02.07.2010, Arena

JETHRO TULL + COLOSSEUM

Veröffentlicht am 03.07.2010

Knapp eine Woche bevor das diesjährige LOVELY DAYS-Festival in Wiesen (unter erneut höchst prominenter Beteiligung in Form von Rock-Legenden wie TOTO, URIAH HEEP, CANNED HEAT, Mitgliedern der DOORS und MANFRED MANN'S EARTH BAND) über die Bühne gehen wird, luden die Veranstalter bereits diese Woche zum "Lovely Days Warm-Up" in die Arena, und die Gastgeber an dem Abend waren niemand geringerer als die Prog-Rock-Vorreiter von JETHRO TULL. Vorab war ich ja etwas besorgt, ob mit der Wahl der Arena angesichts des doch mittlerweile etwas fortgeschrittenen Alters von JETHRO TULL (und natürlich auch der entsprechenden Klientel) ein glückliches Händchen bewiesen wurde, doch sollten sich meine Sorgen in Wohlgefallen auflösen: Zwar war klarerweise grau die Farbe des Tages, die aber vornehmlich in Bärten und - so noch vorhanden - Haaren zur Schau getragen wurde, dennoch war aber das Open Air-Areal der Arena bis zum Rande mit einem gut gelaunten und feierwilligen, wenn auch schon etwas gesetzteren Publikum gefüllt, und auch die erste Band des Abends, COLOSSEUM, die ihren mal funkigen, mal jazzigen und vor allem bluesigen Rock mit viel Spielfreude (und gelegentlich auch etwas ausufernden Freejazz-Einlagen, die aber vor allem von Saxophonistin Barabara Thompson zu begeistern wussten) präsentierte, wurde bereits frenetisch abgefeiert. Etwas ungut fiel mir nur das Zeitmanagement auf: Denn auf der Webseite waren mit Einlass 17.30(!) und Beginn 18.30 ein Zeitplan angegeben, der nicht mal ansatzweise eingehalten wurde; denn als ich so gegen 18.00 Uhr bei der Arena eintraf, waren sämtliche Eingänge immer noch fest verschlossen, und eine durchaus ansehnliche Menschentraube hatte sich bereits vor eben diesen gebildet. Als dann endlich knapp vor sieben Uhr geöffnet wurde, ging der Einlass angesichts der schon sehr früh angereisten Gäste eben nur schleppend voran, und so versäumten viele Leute die ersten Songs von COLOSSEUM, die pünktlich um 19.00 Uhr zu spielen begannen. Hier hätte man von Veranstalterseite aus ein bisschen vorausschauender planen können. Glücklicherweise tat aber auch diese kleine Verzögerung zu Beginn der guten Stimmung keinen Abbruch, und so wurden COLOSSEUM dann nach einem doch überraschend langen Set von rund anderthalb Stunden nach einer wirklich laaangen Instrumental-Nummer zum Abschluss, auch lautstark abgefeiert. Die folgende Umbauphase wurde dann natürlich von vielen Leuten zur Verbesserung der physischen Konstiution - sei es durch Erleichterung am WC, sei es durch Stärkung an den zahlreichen Verköstigungs-Ständen, an denen von Crêpes über gebratene Nudeln bis hin zu Kebap und den obligatorischen Würsteln alles geboten wurde - genutzt, ehe man sich dann für den Hauptact des Abends bereit machte. Und, mein lieber Herr Gesangsverein, was die Herren von JETHRO TULL auch im 43.(!) Jahr des Bestehens der Band auf die Bühne zaubert, das sucht wahrlich Seinesgleichen! Zuvor hatte ich Tull nur einmal vor einigen Jahren erlebt, damals in der Kurhalle Oberlaa, und konnte mich nur noch dunkel an das Konzert erinnern: Vor allem erinnerte ich mich an einen sehr breiigen, verwaschenen Sound, und an allzu verjazzte und experimentelle Versionen von einigen Songs, denen ich (damals zumindest) nur sehr wenig abgewinnen konnte. Davon aber diesmal keine Spur: Glasklar und wunderbar transparent schallt der Sound an diesem 2. Juli 2010 durch das angenehm temperierte Open-Air-Gelände der Arena, jedes Instrument ist klar und präzise hörbar, und ganz besonders wichtig ist das natürlich für das Flötenspiel des Herrn Ian Anderson - denn was der da auch seinen Blasinstrumenten in die Menge pfeffert, das ist wirklich sehens- und vor allem hörenswert!

Gut, über die Setlist kann diskutiert werden, denn zunächst begann man doch mit ein paar weniger bekannten Stücken wie "Beggar's Farm", "Nothing is Easy" oder "A New Day Yesterday", und erst mit einer gekürzten Version von "Thick As A Brick" werden dann erstmals die schweren Geschütze aufgefahren, und mit den "Songs From The Wood" auch gleich ordentlich nachgelegt. Ein absolutes Highlight stellt dann freilich die J.S.Bach-Variation "Bouree" dar, ehe man dann wieder vornehmlich instrumental interessante Tracks wie "The Whistler" darbietet. Ganz klar lag diesmal das Hauptaugenmerk bei der Gesaltung der Setlist sicher auf den Folk-Rock-Tagen der Band, und weniger aus den Anfangszeiten als Progressive- und Hardrock-Truppe; denn Fans dieser Seite wurden erst ganz zum Abschluss des Konzertes mit einer famosen Version von "Aqualung" bedient, mit der auch das reguläre Set zu Ende ging. Und dass dann noch das obligatorische "Locomotive Breath" als Zugabe nicht fehlen durfte, war auch klar. Fazit: JETHRO TULL sind noch immer eine absolute Legende der Rock-Geschichte, und diesmal zeigten sie wieder einmal sehr deutlich, warum das so ist: Absolute Könner an den Instrumenten, sehr abwechslungsreiche und interessante Songs, Arrangements und Strukturen, und natürlich mit Ian Anderson ein sehr charismatischer Frontmann, der auch im rüstigen Alter von 62 Jahren immer noch sehr flott über die Bühne wieselt, und dem Publikum mehr als ordentlich etwas flötet. Ich persönlich habe zwar den Tull-Überhammer "Budapest" etwas schmerzlich vermisst, aber die durchwegs hervorragende Performance und gute Stimmung ließ auch das schnell vergessen. Wenn sich also die Möglichkeit bietet, JETHRO TULL live zu sehen - dann tut dies bitte, allein im Interesse der Geschichte des Rock. Man weiß nicht, wie lange sich dazu noch Gelegenheit bieten wird; also nicht zögern, und anschauen. Denn (nicht nur) für JETHRO TULL gilt, wie schon Mr. Anderson selbst höchst treffend feststellte: "You're never too old to Rock'n'Roll, while you're too young to die!"

Setlist JETHRO TULL:

Nothing Is Easy Beggar's Farm A New Day Yesterday Pastime With Good Company Tick As A Brick Songs From The Wood Bouree Hare In The Wine Cup A Change Of Horses The Whistler Farm On The Freeway My God Aqualung ---- Locomotive Breath Teacher


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