesque“ ein Album für all jene ist, die sich nicht weigern nachzudenken. Stimmst du mir dabei zu? Ist es wichtig etwas intelligentes zu kreieren anstatt nur zu unterhalten? Gibt es eine bestimmte Message, die du den Hörern vermitteln willst oder willst du sie zu „nur“ dazu bringen, ihr Gehirn zu nützen?

Ehrlich gesagt machen wir uns nicht viele Gedanken darüber, was mit unserem Album passiert, wenn es unsere Hände verlässt bzw. wie es von den Menschen wahrgenommen wird. Es ist dann ja nicht „nur“ etwas für die Metalaudienz. Es ist dann verfügbar für jedermann und jeder kann damit machen, was er will. Das ist ein Teil dieser Schönheit der Musik: Sie kann in so vielen unterschiedlichen Wegen interpretiert werden und meiner Meinung nach gibt es keine „richtige“ oder „falsche“ Antwort. Jedes Individuum kann die Musik in seine Persönlichkeit inkludieren. Dabei gehört sie ganz ihm, da die Musik zu diesem Zeitpunkt nicht mehr dem Musiker gehört. Dann existiert eine Verbindung zwischen dem Hörer und der Musik, die ihrerseits eine Einheit formt. Ich will die Leute nicht unbedingt dazu bringen, nachzudenken. Für mich ist Musik kein exklusiver Club. Sie soll genossen werden, wie auch immer dies passiert ist dabei nicht wichtig.

Obwohl ”Resplendent Grotesque“ offiziell nicht als Konzeptalbum verkauft wird, sehe ich doch einige lyrische Verbindungen zwischen den Songs. Würdest du ”Resplendent Grotesque“ als Konzeptalbum bezeichnen?

Nur sehr vage! Die Songs wurden individuell kreiert und funktionieren auch isoliert voneinander. Trotzdem existiert ein lyrisches Thema, das die Songs zusammenfügt, weshalb sie auch als Gesamtheit funktionieren. Die Lyrics beschreiben die Reise des Geistes durch den Realisierungsprozess des Individuums. Die Reise führt von Verzweiflung und Repression zu Feindseligkeit bis zur Erlangung des ultimativen Wissens und dem daraus resultierenden Aufstieg in andere Sphären des Verstehens. Dies fungiert als Metapher für die Freiheit vom religiösen Dogma.

“Possession is the medicine” ist ein Song der die Religion direkt und offen kritisiert. Um mal eine Verbindung zur berühmten „Gretchenfrage“ aus Faust herzustellen, frage ich dich nun: Wie hast du’s denn so mit der Religion? Wie ist deine Einstellung dazu, bzw. wie reagierst du auf die Kirche und Religion?

Ich persönlich habe keine Probleme mit der Religion als Konzept. Der Menschen Unfähigkeit die Ewigkeit und das Ungewisse zu verstehen, sind die Hauptgründe warum (nach Freud) eine göttliche Decke des Trostes benötigt wird. Man sollte dies den Leuten nicht missgönnen, wenn dies ihr Rückhalt ist. Wenn aber nun Macht und Geld zu dieser Gleichung hinzugefügt werden, bleibt die Essenz der Religion von Natur aus außen vor. Es ist eine recht einfache Sichtweise der Dinge, aber ich sehe nicht die Religion als Wurzel allen Übels, sondern den kollektiven Machtmissbrauch den die Menschen betreiben.
Ich persönlich habe nicht viel übrig für den Glauben. Dennoch finde ich die religiös motivierte Kunst und Architektur bisweilen faszinierend und inspirierend, wenngleich ich das ausschließlich aus der Sicht des Künstlers sehe.
Ihr scheint den “modernen Black Metal” zu verachten – Zumindest hab ich einige diesbezügliche Zitate von Kvohst nachgelesen.

Wärst du so freundlich deine persönliche Definition von „Black Metal“ abzuliefern? Wie unterscheidet sich jene von dem, was „black metal“ inzwischen geworden ist?

Kvohst mag da seine eigenen Ansichten haben, aber mich persönlich interessiert es kaum, was Black Metal war, ist und sein soll. Solche Labels sind Konzepte, die in Wahrheit nur dazu dienen, gewisse Autoritäten vorzugeben. Zu definieren was nun „noch Black Metal“ oder „nicht mehr Black Metal“ sei ist – neben der Tatsache, dass dies von Natur aus ein nebulöses Konzept darstellt – für mich eher eine Übung in Sachen Sinnlosigkeit. Als Referenzpunkte mögen solche Termini natürlich dienen – als solche machen sie Sinn! Aber irgendwelche rigiden Grenzen zu ziehen, die zwangsläufig immer irgendwie überschritten werden müssen, ist vergeudete Energie. Musik ist Musik – entweder man genießt sie oder eben nicht. Ob nun etwas „true“ ist oder nicht, ist eine sinnlose Diskussion.

