02.07.2011, Wiener Stadthalle (Halle F)

MICHAEL BOLTON

Veröffentlicht am 07.09.2011

„Was ist denn jetzt los?“, mag sich der geneigte STORMBRINGER-Leser an dieser Stelle fragen, und dies nicht mal so unberechtigt. Ein MICHAEL BOLTON-Livereport auf dieser unserer heiligen Hard Rock- und Heavy Metal-Erde?! Ja ist denn der Drachentöter nach dem DAVID HASSELHOFF-Review Anfang des Jahres nun komplett irre geworden?! Doch keine Sorge, dies Review hat durchaus seine Bewandtnis – gilt doch MICHAEL BOLTON für mich als eine der besten Metal-Stimmen, die niemals eine war. Und genauso wie man es über den „Nightrocker“ DAVID HASSELHOFF sagen kann, so gilt auch für Herrn Bolton: MICHAEL BOLTON ist Metal. Denn der Mann mit der sensationellen Reibeisenstimme hat zu Beginn seiner Karriere tatsächlich einmal in einer Metal-Band gesungen – und zwar in einer Truppe names „Black Jack“, mit der er immerhin auch mal mit unserm allerliebsten Prinz der Dunkelheit, OZZY OSBOURNE gemeinsam auf Tour war. Man erinnere sich auch an des Boltons beeindruckende Löwenmähne in den Achtzigern, die von dessen Metal-Wurzeln stets beredtes Zeugnis ablegte. Doch bald erkannte der gute Michael, dass man mit super-schnulzigen Balladen weitaus mehr Geld verdienen konnte als mit Metal, und verschrieb sich dann dem Rausraunzen von Schmachtfetzen der allerobersten Kitschklasse. Und ich als süßwarengeprüfter Power-Metaller wollte mir das einmal live auch zu Gemüte führen, und begab mich darob Anfang Juli in die Stadthalle F, um mir die Bolton’sche Schnulzenorgie vor Ort zu geben. Und es kam, wie es kommen musste – und doch überraschend gut. Denn klarerweise dominierten die ruhigen Beats und samtweichen Klänge für träumerische Hausfrauenherzen das Geschehen, und wer hier eine große Rock-Show erwartet hat, war sowieso im falschen Film. Aber, und das muss gesagt sein, es hat der gute MICHAEL BOLTON doch eine erstklassige Band um sich geschart (insbesondere sein Wahnsinns-Saxophonist stiehlt im Regelrecht die Show!), und bringt auch mal den einen oder anderen schnelleren Song wie das Otis Redding-Cover „Sitting On The Dock Of The Bay“, mit dem er Seinerzeit seinen ersten großen Erfolg feierte, oder den Blues-Klassiker „Sweet Home Chicago“, bei dem er auch selbst einmal durchaus gelungen zur Stromgitarre greift!

Aber natürlich bleiben auch Tränendrüsenquäler wie „When A Man Loves A Woman“, „I Said I Loved You But I Lied“ und “To Love Somebody” nicht außen vor; insgesamt präsentiert der gute Herr Bolton aber überraschend abwechslungsreiches Songmaterial verschiedenster Stilrichtungen. Und überraschend auch sein Gaststar: Hier wird nämlich das deutsche Schlager-Sternchen Helene Fischer, ihres Zeichens (ex-)Gspusi von Volksmusik-Strahlemann Florian Silbereisen (oh ja, es wird schrecklich!), auf die Bühne gebeten, und mir schwant bereits Übelstes: Muss ich denn jetzt gar durch eine Handvoll fürchterlicher volks-dümmlicher Schlagerdudelei leiden? Doch nein, weit gefehlt – denn das Fräulein Fischer bringt weder eigenes Songmaterial, noch gibt es Oktoberfest-Evergreens; stattdessen beschränkt man sich auf Songs, die sie gemeinsam mit Michael Bolton auf einem neuen Album eingesungen hat; und so gibt es statt Edelweiß und Enzian doch musikalisch handfeste Kost wie die ANDREA BOCELLI – Nummer „The Prayer“, die von Bolton und Fischer mit absoluter Gänsehautgarantie performt wird. Und ich staune nicht schlecht: Die gute Frau kann wirklich richtig, richtig gut singen, wenn man sie denn lässt! Eigentlich schade, dass so was dann für unsäglichen Schlagerschmonzes verheizt wird.

Doch auch der Maestro macht im Arienfach weiter, und bringt – nach kurzer Reminiszenz an den (O-Ton) „größten Sänger des 20. Jahrhunderts“, Luciano Pavarotti, mit dem er anno dazumal auch schon im Duett singen durfte, dann die wohl bekannteste Opernarie dieser Tage, nämlich „Nessun Dorma“ – und auch diese wird perfekt dargeboten. Dennoch bleibt nach dem Bühnenabschied von Helene Fischer das Hauptaugenmerk doch noch auf den zahlreichen Balladen, für die seine Fans MICHAEL BOLTON kennen und lieben, und dieser Rezensent verzichtet auf die allerletzten Zugaben… nicht jedoch ohne positiv überrascht und von den handwerklichen Qualitäten von MICHAEL BOLTON beeindruckt zu sein. Ein etwas anderes Konzerterlebnis abseits des typischen Rock- und Metalklischees, aber musikalisch absolut top – wenn auch zu gesalzenen Preisen (Karten kosteten doch zwischen 70 und 100 Euronen). Aber wer mal ein bisschen über den Tellerrand schauen möchte, der kann sein Geld sicher schlechter investieren. Nur – kariesresistent sollte man schon sein, und vielleicht auch nicht unbedingt Diabetiker, um das Bolton’sche Songmaterial halbwegs unbeschadet überstehen zu können. Und wenn der hiesige Powermetal-Fetischist das mal sagt, so wiegt das schwer.


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