25.05.2012 - 27.05.2012, Amphitheater Gelsenkirchen

ROCK HARD FESTIVAL 2012

Veröffentlicht am 11.06.2012

"Heute Morgen gab es Hagel in Düsseldorf" sagt mir die Dame an der Rezeption. Ach, Gottchen. War Pfingsten vor einem Jahr wettertechnisch ja etwas durchwachsen, so scheint uns der Sonnengott heuer aber trotzdem gnädig gesinnt zu sein - die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Es ist Donnerstagabend, ich hole mir gerade Bändchen und Fotopass und hunderte Campingfreunde schleppen bereits ihr Mobilar und ausreichend Getränke auf den Zeltplatz. Und, ganz wichtig, es hat wohlig warme 28 Grad. Aber bekanntlich gibt’s keine Hitze der Welt, die nicht mit ein paar Bierchen erträglicher gemacht werden könnte. Unsere Kollegen vom RockHard haben ihr schnuckeliges Festival heuer bereits ins zehnte Jahr hinüberretten können, und dafür hat man sich natürlich auch ein paar hübsche Bands angelacht. Aber erst mal ankommen. Alleine, am Donnerstag da zu stehen und zu beobachten, wie die Camper ihr Sammelsurium an Getränken und praktischen Dingen (Couch, Wohnzimmertisch, Kuscheltiere) auf Bollerwägelchen vorbeischleppen, ist herrlich amüsant und stimmt auf die folgenden drei Tage ein.



