05.09.2013, ((szene)) Wien

CIRCLE OF ILLUSION

Veröffentlicht am 07.09.2013

Es scheint fast so, als ob sich der Spätsommer 2013 zum österreichischen "Sommer des Prog" zu werden: Neben dem längst überfälligen Label-Release des großartigen Debütalbums "Scattered Horizons" der Wiener von SIREN'S CRY Anfang September schickt sich mit CIRCLE OF ILLUSION ein weiteres hochklassiges Projekt an, die Herzen der heimischen Prog-Fans im Sturm zu erobern. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Truppe um Keyboarder und Mastermind Gerald Peter mit einer spektakulären Live-Performance in der Szene Wien gehörig für Aufsehen gesorgt; jetzt, knapp ein Jahr später, melden sich CIRCLE OF ILLUSION mit fertiggestelltem Erstlingswerk "Jeremias" zurück, und präsentierten dieses nun in voller Länge erneut in der Szene Wien. Ein Ereignis, das man sich als geneigter Freund auch progressiverer Klänge nicht entgehen lassen sollte. Und schon beinahe Klassisches erwartet uns, als wir gegen acht Uhr abends in der Szene Wien eintreffen - ungewohnt bestuhlt präsentiert sich der Konzertsaal, und es wurden sogar kleine Programmheftchen aufgelegt. Man beginnt zu sinnieren, ob es eventuell sogar eine Pause geben würde. Dies sollte nicht der Fall sein, dafür gab es etwas anderes: nämlich zahlreiche Kameras und Mikrofone, die um die Bühne herum positioniert waren; es darf also gemutmaßt werden, dass der Abend früher oder später auch in Video-Form Revue passieren wird. Doch genug der Theorie (welch Ironie im Kontext mit Prog-Rock, eigentlich!), und hin zur Praxis: Und hier haben sich die Damen und Herren von CIRCLE OF ILLUSION erneut nicht lumpen lassen: Liebevoll gestaltete Kostüme zieren nicht nur Sänger und Sängerinnen, auch die Instrumentalisten (nebst traditioneller Rock-Besetzung mit Drums, Bass, Gitarre und Keyboards gibt's auch eine Violinistin; mit spektakulärer roter Haarpracht versehen) sind für den Abend gestylt. Und dann legen die Herrschaften auch schon los, und brennen ein Prog-Feuerwerk ab, das auf diesem Niveau in Österreich sicherlich Seinesgleichen sucht. Freilich, man hat es hier mit Könnern und Profis zu tun, haben doch die Bandmitglieder mehrheitlich Konsveratoriums-Abschlüsse (oder zumindest Kons-Bezug) aufzuweisen; und das zeigt sich auch in jeder Note, in jedem Break, in jeder Melodieführung. Es ist bis ins Detail ausgeklügelt, das Songmaterial das uns Gerald Peter und seine Kollegen hier kredenzen, und auch genauso komponiert, wie man einfach "Prog macht". Und so wechseln sich abwechslungsreiche Gitarrenparts mit funkigen Grooves ab, so treiben Bass und Drums punktgenau die Songs voran, und so flitzen auch Herrn Peters finger über drei Keyboards, die zu gefühlten vierzehn werden. Es ist eine beeindruckende technische Showcase der Instrumentalisten; das ist auch schon noch den ersten Takten des Openers klar. Doch wie würden sich die Sänger schlagen?

