Interview: Vader - Piotr "Peter" Wiwczarek

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Es gibt keinen Metal, ohne Wut und Feuer in deinem Herzen.

VADER-Alleinunterhalter Piotr "Peter" Wiwczarek ist wirklich verdammt wiff. Das beweist die polnische Metallegende im ausführlichen Interview über das neue Album, geschichtliche Verfehlungen und die unendliche Liebe zum Metal.

Veröffentlicht am 08.08.2011

Hallo Peter. Prinzipiell wolltest du "Welcome To The Morbid Reich" ja erst gegen Ende 2011 veröffentlichen. Jetzt steht das Teil schon im August in den Läden. Ist der Produktionsprozess so flüssig verlaufen oder wie können wir uns das erklären?

Mitte März haben wir bereits einen längeren Spot in den polnischen Herz Studios gebucht. Obwohl wir mit den Aufnahmen grundsätzlich später beginnen wollten, haben wir da einfach umgestellt. Wir hatten ohnehin genug Zeit, um zu relaxen und die ganzen Ideen anständig zu sammeln. Hätten wir das Album erst im August aufgenommen, würde es für über ein Jahr keine frischen Songs und Shows geben, das konnten wir dann nicht zulassen.

Neben tonnenweise EPs und Demos ist das Stück jetzt bereits euer zehntes Studioalbum. Wird das Album dann auch als Jubiläum bejubelt oder von euch einfach als weiteres neues Werk behandelt?

In erster Linie hoffe ich, dass "Welcome To The Morbid Reich" ein starkes Album für unsere Fans sein wird. Ich kann aber nicht sagen, dass das neue Album etwas Spezielles ist. Trotzdem haben wir uns darauf vorbereitet wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Zuerst haben wir uns einmal drei volle Monate Urlaub gegönnt und dann haben wir das Studio unkonstant oft besucht. Ich meine damit, nachdem die Gitarren- und Drumspuren eingespielt waren, haben wir uns ein paar Wochen Zeit gelassen, bevor es ans endgültige Mixen ging. Dieser Weg gibt einem die Möglichkeit, noch einmal gründlich über all die aufgenommenen Songs nachzudenken. Es war nichts groß zu ändern, aber dieser Prozess fühlt sich insgesamt einfach viel natürlicher an.

Speziell der Albumtitel kann im deutschsprachigen Raum ja durchaus kontrovers ausgelegt werden. Was steckt denn dahinter, auf was beziehst du dich beim neuen Album? Welche Punkt waren dir da wichtig?

Wenn es rein um die Texte geht, ist das Album meines. Ich hatte sehr viel zu sagen und habe mich in einer sehr speziellen Form ausgedrückt. Ich habe mir über ein Jahr lang Inspirationen geholt und diese in nicht einmal zwei Wochen in Songs verwandelt. Das letzte Jahr war voller Erfahrungen für mich, genug, um zwei bis drei Alben zu machen. "Morbid Reich"? Ich habe keine Ahnung, warum das Wort "Reich" für deutsche Menschen "offensiv" klingt. Noch eigenartiger, wenn du vom deutschsprachigen Raum sprichst. Warum? Nur wegen der Geschichte? Jedes Land der Welt hat seine eigene Geschichte.

Gute und weniger gute Zeiten. Dinge verändern sich über die Jahre und ehemalige Feinde werden Freunde oder sogar Verbündete. Natürlich weiß ich, was du damit ansprichst. Niemand vergisst die Gräueltaten, die in den 1930er und 1940er Jahren geschehen sind. Wie auch immer, wir sind keinesfalls von irgendeiner Propaganda vergiftet (zumindest nicht mehr, als die letzten 50 Jahre) und wir alle kennen die Gründe und Konsequenzen dieses "Big Fire" in Europa. Wir leben in einem vereinten Europa ohne Grenzen und mit einer gut gemischten Bevölkerung. Deutsche, Franzosen, Russen und Polen leben in Frieden zusammen und es gibt keinen Grund, alte Wunden aufzureißen und an die Vergangenheit zu appellieren. Wir müssen an unsere Kinder und ihre Zukunft denken, also hat es keinen Sinn, politische Spielchen zu treiben.

Wer redet von Napoleon und seinen Taten im 19. Jahrhundert? Entschuldige diese lange Abschweifung, aber ich halte diese ewige Politisierung, die sich seit Jahren durchzieht, nicht mehr aus. Und "Morbid Reich"? Das ist weder eine "tausendjährige" Idee, noch eine Verbindung zu unserem gleichnamigen Demo aus 1990. Einmal stellte ich mir eine Welt vor die ich "Morbid Reich" nannte. Es ist ein Reich bestehend aus meiner Wut, meinem Schmerz und all den Dingen, die ich nicht gutheiße. Ich habe diese "Welt" vor Jahren verlassen und jetzt kehrt sie wieder zurück! Ich verwendete Symbole, Kleidung und gewisse Ästhetiken der Deutschen aus den 1930er Jahren, aber wurde das Zeug nicht schon zuvor in den Computerspielen "Quake" und "Wolfenstein" verwendet? Ich liebe die Schönheit von Farben und Uniformen, habe aber niemals daran gedacht, irgendeine Art von Totalitarismus zu unterstützen. Amen.

