07.03.2014, Muffathalle

TRANSATLANTIC

Veröffentlicht am 13.03.2014

Wie war das nochmal mit dem Propheten und dem Berg? München und Wien sind sich in vielen Dingen ja sehr ähnlich, aber wenn es um progressive Rockmusik geht scheinen die Österreicher immer noch nicht aus dem Neandertal emigriert zu sein. Vor einigen Tagen bei SUBSIGNAL das beste Beispiel: dreißig Karten Vorverkauf, daraufhin verlegt in eine winzige Location. Dass die Supergroup TRANSATLANTIC in heimischen Gefilden nicht funktionieren wird, haben einige Booker mit Hausverstand wohl bereits überzuckert, und deswegen macht man wieder mal den großen Bogen um unser Land. Das ist einerseits schade, aber andererseits verfügt München mit dem Muffatwerk genau über eine dieser Loactions, die uns in Wien fehlen: Das zentral an der Isar gelegene ehemalige Elektrizitätswerk ist ein vorbildlich geführtes Veranstaltungszentrum mit Platz für bis zu 1.300 Leute in der großen Halle. Die ist zwar heute nicht rappelvoll, aber ordentlich gefüllt, die Atmosphäre des großzügigen Gebäudes ist familiär, organisiert und heimelig.

Kurz nach acht beginnt die Show, und sofort wird klar: auch TRANSATLANTIC kann und darf ohne Mike Portnoy nicht existieren, und das sage ich jetzt, ohne die anderen Protagonisten zu degradieren oder auf ein anderes Level zu stellen. Sofort weiß ich wieder, was mir beim letzten DREAM THEATER-Konzert abgegangen ist. Nichts gegen Mike Mangini, aber "mit dem Portnoy sind auch die Eier gegangen", wie es jemand an diesem Abend so schön formulierte. Es ist faszinierend, mit welch kindlicher Spielfreude vor allem Neal Morse und Portnoy drei Stunden lang quasi hyperventilieren. MARILLION-Basser Pete Trewavas ist auch beachtlich agil, vor allem mit den Fingern. Nur Roine Stolt wirkt in seiner stoischen Introvertiertheit heute schon eher wie RUSH's Geddy Lee, was ihn aber wiederum überaus hautnah und sympathisch erscheinen lässt. Die Band, die sich noch um SPOCK'S BEARD/ENCHANT-Tausendsassa Ted Leonard verstärkt hat, stellt von Beginn an klar: es gibt hier keinen Graben zwischen uns hier oben und euch da unten, und wenn, dann ist er höchstens für die Fotografen. Fast vergessen hat man auch die religiösen Erleuchtungen, mit denen uns Neal Morse noch vor einiger Zeit gequält hat. Möge er an das glauben was er für richtig hält, heute Abend ist er einfach nur der begnadete Rock-Entertainer. Vor dem Herrn, wenn man so möchte.

Und dann eben Portnoy. Sicher, es gibt mittlerweile Drummer, die dem quirligen New Yorker ebenbürtig sind, zumindest in Technik und Stil. Aber das Gesamtprodukt Mike Portnoy ist nur hier und heute leibhaftig, und man bekommt was man erwartet. Spielerisch schon seit etwa 20 Jahren über das meiste erhaben, ist der Mann Workaholic, Songwriter, Band-Chef, Trommler und Spaßmacher in Personalunion, und es erquickt einen immer wieder aufs neue, wenn er und Neal sich irgendwelche geheimen Signale zuwedeln und Kontrollblicke austauschen - als wollten sie sagen "Du hörst zuerst auf zu spielen" - "Nein, du!". Wie viel an den Songs wirklich improvisiert ist, ist schnell gesagt: so gut wie nichts, hier lassen sich die Prog-Götter absichtlich wenig Spielraum. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn bei einer Dauerwurst wie dem 32-minütigen "Kaleidoscope" wirkt ohnehin alles mehr oder weniger improvisiert, sofern man die Songs nicht so genau kennt. Auch dem Verfasser dieser Zeilen fehlt beim vollständig dargebotenen neuen Album noch ein wenig die Orientierung, dafür gibt's alte Bekannte wie "All Of The Above" (fast komplett gespielt), den Mitsing-Mitschaukel-Klassiker "We All Need Some Light" oder das in einem unbeschreiblichen Crescendo explodierende "Stranger In Your Soul".

Bei "My New World" möchte die schöne rote Gitarre nicht so wie Roine Stolt es gerne hätte, und nachdem das Publikum mit Oh-Uh-Oh-Chorälen die mehrminütige Zwangspause erfolgreich überbrückt hat, funktioniert der Evergreen auch mit der mintfarbenen Fender Strat. Nach dem grandiosen "Whirlwind"-Medley, bei dem vor allem das getragene "Is It Really Happening?" heraussticht, und erwähntem Titeltrack des neuen Albums ergehen sich Roine und Neal in einem Gitarren-Duell, diesmal wirklich spontan und improvisiert. Doch der Blick wandert abseits davon immer wieder zu Mike's Drumkit, das rechts seitlich positioniert ist, und das er nach allen Regeln der Kunst und von allen Seiten bespielt. Hier ist ein Kind - nein, hier sind fünf Kinder, die allesamt nichts glücklicher macht als mit ihrem Lieblingsspielzeugen zusammen Krach zu machen. Da wechseln die wunderschönen, radiotauglichen Gänsehautmomente mit jenen ab, in denen man nicht mehr nachvollziehen kann, was da gerade auf der Bühne passiert und einfach nur mehr erschlagen ist ob der Virtuosität, die da in konzentrierter Form über den heillos überforderten Musikfreund hereinbricht. Ted Leonard hat, wie übrigens ausnahmsweise alle Darsteller heute, eine bemerkenswerte Singstimme, und selbst der etwas schüchtern wirkende Pete Trewavas darf dann und wann mal kräftig mitsingen.

Was sich dem Proggie hier heute offenbart, ist einfach nicht mehr von dieser Welt, und trotz all meiner Versuche wahrscheinlich unmöglich, anschließend (sprich: jetzt) in geeignete Worte zu fassen. Nach gut drei Stunden Herzblut, Schweiß und Tränen verabschiedet sich der Fünfer artig und hinterlässt einen Hallenboden voller Kinnladen. Grandioser und virtuoser geht's momentan denke ich nicht, vor allem weil TRANSATLANTIC trotz aller Fitzelei immer erdig geblieben sind, trotz halbstündiger Songs immer halbwegs nachvollziehbar, und vor allem trotz gemeinsamer 150 Jahre im Rock-Business immer menschlich.

Setlist

Intro ("The Orchestral Whirlwind") Into The Blue My New World Shine Whirlwind Medley: Rose Coloured Glasses Evermore Is It Really Happening? Dancing With Eternal Glory (Whirlwind Reprise) Beyond The Sun Kaleidoscope (Morse & Stolt Guitar Duel) We All Need Some Light Black As The Sky Encore: All Of The Above Stranger In Your Soul (Slide/ Stranger In Your Soul)


WERBUNG: Hard
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