10.02.2014, ((szene)) Wien

ULVER

Veröffentlicht am 14.02.2014

ULVER sind vom Metal mittlerweile so weit entfernt wie Norwegen vom Äquator, und trotzdem ist die Band in höchstem Maße interessant, für uns und scheinbar für genug andere Freaks quer durch alle Genres. Das liegt einerseits an der Fusion aus verschiedenen Musiken, die bei ULVER ständig stattfindet und das Erscheinungsbild der Norweger fast täglich ändert. Andererseits haben sie nie ihre Wurzeln im Black Metal verleugnet, man sieht das Kapitel heute aber als lange beendet und weder live noch auf Platte würde der Quereinsteiger ULVER jemals in diesem Genre verorten. Der heutige Gig in der stattlich mit bereits erwähnten Freaks gefüllten Wiener ((szene)) beginnt mit einiger Verspätung, man hatte Anreiseprobleme aus der Schweiz und der Soundcheck nimmt immerhin den halben Nachmittag in Anspruch. Wenn man das Brimborium auf der Bühne erblickt, weiß man dann auch warum. Hauptaugenmerk liegt auf der DJ-Konsole, an der sich Kristoffer "Garm" Rygg und Ole Halstengard austoben, dahinter ein kleines Drumkit und eine große Percussion-Bude, ein E-Piano und gerade noch genug Platz für Bassist/Gitarrist Daniel O'Sullivan.

Ohne großes Tamtam kommt die Band kurz nach 21 Uhr auf die Bühne, mit einem sporadischen "Hello" versinkt man dann in endloses Glockengeläut, das man am Vortag in Zürich aufgenommen hat - ein Brückenschlag zwischen den beiden Konzerten wenn man so will. Das Gebimmel mündet schließlich nach gut acht Minuten in das gediegene Ambient-Gewaber von "England". ULVER sind keine Herren der vielen Worte, hier bildet die Musik das Bindeglied, die Kommunikation zwischen Band und Publikum funktioniert fast automatisch über Klangteppiche und hypnotische Rhythmen. Addiert man noch die Background-Filme mit ihrem Achternbusch-Charme und Riefenstahl-Ästhetik, durchbrochen von fast unschuldigen Fabel-Trickfilmchen mit Hasen und Fischen, dann erhält man eine fast komplett abgerundete Performance für Auge und Ohr. ULVER gehen heute Abend überraschend rhythmusbetont und perkussiv zu Werke, etwas, das auf der Live-DVD "The Norwegian National Opera" (2012) schon angedeutet wurde, dort aber kontrollierter, beabsichtigter wirkte.

Grund dafür ist vielleicht, dass im Gegensatz dazu heute vieles Improvisiert ist, ein Faden, der sich durch die komplette Tour ziehen soll: kein Gig ist wie der vorherige, und was morgen ist, wissen die Götter. Nicht mal ULVER können sich selbst genau vorhersagen, und das sagt wohl einiges über die Band aus. Immer, wenn das Sechser-Kollektiv (unglaublich tight an Drums und Percussion agieren Jorn H.Svaeren und Lars Pedersen) in endlose Beat-Mantras kippt, das Publikum wie in Trance mitzuwippen beginnt, dann spürt man beinahe schon den Geist einer längst verflogenen Hippie-Ära. Man möchte sich am liebsten nackig machen und mit Blumen um sich werfen, wenn einen die Band nicht ratzefatz wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen würde. Nix mit Love and Peace, dafür sind ULVER meist sowieso zu schwerfällg und in sich verkopft, was aber nicht stört, denn so wachsen Tracks wie das als Fragment dargebotene "Dressed In Black" oder das abschließende Crescendo "Nowhere/Catastrophe" oft aus einem minimalen Piano-Akkord bis in einen Orkan an Tönen und Rhythmen, ein musikalischer Tsunami, der nichts und niemanden verschont.

Verstörend als einziger der Track die Improvisation von "Shri Schneider" vom nicht minder verstörenden "Messe I.X - IV.X"-Album, von dem auch irgendwo "Glamour Box" verwurstet wird, bisweilen nur durch eine Sequenz angedeutet und mitunter bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Ansonsten können ULVER, die mit der auf gut zwölf Minuten aufgeblasenen Version von "Eitttlane" dann noch sämtliche emotionalen Dämme zu sprengen verstehen, dem Verfasser dieser Zeilen einige Glücksmomente und Gänsehaut in Seele und Haut zaubern. Auch dem restlichen Volk hat's natürlich gefallen, aber man geht halt nicht einfach von einem ULVER-Gig heim und sagt "ok, gut, war fein". Die Klang-Kaskaden hallen noch lange im Gedächtnis nach. Die große Kunst der Truppe, mit minimalen Gesten größte Wirkung zu erzielen, hat uns wieder mal perfekt ins Mark getroffen. ULVER ist wie ein Derwisch, der oft macht was er will, oft ungewollt gezähmt wirkt, nur um dann unvermittelt in die Leiber zu fahren, sie zucken zu lassen, das Gehirn rotiert in musikalischer Ekstase.

Auch wenn ULVER hundertmal kein Metal mehr sein mögen, der Spagat zwischen Electro,Noise, Ambient, Drone, Industrial und Minimal-Rock ist Labsal für alle vom Kommerz ausgemergelten Ganglien und immer wieder so unfassbar, dass ich mich gerade wundere, dennoch so viele Worte dafür gefunden zu haben. Wer heute Abend dabei war, hat nicht nur ein (im besten Sinne)einzigartiges Konzert erlebt, sondern auch eine Band erlebt, die wie ein Organismus pulsiert, die sich stets ändert, nie anpasst und gerade wegen ihrer anarchisch-charmanten Art ungemein interessant ist und bleibt. ULVER können mittlerweile machen, was sie wollen - ob ein Coveralbum mit Sechziger-Hits, einen Film-Soundtrack oder ein Dark Ambient-Teil aus nur einem Akkord - was wir hier heute erleben durften, ist die wahre musikalische Freiheit. Spezieller Dank an Werner "eraserhead" Nowak für die Fotos! stills.eraserhead.at


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