04.05.2015, Weekender, Innsbruck

SAINT VITUS - The Return Of The Living Dead Tour

Text: Laichster | Fotos: Laichster
Veröffentlicht am 07.06.2015

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1979, Drugs and Rock ´n´ Roll erschüttern das biedere Amerika. BLACK SABBATH haben in den Jahren zuvor den Doom erfunden und mit Ozzy Osbourne an der Front zur Religion all jener erhoben die sich dem Düsteren hingezogen fühlten. Als Osbourne nach „Sabotage“ die Band verlässt bilden der BLACK SABBATH anbetende Gitarren-Virtouse Dave Chandler, Basser Mark Adams, Drummer Armando Costa (R.I.P.) und Sänger Scott Reagers die Band TYRANT um das fortzuführen, was BLACK SABBATH mit dem Schwenk zu dessen was wir heute als klassischen Heavy Metal kennen aufgegeben hatten. Kurze Zeit später wurde aus TYRANT eine Band namens SAINT VITUS, den Namen nicht unbewusst als Anspielung auf der Urväter-Titel „Saint Vitus Dance“ gewählt. Späthippie und Konsument von ziemlich allem was nur im entferntesten irgendwie konsumierbar ist Chandler (gewisse Parallelen zu Ozzy bestehen hier unbestreitbar) ließ später in einem Interview verlauten: „Als Tony nicht mehr mit Ozzy konnte und sich einem Kommerzsound unterwarf, waren BLACK SABBATH für mich gestorben. Ich wollte dort anknüpfen, wo die richtigen BLACK SABBATH mit „Sabotage“ aufgehört hatten.“ 1984 schlug dann „Saint Vitus“ ein und die Band doomt sich seitdem durch einen persönlichen Sumpf aus psychischer Labilität, Drogenkonsum und Alkoholismus und ist trotz aller Tiefschläge eine unverwüstliche Institution. Heute sind SAINT VITUS eine der einflussreichsten, wenn nicht sogar die einflussreichste Band der Doom-Szene, wobei der kommerzielle Durchbruch jedoch stehts verwehrt blieb. Waren SAINT VITUS zu spät für ihren Sound in Zeiten des aufkommenden Glam-Metals und sonstiger quietschbunter Unterhaltungen? Die Amis waren also „Born Too Late“ für ihre Interpretation des Sounds der die Zeit zum still stehen bringt und zu Zeiten dieses Meilensteines verließ Scott Reagers die Band und wurde durch Scott „Wino“ Weinrich ersetzt. Dieser versumpfte zuletzt auf ganz harten Stoff und darf deswegen in so ziemlich kein Land Europas mehr einreisen und so geschah das, was viele Fans sich immer wünschten, sich doch nicht in ihren kühnsten Träume wagten auszusprechen – Scott Reagers is back!
 

Das Kultpackage, für das so mancher enthusiastische Fanatiker eine mehrstündige Autofahrt auf sich genommen hatte, macht am heutigen Abend im Innsbrucker Weekender halt. Der treffende Namen für die Tour – „The Return Of The Walking Dead“. Wüsste man nicht, dass Reagers, Chandler und Co. in ihrem Zustand immer dreinschauen wie Zombies und ihre grobmotorischen Bewegungsabläufe auch je nach Intoxikationslevel dementsprechend im Bereich „schlurfend“ bis „Stillstand“ angesiedelt sind, so würde man doch schnellstens zur Schrottflinte greifen um die Epedemie zu stoppen bevor sie beginnt. Den Großmeister der Sechssaitigen trifft man auch noch kurz vor dem Beginn der Show um 21:30 Uhr an der Bar um dem wahrscheinlich schon etwas verkalkten Gehirn mit ein paar Shots auf die Sprünge zu helfen. Cheers Dave!

Im Hintergrund liefert derweilen DJ Bad Lieutenant eine Best-Of-Doom-Beschallung der Location ab um das Publikum richtig einzustimmen, den eine Vorband gibt es heute leider nicht zu bewundern. Das Publikum selbst setzt sich heute aus den unterschiedlichsten Typen zusammen – der Old-School-Kuttenträger, der eingerauchte Doom-Jünger, Fans der ersten Stunde und junges Publikum mischen sich zur Huldigung des Kultobjekts SAINT VITUS. Durch das vereinzelte Auftreten von Pseudorock-Bobos (Come on, orange Hose und weiße Schuhe zur Doom-Messe? Geht Mainstream-Stadionrock hören!) lässt man sich nicht beirren. Mit den Krawall-Ladies und dem Possessor an vorderster Front erwartet man den zähflüssigen Untergang der Location in der schmelzenden Hitze der musikalischen Lava. Bis SAINT VITUS dann endlich die Bühne besteigen, hat es im Weekender auch schon dementsprechende Temperaturen und schon jetzt im eigenen Saft stehend reckt man die Faust den Legenden entgegen… „I just took a trip, into a bottomless well, face to face with the madness, that's been cracking my shell…“ Laut, lauter und mit voller Energie, SAINT VITUS sind eine verdammte Club-Band und diesen Trumpf können sie heute gnadenlos in der familiären Atmosphäre des Weekender ausspielen. Beim Opener „Dark World“ klingt Reagers zwar im Gegensatz zur restlichen Band zu leise aus den Boxen aber schon bei „One Mind“ hat der Ton-Mensch den perfekten Sound gefunden und es darf verkündet werden – Motherfucking Scott Reagers ist immer noch eine absolute stimmliche Wucht!

