14.02.2014, ((szene)) Wien

LONG DISTANCE CALLING

Veröffentlicht am 18.02.2014

Die ((Szene)) wird schön langsam wirklich zu meinem zweiten Wohnzimmer, einen Monat lang ist sie für mich jede Woche der Austragungsort genialer Konzerte. Dieses Mal standen LONG DISTANCE CALLING auf dem Programm, denen ich 2010 zum ersten Mal als Support von KATATONIA, ebenfalls in der ((Szene)), begegnete. Die heutige Headliner-Position haben sich die Post-Rocker über Gigs in der Wiener Arena hart erarbeitet. 2011 zwar noch als Headliner im Dreiraum, bauten sie durch kluge Tourpackages in der kleinen Halle als Support von PROTEST THE HERO (2012) oder mit Support von SOLSTAFIR (2013) ihre Fanbase in Wien geschickt aus. Und auch am Tage des 14. Februars 2014 war die Wahl der Supportslots äußert geschmackvoll getroffen worden. Die Norweger WOLVES LIKE US starteten pünktlich um 20 Uhr, unbeirrt von den nur zehn in der Konzerthalle anwesenden Leuten, ihren Gig, der es in sich hatte. Doch sehr rasch füllte sich in der halben Stunde der Konzertraum und so räumte die coole Truppe gnadenlos ab. Ruhige Momente waren Mangelware.

Äußert bemerkenswert die ungeraden Takte und Rhythmuswechsel in ihren Songs, die mich beim Headbangen des Öfteren aus dem Konzept brachten. Optisch war eigentlich nur ihr langhaariger und -bärtiger Bassist wolfsähnlich. Der Schlagzeuger blieb mit seinem fetten Schnauzbart und riesigen Earplugs in Erinnerung. Der Leadgitarrist mit seiner Flying-V setzte souverän seine Akzente und Rhythmusgitarrist und Sänger Larsh Kristensen versteckte seine Leibesfülle nicht im engen Hemd und gab überzeugt den Frontmann. Ich finde es immer sehr cool, wenn ich durch so passend geschnürte Line-Up-Pakete auf Bands aufmerksam werde. Pionierarbeit muss man da KATATONIA überlassen, die die nachfolgende Band JUNIUS schon 2012 zum ersten Mal in die ((Szene)) brachten, damals auch mit ALCEST, die vor einigen Wochen ebendort Headlinerstatus genossen. Die Entwicklung einer Musik-Szene in Wien über die Jahre zu beobachten, finde ich sehr spannend. Und JUNIUS wünsche ich dieselbe Entwicklung wie ALCEST. Viele, vor allem auch weibliche Fans, waren vom ersten Ton an voll der Band verfallen und wurden von Klängen eingelullt, die sie mit geschlossenen Augen in ferne Welten abdriften ließ. Zwar nicht mehr so brachial wie WOLVES LIKE US, dafür umso atmosphärischer entfalteten die Amerikaner aus Boston ihre hohe Kunst auf der Bühne der ((Szene)). Da wurden Klangteppiche gewoben und der äußerst emotionale Gesang von Joseph E. Martinez verlieh JUNIUS etwas ganz Besonderes.

Die ruhigen Passagen ließen dann aber die metallischen umso härter erscheinen und so gab es genug Momente, um auch die Nackenmuskulatur zu trainieren. Die beträchtliche weibliche Fanschar ist wahrscheinlich hauptsächlich der meiner Meinung nach stimmlichen Ähnlichkeit zu COLDPLAYs Chris Martin geschuldet. Höhepunkte in der sehr stimmigen Gesamtperformance lassen sich im Nachhinein schwer bestimmen, kam doch alles praktisch aus einem Guss. Trotzdem blieben bei mir vor allem der coole Refrain von "All Shall Float" und der deutlich an THE CURE angelehnte finale Song "A Word Could Kill Her" besonders im Gedächtnis hängen.

Setlist JUNIUS (ohne Gewähr):

