18.12.2010, Esperantohalle Fulda

AVANTASIA

Veröffentlicht am 22.12.2010

Bereits seit Monaten war der Dezember dieses Jahres - genau genommen handelte es sich erst um den 4., dann um den 18. - bei mir tiefstrot im Kalender angestrichen, zumal es allen Widrigkeiten zum Trotz auch im Winter 2010 noch einmal heißen sollte: "The Metal Opera comes to town!" Und damit kann natürlich nur eines gemeint sein, wenn der liebe Herr Drachentöter schon ein halbes Jahr im Voraus feuchte Träume deswegen bekommt: AVANTASIA, das ambitionierte Rockopern-Projekt von EDGUY-Fronter Tobias Sammet, ist wieder live zu sehen, und zwar auf einer kurzen, dafür umso spektakuläreren Welttour! Los ging's dabei in der Schweiz mit zwei Gigs in Pratteln, es folgten Shows in Deutschland, wie eben am 4. Dezember in Kaufbeuren, wie Kollege Manfred bereits ausführlich berichtete; danach ging's über Japan nach Südamerika und wieder zurück. Und eigentlich hätte auch meine Wenigkeit bereits in Kaufbeuren dabei sein sollen; dieser Plan wurde aber zugunsten es ebenfalls sehr gelungenen Vienna Rock Ball gecancelt, und so entschied ich mich dann, am 18. Dezember die Reise nach Fulda, in die Heimat der Herrn Sammet sozusagen, zu wagen, und mir das Melodic-Metal-Großereignis hautnah zu gönnen. Doch gehört zu einem solchen Unterfangen, der Natur der Sache inhärent, auch eine Anreise; und angesichts der zahlreichen Flugstreichungen in Frankfurt in den Tagen vor meinem geplanten Trip war ich, gelinde gesagt, doch etwas besorgt. Dennoch lächelten an diesem Wochenende die Götter des Heavy Metal höchst gnädig auf mich herab, und so konnte die eisige Tundra die da heißt "Frankfurt International Airport" recht zügig überwunden werden (bei der Heimreise am Sonntag vermeinte ich sogar, einer der ganz wenigen zu sein, die an diesem Wochenende sogar noch VOR der geplanten Zeit den Flughafen verlassen konnten, während die gegeißelten Seelen der Lufthansa-Fluggäste sich in elendslangen Schlangen wegen Umbuchen und Flugstreichungen gedulden mussten), und so ließ ich die schöne Stadt am Main zügig hinter mir, und traf eine gute Stunde später in Fulda ein. Bereits jetzt, um cirka 15:30 Ortszeit, warteten schon ein paar ganz hartgesottene (und vor allem kälteresistente) Fans vor den noch gar fest verschlossenen Türen der Esperantohalle; ich zog es vor, erstmal im angrenzenden Hotel einzuchecken, mich noch etwas auszuruhen, und dann so gegen halb acht in die Halle zu marschieren. Mittlerweile haben sich auch zahlreiche Fans eingefunden (der Innenraum der Halle war ausverkauft, und auch die spärlich vorhandenen Ränge recht gut besetzt), und bei gutem Fuldaer Bier harrte dann ein jeder der Dinge, die da noch kommen möchten. Pünktlich um 20:00 startet man dann, zuerst mit RONNIE JAMES DIO's "Long Live Rock'n'Roll" aus der Konserve, und dann mit "Twisted Mind" in's reguläre Set von AVANTASIA! Mastermind Tobias Sammet übernimmt dabei die Führung, unterstützt vorerst nur von Amanda Somerville, ihres Zeichens Haus- und Hof-Vocalcoach in Sascha Paeths Gate-Studios (der gute Mann selbst ist übrigens an der Gitarre bei AVANTASIA tätig) und eine der gefragtesten Sängerinnen im Metal derzeit. Gut, die Über-Nummer ist "Twisted Mind" nach ansicht dieses Rezensenten nicht so ganz, da gäb's zweifelsfrei zwingendere Tracks im AVANTASIA-Backkatalog, die auch auf dieser Tour leider nicht zum Einsatz kommen, aber ein netter Einstieg ist es allemal. Dass dadurch ein deutsches Publikum, das im Vergleich zu südamerikanischem natürlich etwas kühler und verhaltener agiert, nicht gleich aufzutauen ist, versteht sich von selbst; also greift Herr Sammet sodann gleich tief in die Trickkiste, und produziert seine Geheimwaffe Nummer eins, namentlich Vokalgott Jorn Lande, und dieser macht seinem Ruf bei den folgenden Songs "Scarecrow", "Promised Land" und "Serpents In Paradise" alle Ehre. Ebenso gut in stimmlicher Form wie der Norweger präsentiert sich anschließend