FREITAG

Der Freitag startet – wie es bereits Tradition geworden ist – mit einer astreinen Thrash Metal-Band. DEATHFIST sind aus der näheren Umgebung, kommen gleich vom Fleck weg in Medias Res, und das noch bescheidene Publikum gut in Fahrt. Unkompliziert aber dennoch deftig serviert die Truppe rund um die sympathische Frontfrau Corinna Becker ihren Oldschool-Thrash, vornehmlich Songs vom Debüt „Too Hot To Burn“. Und wenn man nicht aufpasst, könnte man Gitarrist Markus glatt mit SLAYER’s Kerry King verwechseln. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel, das Bier ist herrlich kalt, und so lässt es sich im Schatten vor der Bühne auch gut verweilen, headbangend, sitzend, liegend. Und spätestens jetzt weiß ich: wir sind hier, es hat begonnen, es ist Urlaub! Danach wird erst mal einen Gang zurück geschaltet. Es wird momentan viel Theater gemacht rund um die Doom-Hippies JEX THOTH, und noch mehr um deren gleichnamige Frontfrau. Die wirkt von Beginn an jedoch viel zu introvertiert, andere mögen es „unkonventionell“ oder „mysteriös“ nennen. Keine Ansage, kein Bitte, kein Danke, kein Hallo, kein Tschüss. Naja, wenigstens kommen ihre Mitstreiter freundlicher rüber, können den etwas düsteren Retro-Rock aber bei nachmittäglichem Badewetter nicht ganz so gut verkaufen. Überhaupt, nachdem man der Dame im Vorfeld erklärt hat, dass Kerzen bei starkem Wind nicht brennen. Ich finde den Hype um die Band aus San Francisco gelinde gesagt etwas übertrieben. Und wie hat es ein Kollege aus dem Fotograben so treffend beschrieben? „Die klingen wie THE DEVILS BLOOD für Angsthasen.“ Um einen ganzen Tick zugänglicher präsentiert sich das JUDAS PRIEST-Gedächtnis-Kollektiv RAM aus Göteborg. Gute Laune und Dampfhammer-Metal erster Güte steht auf den Fahnen des Quintetts, das seine Gesinnung auch schön durch Lederkluft und Nietenbehang zu unterstreichen weiß. Neben dem bärenstarken eigenen Material meine ich auch, die eine oder andere Coverversion heraus gehört zu haben. Die Dampframme gibt fast 50 Minuten Vollgas und kann bereits eine Menge Leute vor die Bühne locken, die teilweise sogar die Refrains mitsingen. Daumen hoch erst mal, denn die Schweden liefern Wohlfühl-Metal nach dem Reinheitsgebot. Abwechslung ist bekanntlich das halbe Leben, und so haben die RockHardler keine Kosten und Mühen gescheut, die drei Radaubrüder von KRISIUN aus Brasilien einfliegen zu lassen. Und wer das Todes-Trio kennt, weiß: hier wird nicht lange gefackelt, hier gibt’s auf die Zwölf. KRISIUN sind nicht nur eine der hartnäckigsten Bands im Business, sondern auch eine der liebenswürdigsten. Und das macht sich endlich auch bezahlt: unzählige Live-Auftritte in den letzten Jahren haben den Dreien eine ebenso hartnäckige Fangemeinde beschert. Und die weiß, was sie bekommt, wenn die Truppe - so wie heute - wieder mal eine Arena in Schutt und Asche legt. Und nach dem einstündigen Inferno läuten wahrscheinlich nicht nur bei mir die Glocken… Gnadenlos geht’s weiter, mit der Band, auf die ich mich heute am meisten freue: KVELERTAK haben sich in kürzester Zeit eine riesengroße Gefolgschaft erspielt, und mit ihrem eigenwilligen Stil irgendwo zwischen Death-Punk, Progressive- und Black Metal können die Norweger auch heute massiv Sympathie-Punkte einfahren. Vom Beginn weg groovt sich der Trupp durch Hits wie „Ulvetid“ und „Mjød“ und auch wenn KVELERTAK in ihrer Muttersprache singen – den Fans vor der Bühne ist’s egal, hier wird einfach mitgegrölt, was das Zeug hergibt. Mit ihren drei Gitarristen fährt die Band auch soundtechnisch schwere Geschütze auf und trotz der teilweise exotischen Songstrukturen bleibt alles nachvollziehbar. Ich habe die Jungs heute zum zweiten Mal gesehen und erkläre mich hiermit offiziell zum KVELERTAK-Fan. Klasse Auftritt, und für mich der erste Höhepunkt des Festivals. Daran können auch die Hobby-Tunten von TURBONEGRO nichts ändern. Zwar ist von Anfang an klar, dass die kauzigen Osloer die Party heute für sich entscheiden werden, aber trotz heftiger Live-Präsenz sind die Matrosen-Look-Anhänger ein wenig zu vorhersehbar. Das ist aber ohnehin völlig egal - nachdem sich zu Beginn die halbe RockHard Redaktion als Turbojugend geoutet hat und auch sonst nicht wenige Jeansjacken-Träger zugegen sind, wird der wieder auferstandene Chaoten-Trupp abgefeiert als gäbe es kein Morgen. Der neue Frontmann Tony Sylvester macht auch den Ausstieg von Hank Helvete schnell vergessen, der Typ ist einfach ein Original in seinem Steampunk-Look und kann den Hits der Band wie „I Got Erection“ oder "City Of Satan“ durchaus neuen Spirit einhauchen. Und genauso inbrünstig wie Tony singt am Ende fast das gesamte Amphitheater Gelsenkirchen die Refrains mit. Ein gelungener Abschluss des ersten Tages mit Spaß-Garantie, der uns durch eine gut durchmischte Bandauswahl und wolkenloses Prachtwetter verwöhnt hat.