Hiding Knives The Time Of Perfect Virtue All Shall Float Letters From Saint Angelica Battle In The Sky Forgiving The Cleansing Meteor In the Hearts Of Titans Transcend The Ghost A Word Could Kill Her Besser als mit LONG DISTANCE CALLINGs "Into The Black White Open" kann man in ein Postrock-Konzert nicht starten. Die überlange Nummer begeistert mit einem genialen Aufbau. Nach ruhigem Intro, welches das Publikum in ferne Galaxien beamt, geht’s ab der zweiten Minute mit einem coolen Gitarrenlick weiter, das sich in ein phänomenales Riffing steigert. Ab Minute vier kommt dann der lässige Bass- und Drumpart, auf den dann wieder geschmackvolle Gitarrenteile gezaubert werden. Ab der fünften Minute wird’s dann aber so richtig geil und ein fetter Groove kommt hinzu, die Nackenmuskulatur wird in der kurzen atmosphärischen Verschnaufpause gelockert, das Gitarrensolo zum Finale des Songs überwältigt mich komplett. Dieser Song vereint viele Elemente von LONG DISTANCE CALLING und steht exemplarisch ausführlich beschrieben für die weiteren Songs der Setlist. Der Zehnminüter "I Know You, Stanley Milgram" führte diese Linie weiter, groovt vielleicht in manchen Teilen noch um einiges mehr und brachte mich in diesen Momenten komplett zum Auszucken. Am Ende gipfelt dieses Meisterwerk in Klangkaskaden und in einem fett groovenden Finale, das sich gewaschen hat.

"Inside The Flood" war dann der erste Track vom aktuellen Album und der erste der wenigen mit Gesang, der sich, auch wenn die instrumentalen Parts für mich bei LONG DISTANCE CALLING den besonderen Reiz ausmachen, gut ins Gesamtbild einfügte und eher eine weitere Klangfarbe im Gesamtkunstwerk ausmachte als sich in den Vordergrund zu drängen. Das machte vor allem auch das Bühnenbild deutlich, denn Sänger Martin Fischer versteckte sich hinter seinen Samplegeräten und teilte sich die Hälfte der hinteren Bühne mit Drummer Janosch Rathmer, den man bald wieder mit der deutschen Ausnahmeband ZODIAC sehen wird. Die Frontmannposition teilte sich die Saitenfraktion, wobei vor allem Rhythmusgitarrist Florian Füntmann in den metallischen Passagen ordentlich abging und mit seinem "Masters Of The Universe"-Shirt war er für mich sowieso von Beginn an Sympathieträger Nummer eins. Bassist Jan Hoffmann nahm die zentrale Position zwischen den beiden Gitarristen ein und spielte auch im Gesamtsound eine wichtigere Rolle als der Bass bei so manch anderen Bands. Genial, welche Töne man einem viersaitigen Bass so entlocken kann. Leadgitarrist David Jordan war dann noch das Tüpfelchen auf dem i, denn seine teilweise fast schüchtern präsentieren Gitarrenmelodien waren ganz großes Kino. Ein weiterer Songfavorit von mir ist "Black Paper Planes", der mit einem der geilsten Gitarrengrooves startet, den meine Ohren je genossen haben. Von Beginn an zuckte mir das Bein und als dann von der Lautstärke noch mal Gas gegeben wurde, ging die Lutzi vollends ab. Im Mittelteil gab’s eine kurze Verschnaufpause mit sphärischen Samples und lässigen Gitarrenmelodien und im Finale ging die Post mit einem Groovepart und Doublebass-Attacken ab. Ich war fertig, danke, alles Folgende würde für mich nur mehr Zugabe sein.

Aber die war noch in weiter Ferne. Nach dem weiteren Vocal-unterstützten Song "The Man Within" durften wir einen neuen, unbetitelten Song genießen, der mit sehr atmosphärischen, ruhigen Momenten überzeugte. Die Morgenröte wurde dann im Song "Aurora" heraufbeschworen. Der Song begann wieder vollkommen ins Universum abdriftend, was mich dann doch sehr an die geniale Band MONKEY 3 erinnerte, die sägenden Gitarren ab der Songhälfte frästen sich dann aber sehr gut in den Cortex. "Arecibo", der LONG DISTANCE CALLING-Trademark-Song, den ich am SUMMER BREEZE im Loop einer Werbung sicher gut 100 Mal am Festival hören durfte, erzeugte bei mir aber nach wie vor eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Einfach geil, dieser Gitarrengroove! Nach einer kurzen, nicht ernst gemeinten ersten Verabschiedung gab‘s als vermeintlich letzten Song "Metulsky Curse Revisited", der mit seinen zehn Minuten einen fulminanten Abschluss eines weiteren genialen LONG DISTANCE CALLING-Konzerts einläutete. Aber wie schon bei allen Headliner-Konzerten in Wien, ließ das dankbare Publikum die Ausnahmeband nicht so schnell von Dannen ziehen und so gab es dann mit "Apparitions" noch die frenetisch verlangte Zugabe.

Setlist LONG DISTANCE CALLING (ohne Gewähr):

Into the Black Wide Open I Know You, Stanley Milgram! Inside The Flood Ductus Black Paper Planes The Man Within (New Song) Aurora Arecibo (Long Distance Calling) Metulsky Curse Revisited Encore: Apparitions


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