auch sein Sangeskollege aus England, MAGNUM-Röhre Bob Catley, der bei "The Stoy Ain't Over" kurz mal ruhigere Töne anschlagen darf, ehe dann kurz die Lichter ausgehen, ein kleines Intro vom Band für die nötige Stimmung sorgt, und sodann "Reach Out For The Light" von der Metal Opera erstem Teil durch die Boxen pfeift, freilich mitgestaltet von Herrn Sammets Geheimwaffe Nummer zwei, ex-HELLOWEEN Goldkehlchen Michael Kiske, der auch mit frenetischem Jubel begrüßt wird! Erstaunlich textsicher präsentiert sich der gute Mann diesmal; er scheint mittlerweile mit seinen Parts im Rahmen von AVANTASIA doch sehr gut vertraut zu sein! Und stimmlich hat er's natürlich auch immer noch drauf; aber das weiß man ja schon seit dieser Festivalsaison, als er mit UNISONIC bereits wieder livehaftig unterwegs war. Und es hat schon etwas auratisches, diese Zentralfigur des (deutschen) melodischen Metals wieder in Aktion auf der Bühne zu erleben, und dies noch dazu bei Songs, zu denen er schon vor zehn Jahren, als die ersten Teile der AVANTASIA-Metaloper erschienen sind, im Studio beigetragen hat. Und weil er grad so gut drauf ist, darf Herr Kiske auch gleich weitermachen - mit "The Tower", dem Abschlusstrack der Metal Opera Part 1! Richtig die Post geht aber ironischerweise dann erst beim nächsten Song ab; denn hier greift Michael Kiskes ehemaliger HELLOWEEN-Bandkollege und ebenfalls Kultfigur Kai Hansen zum Mikro, um den Part von Jon Oliva bei "Death is just a Feeling" zu übernehmen - und zu meiner Überraschung lässt er hier absolut nichts anbrennen, liefert eine solide Performance ab, und schafft es nebenbei noch, durch engagiertes Stageacting und starker Präsenz, das anfangs etwas verhaltene Publikum ordentlich zu motivieren! Auch Bandboss Tobi Sammet scheint damit sehr glücklich, trägt er doch konstant ein breites Grinsen im Gesicht. Anschließend darf der "Chef" dann nochmal alleine ran, bei der Singleauskopplung "Lost In Space", bei der höchst bonjoviesque gerockt wird, ehe dann Bob "The Hand" Catley wiederkehrt, um mit dem ruhigen "In Quest For" dann eines der für mich absoluten Highlights des Abends einzuleiten, nämlich "Runaway Train", das live unheimlich dicht rüberkommt! Sodann darf nochmal Meister Kiske ran, und zwar übernimmt er die Parts von SCORPIONS-Fronter Klaus Meine bei "Dying For An Angel"; und auch dieser Track wird lautstark abgefeiert! Langsam scheint das Publikum auch auf Betriebstemperatur zu sein, und das zeigt sich auch beim folgenden "Stargazers", bei dem Tobias Sammet dann zum einzigen Male die Bühne komplett für seine Kollegen freimacht, und - endlich! - auch Gitarrist(!) Oliver Hartmann, seines Zeichens ja besser bekannt als früherer Sänger von AT VANCE, ein bisschen Rampenlicht als Sänger abbekommt. Überhaupt entzieht es sich ja gänzlich meinem Verständnis, wie man einen Über-Sänger wie Olli Hartmann "nur" als Gitarrist bzw. Background-Sänger verheizen kann; denn bei "Stargazers" zeigt er, dass er stimmlich mühelos auch mit einem Jorn Lande mithalten kann - und DAS will etwas heißen. Dank dieser sensationellen Performances aller Beteiligten wird so "Stargazers", für mich einer der schwächsten Tracks der beiden jüngsten AVANTASIA-Alben, live zu einem amtlichen Kracher - wer hätte das gedacht! Und es wäre nicht Tobias Sammet, würde er nicht auch gelegentlich den Kitsch etwas triefen lassen; und so bleibt uns auch heute die Ballade "Farewell", im Duett mit Amanda Somerville, nicht erspart. Gut, ist nicht meine Lieblingsnummer, aber beim Publikum kommt sie gut an. Und immerhin müssen wir uns nicht das Gequietsche von Original-Sängerin Sharon Del Adel antun. Dafür sollte man dankbar sein. Dann wird's aber nochmal richtig fett episch, und zwar mit dem Titeltrack zu "The Wicked Symphony", mit dem man sich unter tosendem Jubel dann erstmal in die kurze Pause verabschiedet. Bislang ist also der AVANTASIA-Liveaufführung ein großes Kompliment auszusprechen; auch soundtechnisch