SAMSTAG

Und mit selbigem geht’s auch am zweiten Tag weiter, weil wir gestern alle brav aufgegessen haben. Da unsere deutschen Freunde in meinem Hotel kein „viertel Eins“ kennen, kommt das bestellte Taxi natürlich erst „viertel vor Eins“. Somit versäume ich den halben Set der Crossover-Spaßvögel DR.LIVING DEAD, aber der Rest des Gigs entschädigt für die morgendliche Hektik. Ganz im Stile ihrer Bay Area-Helden aus den Achtzigern feuern die Schweden in ihren Gang-Outfits und den Totenkopf-Masken die Thrash-Granaten ab. Natürlich muss man dabei irgendwo an die SUICIDAL TENDENCIES denken, oder auch an D.R.I. – Vergleiche sind aber durchaus erwünscht und gewollt. Nicht wenige Leute versammeln sich bereits zu dieser frühen Stunde im Pit, die Stimmung geht gut weg und besser als DR.LIVING DEAD mit ihrem Fun-Faktor könnte man den Reigen nicht beginnen – fein ist das! Die Mönchengladbacher MOTORJESUS wurden quasi vom Publikum per Vorentscheid auf die RHF-Bühne gewählt und wenn die fünf Haudegen loslegen, weiß man auch warum. Das ist unbeschwerter, groovender Rotz’n’Roll mit dem gewissen Etwas! Sänger Chris „Howlin‘“ Birx ist zudem der geborene Alleinunterhalter und verwöhnt sein Publikum nicht nur mit knackigen Sprüchen in bester Ballermann-Manier, sondern auch mit einer Aldi-Tüte voller Gerstensaft („Onkel Tom hat zu mir gesagt: Junge, wenn du auf ein Konzert gehst, dann bring Bier mit!“). Fazit: Spaßfaktor Zehn (von Zehn), ein Publikum das scheinbar nur wegen dieser Band gekommen ist und ein Brett, vor dem sich auch schon mal VOLBEAT in acht nehmen sollten! Größer könnte der Kontrast dann gar nicht sein – so wie überhaupt an diesem Samstag die Genres schön bunt durchmischt sind: Die relativ jungen PORTRAIT sind, ähnlich ihrer Kollegen RAM vom Freitag, tief im Achtziger-Powermetal verwurzelt. Natürlich werden die Schweden in erster Linie immer wieder mit MERCYFUL FATE verglichen, aber der Fünfer kann weitaus mehr als nur irgendwelche Idole zu kopieren: sie haben mit Per Karlsson einen charismatischen Sänger, und auch an der Instrumentenfront sind ausnahmslos Könner zugange. Anspruchsvolle Arrangements treffen auf okkult angehauchte Leder- und Nieten-Romantik und wem das alles nicht zu viel des Guten (oder Bösen) ist, der weiß nach kurzer Zeit: diese Band hat noch eine große Zukunft vor sich. Der Weg ist nun geebnet, die Kirchenfenster erstrahlen als Backdrop und mittelalterliche Mystik liegt in der Luft… HELL are here! Die schrullige Briten-Truppe, die von Andy Sneap nach über zwei Dekaden wieder ausgegraben und reanimiert wurde, erfreut sich nach wie vor ungebrochener Beliebtheit. Natürlich stellen HELL nicht nur musikalisch eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung in der Szene dar, die Protagonisten sind allesamt dermaßen authentisch in ihrem Tun und Sein, dass man sich fragt – was haben diese Herren all die Zeit über getan? Sänger und Berufsschauspieler David Bower ist wie immer der Blickfang, einmal mit Dornenkrone, dann wieder in bedrohlicher Pest-Maske und Mönchskutte. Und da wären wir bereits bei der Frage…: sind HELL nun noch Musik mit Theaterelementen, oder doch schon Musiktheater? Egal, die Briten sind einfach nur geil. Auch heute. Danke, Mr.Sneap für diese Offenbarung! Wo UNLEASHED draufsteht, weiß man für gewöhnlich, was drin ist. Das ist auch live genau so und ich selber kann mich an keinen wirklich schlechten Gig der Stockholmer Combo erinnern. Da ist auch der heutige Auftritt keine Ausnahme. Sänger und Bassist Johnny Hedlund ist einfach nur ein liebenswürdiger Klops, der zwischendurch mal ganz schön böse schauen und grunzen kann und die Truppe spielt so tight zusammen, dass