Blind Guardian - Marcus Siepen

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At The Edge Of Time beinhaltet einfach alles, was BLIND GUARDIAN ausmacht!

Es verspricht ein heißer 1. Juli zu werden und ich bin um elf Uhr vormittags mit Marcus Siepen, seines Zeichens Gitarrist bei der deutschen Metal-Institution BLIND GUARDIAN, zu einem Telefoninterview verabredet. Pünktlich wie die Uhr läutet auch schon mein Telefon und mich erwartet ein bestens aufgelegter, gut gelaunter Marcus, der mit mir über die neue BLIND GUARDIAN-Scheibe "At The Edge Of Time" und allerlei andere wichtige Dinge spricht...

Text: mat
Veröffentlicht am 19.07.2010

Guten Morgen, Marcus, wie geht’s dir?

Super. Und selbst?

Bei mir ist auch alles klar, danke der Nachfrage. Kommen wir gleich zum Eingemachten. Mit „At The Edge Of Time“ habt ihr wieder neues Songmaterial am Start. Seit Erscheinen von „A Twist In The Myth“ sind aber ganze vier Jahre vergangen. Was habt ihr in der Zwischenzeit gemacht?

Na ja, nach dem Release von „A Twist In The Myth“ waren wir 18 Monate am Stück auf Tour. Dabei haben wir tolle Orte und Plätze gesehen und haben mittlerweile alle Kontinente sozusagen abgegrast [lacht]. Direkt nach dieser langen Tour, ich glaube so im November 2007, haben wir eigentlich gleich wieder angefangen, neues Material zu schreiben. Das war damals das Stück „Sacred World“, das wir für das Computerspiel „Sacred II“ geschrieben haben. Ich glaube, das war das erste Mal in der Geschichte von BLIND GUARDIAN, das wir unmittelbar nach einer Tour sofort an neuen Stücken zu schreiben und keine Pause einzulegen. Normalerweise machen wir nämlich immer ein Päuschen, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Weil man uns damals aber extra gefragt hatte, ob wir einen Song beisteuern möchten und wir von dieser Idee begeistert waren, mussten wir also unmittelbar handeln. Das stellte sich im Nachhinein sogar als eine gute Idee heraus. Wir waren nämlich noch so voller Live-Energie, dass wir das direkt in das Songwriting miteinbauen konnten. Danach haben wir dann sofort weitergearbeitet, die Songs aufgenommen und das Ergebnis ist jetzt eben „At The Edge Of Time“.

Ich habe die Platte bisher intensiv gehört und auf den ersten Blick erinnert mich das neue Material stark an „Imaginations From The Other Side“. Wie denkst du darüber? Was können eure Fans erwarten?

Ich glaube, dass unsere Fans noch viel, viel mehr erwarten dürfen, obwohl ich dir natürlich auch Recht gebe. Ich denke nur, dass die Platte all das vereint, was BLIND GUARDIAN bis dato ausgemacht hat. Einige haben mir bereits gesagt, dass sie das Album an „Somewhere Far Beyond“ erinnert. Andere denken sofort an die „Imaginations From The Other Side“ oder an die „Nightfall In Middle-Earth“. Es gibt dann aber auch wieder Leute, die sagen, dass das Ganze auch moderne Elemente à la „A Twist In The Myth“ oder „A Night At The Opera“ beinhaltet. Ja, und das stimmt auch alles. Es gibt schnellere, härtere Stücke, progressive Elemente und auch eine saftige Portion Bombast und repräsentiert BLIND GUARDIAN anno 2010 wunderbar!

Man kann euch ja getrost als deutsches Metal-Aushängeschild bezeichnen. Spürt ihr da einen gewissen Erfolgsdruck?

Den Druck machen wir uns eigentlich selbst. Wir versuchen eigentlich zuallererst vier Leute, die Bandmitglieder, zufrieden zu stellen. Wenn man da auf jeden hören würde, würde da überhaupt nichts mehr Brauchbares herauskommen und du würdest zwangläufig scheitern. Irgendwen würde man mit dieser Taktik immer verprellen. Deswegen versuchen wir einfach, Songs zu machen, mit denen wir glücklich sind und der Rest ergibt sich dann.