geht hier alles in Ordnung, und die Songauswahl kann sich sehen lassen, auch wenn man noch nicht alle Klassiker abgefeuert hat. Aber ein paar möchte man sich natürlich schon für den folgenden Zugabenblock aufheben, und so draf Maestro Kai Hansen, diesmal in der Rolle der Charakters von Alice Cooper, die abschließenden Songs beginnen, und liefert bei "The Toy Master" erneut eine energiegeladene, gut gelaunte Performance ab - und gerade bei Kai Hansen ist es immer wieder schön, ihn live zu erleben, zumal man immer das Gefühl hat, dass es ihm auch nach beinahe 30 Jahren im Business immer noch so richtig Spaß zu machen scheint! Spaß macht's sichtlich auch Michael Kiske, und auch wenn er beim folgenden "Shelter From The Rain", bei dem Kollege Kai dann auch zur berühmten rosaroten Flying V greift, zum ersten Mal seinen Text vergisst und mit dem Einsatz ein bisschen daneben ist (O-Ton Michael Kiske nach dem Song: "Ihr bringt mich immer voll raus... das Schlagzeug ist einfach zu leise!"), wird die Nummer lautstark abgefeiert, nicht zuletzt weil die ex-Kürbisköpfe und neo-Legenden Kai Hansen und Michael Kiske Arm in Arm auf der Bühne abrocken als wär's wieder 1987, und auch von Tobias Sammet mit breitem Grinsen als "Helloween!" vorgestellt werden. Definitiv ein weiteres Highlight! Langsam nähern wir uns aber dann doch dem Ende des Spektakels, und so folgt auf dem Fuße nun noch die Band/Projekt/Opern-Hymne und DER Titeltrack aller Titeltracks: "Avantasia"! Und spätestens jetzt springt auch die gesamte Esperantohalle in Fulda! Die obligatorische (lange!) Bandvorstellung darf natürlich auch heute nicht fehlen, und nachdem diese abgeschlossen ist, und wir dank Bandchef Tobias Sammet wissen, dass er den weltbesten Drummer, weltbesten Bassisten, weltbesten Gitarristen, weltbesten Keyboarder usw. um sich versammelt hat, gibt's dann noch das abschließende Medley aus "Sign Of The Cross" und "Seven Angels", mit zwei der wohl durchschlagendsten Refrains der AVANTASIA-Diskografie, die immer wieder ein Genuss sind und natürlich einen absolut passenden Höhepunkt und Abschluss des Ereignisses darstellen! Fazit: Nachdem ich AVANTASIA erstmals live 2008 in Wacken erleben durfte, musste natürlich auch diesmal ein Besuch sein; zumal nun ja auch die Legende Michael Kiske dabei war, und man darüber hinaus bei den Hallenshows auch ein deutlich längeres Set spielen konnte. So zocken sich AVANTASIA nämlich durch gute zweieinhalb Stunden Spielzeit bei sehr gutem Sound und feiner Songauswahl - das Fan-Herz kann da eigentlich gar nicht mehr verlangen. Ich nehm mir diese Freiheit allerdings schon heraus und behaupte mal ganz frech, dass man den einen oder anderen Song durchaus streichen könnte (etwa "Twisted Mind" oder "Farewell"), um diese durch die meines Erachtens zwingenderen Songs wie "Journey To Arcadia" oder "Angel Of Babylon" zu ersetzen. Nichtsdestowenger war AVANTASIA auch 2010 ein absolutes Erlebnis und gaaanz spätes Highlight im Konzertjahr; ganz so atmosphärisch wie in Wacken anno 2008 war's für mich diesmal allerdings nicht. Dafür hat man diesmal Jorn Lande (und auch alle sonstigen SängerInnen) stets gehört, die Chöre saßen mittlerweile auch sattelfester, und das Set war opulenter. Definitiv ein Trip, der sich gelohnt hat - und einem gemütlichen Abschluss mit nettem Pläuschchen mit Meister Jorn Lande, Amanda Somerville und der restlichen AVANTASIA-Crew (abzüglich lediglich dem Maestro Tobias Sammet selbst, Kai Hansen und Michael Kiske), die sich zu späterer Stunde beinahe geschlossen in der Hotelbar einfanden und auch bereitweillig Autogramme schrieben und für Fotos posierten, inklusive. Und da man ja nie wissen kann, ob und wie und wann AVANTASIA live nochmal stattfinden wird, sollte man als Freund von melodischem Metal tunlichst nächstes Jahr zum Wacken Open Air pilgern, um diese Show nochmal live zu erleben - es zahlt sich allemal aus!


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