einem das Arschwasser kocht. Für ihren RHF-Auftritt haben UNLEASHED sogar ein paar nette Schmankerln in Form von noch nie live gespielten Nummern vorbereitet. Und so höppelt sich das Quartett mit einer Vehemenz, die Ihresgleichen sucht, quasi durch ein Best-Of-Set der Extraklasse. Hoch die Hörner, auf weitere 23 Jahre! Der Frankfurter Trinkverein TANKARD ist auch schon wieder 30 Jahre unterwegs? Mann, wie die Zeit vergeht. Zu diesem Jubiläum (und natürlich zum Zehnjährigen des Festivals) blasen uns Gerre & Co einen Set um die Ohren, der an Stimmung bisher alles auf diesem Festival toppen kann. Hunderte Maniacs plärren „Empty Tankard“ und "The Morning After" aus mit Bier geölten Kehlen mit, die Band teilt natürlich auch Gerstensaft aus, in erster Linie kann man aber einen sowohl technisch als auch stimmungsmäßig einwandfreien Auftritt abliefern. Gerre ist zwar - wen wundert’s? – bei weitem nicht mehr ganz nüchtern, blüht aber in diesem Zustand erst so richtig auf. Ihn zu fotografieren ist ungefähr genauso schwer wie besoffen eine Fliege fangen zu wollen. Egal, TANKARD, das ist auch nach drei Spaß-Dekaden immer noch Party pur, Gelsenkirchen steht Kopf, und die Band hat auf ganzer Linie gewonnen. Prost! Nach zehn Jahren Beknien haben endlich auch PSYCHOTIC WALTZ ihr okay für das RHF gegeben und auch wenn sie zwischen den Alkomaten aus Hessen und der Todes-Maschinerie von BOLT THROWER denkbar unglücklich ins Programm eingebaut wurden, verwandeln die Herren aus San Francisco das Amphitheater schnurstracks in einen Tempel der Sinne. Und nicht wenige dürften heute extra wegen den Prog-Kings gekommen sein. Der Jubel nach Klassikern wie „Into The Everflow“ oder „Halo Of Thorns“ ist gewaltig, die Band überwältigt. Technisch gesehen sind die Fünf weiterhin unantastbar und würde man nur einen der Musiker durch einen anderen ersetzen, es würde denke ich nicht mehr funktionieren. Sänger Devon Graves beeindruckt einmal mehr durch ein unglaubliches Stimmvolumen und als er bei „I Remember“ erwartungsgemäß die Querflöte zückt, gibt’s auch das ein oder andere (Freuden-) Tränchen. PSYCHOTIC WALTZ spielen sich und das Gelsenkirchner Publikum mit einer ungeahnten Intensität in den Sonnenuntergang, ein Gänsehautmoment, den die meisten heute nicht so schnell vergessen werden. Bei BOLT THROWER können sich einige "Größen" im Business nach wie vor ein riesiges Scheibchen abschneiden, vor allem was die Merchandising-Preise betrifft. Der Run auf den Stand der Briten um zwei Uhr nachmittags ist unglaublich, und die meisten Größen sind binnen einer halben Stunde ausverkauft – bei Preisen von gerade mal zwölf Euro pro Shirt auch kein Wunder. Was uns der Fünfer aus Coventry dann zum Abschluss dieses eh schon intensiven Tages um die Ohren bläst, ist nicht mehr in Worte zu fassen. Teilweise stehe ich nur noch mit offenem Mund inmitten des prallvollen Halbrunds und lasse mir von den Death Metal-Salven die nicht mehr vorhandenen Haare fönen. BOLT THROWER, diese bestens geölte musikalische Kriegsmaschinerie, die uns gar selten mit Live-Auftritten (und noch seltener mit Platten) verwöhnt, fetzen Hit um Hit aus den Speakern und die gesamte Audience ist am Headbangen. Zwar ist Karl Willets ein wenig betrunken und kippt zu fortgeschrittener Stunde mal mitten auf der Bühne um, dennoch sucht die Professionalität der Band auch heute Ihresgleichen. In knapp 100 Minuten zerblasen BOLT THROWER alles, was bei drei nicht auf'm Baum ist und jede Band die danach noch kommen würde hätte großartig verloren. Es kommt aber nichts mehr, nur noch ein dezentes Läuten in den Ohren, das mich auch noch ins Partyzelt und am Schluss bis ins Hotel begleitet.