Wie kann man sich den BLIND GUARDIAN-Songwritingprozess vorstellen? Wer ist da wofür zuständig?

Einen typischen Prozess gibt es da eigentlich nicht wirklich. Die Hauptsongwriter sind aber nach wie vor Andrè und Hansi. Einige Titel entwickeln eine derartige Eigendynamik, sodass man das gar nicht verallgemeinern kann. Bestes Beispiel ist der neue Rausschmeißer „Wheel Of Time“. Der Song war ursprünglich für unser noch ausstehendes Orchesterprojekt geplant und sollte ein rein orchestrales Stück werden. Hansi war damit aber nicht wirklich glücklich und hat deswegen versucht, das Ganze in ein normales Metal-Gewand zu packen. Und so gefiel uns die Sache dann gleich viel besser. Unser Produzent Charlie (Anm. Red.: Bauerfeind) hat uns zusätzlich dazu bewogen, die orientalischen Elemente noch mehr in den Vordergrund zu hieven. Diese orientalischen Passagen waren uns zuvor noch gar nicht wirklich bewusst, dass sie überhaupt existent waren! Wie du siehst, das Ganze kann sich manchmal total anders entwickeln als man denkt.

Hast du einen persönlichen Lieblingstitel auf „At The Edge Of Time“?

Da fehlt mir noch der nötige Abstand und das hängt auch stark von der täglichen Verfassung ab. Gerade jetzt würde ich dir „Tanelorn“ nennen, eine brachiale, schnelle Nummer. In einer halben Stunde kann das aber schon wieder ganz anders aussehen [lacht].

Kommen wir auf das Thema Tour zu sprechen. Im kommenden Herbst werdet ihr unter anderem auch in Wien auftreten. Was dürfen wir von euch erwarten?

Eine großartige Show [lacht]! Nein, das verhält sich gleich wie im Studio: Wir sind Perfektionisten! Wir versuchen immer alles zu geben und das Beste rauszuholen. Wir haben nun einen ersten Probeblock hinter uns, bei dem wir um die 40 Songs eingeübt haben. Die werden wir natürlich nicht alle an einem Konzertabend spielen. Wir haben aber keinen Bock jeden Tag dasselbe Programm runterzuleiern, denn das wird auf Dauer einfach nur langweilig und eine gewisse Routine würde sich einschleichen und das würde viel zerstören. Mit den ganzen geprobten Stücken können wir da ein wenig variieren. Unser Ziel ist es, von der neuen Scheibe vier oder fünf Songs einzubauen. Die üblichen Klassiker sind sowieso gesetzt, denn sonst würde uns das jeweilige Publikum kreuzigen [lacht]. Ja, und zusätzlich noch ein paar kleine Überraschungen, also Songs, die wir schon ewig nicht mehr gespielt haben. In punkto Stagedesign kann ich dir jetzt noch nichts Endgültiges verraten, denn da stecken wir noch mitten im Entwicklungsprozess, aber ich glaube das wird ein sehr, sehr geiles Paket!

Marcus, du spielst ja jetzt schon lange bei BLIND GUARDIAN. Wie bist du eigentlich zum Gitarrespielen gekommen?

Eigentlich durch meine Eltern. Als ich zehn war, wollten sie von mir, dass ich ein Instrument lerne. Obwohl sie dachten, dass ich wohl die üblichen Klassiker, also Klavier oder Klarinette, lernen würde, habe ich mich für die Gitarre entschieden. Ich habe dann fünf Jahre lang klassische Gitarre gelernt, was eine sehr schöne Grundlage war. Ich war ja damals schon länger Metal- und Rock-Fan und irgendwann war es dann endlich an der Zeit, mir eine richtige E-Gitarre zuzulegen. Und heute stehe ich hier.

Da können wir froh sein…

Ja, es hat sich bewährt [lacht]…

Eine persönliche Frage: Könntest du dir heute noch vorstellen, beruflich etwas ganz anderes zu machen?