Nun, auch hier greift man auf Professionisten zurück, und das macht sich in so einem Kontext natürlich bezahlt: Speziell in Gestalt von Lead-Sänger Taris Brown überlässt man nichts dem Zufall; der ausgebildete Musical-Sänger bringt jeden seiner Parts auf den Punkt, und überzeugt auf ganzer Linie. Freilich, es ist der Musical-Sangesstil ein eigener, der mitunter ein wenig auf Kosten der Individualität geht - doch Taris schafft es trotzdem, ausreichend eigene Facetten in seinen Gesang einzubringen, und so den Kompositionen auch ein wenig den persönlichen Stempel aufzudrücken. Er ist sicher die gesanglich herausragende Figur an diesem Abend, auch wenn seine Mitstreiterinnen Cara Cole und Elga Shafran ebenfalls auf hohem Niveau agieren. Generell funktioniert auch das Zusammenspiel der Vokal-Protagonisten hervorragend, und man schafft es doch tatsächlich, ein bisschen Musiktheater-Flair auf die karge Szene-Bühne zu zaubern. Und so kämpfen sich CIRCLE OF ILLUSION dann durch über 80 Minuten Prog Rock, Metal, Jazz und Funk, performen nahezu perfekt und von Gerald Peter an den Keyboards, über Rupert Träxler an der Gitarre und Stephan Först am Bass bis hin zu den gekonnt eingesetzten Violinenparts von Ulrike Müllner kann jeder Musiker an vielen Stellen individuell glänzen; und auch Drummer Aaron Thier, der bekennende Simon Philips-Fan, der diesem Rezensenten aus Jugendtagen aus gänzlich anderem Kontext hinreichend bekannt ist (Anm.: Insider wissen, wovon die Rede ist - allen anderen sei gesagt: Es beginnt mit K und endet mit X), von dem man aber schon seit vielen Jahren weiß, dass er als Schlagzeuger zu den besten seiner Zunft in Österreich zählt, darf sich diesmal mit feinen rhythmischen Figuren austoben, wozu er in anderen Situationen - außer in Form des gelegentlichen, jedoch immer spektakulären Drum-Solos - vielleicht nicht so die Gelegenheit hat. Rundum also ein gefundenes Fressen für Prog-Fans; kann man bei derlei Superlativen eigentlich überhaupt noch Kritik anbringen? Man kann, wenn auch Kritik auf hohem Niveau: Als bekennendem Freund melodischen Metalls steht bei mir natürlich immer die Melodie im Mittelpunkt; und das ist es, was ich bei dem Songmaterial von CIRCLE OF ILLUSION ein wenig vermisse. Man fügt zwar gekonnt Instrumentaleinlage an Instrumentaleinlage, rhythmische Variation and rhythmische Variation; leider fehlt am Ende des Tages dann der - neudeutsche - "Payoff", etwa in Form eines wuchtigen Refrains mit Ohrwurm-Faktor. Das mag persönliche Befindlichkeit des Rezensenten sein, doch es ist dieser letzte Schritt, der mir bei diesen Songs von CIRCLE OF ILLUSION noch ein wenig gefehlt hat. So bringt man zwar technisch perfekt anspruchsvolle musikalische Figuren auf die Bühne, letztlich vermisst man aber bei den einzelnen Songs ein wenig die Individualität, da viele der Songs - abgesehen von den beiden sehr gefühlvoll dargebotenen Balladen von Elga Shafran - aus ähnlichen Einzelteilen zu bestehen scheinen, und einen roten Melodiefaden ein wenig vermissen lassen. Gut, man muss wohl sehen wie das Songmaterial sich nach mehrmaligen Durchläufen des Albums im CD-Player schlägt; aber im ersten Eindruck fehlten einfach etwas die großen Melodie-Momente; die richtigen "Brecher", die auch nach Verklingen des letzten Tons noch lange in Erinnerung bleiben. Angedeutet werden diese aber zumindest im abschließenden, 16-minütigen "Nightmare", bei dem neben den Instrumentalisten auch alle Sänger noch einmal richtig glänzen können; von solchen Momenten hätte ich mir einfach ein paar mehr gewünscht. Aber das bleibt, wie erwähnt, Kritik auf allerhöchstem Niveau: Es war eine nahezu perfekte Show, die CIRCLE OF ILLUSION an diesem Septemberabend auf die Bühe zauberten; eine Show, die Hoffnung gibt für eine erstarkende heimischen Prog-, Rock- und Metalszene. In Punkto Hooks und Melodien gibt es vielleicht noch etwas Spielraum nach oben, aber es muss ja schließlich auch noch ein wenig Ansporn zur Weiterentwicklung und weiteren Perfektionierung auf den Nachfolgealben zu "Jeremias" gegeben sein. In diesem Sinne dankt der Rezensent für einen wunderbaren Abend im Zeichen des Progressive Rock, und rät allen Fans von Acts wie PAIN OF SALVATION, THRESHOLD und natürlich DREAM THEATER, unbedingt mal in "Jeremias" von CIRCLE OF ILLUSION reinzuhören. Ihr werdet es nicht bereuen.


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