Im Gegensatz zu euren letzten beiden Alben hast du zwei Instrumentals raufgepackt. Verstärken sie das Gesamtkonzept?

Instrumentalsong findest du auf dem Album keinen. Nur ein paar Intros, Musikalische Impressionen, die zum richtigen Song überleiten. Sie kreieren diesen "Bombast", den ich erschaffen wollte.

Die Endproduktion ist diesmal wirklich verdammt fett geworden. Man hört nicht nur deine markante Stimme, sondern auch jedes Instrument sehr gut. Wie siehst du das rückwirkend und würdest du noch etwas daran ändern?

Ich habe das Album vollständig von den Wieslawski-Brüdern fertigen lassen. Sie kennen VADER und wissen, welche Power wir für unseren Sound wollen und brauchen. Ich wollte nicht wieder alles in die eigene Hand nehmen. Der Sound ist sehr wichtig und eine Kooperation mit "dem anderen Ohr" kann oft etwas Frisches, Neues bringen. Und genau das wollte ich! Bei "Necropolis" haben wir mit Tue Madsen als Produzent gearbeitet und das Ergebnis war ebenso umwerfend.

Als ich mir das Album die ersten paar Mal reingezogen habe, sind mir vor allem zwei Songs im Ohr hängengeblieben. "Black Velvet And Skulls Of Steel" mit seinem unglaublichen knackigen Thrash-Vibe, der an eure alten Tage zurückerinnert und das episch-brutale "I Am Who Feasts Upon Your Soul". Was sind denn deine Favorites auf dem Teil?

Ich mag sie alle, haha. Über Liebllingssongs kann ich noch nichts sagen. Vielleicht später, wenn wir sie schon ein paar Mal auf der Bühne ausprobiert haben. Ich liebe die Zeit, wenn wir neue VADER-Songs in die Setlist integrieren. Ich bin dann immer sehr aufgeregt. Wir haben an den Songs nicht länger gearbeitet als sonst. Ich habe mir alle Songs im Notizbuch und in meinem Kopf abgespeichert, dann ging's ab ins Studio. Spider (git - Anm. d. Verf.) hatte eine ähnliche Vorgehensweise. Möglicherweise hat er etwas anspruchsvollere Wege beschritten, mit Spezial-Software und solchen Programmen gearbeitet. Ich lerne auch immer mehr und mehr über moderne Aufnahmetechnologien, aber ich verwende Papier immer noch lieber als den Computer.

Die Bonustracks auf der Digipak-Version sind Coversongs von EXTREME NOISE TERROR und THE EXPLOITED. Warum genau diese Songs? Wirst du wieder einmal ein komplettes Coveralbum veröffentlichen?

Das haben wir ja schon 1997 mit "Future Of The Past" gemacht, wo wir nur klassische Metalsongs gecovert haben. Wir lieben es, solche Klassiker aufzunehmen und zu spielen. Nicht, um sie einer jüngeren Generation zugänglich zu machen, sondern weil sie eben Klassiker sind und wir sehr fokussiert auf die Metalszene sind. Wir hatten dort niemals Extreme Metal Songs mit Punk-Anleihen. Wir hatten schon auf "Necropolis" zwei Metalsongs als Bonus. Dieses Mal habe ich eben zwei verschiedene Klassiker gewählt: THE EXPLOITED (eigentlich ist der Song von den VIBRATORS, aber THE EXPLOITED haben ihn bekannt gemacht) und "Troops Of Tomorrow" und dessen natürlicher Folger: EXTREME NOISE TERROR. Ich bin mir sicher, dass sich nicht allzu viele Leute vorstellen können, wie kräftig diese Songs und Bands sind. Einfach so anders als GREEN DAY oder ähnliche moderne Pop-Scheiße.

Interessant finde ich auch die Vielseitigkeit des Albums. Viele Blast-Beats, einige Mid-Tempo-Riffs und auch viele tighte Groove-Parts sind da zu finden. Meiner Ansicht nach war "Necropolis" zwar brutaler, aber nicht so ausbalanciert. Wie siehst du das?