Vicotnik’s bass lines sind mal wieder exzellent geworden. Wie kam es damals eigentlich zu dieser Zusammenarbeit? Es scheint so, als wäre der Fokus auf sein Bassspiel gerichtet worden – ist dem tatsächlich so oder kam es eher auf „natürlichem Wege“ dazu, da die Produktion sehr klar und trocken gestaltet wurde? Denkst du, dass sein Bassspiel einer der wichtigsten Pfeiler des Albums ist?

Die ursprüngliche Kollaboration mit Vicotnik kam damals zu Stande, als er unser Demo hörte. Er und Kvohst waren bereits einige Zeit befreundet und von da an, nahm alles seinen Lauf. Er genoss unsere Musik und bot uns an, den Bass bei uns zu spielen, was wir natürlich gerne annahmen. Ich war bereits für einige Zeit ein Fan von VED BUENS ENDE und DÖDHEIMSGARD und fühlte mich demnach geehrt als er sich entschied bei unserem Projekt einzusteigen.
Vicotnik ist ein unglaublich talentiertes Individuum und seine bass lines lassen mich immer wieder erstaunen. Seine Arbeit beim Debüt war bereits ausgezeichnet, aber ich denke, bei „Resplendent Grotesque“ hat er das Ganze in ein neues Level gehoben. Es gibt einige sehr ungewöhnliche lines auf diesem Album. Er spielt sehr groove-orientiert was im Bereich des Black Metal ja nur von wenigen Bassisten praktiziert wird.
Bezüglich des Einflusses auf die Produktion: Wenn man ein so tolles Bassspiel hören darf, sollte man eben auch dafür sorgen, dass es wirklich gehört wird!

Werdet Ihr in der nahen Zukunft einige Gigs spielen? Sind auch einige Konzerte in Österreich geplant?

Ja, im September und Oktober touren wir mit SOLSTAFIR und SECRETS OF THE MOON! Die kompletten Tourdaten lassen sich auf www.myspace.com/codeblackmetal finden. Wir spielen übrigens am 7. Oktober in Salzburg! Also kommt vorbei und seht euch unsere Show an!

Nur eine kleine Expedition in die Gefilde der Soziologie: Wann und wie hast du dich in Metal “verliebt”? Wie hat sich deine Identität als Metalfan entwickelt?

Ich denke, es begann Mitte/Ende der 80er als ich zum ersten Mal IRON MAIDEN’s “Phantom of the Opera“ in einer TV Werbung vernehmen durfte. Ich hab mir etwas Geld zusammen gespart und mir davon das Album auf Kassette gekauft. Seitdem war ich süchtig danach. IRON MAIDEN waren lange Zeit die einzige Band, die ich mir angehört hab. Keine andere Band konnte mir das geben, was mir Maiden damals geben konnten. Ich denke, es war bei “Seventh Son of a Seventh Son”, dass ich mich zum ersten Mal richtig auf einen neuen Release freute und auch nicht enttäuscht wurde. Sie sind auch heute noch die beste Band überhaupt für mich! Natürlich kommt man, wenn man etwas älter ist, auch an härtere Sachen: Zuerst an METALLICA und co. und danach an extremeres Zeug wie Death Metal, Black Metal der frühen 90er etc. Ich mochte bereits die ersten Veröffentlichungen von VENOM und BATHORY. In der zweiten Welle des Black Metal konnten mich zunächst nur die ersten DARKTHRONE Releases, sowie die erste Veröffentlichung von BURZUM und IMPALED NAZARENE überzeugen. Erst als ich diese Alben hören durfte, begann ich meinen Fokus auf Black Metal zu richten.
Heute höre ich eine ganze Menge an Metal. Aber mein Geschmack hat sich durchaus erweitert. Ich höre z.B. viel Prog und Folk aus den späten 60er Jahren und frühen 70ern. Nun sitze ich gerade daheim und höre John Coltrane, somit ist es wirklich angebracht zu sagen, dass sich mein musikalischer Geschmack definitiv erweitert hat seit damals.

Danke für das Interview! Weiter so und viel Glück in der Zukunft!

Danke für das Interesse in CODE und für die Möglichkeit, sich hier zu präsentieren! Vielleicht sieht man sich mit etwas Glück ja auf Tour!

Aort


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: LAMB OF GOD - Lamb Of God
ANZEIGE