14.12.2009, Arena - kleine Halle

SWALLOW THE SUN

Veröffentlicht am 15.12.2009

Optimale Stimmung für eine geballte Ladung finnischen Metal herrscht heute nicht gerade. Eisige Temperaturen, neonschwangere Finsternis und eine eng mit der Jahreszeit verbundene Melancholie liegen in der Luft. Obwohl – vielleicht war die anfangs getroffene Aussage etwas voreilig, schließlich sind die Finnen ja genau aufgrund solcher Lebensbedingungen im Gothic- und Metal-Sektor ein äußerst umtriebiges, um nicht zu sagen begnadetes Völkchen. Die drei Vertreter der finnischen Metalszene, die es heute in die Arena verschlagen hat, sind es auf jeden Fall: Die Rede ist von keinen geringeren als OMNIUM GATHERUM, INSOMNIUM und SWALLOW THE SUN. Geschmälert wird die anfängliche Freude über ein solches Billing allerdings gleich doppelt: Zum einen ist Montag, was eine gewisse zeitliche Komprimierung des Abends schon mal voraussetzt, zum anderen – und zwar völlig unverständlicherweise – hat man das skandinavische Triumvirat in die kleine Halle verbannt, um die große für einen Bandwettbewerb zu nutzen, was ich jetzt nicht weiter kommentieren möchte. Das ist umso unverständlicher, als sich bereits eine halbe Stunde vor Einlass etliche begeisterte in der Kälte vor der kleinen Halle drängen, die kurz nach dem Doors Open bereits aus allen Nähten platzt, und das auch (fast) bis zum Schluss des Abends tun wird. Bereits kurz nach Einlass legen OMNIUM GATHERUM mit ihrem ganz eigenen, rockig-verspielten Melodic Death los und sorgen binnen wenigen Sekunden – wohl nicht zuletzt dank des Mörder-Openers „Nail“ – für euphorische Publikumsreaktionen. Als Opening-Act derart freudig empfangen zu werden – und das an einem Montagabend in einer etwas zu klein geratenen Location – damit hatte das Sextett aus Karhula wohl nicht gerechnet. Dementsprechend kann gerade Sänger Jukka seine Begeisterung für das Wiener Publikum kaum unterdrücken und sucht ständig Kontakt zu den Fans, die sich bis dicht vor die Bühne drängen. Auch der Rest der Band gibt sich gutgelaunt; man gibt ein Best Of aus alten und neuen Klassikern zum Besten, wobei Material vom jüngsten sensationellen Longplayer „The Redshift“ deutlich in der Überzahl ist.

Das einzige, was die energetische Performance der Band trübt, aber keinesfalls in deren Schuld liegt, ist der suboptimale Sound der kleinen Halle, durch den die vielschichtigen und oftmals auf geschickter Dynamik aufbauenden Kompostionen der Band nicht richtig zur Geltung kommen. Von den sanften Keyboardteppichen, elegischen Tappings und dezenten Klangfacetten, vor denen die Kompositionen von OMNIUM GATHERUM nur so strotzen, bekommt man so selbst als Kenner des Materials kaum etwas mit. Sei’s drum: Die sechs Finnen spielen sich die Seele aus dem Leib, lassen aber nach ihrer dem engen Zeitrahmen unterworfenen Show ein Publikum zurück, das nicht nur vorerst befriedigt, sondern auch ordentlich aufgewärmt ist für den Rest des Abends. Als nach einer ungewöhnlich kurzen Umbaupause INSOMNIUM die Bühne entern, werden sie fast noch einen Tick begeisterter aufgenommen als ihre unmittelbaren Vorgänger – und das liegt nicht nur an den Deutschkenntnissen von Sänger und Bassist Niilo. Ganz klar, der heutige Abend hat praktisch ausnahmslos Enthusiasten angezogen, die jede einzelne Band im Billing kennen und verfolgen. Feststellen lässt sich das nämlich unter anderem an der Tatsache, dass INSOMNIUM kaum einen Ton zu spielen brauchen, als dass unter der Meute Jubel über ein ganz bestimmtes Lied ausbricht, das die Kenner im Publikum bereits nach wenigen Intro-Sekunden genauestens zuordnen können. Das Quintett schafft es wie kaum eine andere Melodic Death-Band, melancholisch und trotzdem immer treibend vorzugehen; düstere Schwere und temporeiche Härte zu kombinieren, als ob beides nie gegensätzlich gewesen wäre.