SONNTAG

Heute scheint irgendwie der Tag für die „ältere“ Generation zu sein. Und auch ich fühle mich heute meinem Alter gemäß und beschließe, auf die ersten drei Bands zu verzichten. Von den eigenwilligen Amis HIGH SPIRITS erhasche ich noch ein paar Songs, ganz will sich mir der NWoBHM-lastige Metal um diese Uhrzeit aber noch nicht erschließen. Doch das ist völlig in Ordnung, man kann nicht jede Band zu jeder Uhrzeit mögen, auch nicht hier. Da bieten sich die Stockholmer Hippies von GRAVEYARD schon eher an, meinen persönlichen, dritten RHF-Nachmittag einzuläuten. Denn bei ihnen ist es ziemlich wurst, wo und wann sie gerade auftreten – die Zeitreise ist garantiert. Nicht nur optisch lassen einen die vier Herren glauben, man wäre plötzlich wieder im Woodstock-Paralleluniversum, als selbst Bands wie LED ZEPPELIN und BLACK SABBATH noch in den Kinderschuhen steckten. Keine andere Band interpretiert den (heute bereits wieder recht abgelutschten) Retro-Rock inbrünstiger und unbefangener als GRAVEYARD. Die Nachmittags-Sonne lässt zudem die Bühne in einem wunderschönen Licht erstrahlen, und man ist versucht sich nackich zu machen, mit Blumen um sich zu werfen und „Peace Out, Brother!“ zu plärren, wenn der „Hisingen Blues“ ertönt oder „Ain’t Fit To Live Here“ ins Publikum gewabert kommt. Einfach nur schön. Zum Glück bleiben wir dann auch gleich bei der Nostalgie, und diesmal sogar mit einer Band, die schon sämtliche Bühnen und Backstage-Räume dieser Welt gesehen hat. Nicht zu Unrecht werden GIRLSCHOOL des Öfteren die "weiblichen MOTÖRHEAD" genannt - und das nicht nur deswegen, weil Lemmy zahlreiche Affären mit den umtriebigen Damen nachgesagt werden, sondern weil sie einfach rocken! Wer da heute ein Altweiber-Kollektiv erwartet hat, der ist schwer beeindruckt von den vier immer noch recht ansehnlichen Damen Mitte Fünfzig, die da wie die Derwische über die Bühne wirbeln. Mit einer Spielfreude, die ich bei vielen Jungspunden vehement vermisse, bieten Kim McAuliffe & Co. vornehmlich die Songs ihres (neu aufgenommenen) „Hit And Run“-Klassikers von 1981 dar. Das Publikum empfängt den unbeschwerten Geradeaus-Rock mit wohlwollendem Beifall, und selbst Metalheads, die 1981 noch nicht mal das Glänzen in den Augen ihres Vaters waren, schütteln ihr Haupt und wippen mit den Hüften. Genauso generationenverbindend soll er sein, der Rock’n’Roll! Dass es MAGNUM an dieser Stelle relativ leicht haben, das bereits bestens vorgewärmte Publikum zu übernehmen, steht außer Frage. Zwar etwas bewegungsarm (bis auf den zierlichen Bob Catley, der wie von der Hummel gestochen herumläuft und gestikuliert), immer im etwas schaumgebremsten Tempo und fast schon zu harmlos melodisch – aber trotzdem, den Hardrock-Klassikern der Briten haftet etwas Magisches an. Erstaunlich, welch großer Beliebtheit sich die Band in Deutschland nach wie vor erfreut, und nicht wenige möchten dem Gig der sympathischen Altherren-Band direkt vor der Bühne beiwohnen. Für mich eine gute Gelegenheit, von einem der wenigen schattigen Plätze aus bei gepflegtem Bier alten Hadern wie "On A Storyteller's Night" vom gleichnamigen Meilenstein (1985) oder "Lonely Night" vom "Vigilante"-Album (1986) zu lauschen. Insgesamt eher was