Na ja, ich arbeite ja in einem Bereich, wo du einfach nicht wissen kannst, was am nächsten passiert. Ich könnte einerseits morgen Multimillionär sein und auf der anderen Seite könnte kein Mensch die neue BLIND GUARDIAN-Platte kaufen. Man weiß es nicht! Sollte es irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, mit BLIND GUARDIAN nicht mehr weitergehen, müsste ich gezwungenermaßen etwas anderes machen und da könnte ich mir auch verschiedene Sachen auch vorstellen. Ich könnte zum Beispiel im musikalischen Feld bleiben und einen auf Gitarrenlehrer zu machen oder als Producer tätigt zu sein. Eine weitere Möglichkeit wäre auch, Musik für Computerspiele und Ähnliches zu machen. Ernsthafte Gedanken habe ich mir darüber aber nie wirklich gemacht. Wir sind jetzt seit 25 Jahren unterwegs und da sich bei uns keine Krisen abzeichnen, hoffe ich, dass das Ganze noch lange in dieser Form andauern wird.

Um noch einmal das Lieblingssong-Thema, das wir schon zuvor bei „At The Edge Of Time“ gehabt haben, anzureißen: Gibt es für dich einen BLIND GUARDIAN-All Time-Favourite, der dir besonders am Herzen liegt?

Puh, das ist auch schwer! Da würden mir jetzt einige Sachen auf Anhieb einfallen. Zum Beispiel „Somewhere Far Beyond“ und natürlich auch der „Bard’s Song“, das kann man nicht leugnen. Aber auch „Nightfall“, „Holy War“ oder „I’m Alive“ halte ich bis heute für sehr geile Titel. Auch das ist total von der Tagesform abhängig. Da wir jetzt aber eben wieder für die anstehende Tour geprobt haben, habe ich erneut ein paar alte Songs gehört, die man irgendwie schon vergessen hatte. Wir arbeiten ja nicht mit Noten, sondern rein mit dem Gehör und wenn du da einen Song vergisst, musst du die CD in den Player schmeißen und dir die Melodie wieder antrainieren. Durch dieses Hören unserer ganzen Songs favorisiere ich plattentechnisch derzeit aber definitiv die „Somewhere Far Beyond“.

Marcus, wenn du mir „At The Edge Of Time“ in ein, zwei Sätzen beschreiben müsstest, was würdest du sagen?

Uhhhhhhhhh, in ein, zwei Sätzen? Ah, das ist schwer… Okay, ich würde sagen: „At The Edge Of Time“ fasst all das zusammen, was BLIND GUARDIAN je ausgemacht hat – Härte, Melodie, Bombast und progressive Elemente. Es ist für mich im Moment DAS BLIND GUARDIAN-Album, weil es einfach alles hat.

Perfekt. Ich habe auf eurer Website gelesen, dass du es überhaupt nicht magst, wenn man dich am Ende eines Interviews nach ein paar letzten Worten für die Leser bzw. Zuschauer fragt.

[Lacht]…

Deswegen frage ich dich jetzt zum Abschluss, welche Frage du dir stattdessen wünschen würdest?

Du machst mich fertig [lacht]… Was würde ich gerne mal gefragt werden? Das Problem ist, dass die wichtigen Standardsachen meistens abgefragt worden sind und nicht wirklich etwas übrig bleibt, was ich unbedingt loswerden möchte. Umgekehrt gibt es aber Fragen, die ich absolut nicht mehr gestellt bekommen möchte. Das sind so Fragen zur Entstehung von LUCIFER’S HERITAGE und das Unterschreiben des ersten Plattenvertrages. Da denke ich mir: ‚Hör mal, das ist 25 Jahre her! Wen interessiert denn das heute noch?’ Andere fragen zum Beispiel: „Wie fandst du denn die „Herr der Ringe“-Trilogie?“ Das ging mit „Nightfall In Middle-Earth“, wo wir den „Simarillion“ vertont haben, los. In drei Millionen Interviews wirst du dann gefragt, wie dir die Filme gefallen haben. Irgendwann habe ich mir wirklich überlegt, mir einfach ein T-Shirt drucken zu lassen, auf dem steht: „Ich fand die ‚Herr der Ringe’-Filme gut, frag mich nicht [lacht]!“

Na, dann belassen wir es dabei. Ich finde die „At The Edge Of Time“ mehr als gelungen, bedanke mich bei dir für das nette Interview und wir sehen uns in Wien. Ich werde da sein…

Ich werde auch da sein [lacht]…

Super, danke dir!

Danke und schönen Tag noch. Tschö!


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