Die ergraute Legende, mit der auf Schizophrenie deutenden Gesichtsgestik, der komischen schlabbrigen Hose und dem BLACK SABBATH Shirt ist vor allem eines, absolut authentisch. Reagers kauft man den vor Verzweiflung Umherirrenden auf einem Trip aus LSD, Weed und billigen Vodka ab ohne zu wissen ob er jetzt wirklich drauf ist oder nicht. Was sich in der dubiosen Teetasse des Sängers befindet aus der er sich immer abwechselnd zum Starkenberger-Bier die Kehle versorgt erschließt sich nämlich nicht unserer Kenntnis. Oder stillt er damit seinen „Zombie Hunger“? Die Setlist ist heute ein Fressen für alle Fans der Anfangstage der Kulttruppe. „Reagers-Ära“ lautet das Motto und das Retro-Set macht heute immer noch einen gleich starken Eindruck wie es wohl Ende der 1980er gemacht hat (zumindest versichern dies glaubhafte Zeitzeugen, der Verfasser ist ja auch „Born Too Late“). Über das Thema „Wino oder Reagers?“ dürfte man mitreden, enthält sich jedoch der Wertung – wer weiß schon welcher der Protagonisten als nächstes beim Sit-In versumpft? Apropos zelebrieren und andere Sphären – Basser Mark Adams steht wie immer wie ein Stein in der Ecke und macht das für was er halt da ist. Dave Chandler hat dafür wieder einen seiner durchgeknallten Tage. Die Grimassen unter dem übermächtigen Bart und die abgedrehte Gestik des durchaus als Komiker bekannten Herren der düsteren Riffs stellen den Gegenpol zu Reagers gequälter Mimik dar. Der Gitarre Geräusche durch das Führen der Saiten über den Kopf unserer Krawall Girls zu entlocken ist zudem eine besonders innovative Art des Musizierens und falls es sich um einen Anmachversuch gehandelt hat, so war dieser ziemlich überflüssig. Die beiden Ladies stehen sowieso schon kurz vor einem Ohnmachtsanfall, aber wer kann es ihnen bei diesem mittlerweilen perfekten Soundbild und der gnadenlosen Doomwalze verübeln. Für „White Magic/Black Magic“ sorgt dann noch zusätzlich Drummer Henry Vasquesz der mit seinem Ludwig-Kübel die Erde zum Beben bringt.

„White Stallions“, „Saint Vitus“, einfach nur großartig wie die Altherrenmannschaft heute alles niederreißt. „Born Too Late“ am Ende, Chandler beim Solo im Publikum, heute wurde der Underground weit abseits vom Mainstream gefeiert wie schon lange nicht mehr. Nach Beendigung der Lehrstunde geht es für die Band dahin zurück wo sie hergekommen ist, an die Bar. Man merkt den Musikern, dass sie sich gerne um ihre Fans kümmern, so wird fotografiert, signiert und gefachsimpelt wie wenn man mit alten Freunden zusammentreffen würde. SAINT VITUS sind auch im Jahre 2015 immer noch die absolut verdienten Sympathieträger mit gerechtfertigten musikalischen Kultstatus!

Setlist:
- Dark World
- One Mind
- Zombie Hunger
- War Is Our Destiny
- White Magic/Black Magic
- White Stallions
- Burial At Sea
- Look Behind You
- Saint Vitus
- Born Too Late

Es gibt eigentlich nichts auszusetzen am heutigen Abend, außer den Wehrmutstropfen der geringen Spielzeit von nur knapp über einer Stunde und dem Fehlen einer Vorband, den ein Anheizer wäre doch noch nett gewesen. Demnächst geht es im Weekender schon wieder weiter mit Vintage-Beschallung. ORCHID werden sich die Ehre geben und das „Metaler vs. Hipster Deathmatch“ ist schon so gut wie vorprogrammiert. Wir werden uns an den Ring stellen und natürlich wieder von vorderster Front berichten. Die Pics kommen von meiner Hobbyfotografen-Person. Ein Fortbildungskurs zum „Berufsfotografen“ war derzeit leider nicht möglich, ich bin noch damit beschäftig erfolgreich meinen Aufbaulehrgang zum „Pokemontrainer“ zu beenden. .


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