Ich stimme dir zu, dass "Necropolis" brutaler war. Dieses Gefühl stellt sich schnelle in, weil die neuen Songs eben variabler sind. Spider hat natürlich viel von ihm selbst einfließen lassen, was das Album interessanter macht. Aber es ist noch immer pure fucking VADER! Es gibt totale Heavy-Tracks wie "Black Velvet And Skulls Of Steel" oder "Never Rip The Beast's Heart Out", als auch Blast-Nummern wie "Only Hell Knows" oder "Lord Of Thorns".

Für die Coverzeichnung war Zbigniew Bilak verantwortlich, der auch schon für WATAIN gearbeitet hat. Mich erinnert das ja irgendwie an alten SLAYER-Stuff. Wie kamst du auf ihn und warum dieses Old-School Motiv, das übrigends perfekt mit der Musik harmoniert?

Das Coverartwork wurde erstmals vollständig für das Album erarbeitet. Mit jedem Aspekt! Zuvor haben wir das Artwork immer der bestehenden Musik angepasst. Ich habe Zbigniew übers Internet kennengelernt, wir haben uns dann getroffen und Stunden damit verbracht, über alten Metal, Bands und gute Zeiten zu quatschen - das habe ich wirklich gebraucht! Genau wie ich, ist auch er ein Vinyl-Freak. Ich habe ihm meine Musik zur Inspiration gegeben und er kam dann eben mit den ersten Zeichnungen an...

Ein schwieriges Thema sind bei euch ja die ständigen Line-Up Änderungen. Wieder einmal hast du die ganze Truppe getauscht und die Bass-Parts im Alleingang eingezockt. Woran hapert es da immer? Glaubst du, dass da auch mal Konstanz einkehren kann?

Es gibt kein Problem mit dem Line-Up, nur mit den Leuten, haha. Ich würde nicht von einem Totalwechsel sprechen. Spider hat Vogg ersetzt, als dieser DECAPITATED wiederbelebt hat. Das war so ausgemacht. Reyash hatte eine Grenze überschritten, die ich nicht geduldet habe. Somit sagte ich "goodbye". Dann kam Hal (DEAD INFECTION). Paul wollte eigentlich bleiben und kämpfte lange mit seiner Entscheidung. Er kann aber nicht so lange touren, weil er seine Ausbildung abschließen will und mehr Zeit mit seiner Freundin verbringen möchte. Ich respektiere das... aber er hat am Album mitgewirkt und noch einige Sommershows mitgespielt. James von DIVINE CHAOS wird VADER jetzt im August beitreten. Die Leute haben sich über all die Jahre verändert - ich mich nicht. Ich fordere und erwarte von jedem Bandmitglied immer noch die gleiche Hingabe, wie von mir selbst.

Ihr wart einer der allerersten Death Metal Bands und habt eine riesige Fanbase. Fans sind laut deinen Aussagen auch das Wichtigste für VADER. Was macht die Fans so speziell für dich und wie resümierst du knapp 30 Jahre im Metalbusiness?

Ich bin immer noch Metalfan!! Keine Band kann ohne Fans existieren. Wir sind Künstler, aber wir können nach so vielen Jahren ausschließlich deswegen überleben, weil unsere Fans das eben wollen. Ich habe einen Weg des Ausdrucks gefunden, der immer Richtigkeit haben wird! Es gibt keinen Metal, ohne Wut und Feuer in deinem Herzen. Auf jedem Konzert gibt es eine natürliche Zirkulation dieser Gefühle bei den Metalfreaks. Fans entwerfen eine Show - und wir folgen nur der Power.

Ihr habt euer zehntes Album eingespielt, DECAPITATED sind wieder dick da und Nergal von BEHEMOTH ist auf dem Weg zurück. Für den polnischen Metal ist 2011 ja ein großes Jahr oder? Wie stehst du zu den Jungs?

Die polnische Metalszene war immer sehr stark, sehr speziell. Wir mussten nur auf den richtigen Zeitpunkt warten. Manche Bands legen halt etwas weniger Leidenschaft an den Tag wie andere. Nur die Starken überleben. Ich bin glücklich, dass Nergal das erreicht, was er erreichen wollte und Vogg ist mit DECAPITATED wieder in der Spur. Die Bühne ist der richtige Platz für diese Gentlemen, haha

Der zweite Teil euer "Summer Campaign" Tour durch Europa läuft bereits. Gibt es für den Herbst weitere Termine?

Es ist keine richtige Tour. Einige Sommerfestivalshows, ein paar Clubgigs. Zurzeit sind wir wieder in Europa, in September dann in Asien. Die richtige Tour mit den Songs des neuen Albums startet dann im Oktober. Der erste Part ist ziemlich groß und wir werden über zwei Monate mit GORGOROTH touren. Das nächste Kapitel folgt dann im Frühling 2012...

Na das war ja mal ausführlich. Jetzt darfst du das Interview noch abschließen.

See you soon.... in the Morbid Reich!!!!


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