23.01.2007, Orpheum

Deicide

Text: El Greco
Veröffentlicht am 30.01.2007

Die Vorkommnisse im Vorfeld der Deicide Auftritte in Österreich seien hier nur kurz angeschnitten, da sie für alle Beteiligten sehr ärgerlich und unangenehm waren und eigentlich keinerlei weiterer Interpretation bedürfen. Zuerst war unklar, ob Deicide am 23.1. in Wien oder in Graz spielen würden (auf den Homepages der drei involvierten Bands, sowie in diversen Szenemagazinen standen diesbezüglich widersprüchliche Infos). Dann begann auch noch die Posse um Glen Benton und dieses ominöse Ausreiseverbot. Eine perfekte Ausgangssituation für eine Tour: Niemand weiß, ob und wann der Sänger/Bassist zum Rest der Band stoßen kann. Zudem weiß man daraufhin auch nicht, welche Konzerte tatsächlich mit einem Ersatzsänger stattfinden würden, und welche nicht. Diese verwirrenden Vorkommnisse sind nicht nur ärgerlich für Musiker und Fans, sondern lassen auch an der Professionalität mancher Veranstalter zweifeln. Somit begab ich mich ohne große Erwartungen und mit der Befürchtung eines ehm, Zuseheransturms in lediglich zweistelliger Höhe nach Graz um der Veranstaltung beizuwohnen. Dort angekommen musste ich leider feststellen, dass es eine im Vorfeld nicht angekündigte erste Vorband gab, die noch dazu überpünktlich starten musste. Aus diesem Grund bekam ich nur noch den letzten Song mit, und maße mir demnach nicht an, über diese Band zu urteilen. Auf jeden Fall hätte vielleicht doch irgendjemand so weit denken können, auch diese Band anzukündigen. Leider konnte man nirgendwo eine kleine diesbezügliche Notiz entdecken. Schade drum!

Psycroptic

Als Psycroptic um ca. 8 Uhr die Bühne enterten um ihre komplexen Death/Grind-Massaker auf das Publikum loszulassen, wurde einem schnell klar, dass nicht wenige der Anwesenden bereits sehnsüchtig auf die „tasmanischen Teufel“ gewartet haben. Nicht zu Unrecht, wie ich meine: In den kommenden 30 Minuten wurde geprügelt, geröhrt, gekreischt und ganz einfach vernichtet, dass es eine helle Freude war. Der Sound erwies sich zudem als überraschend klar, was bei solch einer Musik keineswegs selbstverständlich ist. Unglaublich welchen Sound die Australier mit nur einer Gitarre erzeugen konnten. Zudem haben sie mit Dave Haley einen Drummer in ihren Reihen der mich nicht selten an Max Duhamel erinnerte: Er meisterte sämtliche Doublebass- und Blastparts meisterlich, blieb aber nicht in diesem vorgefertigten Schema hängen, sondern trommelte teilweise großteils extrem progressiv vor sich hin. Wahrlich ein Erlebnis dem Herren zuzusehen! Einzig und allein die Kommunikation mit dem Publikum erschien stark verbesserungswürdig. Wenn Frontmann Jason nicht immer nur den kommenden Song ankündigen würde, sondern möglicherweise auch noch das eine oder andere Wörtchen mit den Fans wechseln würde, könnte man vielleicht auch bessere Publikumsreaktionen ergattern. Dennoch verging diese halbe Stunde mit Psycroptic schnell und lässt das Fazit zu, dass diese Band im Bereich des technischen Death-Grind eine rosige Zukunft vor sich haben könnte. Für Neugierige: Auf deren Homepage sind einige Songs zum Download bereitgestellt: http://www.psycroptic.com/groundzero/multimedia.php

Visceral Bleeding

Um ihr neuestes Werk „Absorbing the Disarray“ vorzustellen zogen die fünf Schweden mal wieder durch halb Europa. Wer sich die Fakten zu Gemüte führt (Death Metal? Schweden?) wird schnell eine Idee haben, was ihn da live erwartet. Doch sei angemerkt, dass sich diese Idee wohl bereits beim Anblick dieser Herren in Luft auflöst. Auch die Musik hat mit Schweden-Death Bands a la Grave, Unleashed und Co. kaum etwas zu tun. Anstatt auf Groove und gelegentliche melodische Einsprengsel zu setzen, regiert bei Visceral Bleeding der Vorschlaghammer. Ähnlich wie bei Psycroptic bemüht man sich ein hohes technisches Niveau zu erreichen und zudem so brutal wie möglich zu spielen. Während allerdings die Tasmanier gelegentliche Groove-Parts einstreuen, um die Chose etwas abwechslungsreicher zu gestalten, rasen und knüppeln Visceral Bleeding erbarmungslos über einen hinweg. Wenn man mit der Musik der Schweden noch nicht wirklich vertraut ist, wirkt dies auf Dauer etwas ermüdend, wenngleich man ihnen grundsätzlich gerne lauscht. Leider spielte hier der Sound auch nicht zur Gänze mit: Vor allem der Drumsound tat beinahe weh in den Ohren. Die Trommelsalven des Schlagzeugers erinnerten mich oft an den Sound von Buschtrommeln, was bei brutalem Death Metal doch etwas deplatziert wirkt. Zudem kann man die Optik der Band für den Durchschnittsmetaller als „befremdlich“ beschreiben. Drei Glatzköpfe an vorderster Front, wobei Sänger Martin Pedersen’s Optik sämtlichen Hardcore-Klischees entsprach. Ob er seinen furchtbaren Schnauzbart ernst meint oder ihn zur Belustigung des Publikums trägt, sei mal dahin gestellt. Es gilt aber noch festzuhalten, dass Visceral Bleeding für Anhänger dieses Genres auf jeden Fall eine Sünde (bzw. einen „Reinhörtest“) wert sind, ihren Songs aber ein klein wenig Abwechslung gut tun würde.