Auch INSOMNIUM legen heute wert auf eine ausgewogene Setlist, in der das aufgrund von Gesangsexperimenten gehörig misslungene neue Album glücklicherweise fast zur Gänze ausgespart wird. Am meisten Stimmung kommt beim wohl bislang besten Werk der Band, „Above The Weeping World“, auf – etwa bei „The Gale“ und „Mortal Share“, die, wie es sich gehört, nahtlos zusammen gespielt werden. Auch „The Killjoy“ und „Drawn To Black“ werden frenetisch gefeiert, und trotz Erkrankung von Gitarrist Ville (ja, ich weiß, sie heißen beide Ville – welcher von beiden krank war, konnte ich leider nicht herausfinden) legt die Band eine schweißtreibende, wenn auch wesentlich statischere Performance hin als OMNIUM GATHERUM noch kurz davor. Leider müssen auch INSOMNIUM ohne Zugabe die Bühne verlassen, um den Doom-Giganten von SWALLOW THE SUN Platz zu machen. Jetzt ist Zeitlupen-Action angesagt: Episch breite Klanglandschaften in Kompositionen, die sich über etliche Minuten erstrecken sind das Markenzeichen der Band aus dem südfinnischen Jyväskylä. Dem tonnenschweren Charakter der Musik entsprechend bietet die Band die beste Gelegenheit für alle Anwesenden, die Haare nochmal ordentlich kreisen zu lassen. Warum SWALLOW THE SUN, die eindeutig die sperrigste und unzugänglichste Musik des Abends spielen, Headliner sind, ist allerdings eine Frage, die nicht so ohne weiteres beantwortet werden kann.

Sicher, das Sextett beherrscht sein Handwerk (wie übrigens auch OMNIUM GATHERUM und INSOMNIUM), allerdings sind die Reihen des Publikums gegen Ende des SWALLOW THE SUN-Sets schon erheblich ausgedünnt (was wohl nicht zuletzt an der nicht gerade optimalen öffentlichen Verkehrsanbindung der Arena liegen dürfte), und bewegen kann man sich zu Melodic Death eben wesentlich energetischer als zu Doom. SWALLOW THE SUN haben eine Außenseiterrolle im Billing inne, lassen sich dadurch aber nicht beirren und ziehen kompromisslos ihr durchaus überzeugendes Ding durch – dennoch fragt man sich, warum man hier nicht noch eine dritte Melodic Death-Band verpflichtet hat, zumal es in Finnland ja gerade genug originelle Vertreter des Genres zu finden gibt. Nach einer zwei Songs umfassenden Zugabe - der einzigen des Abends - ist aber endgültig Schicht im Schacht; kollektiv pilgert man zur U-Bahn-Station.

In jedem Fall ist der heutige Abend ein durchschlagender Erfolg für den finnischen Metal in Österreich; selbst unter den schlechtesten Bedingungen locken hochkarätige Acts, die es meiner Meinung nach längst nicht mehr verdient haben, im Semi-Underground herum zu dümpeln, ein begeistertes und begeisterungsfähiges Publikum an das wohl für die meisten Besucher nur schlecht erreichbare Ende der Stadt. Ich habe nur eine Bitte für das nächste Mal: Darf’s ein Freitag oder Samstag sein? Ja? Und noch dazu die große Halle? Ja? Danke.


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