zum Ausruhen, aber dennoch stimmungsvoll. Danach ist eine kleine Überraschung angekündigt und eigentlich war klar, dass dafür erst mal die gesamte RH-Mannschaft auf die Bühne kommt. Als dann noch BULLET-Schwergewicht Dag "Hell" Hofer das Mikro ergreift und mitsamt der RHF-Coverband ein paar unkaputtbare Klassiker wie „Highway To Hell“ ins Amphitheater trällert, ist alles fein, die Redaktion feiert sich zurecht selbst, und wer jetzt noch nicht auf Party getrimmt ist, sollte sich mal ernsthaft Sorgen um seinen Zustand machen. Was Kai Hansen und Michael Kiske danach mit ihren (erstmals in Deutschland auftretenden) UNISONIC veranstalten, ist für mich nicht nur die Überraschung des gesamten Festivals, sondern auch der Höhepunkt des dritten Tages. Mit den angekündigten HELLOWEEN-Klassikern „I Want Out“ , „March Of Time“ und „Future World“ treibt die fünfköpfige, mit PINK CREAM 69- und KROKUS-Musikern komplettierte Truppe nicht nur mir die Tränen in die Augen und die Gänsehaut den Rücken runter. Die Zeitreise wird perfekt kontrastiert mit eigenem Material, vornehmlich vom ersten Langspieler „Unisonic“ und auch hier knüpft man irgendwo an GAMMA RAY-und HELLOWEEN-Glanztaten an. Und das Wichtigste: Herr Kiske – die wirren Äußerungen der Vergangenheit mal bei Seite gelassen - kann uns alle heute mit Charme, Witz und einer Götter-Stimme beeindrucken. Besser geht’s einfach nicht! Was über die lange beknieten Headliner W.A.S.P. im Vorfeld nicht alles spekuliert wurde. Sicherheitsstufe eins für Herrn Lawless, bloß eine Stunde Spielzeit und dergleichen… alles Schrott! Wenn das „Manimal“ die Bühne entert und ein Hit-Feuerwerk sondergleichen zündet, sind alle Ausrutscher der Vergangenheit schnell vergessen. Dreißig Jahre Rock ziehen in ehrlichen 90 Minuten an uns vorüber und natürlich dürfen Standards wie „Wild Child“, „I Don’t Need No Doctor“ oder „L.O.V.E. Machine“ nicht fehlen. Musikalisch perfekt in Szene gesetzt und mit der Agilität einer Band in ihren besten Jahren, zertrümmern W.A.S.P. hier und heute auch die letzten Zweifel und beweisen, dass sie immer noch zu den Big Playern im Business gehören. Mit ein wenig Pyro-Show und einem Mörder-Sound wird das proppenvolle Halbrund bis nach Sonnenuntergang aber sowas von gerockt und als Herr Gesetzlos am Ende von der Bühne geht, bleibt einfach nur eine flockig leichte Seligkeit in uns zurück.

Ein perfekter Abschluss für ein ohnehin perfektes Festival, das sich selber über die Jahre treu geblieben ist und wo nach wie vor das Motto "Von Fans - Für Fans" großgeschrieben wird. Das sympathische Grüngebiet am Rhein-Herne-Kanal und die Übersichtlichkeit des Geländes tragen ihren Teil dazu bei, dass sich das RockHard-Festival zu den gemütlichsten Konzertveranstaltungen in Mitteleuropa zählen darf. Das ist nicht geschleimt und jeder, der schon mal hier war, wird mir recht geben. Natürlich hat man mit dem Wetter diesmal riesen Glück gehabt, drei Tage Postkarten-Himmel sind sogar für den "Pott" ein wenig exotisch. Und als ich am Pfingstmontag das Hotel verlasse, erwische ich mich doch tatsächlich, als ich ein leises "Wir sehen uns in einem Jahr, Gelsenkirchen!" vor mich hersage.


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