Deicide

Als Drummer Steve Asheim die Bühne betrat um die unangenehme Aufgabe zu übernehmen, das Publikum noch mal über Benton’s Abwesenheit zu informieren, reagierte jenes ruhig und unsicher bezüglich der zu erwartenden Show. Viele schienen sich die Frage zu stellen: Kann man Benton bei Deicide ersetzen? Die Antwort darauf wusste insgeheim aber doch jeder bereits im Vorfeld: Nein! Glen Benton ist (zusammen mit Asheim) der Kern von Deicide und hat einfach unglaublich viel Charisma. Zudem muss man dem Herren einen gewissen Kultcharakter zugestehen. Ist Ersatzmann Garbaty (von der polnischen Death Metal Band Dissenter) also zum Scheitern verurteilt? Doch mal der Reihe nach: Als Santolla, Jack Owen und Garbaty die Bühne betraten und der erste Song erklang konzentrierte sich (die glücklicherweise doch ca. 200-köpfige) Meute eher aufs Zuhören, denn aufs ekstatische Headbangen. Spielerisch muss man dem Gitarrenduo eine exzellente Leistung bescheinigen. In Graz spielten sie ihren Set quasi fehlerlos und routiniert. Ersatzfrontmann Garbaty war aber die wirklich positive Überraschung für mich: Auch wenn niemand Benton (bei Deicide) das Wasser reichen kann, überzeugte der polnische Frontmann sowohl durch seine gutturalen Growls, als auch durch sein Bassspiel. Zudem wurde er gesanglich von Jack Owen (!!) unterstützt, der gelegentlich Black Metal Screams beisteuerte. Nach einigen Songs verspürte ich bereits das Gefühl, überraschend gut unterhalten zu werden. Die Setlist umfasste eine Mischung aus neuen Songs (insgesamt wurden vier Stücke vom aktuellen Album „Stench of Redemption“ vorgetragen), sowie Klassikern wie „Kill the Christian“ und „Lunatic of God’s Creation“. Das Publikum blieb bei recht reservierten, aber nicht unfreundlichen Reaktionen. Bis auf wenige „we want Glen“-Rufe, schien Frontmann Garbaty auch die meisten anderen Besucher zufrieden gestellt zu haben. Nach ca. 55 Minuten (diverse Zeitangaben wie immer ohne Gewähr) war der reguläre Set vorüber, und ich freute mich durchaus auf einige Zugaben. Natürlich schlichen die Herren um Trommelsatan Steve Asheim auch gleich erneut auf die Bühne und spielten die erste Zugabe mit Psycroptic Frontmann Jason. Zuletzt durfte auch die Visceral Bleeding Frontsau Pedersen mit „Serpents of the Light“ einen Klassiker der Band zum Besten geben.

Fazit des Abends:

Man durfte technisch starke und extrem brutale Vorbands bewundern. Danach gab es „Deicide light“ mitzuerleben, die sich allerdings wacker schlugen. Einen gewissen negativen Beigeschmack hatte die ganze Sache dennoch. Ich hatte trotzdem das Gefühl, die 20 Euro für das Ticket gut angelegt zu haben. Der Dank sollte hier auch an den Ersatzmann Garbaty gehen, da er Benton’s Stil doch ähnelte und rettete, was eben noch zu retten war. Dennoch bleibt die Hoffnung, Deicide bald wieder in der Normalbesetzung miterleben zu dürfen. Vielleicht mit Dissenter als Vorband?! Leider ging der Deicide-Fluch auch am Tag nach dem Konzert weiter. Wie borniert und intolerant weite Teile der österreichischen Gesellschaft immer noch sind, bekam Steve Asheim zu spüren, als er stundenlang von der Polizei festgehalten wurde. Grund: Anscheinend sein Outfit und die Tatsache, dass er in einer Innsbrucker Bank Geld einzahlen wollte, die aus Merchandise Verkäufen stammten. Ein paar rote Farbtupfer auf Geldscheinen reicht anscheinend aus, um einen Menschen stundenlang zu verhören? Alle weiteren Kommentare über polizeiliche „Glanzleistungen“ lasse ich nun mal außen vor. Es kann sich schließlich jeder seinen Teil dazu denken....


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